FA Cup 2016/17: Arsenal vs Chelsea

Udinese, FC Barcelona, FC Arsenal, Manchester United und Inter Mailand – so sieht die Vereinshistorie von Alexis Sánchez in Europa aus. Der Chilene war im FA Cup Finale der Saison 2016/17 einer der besten Spieler der Gunners, erzielte das 1-0 und holte sich auch den Man of the Match Award. Zu diesem Zeitpunkt stand sein Marktwert bei 65 Millionen € und er war für viele Fans und Experten neben Eden Hazard der beste Spieler der Premier League. Wie sich seine Leistungen in den vergangenen Jahren entwickelt haben ist wohl jedem bekannt.

In dieser Taktikanalyse des FA Cup Finales 2017 blicken wir unter anderem auf Sánchez’s Rolle in Arsène Wenger’s System und suchen nach den Gründen für den 2-1 Erfolg der Gunners.

Aufstellungen

Mit Chelsea und Arsenal standen sich in diesem Endspiel des ältesten Pokalwettbewerbes der Fußballgeschichte zwei Klubs aus London gegenüber. Chelsea wurde in dieser Spielzeit Meister und wollte noch die gute Saison mit dem Sieg des FA Cups abrunden während Arsenal nur Fünfter wurde und somit war dieses Finale die letzte Chance, um in dieser Saison Silberware zu holen.

Abbildung 1: Startformationen

Antonio Conte stellte seine gewohnte Elf im 3-4-3 auf mit Thibaut Courtois im Tor und Gary Cahill, David Luiz und César Azpilicueta davor. N’Golo Kanté und Nemanja Matić agierten im zentralen Mittelfeld und Marcos Alonso sowie Victor Moses waren die Wing-backs. Pedro, Diego Costa und Hazard stürmten in vorderster Front.

Wenger wählte zwar die gleiche Formation, jedoch sah die Umsetzung dann am Spielfeld ziemlich unterschiedlich aus wie wir später sehen werden. David Ospina stand zwischen den Pfosten während die Dreierkette aus Rob Holding, Per Mertesacker (kein einziges Mal in der Startelf in der EPL in ebendieser Saison) und Nacho Monreal. Der frühere Gladbacher Granit Xhaka und Aaron Ramsey spielten im Zentrum. Alex Oxlade-Chamberlain und Héctor Bellerín besetzen die Flügel und sollten immer wieder Sánchez, Danny Welbeck und Mesut Özil unterstützen.

Aresnals Dominanz in der Anfangsphase

Von Beginn an der Partie waren die Gunners die klar bessere Mannschaft, hatten mehr Ballbesitz und somit eine optische Überlegenheit und zudem erzielten sie innerhalb der ersten 10 Minuten das 1-0. Auch wenn das erste Tor dieser Partie nicht ein Resultat der gut vorgetragenen Kurzpassstafetten von Wengers Team war, sondern mehr ein Zufallsprodukt, war diese frühe Führung mehr als verdient.

Mit Sicherheit hat es auch eine zentrale Rolle gespielt, dass Chelsea dieses Endspiel nicht so sehr gewinnen „musste“ aufgrund des Meistertitels, dennoch blicken wir nun auf einzelne Aspekte und Gründe für die Dominanz der Gunners.

Die Spiegelung auf dem Papier aber nicht auf dem Platz

Wenn man sich die beiden Aufstellungen ansieht, fällt nicht nur auf, dass beide die exakt gleiche Grundordnung wählten, sondern sich dadurch auch gegenseitig spiegelten. In der Theorie würden wir daher am gesamten Platz 1gg1 Situationen sehen. Jedoch war dem nicht so, da beide Mannschaften jeweils andere taktische Vorgehensweisen hatten und zudem die Spieler ihre Rollen unterschiedlich interpretierten.

In der Anfangsphase dieser Partie setzte Wenger klar auf Ballbesitz und Kontrolle während die Blues sich im 5-4-1 tiefer fallen ließen (Costa in etwa am Anstoßpunkt) und auf Konter setzten. Nun ist es vor allem interessant zu sehen wie sich die Spieler von Arsenal positionierten, um eine gute Ballzirkulation zu ermöglichen und auch in den so wichtigen Zwischenlinienraum zu kommen.

Die Wing-backs schoben vor, die Dreierkette zog sich in die Breite, Xhaka positionierte sich in dem Dreieck zwischen Chelseas Mittelfeld und Costa, Welbeck schob vor, um die gegnerischen Verteidiger zu binden und somit den Zwischenlinienraum für Özil, Sánchez und Ramsey zu vergrößern. Diese grundsätzliche Anordnung von Arsenal während der Ballbesitzphase ist in der nachstehenden Grafik zu sehen.  

