Training durch Überforderung

Was haben Christian Streich, Markus Weinzierl, Mirko Slomka und Manuel Baum gemeinsam? Neben ihren früheren Tätigkeiten in verschiedenen Nachwuchsmannschaften verbindet die (Ex-)Bundesligatrainer, dass sie vor ihrer Trainerkarriere ein Lehramtsstudium absolviert haben. Ihre Bezeichnung als sogenannte „Fußballlehrer“ (höchste Stufe der DFB-Trainerausbildung) könnte passender kaum sein. Nun ist nicht jeder gute Lehrer automatisch für den Trainerjob geeignet. Und nicht jeder erfolgreiche Trainer eignet sich als Lehrer an einer Schule.

Es besteht also kein kausaler Zusammenhang zwischen erfolgreicher Trainer- bzw. Lehrtätigkeit. Dennoch sind viele im Lehrberuf wertvolle Fähigkeiten auch im Trainerjob hilfreich und vice versa. Auch in der Ausbildung gibt es durchaus einige Schnittmengen. So sind verschiedene erziehungswissenschaftliche und lerntheoretische Inhalte sowohl in der Schule als auch auf dem Fußballplatz relevant. Im folgenden Artikel soll mit dem von Lev Vygotsky entwickelten Konzept der Zone der nächsten Entwicklung ein Inhalt der Lehrerausbildung vorgestellt werden, welcher auch im Fußballtraining angewendet werden kann.

Vygotsky und die Zone der nächsten Entwicklung

Lev Vygotsky wurde 1896 im damaligen russischen Kaiserreich geboren. Nach dem Jura-Studium arbeitete er zunächst als Lehrer ehe er an das psychologische Institut der Universität in Moskau wechselte und dort forschte und lehrte. Gemeinsam mit einer Gruppe russischer Psychologen gilt Vygotsky als Begründer der kulturhistorischen Schule, welche verschiedenen psychologischen und pädagogischen Forschungen nachging.

Eines der zentralsten Konzepte Vygotskys, welches noch heute häufig zitiert wird, ist das Konzept der Zone of proximal development (=Zone der nächsten Entwicklung). Vielfach empirisch belegt gilt die These, dass sich das Lernen am Entwicklungsniveau des Kindes ausrichten sollte (Vygotsky, 1978). Vygotsky nahm darauf aufbauend an, dass jedes Niveau der psychischen Entwicklung durch verschiedene Entwicklungszonen gekennzeichnet sei. Dabei umfasst die Zone der aktuellen Leistung jene Leistungen, die aufgrund der bisherigen Entwicklung selbstständig vollbracht werden können. Die Zone der nächsten Entwicklung beinhaltet solche Leistungen, die noch nicht selbstständig, jedoch unter Anleitung, nach Vorbild oder mit Unterstützung bewältigt werden können (Burrmann, 2002). Vygotsky zeigte darauf hin auf, dass Lernen, welches an bereits erreichten Entwicklungszonen orientiert ist, mit Blick auf die Gesamtentwicklung eines Kindes ineffektiv ist (Vygotsky, 1978). Dieses ziele nicht auf eine neue Stufe im Entwicklungsprozess, sondern hinke diesem hinterher. Demgegenüber sei das Lernen in der Zone der nächsten Entwicklung der Entwicklung des Kindes voraus, Vygotsky bezeichnet es als „the only good learning“ (Vygotsky, 1978).

Um die Zone der nächsten Entwicklung bestimmen zu können, bedarf es der Analyse verschiedener Faktoren und derer Wechselwirkungen (Anforderungsanalyse des Lerngegenstandes, Analyse der individuellen Bedingungen, die notwendig sind, um die Anforderungen zu erfüllen (Wissen, Strategien, Einstellungen etc.) und Analyse der gegenwärtig vorhandenen individuellen Bedingungen des Lernenden). Auf dieser Basis erfolgt anschließend die hypothetische Bestimmung und praktische Realisierung von Bedingungen und Etappen, um von der Zone der aktuellen Leistung zur Zone der nächsten Entwicklung zu gelangen (Burrmann, 2002).

Überforderung im Fußballtraining

Wenn im (Fußball-)Training das Leistungsvermögen der Spieler verbessert werden soll, muss das Overload-Prinzip (Überlastungsprinzip) berücksichtigt werden. Während des Trainings muss mehr als üblich vom Körper verlangt werden, nur so kann sich der Körper an stärkere Reize anpassen, wodurch das Leistungsvermögen zunimmt (Verheijen, 2000). Eine systematische Anwendung des Overload-Prinzips führt zu Trainingseffekten (Verheijen verwendet hier synonym den Begriff der Superkompensation). Umgekehrt passt sich der Körper jedoch auch an Unterforderungen an. Werden die Spieler nicht regelmäßig und systematisch intensiv belastet, passen sich deren Körper der Situation an und ein negativer Trainingseffekt tritt ein (Verheijen, 2000). Die Steuerung der Belastung und damit auch des Overloads erfolgt meist durch die sogenannten Belastungsnormative Häufigkeit, Umfang, Dichte, Dauer und Intensität.

