Warum Hansi Flick der perfekte Bayern-Trainer ist

1 Einleitung und Kadervorstellung

Von außen sympathisch, von den Spielern ebenfalls gemocht, nicht unerfahren, aus Bayern stammend, als ehemaliger Spieler mit Stallgeruch ausgestattet, unaufgeregt in der Kommunikation und im Umgang mit Medien, ehrlich, eloquent, motivierend, clever. Beim neuen Bayern-Trainer Hans-Dieter Flick kommt man als Fan der Münchener gerne mal ins Schwärmen. Er bringt ein Gesamtpaket mit, das Schwächen von Vorgängern wie van Gaal, Guardiola, Ancelotti oder Kovac nicht kennt und in seiner Komplettheit am ehesten an Jupp Heynckes erinnert. Kein Wunder also, dass Letzterer sich sehr glücklich über die Vertragsverlängerung Flicks zeigte und den FC Bayern dafür gratulierte. Doch was Flick besonders als Bayerntrainer qualifiziert und was in der obigen Aufzählung noch nicht erwähnt wurde: er weiß seine Mannschaft taktisch hervorragend einzustellen und jene Taktik passt auch noch hervorragend zur Vereinsphilosophie und dem vorhandenen Spielermaterial. Was genau damit gemeint ist, wird im Folgenden näher analysiert.

Schauen wir zunächst auf die harten Fakten: In insgesamt 21 Spielen des FC Bayern unter Hansi Flick gewann man 18 mal, holte ein Unentschieden und musste sich zweimal geschlagen geben. Doch nicht nur die Ergebnisse stimmten wieder, auch etablierte Flick eine Dominanz und Schönheit im Spiel der Bayern, was gewiss eine subjektive Wahrnehmung ist, unter den Fans aber großen Konsens findet. So ist der Autor dieses Texts der Meinung, dass man sogar bei der Niederlage gegen Leverkusen über 90 Minuten klar die bessere Mannschaft war und auch das Ergebnis gegen Gladbach aufgrund einer bärenstarken ersten Halbzeit mindestens unglücklich war. Die einzig wirklich nicht überzeugenden Auftritte in der jungen Ära Flick waren vielleicht die knappen Siege gegen Freiburg und Wolfsburg. Diese kleine Schwäche ist womöglich auf das Herbeisehnen der Winterpause zurückzuführen gewesen und auf Coutinho und Perisic, die beide in der Startelf standen und noch nicht den Effekt aus der Sicht der Bayern erzielen konnten, den man sich erhofft hatte. Auch Spieler wie Kimmich erwischten hier einen eher schlechten Tag.

Betrachtet man aber alle bisherigen Auftritte war man wieder ungefähr so überzeugend wie zu Pep-Zeiten, was aufgrund der zuletzt miserablen Spielweise unter Niko Kovac umso überraschender ist.
Das Grundsystem von Hansi Flick ist nicht ganz leicht durch Zahlenkombinationen zu beschreiben. Es handelt sich um eine Mischung aus einem 4-1-4-1 bzw. 4-3-3 und einem 4-2-3-1 bzw. 4-4-2. Die Viererkette war über die gesamte Spielzeit hinweg in Stein gemeißelt und wurde nur gegen Paderborn durch eine Dreierkette ersetzt. Auch personell war sie das: Davies und Alaba haben sich links in der Kette festgespielt. Sie gelten als Stützen des Teams und passen hervorragend zur Spielweise von Flick.

Gleiches gilt für Pavard, der nach Kimmichs Wechsel ins Mittelfeld rechts gesetzt ist. Auf der rechten Innenverteidigerposition betrieben Martinez und Boateng Jobsharing und zeigten sehr gute Leistungen. Auch Kimmich half hier einmal (erfolgreich) aus. Vor der Viererkette ist meist eine Sechser-Achter-Zehner-Struktur zu erkennen. Jedenfalls kann man weder von einer klaren Doppelsechs noch von einer Solosechs sprechen. Diese Mittelfeldanordnung ist nicht unbedingt neu und gab es zeitweise schon unter van Gaal, Heynckes, Guardiola, Ancelotti und Kovac. Auf der tiefen Sechserposition hat sich Flick eindeutig für Kimmich entschieden. Nur selten wurde er durch Thiago ersetzt. Auf der halblinken Sechser-/Achterposition dauerte es etwas, bis Thiago unumstrittener Stammspieler wurde.

