Fußballtraining auf Distanz – Wie kann eine Trainingseinheit mit Abstandspflicht aussehen?

Das Covid-19 hat weltweit für einen Ausnahmezustand gesorgt und seit geraumer Zeit sind sämtliche Sportstätten gesperrt. Mittlerweile ist aber ein Ende des Tunnels in Sicht (vorausgesetzt es kommt zu keiner zweiten Welle) und es kann tatsächlich sein, dass wir bald schon wieder, zumindest mit Kleingruppen und unter Auflagen, trainieren können. Dabei ist das Training noch relativ leicht auf eine kleine Gruppe anzupassen, ist doch das Rondo (hoffentlich) schon lange ein fester Bestandteil vieler Einheiten überall auf der Welt. Schwieriger könnte es hier schon werden, wenn sich Spieler nicht zu nahekommen dürfen. Bei einer Kontaktsportart wie Fußball gar nicht so leicht hier trotzdem möglichst viele Aspekte des Spiels mit einzubeziehen. Die isolierte Passübung erscheint hier das Mittel zur Wahl, jedoch kann mit etwas Kreativität deutlich mehr herausgeholt werden.

Isolierte Passübungen

Beginnen möchte ich trotzdem mit den bereits erwähnten Passübungen, die viel Komplexität aus dem Spiel herausnehmen und meistens verwendet werden, um auf der einen Seite automatische Abläufe hineinzubekommen und auf der anderen einen gewissen Technikerwerb zu gewährleisten – welcher jedoch sehr in Frage zu stellen ist. Die Frage, um was es sich genau bei Technik handelt, ist sehr schwer zu beantworten. Die Definition, dass es gerade in so einem derart komplexen Sport wie Fußball, um eine Anpassung an das Unvorhersehbare geht und rein um den Erfolg der angewendeten motorischen Ausführung, scheint mir hier am zutreffendsten. Die isolierte Passübung in ein anderes Licht gerückt, scheint Potential für viel mehr zu bieten. Angenommen wir stellen im Training ein 2v2 zusammen und lassen unsere vier besten Spieler gegeneinander spielen, dann wird eines der beiden Teams sich durchsetzen. Es gibt nun viele Möglichkeiten, warum das der Fall ist.

Eine Möglichkeit auf die ich in diesem Fall, um die Brücke zu der Passübung zu schlagen, eingehen möchte, ist die sozio-affektive Komponente. Diese wird in der Umgangssprache auch als blindes Verständnis betitelt. Ich weiß, was mein Mitspieler im nächsten Moment für eine Aktion ausführen wird. Verheijen setzt dem ganzen noch die Krone auf und benennt sein Buch „Football Periodisation“ (Verheijen, 2016) im Untertitel mit „Always play with your strongest team“, auch mit dem Hintergedanken eben jenes Zusammenspiel der besten zu fördern. Der Begriff sozio-affektive Komponente kommt dem ganzen viel näher, da das Sprichwort blindes Verständnis hier etwas irreführend ist. Damit ist gemeint, dass gerade unser visuelles System hier eine große Rolle spielt. Setzen wir das Puzzlestück nun in das große Ganze der Passübung ein, dann kommen wir sehr schnell zu dem Punkt ein Verständnis dafür zu schaffen, was mein Mitspieler als nächstes machen möchte.


Wenn du im Detail mehr über den Ansatz von Raymond Verheijn erfahren willst, legen wir dir sein Buch zu Fußballkondition ans Herz, in dem er seinen Ansatz und die Anwendung genau erklärt. Lohnt sich definitiv, um keine ineffektiven Methoden für das Konditionstraining im Fußball zu nutzen.

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Zwar können und sollen Passfolgen in allen möglichen Variationen aufgezeigt werden, jedoch sollte hier der methodische Schritt der Restrektion sehr schnell übersprungen werden. Die maximale Freiheit und das Kommunizieren stehen hier im Vordergrund. Damit ist der erste Schritt weg von einer isolierten „Technik“ Übung hin zu einer Kommunikationsübung getan.

„The pass is the soul of soccer. As i´ve said over and over, soccer is a passing game, not a dribbling game. It is easier to pass the ball to a teammate than to pass by an opponent. One of the key ingredients to becoming master passer is to look at the pass from the receiver’s point of view. How do you want the ball to come to you?”

Cerretani, 2009

Das in den Mitspieler hineinversetzen ist hier die Königsdisziplin. Es sei hier aber auch erwähnt und man neigt leicht dazu es zu übersehen: Die Entscheidung, wie der Ball gespielt werden soll, trifft immer der Passempfänger. Und eben jenes sollte er so deutlich wie möglich anhand seiner Körperstellung und anzeigen der Option machen. Der Pass als Nachricht bekommt hiermit ergänzende und vervollständigende Bausteine und ist damit essenziell für alle Spieler. Nun sind wir aber an dem Punkt angelangt, an dem wir trotz möglicher Auflagen aufzeigen müssen, wie begrenzt eben jene Trainingsmöglichkeit ist, gerade im Hinblick auf die Komplexität unserer Sportart. Die folgende Grafik soll es verdeutlichen:

Corona Training

Damit kommen wir zu dem Punkt, an dem wir versuchen vor allem eine gewisse Entscheidungsfindung, mit ins Training zu bekommen.