Doch auch im kognitiven Bereich kann Overload erzeugt werden. Wird beispielsweise der Spielraum verengt oder in abweichenden Feldformen gespielt, werden die Spieler mit komplexeren Fußballsituationen konfrontiert. Das Nervensystem erhält sensorische Informationen (über die Wahrnehmung) über bisher unbekannte Situationen. Es muss lernen, die gleichen Fußballaktionen im Rahmen einer neuen und schwierigeren Situation zu koordinieren. Die Spieler müssen in Situationen, die sie (noch) nicht gewöhnt sind, Lösungen suchen und finden, es wird Overload auf ihr Fußballvermögen ausgeübt (Verheijen, 2000).


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Überforderung im Training gilt es demnach nicht zu vermeiden, sondern viel mehr aktiv herbeizuführen. Der wohl prominenteste Vertreter dieser Ansicht ist Thomas Tuchel, welcher dafür bekannt ist neueste Erkenntnisse aus der Sportwissenschaft und Gehirnforschung in seine Arbeit einfließen zu lassen. Bei einem Podiumsgespräch auf dem Global Summit der Aspire Academy 2015 gab Tuchel interessante Einblicke in seine Trainingsmethodik. Es gehe darum die Spieler mit verschiedenen Feldformen und Zusatzregeln zu überfordern, damit sich das Spiel am Wochenende, in dem ohne Einschränkungen alles erlaubt sei, leichter anfühle als das Training. In gewisser Weise handle es sich dabei um eine „mentale Superkompensation“. Auch an dieser Stelle wird deutlich, dass sich die gewollte Überforderung nicht ausschließlich auf den konditionellen und technischen Bereich beschränkt, sondern auch kognitive Fähigkeiten einschließt.

Implikationen für die Trainingspraxis

Welche Rolle kann nun Vygotskys Modell der Zone der nächsten Entwicklung in diesem Zusammenhang spielen? Es kann helfen einen Rahmen zu finden, in dem die sich die Spieler optimal entwickeln können. Sind die Spieler unterfordert und trainieren lediglich in der Zone ihrer aktuellen Leistung, lassen sich nur geringe, wenn nicht sogar negative Trainingseffekte erzielen. Entscheidend ist hierbei, auf welchem Niveau sich die Spieler aktuell befinden und über welche Fähigkeiten und Fertigkeiten sie bereits verfügen. Was dem einen Spieler einfach und unterfordernd erscheint, kann für einen anderen Spieler eine große Herausforderung darstellen. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass die Überforderung so groß wird, dass sie kontraproduktiv wirkt. Eine möglicherweise gut gemeinte Absicht (in diesem Fall die bewusste Überforderung der Spieler), kann in der Folge negative Effekte haben. Wird der Spielraum beispielsweise zu stark verknappt, sodass Fußballaktionen auch mit Anleitung und Training nicht mehr zielführend ausgeführt werden können, können keine Fortschritte erzielt werden. Es gilt in der Folge das richtige Maß an Überforderung (=die Zone der nächsten Entwicklung der trainierten Spieler) zu identifizieren und im Rahmen dieser zu trainieren. Gelingt dies, so können die Spieler sich optimal entwickeln und Trainingseffekte erzielen.

Immer bedacht werden sollte jedoch, dass es sich bei der Zone der nächsten Entwicklung um ein Modell handelt. Es stellt folglich eine Reduktion der Wirklichkeit dar, eine 1:1-Umsetzung der Theorie in der Praxis ist nicht immer möglich. Vielmehr sollte das Modell als Orientierungs- und Strukturierungshilfe genutzt werden, anhand der Trainingsübungen geplant und evaluiert werden können. Die Fragen wie Feldgröße, Feldform, Spielerzahl, Provokationsregeln und viele weitere Aspekte gewählt werden müssen, um die Spieler weder zu unterfordern, noch zu sehr zu überfordern sollte bei jeder Trainingsplanung bedacht werden. Auch nach dem Training sollte überprüft werden, ob das Ziel, die Spieler im richtigen Maß zu überfordern, erreicht wurde.


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Beim englischen Topclub FC Arsenal, welcher vor allem auch für seine hervorragende Jugendarbeit bekannt ist, ist die Zone der nächsten Entwicklung ein integraler Teil des Trainingskonzepts. In einem Beitrag über die „Pädagogik des Erlernens von Fußballaktionen“ (in Fußballtraining 12│2019) bezieht sich Marcel Lucassen (Head of Coach and Player Development beim FC Arsenal) explizit auf die Zone der nächsten Entwicklung. Lucassen unterscheidet hierbei zwischen drei Zonen: comfort zone (what the player can do), overload zone (player can do with right coaching) und danger zone (player cannot do yet). Unter der Prämisse, dass Talente gefordert werden müssen, um zu lernen, gilt es diese aus ihrer comfort zone herauszuholen und in die overload zone (=Zone der nächsten Entwicklung) zu bringen, in welcher Overload (vgl. Overload-Prinzip von Verheijen) auf ihr Fußballvermögen ausgeübt wird. „Das, was die Spieler bereits können und wissen (comfort zone), wird durch das Coaching des Trainers erweitert (overload zone), ohne sie jedoch zu überfordern (danger zone),“ schreibt Lucassen.