Zuvor kamen hier auch Müller, Goretzka oder Coutinho zum Einsatz. Auf der halbrechten Achter-/Zehnerposition ist Müller die erste Wahl. Muss er rechtsaußen ran, übernahm Goretzka seine Position. Tolisso kam nur selten zum Einsatz. Waren Gnabry und Coman spielfit, wurden sie auf den Flügeln eingesetzt. Links übernahmen des Öfteren auch Coutinho oder Perisic, während rechts Müller der erste Ersatz war. Auf der Neun ist Lewandowski unumstritten gesetzt. Während seiner Verletzung ersetzte ihn Zirkzee (eindrucksvoll). Im Tor spielt natürlich Manuel Neuer, der bisher noch nicht durch Sven Ulreich ersetzt werden musste. Neuzugang Lucas Hernandez spielte aufgrund seiner Verletzung unter Flick noch keine große Rolle. Niklas Süle war mit seiner Kreuzbandverletzung bisher ebenfalls außer Gefecht. Bedauerlicherweise kamen auch Odriozola und Cuisance zu keinen nennenswerten Einsätzen.

2 Ballbesitz

Angreifen im Sicherheits-U

Oftmals kritisieren es Trainer und Fans, wenn ihre Mannschaft in einer U-Form spielt. Warum? Kein Eindringen in die Formation des Gegners, keine Progression zum Tor hin, Berechenbarkeit für den Gegner. Eine U-Form im Spiel ist eigentlich nicht erstrebenswert und doch bietet sie ein paar Vorteile. Sie verleiht Sicherheit in der Ballzirkulation, sie legt den Gegner zurecht und wartet auf Lücken, sobald einmal nicht korrekt verschoben wurde, und sie fokussiert das Flügelspiel. Selbst Positionsspiel-Dogmatiker Pep Guardiola ließ durch Abkippen des Sechsers und Aufrücken der Achter oft eine solche Form herstellen.

Hansi Flick lässt sehr ähnlich spielen. Es gibt dabei mehrere Varianten. Zum einen kann sich die U-Form aus Flügel-Außenverteidiger-Innenverteidiger-Innenverteidiger-Außenverteidiger-Flügel zusammensetzen, zum anderen kann durch Abkippen eines Sechsers eine Fünferkette entstehen und die Flügelspieler rücken leicht ein.

Verlagern, verlagern, verlagern

Für viele begann 2009 eine neue taktische Zeitrechnung beim FC Bayern. Unter mehreren hervorragenden Trainern wurde der Ballbesitz immer weiter nahezu monopolisiert, beruhigt und strukturiert. Die Gegner stellten sich darauf ein und verteidigten raumorientiert, kompakt und laufintensiv. So müssen die Bayern den Ball geduldig zirkulieren lassen und auf eine Lücke im Abwehrverbund warten bzw. diese freispielen. Es ist also zu einem Kernelement geworden, ständig zu verlagern. Ob mit weiten Diagonalbällen oder mit flachen Querpässen. Nachfolgend ist eine beispielhafte Szene zu sehen, bei der Alaba und Davies den Ball zirkulieren lassen (gerne mit Einbindung Comans oder Kimmichs) und den Block des Gegners auf ihre Seite locken. Durch einen flachen Querpass kann nun die rechte Seite eingesetzt werden. Man ist hier im ersten Moment nicht nur numerisch im Vorteil (3 vs. 2), sondern auch dynamisch (Pavard kann sofort vertikal anrennen; dynamische Überlegenheit gegenüber den statischen Verteidigern). Pavard kann anschließend mit Müller und Coman kombinieren.

Dreierkettenkonstellationen im Spielaufbau – Kimmich kippt ab, Alaba treibt an

Wie oben bereits beschrieben, kippte einer der Sechser (meist Kimmich) zwischen die beiden Innenverteidiger ab. Das gab den nominellen Innenverteidigern die Möglichkeit, aufzurücken. Vor allem Alaba ist ein sehr guter Aufbauspieler und kann hervorragend andribbeln. Statistisch gesehen hat er unter allen Bundesligaspielern in dieser Saison auch die meisten Spielminuten mit dem Ball am Fuß. Aus seiner Halbraumposition heraus hat er nun einige Distributionsmöglichkeiten. Er kann Davies anspielen, der dann außen mit Gnabry oder Lewandowski kombinieren kann. Er kann Lewandowski anspielen, der sich im Zwischenlinienraum gerne auch etwas tiefer anbietet.

Diese vertikalen „Laserpässe“ (der Begriff etablierte sich aufgrund der Schärfe, Geradlinigkeit und „Zerschneidung“ der gegnerischen Linien) beherrscht Alaba sehr gut und sie werden spätestens seit der Ära Guardiola von den Innenverteidigern gefordert. Lewandowski ist nach der Ballannahme in der Lage, aufzudrehen und auf die gegnerische Abwehrkette zuzulaufen. Er kann aber auch als Wandspieler fungieren und die Bälle entweder per One-Touch oder durch Festmachen auf besser postierte Mitspieler weiterleiten. Eine weitere Möglichkeit Alabas ist der Quer-/Diagonalpass auf Thiago. Die Schwierigkeit besteht darin, dass Thiago meist eng gedeckt wird. Doch selbst davon kann er sich oft befreien. Beispielsweise ist eine Weiterleitung auf den abgekippten Kimmich möglich, wodurch man wieder auf Boateng und Pavard verlagern könnte. Mit seinem „Signature Move“, den Ball explosiv und unerwartet gegen die Verschieberichtung des Gegners am selbigen per Außenrist vorbei zu streicheln, kann er außerdem problemlos in höhere Zonen eindringen und mit Blick zum Tor gerichtet Mitspieler im Zwischenlinienraum oder außen erreichen. Müller driftet ebenfalls durch die Räume und bietet sich für eine Halbraumverlagerung an. Coman und Gnabry besetzen meist die letzte Linie, bieten sich für lange Bälle hinter die Kette an und binden die Außenverteidiger, die dadurch nur schwer „vorwärtsverteidigen“ können.