Abbildung 2: Arsenals Anordnung in Ballbesitz mit drei Spielern zwischen den Linien.

Während Bellerín und Oxlade-Chamberlain als zentrale Aufgabe hatten, dass sie Chelsea und das eigene Spiel in die Breite ziehen und zugleich sich die Dreierkette breit staffeln sollte, um eine gute Ballzirkulation zu ermöglichen, waren die Abstimmungen und Aufgaben der fünf Spieler im Zentrum komplexer.

Xhaka war der Angelpunkt und der Initiator von fast jeden einzelnen Angriff der Gunners. Er bewegte sich von einer Seite zur anderen, um immer den Passweg zu ihn nicht zu lang werden zu lassen. Seine Positionierung hatte auch nach Ballverlust einen bestimmten Sinn, den wir später sehen, wenn wir zu Chelseas Angriffen/Kontern übergehen.


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Welbeck ist mit Sicherheit einer der am häufigsten verspotteten Stürmer der Premier League innerhalb der letzten Dekade. Es steht außer Frage, dass er bezogen auf seine Entscheidungsfindung, Abschlussqualitäten und technische Fähigkeiten sich nie auf dem durchschnittlichen Niveau eines Stürmers von Manchester United oder Arsenal befand, aber er war in dieser Partie von höchster Wichtigkeit für Wengers Plan. Zwei seiner größten Stärken sind sicherlich seine Umtriebigkeit sowie sein Wille/Einsatzbereitschaft (speziell im Spiel gegen den Ball). Ersteres in Kombination mit seiner Antrittsstärke machte sich Arsenal während ihren Ballbesitzphasen folgendermaßen zu Nutze: Welbeck positionierte sich permanent auf der Höhe der Fünferkette und startete immer wieder in die Tiefe. Dadurch stellte er Chelseas drei Innenverteidiger immer wieder vor die Frage, ob sie vorschieben sollen, um näher bei den Spielern im Zwischenlinienraum zu sein oder Welbeck verfolgen sollen. Seine hohe Arbeitsrate im Spiel gegen den Ball ist später ein Thema.

Nun bleiben noch die eingerückten Flügelstürmer Sánchez und Özil sowie der vorgerückte Ramsey übrig. Diese drei schwirrten permanent im Raum zwischen den beiden Ketten der Blues umher und stellten zudem die Verteidiger, Kanté und Matić vor Entscheidungen. Das Dilemma der Verteidiger wurde bereits beschrieben. Kanté und Matić hingegen hatten das Problem, dass sie zu zweit gegen drei (mit Xhaka vier) Gegenspieler im Zentrum waren, da die Wing-backs durch Bellerín und Oxlade-Chamberlain am Flügel gebunden waren.

Dadurch ergaben sich häufig Situationen wie jene im nachstehenden Bild (dritte Spielminute) in welchen Xhaka, einen der drei Spieler im Zwischenlinienraum mit einem einfachen Pass finden konnte, da Kanté und Matić nicht genau wussten, ob sie Xhaka pressen sollten oder einen der anderen zentralen Spieler decken sollten.

Abbildung 3: Alonso ist durch Bellerín gebunden. Matić muss auf Xhaka zumindest ein wenig Druck ausüben aufgrund der Feldposition. Cahill könnte herausrücken auf Özil aber macht das erst nachdem dieser den Ball erhalten hat.

Chelseas ohne klaren Plan und Arsenals Angriffspressing

Während die Gunners ihre Angriffe langsam von hinten mit Kurzpässen aufbauten und erst ab der Höhe der Mittellinie mit etwas Gegnerdruck konfrontiert wurden, hatte Chelsea extreme Probleme damit den Ball in das letzte Drittel geschweige denn die gegnerische Hälfte zu bringen. In den ersten 10 bis 15 Minute war der Hauptgrund dafür Arsenals extrem mannorientiertes und hohes Anlaufen. Über weite Strecken der Anfangsviertelstunde agierten Wengers Spieler über den gesamten Platz Mann gegen Mann wie in der nachstehenden Situation aus der sechsten Minute zu sehen ist. Da Azpilicueta keine Anspielstation finden konnte, musste er einen langen Ball spielen, der zu einem Ballverlust führte. An dieser Stelle muss man auch nochmals ein Lob für den bereits erwähnten Welbeck aussprechen, der durch sein aggressives Anlaufen zusammen mit Sánchez und Özil Contes Team keinen geordneten Spielaufbau ermöglichte.

