Newsletter – 3 Gedanken

In meinem neuen Newsletterformat möchte ich euch immer freitags mit einem neuen Artikel beglücken, der zum Nachdenken anregen soll. Dabei werde ich drei eigene Gedanken zum Thema Taktik oder Training präsentieren. Diese Punkte können oft noch unausgereift, schlecht erklärt oder schlichtweg falsch sein. Für mich geht es vielmehr darum meine eigenen Gedanken aufzuschreiben und vielleicht mit dem ein oder anderen in den Austausch darüber zu kommen.

Und nun viel Spaß! 😊

Basketball und Fußball – das Konzept der dynamischen Raumbesetzung

Neben Fußball begeistere ich mich auch für viele andere Sportarten wie Tennis, Handball, Tischtennis oder eben auch Basketball. Insbesondere die NBA hat es mir angetan, was unter anderem an inspirierenden Persönlichkeiten wie Gregg Popovich oder Steve Kerr liegt.

Aufgrund der Tatsache, dass ich mich immer mehr mit Basketball beschäftige, mache ich mir seit geraumer Zeit Gedanken über die Parallelen zwischen dem Basketball und Fußball. Gibt es vielleicht Konzepte aus dem Basketball, die sich auch auf den Fußball übertragen lassen?

Schwierig, die Regeln, Spieleranzahl und die Tatsache, dass Basketball ein high-scoring game ist und Fußball eher nicht, machen es gar nicht so einfach Querverbindungen zu finden. Nachdem ich mich aber näher mit Steve Kerr und den Golden State Warriors befasste, bin ich auf einen Punkt gestoßen – die dynamische Raumbesetzung.

Mit dynamischer Raumbesetzung meine ich, dass ein Raum nicht durch einen Spieler besetzt wird, sondern vielmehr unbesetzt bleibt, so dass verschiedene Spieler immer wieder dynamisch situativ diesen Raum füllen können. Dadurch ist es für den Gegner enorm schwierig diesen Raum zu verteidigen, da der Orientierungspunkt Gegenspieler fehlt und Dynamik schwerer zu verteidigen ist als Statik. Kommt der Gegner mit Tempo, während der Verteidiger noch steht, hat der Angreifer einen entscheidenden Vorteil. Interessanterweise habe ich mich damit erst vor kurzem in meiner Analyse zur Kieler U19 befasst.

Die Golden State Warriors nutzten dieses Konzept in ihrer erfolgreichen Zeit regelmäßig. Dabei wurde die Zone unter dem Korb freigelassen. Normalerweise hält sich mindestens ein klassischer Big-Man unter dem Korb bzw. in der Nähe der Zone auf. Die Warriors hingegen beorderten ihre großen Spieler in den High-Post. Dabei profitierten sie von der Passstärke von Draymond Green oder David West. In einem klassischen Warriors Spielzug wurde der Ball nach ein wenig Ball-Movement relativ früh in den Post zu einem der Big-Man gespielt.

Die Guards, um die beiden überragenden Shooter Klay Thompson und Steph Curry begannen nun sich schnell zu bewegen, sich gegenseitig Blöcke zu stellen und den Gegner so vor Herausforderungen zu stellen. Dabei war das Ziel, dass einer der Spieler zum Korb zog, während die anderen sich an der Dreierlinie positionierten. Nun konnte der Spieler im High-Post entweder den Cutter anspielen oder der Ball bewegte sich zu einem Dreierschützen.

Durch die hohe Position der Big-Man musste der Gegner die Zone öffnen, in die sich dann ein Spieler der Warriors bewegen konnte. Entweder er erhielt den Ball oder die Defensive wurde zurückgedrängt, was mehr Raum für die Dreierschützen zur Folge hatte. Darüber hinaus konnte sich der Spieler, der zum Korb cuttete nach einem Nicht-Erhalten des Balles wieder Richtung Dreierlinie bewegen, während ein anderer Spieler zum Korb zog. Dadurch kam es häufiger vor, dass sich der erste Cutter dem Sichtfeld der Defensive entzog und so frei an der Dreierlinie gefunden werden konnte. Die ständige Bewegung des Balles sowie der Spieler sorgte beim Gegner regelmäßig für Probleme und Fehler, die die Warriors gnadenlos ausnutzten.

The main goal, is to just make the defense make as many decisions as you can so that they’re going to mess up at some point with all that ball movement and body movement and whatnot

Steph Curry

Was hat das nun mit dem Fußball zu tun?

Einiges, den dieses Prinzip gleicht der Idee hinter der falschen Neun. Auch dieses Loch konnte regelmäßig von einigen Spielern situativ gefüllt werden. Ich denke, dass dieses Mittel noch viel häufiger verwendet werden sollte. Insbesondere gegen mannorientierte Verteidigungen, können gewisse Räume offengelassen werden, damit sie situativ durch einen vorstoßenden oder fallenden Spieler besetzt werden können.

Beispielsweise kann sich ein Stürmer weiter fallen lassen und im gleichen Moment ein Mittelfeldspieler vertikal vorstoßen, um das Loch zu besetzen. Zusammen mit verschiedenen Tiefenläufen anderer Offensivspieler sind diese Situationen wahrlich unangenehm zu verteidigen.

Auch diagonale Bewegungen von der ballfernen Seite in den geöffneten Raum könnten eine Defensive vor immense Herausforderungen stellen, da sich der diagonal vorstoßende Spieler sehr lange außerhalb der Blickfelder der Verteidiger aufhalten würde. Entscheidend ist hierbei, dass die Situationen der dynamischen Raumbesetzung den Gegner dazu bringen eine Entscheidung zu treffen.