Spiel über die Breite – Davies als Ein-Mann-Waffe

Der Assist gegen Freiburg, der Assist gegen Chelsea oder das Tor im Testspiel gegen Nürnberg haben eines gezeigt: Es braucht bloß eine Einzelaktion von Alphonso Davies, um ein Tor zu erzielen. Das ist eine unterschätzte Waffe, die vor allem in K.O.-Spielen der Champions League noch sehr wichtig werden kann. Er ist in der Regel schneller als seine Gegenspieler und wird vom Sechser oder Achter, vom Flügelspieler und vom Neuner kombinativ unterstützt. Das dritte Tor gegen Chelsea ist ein gutes Beispiel: Thiago ist halblinks abgekippt, die U-Form steht, Davies wird angespielt, trotz Gegnerdruck findet er Coutinho, der legt wieder ab auf den durchgelaufenen Davies und dieser kann in einem Sprint durch den Halbraum Sechser und Halbverteidiger abschütteln. Davies muss dann nur noch auf Lewandowski querlegen, der ins Tor einschiebt. Doch das war nicht die einzige Szene dieser Art. Oft muss auch Linksaußen Gnabry Bälle am Flügel festmachen, um auf Davies´ Sprint zu warten und diesen in Szene zu setzen. Doch Davies kann auch auf eigene Faust den Durchbruch suchen oder diagonal ins Zentrum dribbeln, um dort den Ball weiterzuleiten.

Zentrum verdichten, Außenbahnen öffnen

Des Weiteren setzt Bayern im Offensivspiel alles darauf, die Außen(verteidiger) freizuspielen, um in eine gute Ausgangslage für Flanken zu gelangen. Oftmals erhält Müller im halbrechten Zwischenlinienraum den Ball und spielt ihn nach außen; in der darunter abgebildeten Szene gegen Chelsea ist es Gnabry, der durch das Zentrum driftet und den Angriff initiiert. Coman zieht in die Mitte und öffnet dadurch den Raum für Pavard, der als Flankengeber von Gnabry gesucht wird. Mit Lewandowski, Müller und Coman hat man dann eine durchaus konzentrierte Besetzung der Box. Dieser Spielzug erfolgt aus einer sehr dynamischen Situation heraus und ist kaum zu verteidigen.

Hansi Flick Taktik

Ein weiteres Beispiel, bei dem die Außenbahnen geöffnet werden, ist unten abgebildet und nichts besonders Flick-Spezifisches. Diese Art von Spielzug und Positionenbesetzung kennt man nämlich schon von seinen Vorgängern Heynckes, Guardiola, Ancelotti oder Kovac. Die Flügelspieler rücken ein und auch ein Achter stößt nach. Das führt dazu, dass man in und um den Strafraum geballte Präsenz hat und den gegnerischen Abwehrblock zusammenzieht, was wiederum die Flügel öffnet. Ein Achter, meist Thiago, erhält den Ball und hat nun die Möglichkeiten, den Außenverteidiger einzusetzen, flach wie im Handball um den Strafraum herum zu verlagern oder die Flanke in den Sechszehner zu schlagen. Kommt der hohe Diagonalball mit Effet hinein, setzt sich meist Müller hinter die Kette ab und legt (per Volley) quer. Dieser Spielzug zeichnet die Bayern schon seit Jahren aus und wird auch unter Flick noch genutzt.

Dennoch gibt es hier und da Verbesserungspotential. Pep Guardiola ließ den Raum unmittelbar vor dem Tor beispielsweise oft nur einfach besetzen und den Rückraum der Abwehr dafür umso geballter. Dies hatte zwei wesentliche Vorteile: Der Außenverteidiger konnte die Flanke als Cutback flach in den Rücken der Abwehr schlagen, was einen zur Verschiebedynamik der Abwehr gegenläufigen Verlauf darstellt und wo Mitspieler einschussbereit warten. Bei einer in Nähe des Fünfmeterraums eintreffenden, aber nach hinten abgewehrten Flanke hingegen konnten die Bayern lose Bälle im und am Strafraum aufsammeln, was zur Sicherung des Ballbesitzes oder zu sofortigen, aussichtsreichen Distanzschüssen führte. Jupp Heynckes wählte ebenfalls einen Ansatz, bei dem nahezu eine 2-1-7-Struktur entstand, die letzte Linie also massiv überladen wurde.