Zone der nächsten Entwicklung (adaptiert nach Fußballtraining 12/2019, S.24)

Praxisbeispiel

Da die Zone der nächsten Entwicklung nicht für alle Spieler gleich ist, sondern sehr stark vom Spielniveau und den zuvor erworbenen Fähigkeiten abhängt, fällt es schwer pauschal Trainingsübungen für ein geeignetes Training im Sinne der Theorie zu nennen. Was den einen Spieler unterfordert, kann für einen anderen Spieler (zu sehr) überfordernd sein. So können auch Übungsformen ohne Gegnerdruck je nach Spielniveau und Anforderungen zu den gewünschten Trainingseffekten führen. Besonders in Spielformen lassen sich über verschiedene Steuerungsgrößen (Spielerzahl, Feldgröße, Feldform etc.) Bedingungen schaffen, welche ein Lernen in der Zone der nächsten Entwicklung begünstigen. Eine mögliche Spielform, welche eine bewusste Überforderung der Spieler hervorrufen kann, soll im Folgenden kurz skizziert werden:

Training durch Überforderung
Spielform „Chaos-Fußball“

Beim „Chaos-Fußball“ werden vier Teams gebildet, jeweils zwei Teams spielen zeitgleich gegeneinander. Die beiden Spiele finden im selben Feld über Kreuz statt. Team Rot spielt gegen Team Blau in horizontaler Richtung, Team Grün spielt gegen Team Pink in vertikaler Richtung. In der einfachsten Form wird im gesamten Feld nach „normalen“ Fußballregeln gespielt, in verschiedenen Variationen können aber auch diverse Provokationsregeln berücksichtigt werden. Durch die kreuzenden Spieler des anderen Spiels werden die Spieler vor neue, komplexe Herausforderungen gestellt. Die Überforderung findet in vielen verschiedenen Bereichen statt, vor allem koordinative und kognitive Aspekte werden fokussiert. Vor allem der Wahrnehmung kommt eine besondere Rolle zu, so müssen neben den Mitspielern und Gegenspielern auch noch die „Störspieler“ der anderen beiden Teams wahrgenommen und in die Entscheidungsfindung miteinbezogen werden. Ein gut ausgeprägtes Umblickverhalten und passende Vororientierungen helfen in der chaotischen Situation den Überblick zu bewahren. Darüber hinaus erfordert die chaotische Spielsituation ein erhöhtes Maß an Kommunikation, um die Situation bestmöglich als Team zu lösen. Im Anschluss an die Spielform können die verschiedenen Aspekte in einer Reflexion besprochen werden, um zum Beispiel die Wichtigkeit von Vororientierung oder Kommunikation für das eigene Spiel deutlich zu machen.

Fazit

Theoretisches Wissen darüber, wie Kinder (und auch Erwachsene) lernen, ist nicht nur für Lehrkräfte sondern auch für Fußballtrainer relevant. Die Planung des Unterrichts bzw. des Trainings sollte stets auf Grundlage dieses Wissens erfolgen, um die gewünschten Lerneffekte zu erzielen. Das von Vygotsky eingeführte Konzept der Zone der nächsten Entwicklung kann helfen Fußballtraining zu planen und zu evaluieren. Vygotskys Beitrag steht dabei exemplarisch, für viele weitere wichtige Lerntheorien wie dem impliziten Lernen, dem differentiellen Lernen oder dem Modelllernen. Je mehr Wissen ein Trainer über das Lernen seiner Spieler besitzt, umso besser können diese gefördert werden.


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Dann gilt es gut vorbereitet zu sein. Genaue Ziele ausarbeiten, eine Saison gut organisieren, eine Spielidee entwickeln, die zu deiner Mannschaft passt und anhand von Spielprinzipien passende Spielformen erstellen. Außerdem gehört es dazu, sich als Trainer stets weiterzubilden. Wie funktioniert das richtige Ausdauertraining, was ist Neuroathletik und wie kommuniziere ich richtig mit Spielern und Eltern?

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Literatur – Training durch Überforderung

Burrmann, Ulrike (2002): Vygotskij und Piaget – eine notwendige Verbindung für die Gestaltung effektiver Unterrichtsprogramme. Verlag Pro Business: Berlin.

Fußballtraining 12│2019. Philippka-Sportverlag: Münster.

Verheijen, Raymond (2000): Handbuch Fußballkondition. Bfp Versand: Leer.

Vygotsky, Lev (1978): Mind in Society. Harvard Univ. Press: Cambrigde.

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