Rondo/Positionsspiele

Um eine freie Entscheidungsfindung zu provozieren, brauchen wir Gegenspieler. In unserem Fall dürfen diese Gegenspieler aber nicht zu 100% aktiv in das Geschehen eingreifen. Es geht also darum, dass Wege gefunden werden, damit der nötige Abstand eingehalten wird und trotzdem eine Möglichkeit der „Sanktion“ (z.B. das Wechsel in die Mitte im Rondo) vorhanden ist. Damit können wir uns Schritt für Schritt an ein richtiges Spiel nähern.

Vor allem Zonen, welche einen Spieler in der Bewegungsfreiheit einschränken, können hier sehr gut verwendet werden. Nehmen wir uns zum Beispiel das 4v2 Rondo und reduzieren die Gegneranzahl auf einen Spieler. So sind wir schon mal das Problem los, dass die zwei Jäger im Eifer des Gefechts gleichzeitig zum Ball gehen. Die vier Außenspieler bleiben für gewöhnlich auf Distanz, ist doch eben jene eine der Trainingsschwerpunkte von so einem Rondo. Mithilfe von Hütchentoren oder auch Minitoren können wir dafür sorgen, dass der Jäger in der Mitte auch dortbleibt. Für das ballbesitzende Team ist es nun die Aufgabe, den Ball so lange zirkulieren zu lassen, bis sich der Pass durch das Zentrum ergibt.

Corona Training

Auch für jeden Jäger eine eigene Zone im Zentrum wäre denkbar, um hier den Schwierigkeitsgrad an das jeweilige Niveau anzupassen beziehungsweise zusätzliche Trainingsreize wie Linien brechen mit einzubauen. Durch das Linien brechen würde dann auch wieder die Positionierung und das Anspiel auf den ballentfernten Fuß an Bedeutung gewinnen. Man kann sich hier also sehr gut an die aktuellen Gegebenheiten anpassen.

Corona Training

Auch was Positionsspiele betrifft, lässt sich gut mit den Zonen arbeiten. Im Folgenden wird die Idee mit Hilfe der wohl bekanntesten Variante des Positionsspieles 4v4+3 veranschaulicht. Natürlich kommt es hierbei zu Problemen in der Folgeaktion, denn ein wirkliches Gegenpressing ist dabei nicht möglich. Je nach Spielphilosophie kann aber auch hier ein Anreiz geschafft werden. Sollen die Spieler nach Ballverlust möglichst die nächsten Passoptionen zustellen, so könnten sich Minitore außerhalb des Feldes als sehr interessant erweisen. Gilt es eher, den Schritt Richtung Ball zu machen und so das Spielfeld zu schließen, dann könnte der Anreiz für Außen nach Ballverlust lauten, jeweils mit einem Fuß in das Feld zu gehen und damit das Freikommen der Innenspieler zu verhindern. Diese könnten in der Variante das Ziel haben, den Ball zu einem eigenen Spieler zu passen, um frei zu kommen.

Corona Training

Man erkennt recht schnell, dass eine Menge Potential auch in der kontaktfreien Variante des Fußballs steckt. Natürlich sind nicht alle Regler auf Anschlag und es ist noch immer dem Spiel an sich fern, jedoch gilt es, so nah wie möglich ran zu kommen.

Zum Abschluss könnte auch noch in Erwägung gezogen werden, ein 11v0 zu spielen und den Ball in der eigenen Mannschaft zirkulieren zu lassen und das Spiel so nah wie möglich von den Bewegungsabläufen zu simulieren. Durch Vorgaben des Trainers (zum Beispiel: „Gegner greift mit 3 Stürmern an) müssen sich die Abläufe der Spieler dementsprechend anpassen – auch während des Spiels, können solche Änderungen zum aktiven Mitdenken anregen.

Ich hoffe, dass ich Euch mit diesem Artikel etwas inspirieren konnte und so viele Trainer wie möglich auch in dieser Zeit (Gott bin ich den Satz leid) das bestmögliche für Ihre Spieler herausholen. An erster Stelle steht, was das betrifft, die Gesundheit und nichts wird jemals darüberstehen. In dem Moment, wo wir aber wieder die Möglichkeit haben, auf das Spielfeld zurückzukehren, sollten wir alles versuchen, um das schöne Spiel unseren Spielern in all den Facetten, die es hat und mit all den Komponenten, die es ausmacht, näherzubringen. In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern alles Gute und auf das wir bald wieder das SPIEL (lat. ludus) dem spielenden Menschen (lat. Homo ludens) zurückgeben können. #rettetdasSpiel

Cerretani, S. (2009). Soccer Sense, A Player´s Guide to Better Soccer.

Verheijen, R. (2016). Football Periodisation – Part 1.

2 Kommentare

  1. Vielen Dank für diesen Artikel über Fußballtraining. Trotz der Grenzen der sozialen Distanzierung ist mein Sohn daran interessiert zu lernen, wie man besser Fußball spielen kann. Ich werde unsere Möglichkeiten für ein Fußballtraining in unserer Gegend prüfen.

  2. Den Ablauf der Variante des 4v4+3 kann ich nicht nachvollziehen. Was sollen die Spieler hier tun?

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