Insgesamt waren die Angriffsstrategien beider Trainer bei tiefstehenden Gegnern etwas strukturierter und wirkten einstudierter als bei Flick. Die Bayern im Jahr 2020 können die Flankengeber sehr gut freispielen, doch dann werden die Flanken noch recht planlos in den Sechszehner geschlagen. Ein bisschen mehr Detailarbeit etwa mit kreuzenden Bewegungen vor dem Tor, besserer Rückraumbesetzung oder dynamischeren Vorstößen der Mittelfeldspieler wäre hier wünschenswert. Denn mit Lewandowski, Müller und Goretzka hat man eine hohe Kopfball- und Abschlusskompetenz und Coman, Gnabry, Thiago, Alaba, Davies, Kimmich und Pavard sind gute und wichtige Sammler zweiter Bälle.

Innen, außen, innen, außen – Müller als Strukturgeber

Das Spiel der Bayern ist nicht eindimensional auf die Flügel oder das Zentrum beschränkt. Hin und wieder zeigte man auch gute Kombinationen im Zusammenspiel dieser Bereiche. Hier schnappte sich Thiago exemplarisch den Ball, dribbelte an und spielte vertikal zu Müller. Thomas Müller ist nämlich auch ein hervorragender Kombinationsspieler. Zwar kommen einem bei diesem Begriff eher pressingresistente Edeltechniker wie Xavi, Iniesta, Isco, Götze, Özil oder Messi in den Sinn, doch auch der schlaksige Müller weiß sich durchaus kombinativ einzusetzen. Er besetzt in Ballnähe die Räume sehr intelligent, was ihn immer anspielbar macht. Auch weil er nicht über die Dribbelfähigkeiten gerade gelisteter Spieler verfügt, hält er den Ball nicht lange und leitet oftmals auch per One-Touch weiter. So auch hier. Er lässt den Ball auf den durchstartenden Pavard abtropfen und setzt sich danach in den Zwischenlinienraum ab. Pavard spielt daraufhin einen Querpass, den Müller als Rechtsaußen selbst gerne spielte. Es ist eine Art Flanke, die aber flach und noch vor der Abwehrkette hineingebracht wird. Müller – jetzt Zehner – sucht von da aus den Steckpass zu Lewandowski oder die Verlagerung auf Außen.

Hansi Flick Taktik

3 Pressing

Pressing endlich wieder als Waffe – im Zentrum wird zugepackt

Was Flick aber schon in seiner ersten Woche als Cheftrainer anpasste und wo bis heute vielleicht der größte Sprung gemacht wurde, ist im Pressing. Niko Kovac ließ diesen Aspekt wohl etwas lockerer angehen. Die Grundordnung unter Kovac war klar, die Spieler waren eh gut ausgebildet, was das Verteidigen anbelangt, doch die Aggressivität, die Kompaktheit, das Deckungsverhalten und das Anlaufverhalten war nicht so klug durchdacht, sodass Gegentore entscheidend minimiert oder gar eigene Torchancen aus dem Pressing heraus kreiert werden konnten. Das Spiel gegen Dortmund war nach Olympiakos Piräus in der Champions League erst das Zweite unter Hansi Flick und zeigte eindrucksvoll, welchen Einfluss ein neuer Trainer in kürzester Zeit erzielen kann. Das Pressing wirkte so, als ob jeder Spieler einen klaren Plan an die Hand bekam, wann welcher Raum, welcher Spieler oder welcher Passweg zu decken ist und wie man den Gegner anlaufen muss. Joshua Kimmich nannte dies im Interview passenderweise „Durchdecken“. Der Gegner stand unter Dauerdruck und es entstand seit langem mal wieder das Gefühl, dass man Mannschaften auch dominieren kann, wenn man nicht den Ball hat.


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Während man bei Ballbesitz nicht klar sagen kann, ob es sich nun um eine Doppelsechs oder eine einfache Sechs handelt, ist die Ausgangslage im Pressing ein klares 4-1-4-1. Erster wichtiger Aspekt: Die Viererkette steht relativ breit und deckt auf Außen oft Mann-gegen-Mann. Auch die Höhe der Kette ist bemerkenswert. Flick nutzt hier die Schnelligkeit und das oft perfekt getimte Herausrückverhalten von Davies, Alaba, Boateng, Martinez und Pavard. Diese Spieler sind mit ihren Fähigkeiten dazu prädestiniert, eine hohe Linie zu spielen.

Lewandowski positioniert sich oft zwischen den beiden Innenverteidigern des Gegners und kappt hier die tiefe Ballzirkulation. Die beiden Achter, in diesem Fall Müller und Goretzka, agieren relativ mannorientiert. Sie nehmen die Doppelsechs (bzw. Sechser-Achter-Konstellation) aus dem Spiel. Mal tun sie das durch direkte Manndeckungen, mal durch effektive Deckungsschattennutzung. Entfernen sich die Gegenspieler weit vom Sechserraum, können die Münchener Achter diesen Laufweg verfolgen, können aber auch positions- bzw. raumorientiert im Sechserraum verharren.