Die Offensivstruktur unsere Mannschaft sollte dann so gut sein, dass es eine Alternative gibt und der Ballführende letztlich nur auf die Entscheidung der Verteidigung achten muss, um dann die passende Entscheidung zu treffen.

In puncto dynamischer Raumbesetzung bietet der Basketball sicherlich noch viele spannende Prinzipien und Lehren für den Fußball. Ein Prinzip könnte lauten, dass zu jeder vertikalen Bewegung nach vorne eine passende fallende Bewegung eines anderen Spielers geschehen muss.

Deliberate Practice – es kommt darauf an, wie du deine Zeit füllst

Vor kurzem habe ich das Buch von Kobe Bryant – Mamba Mentality gelesen, da mich der Arbeitseifer und die Professionalität von Kobe schon immer fasziniert haben. Zwar war das Buch leider eher eine Enttäuschung, allerdings bin ich über ihn mal wieder auf den Begriff Deliberate Practice gestoßen.

Dazu fand ich einen sehr interessanten Beitrag von James Clear, in dem es um die Bedeutung von Deliberate Practice geht. Eine Anekdote über Kobe Bryant erklärt sehr schön warum wir uns Ziele setzen sollten, statt unseren Arbeitseifer an den investierten Stunden zu messen.

Kobe Bryant started his conditioning work around 4:30am, continued to run and sprint until 6am, lifted weights from 6am to 7am, and finally proceeded to make 800 jump shots between 7am and 11am.

James Clear

Kobe Bryant steckte nicht nur sehr viel Zeit in sein Training, sondern setzte sich Ziele. Er trainierte, um 800 Jumpshots zu treffen, vollkommen irrelevant wie lange dies dauert.

Warum erzähle ich das? Weil es für alle Lebenslagen relevant ist. Viele von uns definieren Fleiß über die Arbeitsstunden, die in eine Sache gepackt wurden. Allerdings bedeutet eine Stunde zu trainieren, ein Spiel zu analysieren oder sich weiterzubilden nicht automatisch, dass man wirklich einen Fortschritt gemacht hat bzw. etwas geleistet hat – es kommt darauf an, wie die Zeit genutzt wurde.

Consider the activity of two basketball players practicing free throws for one hour. Player A shoots 200 practice shots, Player B shoots 50. The Player B retrieves his own shots, dribbles leisurely and takes several breaks to talk to friends. Player A has a colleague who retrieves the ball after each attempt. The colleague keeps a record of shots made. If the shot is missed the colleague records whether the miss was short, long, left or right and the shooter reviews the results after every 10 minutes of practice. To characterize their hour of practice as equal would hardly be accurate. Assuming this is typical of their practice routine and they are equally skilled at the start, which would you predict would be the better shooter after only 100 hours of practice?

Aubrey Daniels

Was können wir als Trainer hiervon mitnehmen?

Vieles, insbesondere für unser eigenes Training. Bevor wir in der Vorbereitung 2 Stundentrainingseinheiten durchziehen, die keinem richtigen Ziel folgen, sollten wir uns Gedanken machen, was wir in diesem Training erreichen wollen. Welche Ziele sollen erreicht, welche Inhalte erlernt und welche Probleme behoben werden?

Auf Basis dessen können wir unsere Trainingseinheit gestalten, dabei aber immer im Hinterkopf behalten, dass die Länge der Einheit nichts über die Qualität aussagt. Manchmal ist es besser kürzere, intensivere Spielformen mit mehr Pausen zu nutzen, statt bei mittlerer Intensität die Spielform länger durchzuziehen.

Natürlich kann es auch Sinn ergeben länger zu trainieren, das möchte ich nicht ausschließen. Ich möchte nur darauf aufmerksam machen, dass jedes Training ein Ziel verfolgen sollte.

Train with a purpose in mind

Wie viele Prinzipien benötigt man?

Erst vor kurzem hatte ich mit Niklas Bühler eine sehr spannende Unterhaltung zum Thema eigene Spielidee entwickeln. Dabei haben wir uns über seine Spielprinzipien ausgetauscht und stießen auf die Frage, wie viele Prinzipien man als Trainer seinen Spielern vermitteln sollte und wie allgemeingültig sie sein sollten.

Diese Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten. Da ich Prinzipien als Leitlinien zur Lösung bestimmter Situationen sehe, könnte man davon ausgehen, dass mehr Prinzipien dem Spieler bei mehr Situationen helfen eine Lösung zu finden. Allerdings verwirren zu viele Prinzipien die Spieler nicht nur, sondern schränken sie in ihrer Freiheit und Kreativität ein. Letztlich sollten wir Trainer einen Rahmen schaffen, indem die Spieler ihre volle Stärke zum Ausdruck bringen können.

Es lohnt sich wohl Prinzipien allgemeingültiger zu halten, damit die Spieler diese, in egal welchem System sie spielen, anwenden können. Darüber hinaus decken allgemeingültigere Prinzipien mehrere Situationen ab. Die Spieler erhalten so Leitlinien, die ihnen in vielen Situationen helfen können.

Allerdings muss ich zugeben, dass ich über dieses Thema erst seit kurzem nachdenke. Deshalb würde ich mich über euren Input freuen und hoffe auf eine spannende Diskussion 😊

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Kategorie Allgemein, Newsletter, Sonstiges

Interessiert sich für Taktik und Training. Positionsspiel, hohes Pressing und dynamische Positionswechsel. Großer Pep Guardiola Fan. Wenn du meine Arbeit unterstützen möchtest, kann du dies für 1€/Monat auf Patreon machen und erhälst exklusive Beiträge dazu (https://www.patreon.com/user?u=33684939&fan_landing=true)

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