Abbildung 4: Arsenals Pressing und Azpilicueta kann nur einen langen Ball schlagen. Mertesacker gewinnt wie so oft in diesem Finale das Kopfballduel gegen Costa und Arsenal hat wieder Ballbesitz.

In der gesamten ersten halben Stunde operierten die Blues mit sehr vielen langen Bällen auf Costa. Dieses Mittel führte aber nie zum Erfolg, da der Spanier fast jedes Kopfballduel gegen Mertesacker verlor.

In den Phasen während Arsenal den Ball hatte, war bereits oft zu sehen, dass Chelsea nicht genau wusste wie man auf die Positionierungen von Özil und Co. reagieren sollte. Dieses gewisse Maß an Ungewissheit und Abstimmungsproblemen wurde aber auch in Ballbesitz sichtbar. Bei Arsenal waren die Rollen während eigenem Ballbesitz im zentralen Mittelfeld klar verteilt: Xhaka blieb tief und organisierte die Zirkulation und Ramsey stiftete mit den beiden eingerückten Flügelstürmern in den höheren Linien für Unruhe.

Bei Contes Team war jegliche Rollenverteilung nicht klar ersichtlich. Manchmal waren Kanté und Matić tief, dann beide etwas höher und im nächsten Moment war einer nahe an den Verteidigern und der andere weiter vorne. Nach etwa 10 bis 15 Minuten flachte das Angriffspressing der Gunners nach und nach ab und Matić wollte das nutzen, um mehr Ballkontakte zu sammeln und seiner Mannschaft mehr Kontrolle über das Spiel zu geben. Bis zu diesem Zeitpunkt versuchte Arsenal während dem Pressing auch vor allem den Serben aus dem Spiel zu nehmen und es gelang ihnen sehr gut.

Nun hatte er mehr Platz, konnte sich fallen lassen und wollte das Spiel diktieren. Jedoch funkte nun die fehlende Abstimmung wieder dazwischen. Mehrere Male (im nachstehenden Bild ein Beispiel aus der 20. Spielminute) spielte Luiz, von dem fast jeder Angriff von Chelsea startete, einen langen Ball zu Costa, obwohl sich Matić fallen ließ und den Ball forderte.

Abbildung 5: Luiz spielt den langen Ball und Mertesacker gewinnt wieder das Duell in der Luft. Matić wäre zuvor tiefer gefallen, um sich den Ball abzuholen.

Zwar waren diese langen Bälle nie erfolgreich und der Serbe beschwerte sich bei Luiz, jedoch dauerte es lange bis dieser nicht mehr einen langen Ball nach den anderen schlug, sondern Matić die Organisation des Spielaufbaus überließ.

Die beiden Hauptgründe für die schlechte Erfolgsquote bei diesen langen Bällen waren Xhakas Positionierung, die ihm half, einen Großteil dieser Pässe abzufangen (speziell nach Ballverlust, da er in diesen Momenten vor Costa stand), und die Kopfballstärke von Mertesacker.

Ausgeglichenheit nach der ersten halben Stunde

Zwar presste Arsenal nach den ersten 15 Minuten nicht mehr so hoch und aggressiv, dennoch kam Chelsea kaum ins Spiel, da sie weiterhin auf die langen Bälle setzten, welche nicht von Erfolg gekrönt waren. Zwischen der ca. 15. Minute und der 30. Minute, ließ sich Arsenal immer tiefer fallen, Chelsea stieg mehr und mehr auf ein Kurzpassspiel um und zugleich attackierten die Blues höher wodurch auch Arsenal nicht mehr so unbedrängt den Ball in das letzte Drittel bringen konnte. Das Spiel wurde offener und blieb dies bis zum Schlusspfiff. Zwar hatten beide Teams stärkere und schwächere Perioden, jedoch war keines der beiden Teams mehr so dominant und klar überlegen wie Arsenal in der Anfangsviertelstunde. Wir blicken nun genauer auf die rund 40 Minuten zwischen der 30. Minute und der 68. Minute in welcher Moses vom Platz musste, da er für eine Schwalbe die zweite Gelbe Karte sah.

Aggressiveres Anlaufen

Zwar presste Contes Team in dieser Phase des Spiels nicht so hoch wie Arsenal in der Anfangsphase dieser Partie, aber speziell das Timing des Vorschiebens und die Aggressivität verbesserte sich von Minute zu Minute. Durch das Vorrücken der gesamten Mannschaft hatten Arsenals Spieler weniger Zeit am Ball und zugleich minimierte sich der Zwischenlinienraum.