Nun kommen die Flügelspieler zum Einsatz: In dieser Szene gegen Dortmund läuft Coman den ballführenden Innenverteidiger Akanji bogenförmig an. Dadurch nimmt er die rechte Dortmunder Seite aus dem Spiel, zwingt Akanji also, sich ins Zentrum zu orientieren. Dieser befindet sich unter großem räumlichen, zeitlichen und somit auch psychischen Druck, weil er nun von beiden Seiten angegangen wird. Dabei müssen Coman und Lewandowski ihr Anlaufen nicht einmal bis zum Innenverteidiger durchziehen, sondern können auch warten und lediglich zustellen. Ein Dortmunder Sechser wird von Goretzka gedeckt, der andere ist nach halbrechts herausgekippt und befindet sich im Zugriffsbereich von Müller und Coman.

An dieser Stelle sei ergänzend erwähnt, dass Müller herausragende Fähigkeiten im Verteidigen hat. Er stellt gekonnt Anspielstationen zu und weiß immer, wo sich seine Gegenspieler aufhalten. Vor allem auf dieser halblinken Position, auf der er nur selten in seiner Karriere zum Einsatz kam, machte er defensiv eine extrem gute Figur. Dadurch, dass er sich relativ breitbeinig positioniert und leicht in die Knie geht, verbreitert er seinen Deckungsschatten und bringt sich in eine Ausgangslage, durch die er sich jederzeit drehen und in alle Richtungen verteidigen kann.

Zu Kimmich sei abschließend erwähnt, dass er die Rolle eines echten Ankersechsers einnimmt. Beim Mittelfeld ist oft von „Jägern und Sammlern“ die Rede. Auch bei den Bayern jagen die vorderen Spieler und Kimmich sammelt die Bälle auf, die die erste Pressinglinie doch noch überwinden. Man könnte auch sagen, er ist wie ein Libero bzw. Ausputzer, nur eben vor der Abwehr. Statt den Raum zu verteidigen, kann er aber durchaus auch mannorientiert den Zehner aufnehmen.

Doch die Dortmunder haben noch andere sehr gute Spieler in ihren Reihen. So erkannte Spielmacher Brandt Akanjis missliche Lage und ließ sich sehr tief fallen, um im Spielaufbau zu unterstützen. Akanji erkannte dies sogar und verzichtete auf den langen Ball. Es folgte ein diagonaler Pass auf Brandt, der jedoch anschließend mit dem Rücken zum Tor stand. Dieser Laufweg von Brandt wurde außerdem von Kimmich verfolgt, was Brandt nun am Aufdrehen hinderte. Da auch Gnabry zunehmend Druck ausübte, blieb nur noch der Rückpass. Zugegeben: Kimmich geht diese Wege nach vorne nicht oft mit. In dieser Situation war es jedoch unproblematisch und sogar klug, da der Zehnerraum von Dortmund nicht weiter besetzt wurde.

Hansi Flick Taktik

Das Pressing ist zusammenfassend also geprägt von einer temporeichen und antizipativ agierenden Viererkette, einem relativ mannorientierten Mittelfeld und leitenden, Druck erzeugenden Stürmern. Nicht nur Akanji kam dadurch ziemlich in die Bredoullie, auch der spielstarke Mats Hummels und die Innenverteidiger anderer Gegner hatten sichtlich zu kämpfen.

Auch außen wird gut isoliert – Pavard und Davies sichern durch

Im Folgenden ist zu sehen, wie Gnabry den Halbverteidiger einer Dreierkette bogenförmig anläuft. Dies könnte eine beispielhafte Szene aus dem Spiel gegen Chelsea sein. Antonio Rüdiger zeigte sich in manchen Szenen aber wenig beeindruckt vom Münchener Pressing und konnte sich befreien, indem er entweder einen vertikalen Pass spielt, der vom Sechser mit dem ersten Kontakt auf den Außen weitergeleitet wird, oder indem er einen Chipball direkt zum Flügelverteidiger spielt. Doch auch das entblößte Bayerns rechte Seite nicht komplett. Pavard war zwischenzeitlich sehr weit aufgerückt, um Gnabrys Anlaufen abzusichern. Er kann jetzt den Flügelverteidiger problemlos stellen.

Um den Longline-Ball zu verhindern, schiebt die Kette weit auf die Ballseite. Dies äußerte sich entweder in einer sehr dynamischen Dreierkette aus Davies, Alaba und Boateng, die lange Bälle hinter die Kette ablaufen kann, oder in einer Viererkette durch zusätzliches Abkippen Kimmichs. Meist war es ein sehr kompakter 3-1-Verbund, der gut antizipierte und viele Bälle eroberte. Damit sind nicht nur die Flügel gedeckt, sondern Bayerns Achter bemühten sich außerdem, das Zentrum zu schließen. Auch Lewandowski konnte sich fallen lassen und beim Decken der Sechser unterstützen.
Eine ähnliche Anordnung war zu beobachten, wenn der Gegner Einwurf hatte, nur dass der ganze Verbund horizontal noch kompakter wurde. Alle elf Spieler waren hinter einer gedachten vertikalen Mittellinie, die das Feld in zwei Hälften teilt. So konnte man auch nach gutem Zustellen bei gegnerischen Einwürfen viele eigene Chancen kreieren. Natürlich ist das Ganze kein Alleinstellungsmerkmal der rechten Seite, auch Davies auf der anderen Seite verteidigte so weit nach vorne wie Pavard und setzte den Gegner unter Dauerdruck.

Hansi Flick Taktik

Zustellen und Anlaufverhalten bei Abstößen

Bei gegnerischen Abstößen oder bei laufendem Spielfluss mit Einbindung des Torhüters kam eine ähnliche Grundordnung zum Tragen. Diese war insgesamt noch etwas mannorientierter. Die 4-1-Staffelung im Defensivverbund wurde bisweilen sogar zu einer 2-3-Staffelung, je nach Höhe der gegnerischen Flügelspieler. Alaba und Boateng sind stets gewappnet, intelligent und teilweise auch schnell und kopfballstark genug für etwaige lange Bällen. Würden Davies und Pavard ihre Kopfballduelle verlieren, wären sie laufstark und smart genug, die Bälle zurück zu erobern. Kimmich bewachte den Zehner. Die Achter konnten die Sechser decken. Lewandowski übernahm den tiefsten Mittelfeldspieler oder gar einen Innenverteidiger. Zudem lief ein Außen den ballführenden Torhüter an (vorzugsweise so, dass er mit dem schwächeren Fuß eröffnen muss). Es bleibt nur noch der lange, unkontrollierte Ball nach vorne oder das Anspiel auf den einzigen freien Abwehrspieler.

Das ungewöhnliche an diesem Angriffspressing war, dass nach dem Pass auf den Innenverteidiger der Außen seinen Lauf meist durchzog und somit in die andere Spielhälfte wechselte. Gnabry erzeugte ebenfalls Druck, Lewandowski verhinderte das Anspiel auf den Sechser, die Achter und Außenverteidiger übernahmen die Durchsicherung, Kimmich unterstützte bei der Restverteidigung.

Auch im Gegenpressing stark verbessert

Während Gegenpressing vor einigen Jahren noch ein Modebegriff – geprägt durch Jürgen Klopp – war, ist es mittlerweile gang und gäbe und aus keiner Mannschaft mehr wegzudenken. Dennoch wurde es unter Niko Kovac zuvor nicht konsequent ausgeführt. Nach knapp drei Sekunden des Druckerzeugens nach einem Ballverlust, fiel man in die defensive Grundordnung zurück und überließ dem Gegner mehr oder weniger den Ball. Auch hier nahm Flick sofort in der ersten Woche als Cheftrainer Änderungen vor. Man presst jetzt wesentlich länger und planvoller den Umschaltvorgang des Gegners. In unten stehender Szene wurde ein Ball auf Lewandowski abgefangen. Um den ballführenden Sechser herum wird von Lewandowski, dem ballnahen Achter und dem ballnahen Flügelspieler sofort ein Dreieck gebildet, um Druck zu erzeugen.
Kimmich, der – wie schon erwähnt – oft als „Ballaufsammler“ dient, zeichnet sich durch ein gutes Auge für potenzielle Anspielstationen aus und hält Wege zu wahrscheinlichen Konterstationen bewusst kurz, um dort Bälle zu erobern. Auch die Innenverteidiger Alaba, Martinez und Boateng legen ein hervorragendes Herausrückverhalten an den Tag, was nicht ohne Risiko ist, aber umso öfter von Erfolg gekrönt.

Hansi Flick Taktik

Auch wenn er in dieser Szene nicht ballnah aktiv werden kann, ist Davies in Gegenpressingsituationen lobend hervorzuheben. Obwohl ihm anfangs von vielen defensive Ausbaufähigkeit unterstellt wurde, zeigt er im Pressing und vor allem auch im Gegenpressing ein sehr gutes Timing und beeindruckende Zweikampfstärke. Durch sein Tempo ist er einerseits schnell an Ort und Stelle, andererseits nutzt er seine quirligen Beine geschickt zur Balleroberung und auch sein flinker Oberkörper ist durchaus robust und gut geeignet für den defensiven Zweikampf.