Die Verteidigung versuchte nun gemeinsam mit dem Mittelfeld nach vorne zu schieben und die Abstände so gut es geht gleich und klein zu halten. Dadurch kam Arsenal nicht mehr so oft und in regelmäßigen Abständen in ihren favorisierten Raum zwischen den Linien und die Anzahl ihrer Tormöglichkeiten reduzierte sich.

Speziell in der zweiten Halbzeit war Arsenal häufig kaum mehr in der Lage mit Kurzpassstafetten wie in der ersten Hälfte das letzte Drittel zu erreichen. Der Fokus verlagerte sich dann mehr auf das Konterspiel, da Chelsea immer mehr riskieren musste. Die größte Verbesserung der Blues war aber nicht das höhere und aggressivere Anlaufen, sondern ihre Anpassungen in Ballbesitz auf welche wir nun blicken.

Klügeres Einsetzen von Hazard, Pedro und Costa

Hazard ist ohne jegliche Zweifel einer der besten Fußballer der letzten 10 Jahre. Jedoch sah man davon in der ersten halben Stunde dieser Partie kaum etwas, da Chelsea nur sehr selten in der Lage war, ihn in die Situationen zu bringen in welchen er seine Stärken ausspielen kann.

Der belgische Flügelstürmer ist am gefährlichsten sobald er den Ball am Fuß hat und auf die Gegner zudribbeln kann. Jedoch erhielt er in den ersten 30 Minuten kaum Bälle, da lange Pässe auf Costa die bevorzugte Vorgehensweise waren.

Als jedoch Chelsea mehr Kurzpässe für den Spielaufbau verwendete und Arsenal sich immer mehr zurückzog, kam Hazard grundsätzlich öfter in jene Situationen, in welchen er den Ball am Fuß hat und Tempo aufnehmen kann. Auch Pedro fand immer besser ins Spiel aufgrund der gleichen Umstände und Chelsea wurde gefährlicher.

Im nachstehenden Beispiel aus der 39. Minute ließ sich Hazard zudem noch etwas tiefer fallen, um den Ball nicht im gegnerischen Block zu erhalten, sondern wirklich auf die Gegner zudribbeln zu können. Nach einen feinen Haken nach rechts, fand er Pedro mit einem guten Pass, aber dieser traf beim Abschluss den Ball nicht sauber und vergab die Chance.

Abbildung 6: Hazard holt sich den Ball aus einer tieferen Position, um Tempo aufzunehmen.

Das häufigere Einbinden von Hazard tat dem Spiel der Blues sehr gut und auch Costa fand besser in die Partie, da man ihn nicht mehr mit langen Bällen versuchte zu füttern, sondern flache Vertikalpässe das neue Mittel wurden. Dies verarbeitete er zumeist mit zwei Kontakten während er seinen Körper einsetzte, um sich Holding oder Mertesacker vom Leibe zu halten.

In der nachstehenden Grafik ist ein perfektes Beispiel zu sehen. Diese Situation entstand in der 51. Minute nur einige Momente nachdem Kanté den Ball von Sánchez eroberte. Pedro passte sofort zu Costa, der seinen Körper zwischen Mertesacker und Ball brachte, um dann Moses mit zwei Kontakten in Szene zu setzen. Der Nigerianer vergabe jedoch diese Große Chance zum 1-1.

Abbildung 7: Costa kann in dieser Situation seine Stärken ausspielen und bringt Moses in eine tolle Position.

Der spanische Mittelstürmer sorgte in der 76. Minute selbst für den Ausgleich als er sich vor einer Flanke von Holding und Mertesacker davonstiehl, um dann das 1-1 zu erzielen.

Zusammenfassung      

Nur drei Minuten nach dem Ausgleich erzielte Ramsey das 2-1 und von da an konzentrierten sich die Gunners nur mehr auf das Verteidigen und setzten vereinzelte Nadelstiche mithilfe von Kontern. Die rote Karte von Moses in der 68. Minute führte zwar zu einer kleinen Systemumstellung von Chelsea auf ein 4-4-1, jedoch nahm dies keinen so großen Einfluss auf das Spiel und nach dem Schlusspfiff hieß es 2-1 für Wenger’s Team.

Unterm Strich hat sich Arsenal verdient den FA Cup geholt und war das bessere Team. Zwar fand Chelsea immer besser ins Spiel jedoch haben sie in der Anfangsphase unkoordiniert und schlecht abgestimmt agiert. Zudem war bei den Gunners permanent eine klare Aufgabenteilung zu erkennen und das kann man von Contes Team nicht behaupten.

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