Nicht zuletzt ist auch noch eine gute Struktur im Ballbesitz wichtig, um ein erfolgreiches Gegenpressing zu betreiben. Und da liegt ein weiterer Unterschied zu Niko Kovac: oftmals waren die Achter bzw. Zehner „out of position“ und unterstützten am Flügel. Unter Hansi Flick halten sich Thiago, Müller, Goretzka oder Tolisso nun wesentlich zentraler auf, was ihnen sofortigen Zugriff im Gegenpressing gewährleistet.
Natürlich ist dieser Gegenpressingansatz manchmal etwas wild und nicht immer ohne Risiko, dennoch zieht es Flick konsequent durch und vor allem ist sein Kader dafür hervorragend geeignet. Davies, Alaba, Martinez, Kimmich, Müller und auch der jederzeit herauslaufende Neuer sind schnelle, spielintelligente Spieler, die diese Spielweise noch von Pep Guardiola kennen und sie sehr gut verinnerlicht haben. Mit altmodischen, groß gewachsenen, eher langsamen Abwehrrecken wäre diese Strategie wohl kaum erfolgsstabil durchsetzbar.

4 Verbesserungsvorschläge und Ausblick

Kaderkritik

Insgesamt ist am Kader nicht viel auszusetzen. Neuer, Davies, Alaba, Kimmich, Thiago, Müller und Lewandowski sind Flicks absolute Schlüsselspieler und teilweise am Höhepunkt ihres Schaffens. Boateng, Martinez, Pavard, Goretzka, Gnabry und Coman komplettieren mit durchgehend stabilen Auftritten entweder die Startelf oder stellen gute Alternativen von der Bank dar. Coutinho und Perisic bekamen zwar auch viel Spielzeit, überzeugten dabei aber zu selten. Odriozola, Tolisso und Cuisance kamen leider kaum auf Einsatzzeiten und dürfen sich im Sommer wahrscheinlich nach einem neuen Verein umschauen. Zirkzee stellte vorübergehend eine gute Aternative im Sturm dar und konnte mit zwei Last-Minute-Treffern auftrumpfen. Hernandez und Süle waren leider durchgehend verletzt. In Summe ist das ein Kader, der in Kombination mit dem Trainer durchaus um alle drei Titel mitspielen kann bzw. sollte. Dennoch soll auf ein paar kleinere Schwachstellen hingewiesen werden.

Pavard ist einer der Spieler mit der meisten Einsatzzeit unter Hansi Flick. Und das nicht zu Unrecht. Er zeigt Woche für Woche souveräne Auftritte, leistet sich quasi keine Fehler. Da Fußball ein Sport ist, der auf Fehler basiert, ist das ein nicht zu unterschätzender Faktor. Für seine erste Saison bei den Bayern, und das auf einer Position, die er zuvor nur aus der Nationalmannschaft kannte, ist das mehr als ordentlich. Dennoch geht ihm für einen Außenverteidiger des FC Bayern ein wenig die offensive Spielfreude, Kreativität und Technik ab. Zwar kann man keinen zweiten Lahm erwarten (den wird man auch nicht finden), etwas mehr Gefahr über den Flügel und Kompetenz im Spielaufbau wäre aber wünschenswert. Umso ungewöhnlicher ist es, dass Flick Odriozola nicht einmal eine Chance gibt. Er würde nicht nur kreative Unterstützung im Offensivspiel einbringen, sondern sich durch sein Tempo auch in Flicks Defensivkonzept wohlfühlen.

Ein weiteres Problem ist die Verletzungsanfälligkeit von Gnabry und Coman. Sie sind Stammspieler und es gibt keinen gleichwertigen Ersatz für sie. Selbst wenn beide fit waren, waren sie in dieser Saison nicht immer in Topform und haben Spiele gezeigt, in denen sie einfach nicht so zum Zug kamen. Die Ersatzspieler auf Links hießen Perisic und Coutinho, rechts musste hin und wieder Müller aushelfen. Bayerns Flügelspiel braucht Sprints, Dribblings und Kombinationen. Besagte drei Spieler sind aber weniger durchsetzungsfähig, scheuen das Risiko und wählen häufig den sicheren Rückpass. Wenn sie in breiter Ausgangslage den Ball bekamen, war das Offensivspiel zu oft eine Sackgasse. Natürlich waren die Transfers von Coutinho und Perisic am Ende des Transferfensters aus der Not heraus geboren und den Umständen entsprechend sogar gut; es gibt keine Vorwürfe an dieser Stelle. Dennoch kann ein Vertrauen in Coman und Gnabry und die Ergänzung durch nicht annähernd auf dem Niveau spielende Ersatzspieler nicht die Lösung auf Dauer sein. Nicht zu Unrecht wird schon seit längerer Zeit Leroy Sané als möglicher Kandidat für diese Position gehandelt.

Trainerkritik

Vermutlich ist dem Leser eine gewisse Sympathie des Autoren gegenüber dem Trainer nicht ganz verborgen geblieben. Er fragt sich deshalb nun zu Recht: Gibt es denn an Hans-Dieter Flick gar nichts auszusetzen? Nun… doch.
Dem nicht risikolosen Pressing-, Gegenpressing- und Ballbesitzansatz (extrem hohe Linie in allen Spielphasen, viel direkte Mann-zu-Mann-Zuordnung) sei kein Vorwurf zu machen. So funktioniert Flicks Spiel und es hat sich ja bereits als erfolgreich erwiesen.
Das Ballbesitzspiel hat sich im Vergleich zu Niko Kovacs Stil stark verbessert und erinnert bisweilen an die Spielweise von Pep Guardiola. Dennoch ist es nicht perfekt. Oft ist es noch zu flügellastig und zu sehr auf Flanken als Mittel der Chancenkreation beschränkt; zumal Pavard, Coutinho oder Coman keine passenden Flankengeber sind. Flachere Passkombinationen, gechippte Bälle aus dem Zentrum heraus hinter die Abwehr und Dribblings wären hier noch wünschenswert. Voraussetzung dafür ist natürlich noch ein verändertes, planvolleres Bewegungs- und Positionsspiel im letzten Drittel.

Woran Hansi Flick ebensfalls noch arbeiten muss, ist die taktische Flexibilität und das In-Game-Coaching. Die Bayern gehen meist in einem 4-1-4-1 auf das Feld. Das weiß auch der Gegner und kann sich deshalb im Vornherein darauf einstellen. Das soll keine große Kritik sein, denn offensichtlich funktioniert Flicks System und es gibt auch andere gute Beispiele aus der Vergangenheit, wo Teams für nur eine Formation bekannt waren und damit Erfolg hatten. Dennoch ist die Anpassungsfähigkeit Flicks nicht mit der eines Nagelsmanns, Tuchels oder Guardiolas zu vergleichen. Das macht sich auch während eines Spiels bemerkbar. Während viele Trainer innerhalb der 90 Minuten personelle und taktische Veränderungen vornehmen, passt Flick sein Spiel kaum an. Das machte sich beispielsweise beim torlosen Unentschieden gegen RB Leipzig bemerkbar. Nagelsmann begann mit einer Art 5-2-1-2-System und wurde von Bayern zunächst dominiert. In der zweiten Hälfte stellte er jedoch um auf ein 4-4-2 und plötzlich war Leipzig mindestens gleichwertig, wenn nicht sogar überlegen. Bayerns Pressing fand keinen Zugriff mehr, vor allem nicht auf die Außenverteidiger Leipzigs. Und auch im Ballbesitz konnte man weniger eigene Durchbrüche erzielen. Flick muss lernen, mit solchen taktischen Manövern umzugehen, und sollte einen Plan B zum – durchaus hervorragenden – Plan A entwickeln.

Was kann die Saison noch bringen?

Aufgrund der weltweiten Pandemie ist nicht klar, was die Saison noch bringen wird. Die Bundesliga steht zwar wieder in den Startlöchern, es kann jedoch jederzeit zu einem erneuten Lockdown kommen. Außerdem ist unklar, ob und wie die Champions League fortgesetzt wird. Der FC Bayern ist jedenfalls noch in allen drei Wettbewerben im Rennen. Aufgrund des Ausscheidens von Liverpool, des Ausscheidens von Real Madrid oder Manchester City, eines historisch schwachen FC Barcelona und weiteren sich gegenseitig eliminierenden Gegnern ist die Chance auf einen Champions-League-Titel höher als sonst. Es wäre aus Bayernsicht extrem schade, wenn die Saison abgebrochen würde.

Doch was könnte sich aus taktischer und personeller Sicht noch ändern? Zunächst ist kein großes Abweichen von Flicks Stammelf zu erwarten. Die Spieler, die oben breit analysiert wurden, haben sich festgespielt. Doch Lucas Hernandez wird nach der Pause wieder voll zur Verfügung stehen, eventuell sogar Niklas Süle. Vor allem Spielzeit für Hernandez könnte offensiv nochmal einiges verändern. Beispielsweise wäre es denkbar, dass er Alaba wieder auf seine angestammte Linksverteidigerposition verdrängt und Davies dadurch eine Reihe weiter vorrückt. Letzterer könnte womöglich noch mehr offensive Power entfalten, würde dann jedoch als temporeicher Restverteidiger in der Abwehrkette fehlen. Auch Alabas Vorstöße oder Einrücken ins Zentrum wären sicherlich wieder spannend, doch auch sein überragendes Verhalten in der Innenverteidigung würde fehlen. Setzt man weiter auf die angestammte Elf, kann es außerdem zu Konflikten kommen, da Hernandez eventuell selbst Stammplatzforderungen erhebt und auch Hasan Salihamidzic aufgrund Hernandez´ Preisschild von 80 Millionen Euro unter Druck steht.

Ein weiterer möglicher Schritt wäre die Umstellung auf Dreierkette. Gegen Paderborn hat man sie bereits gesehen, jedoch wirkte sie noch wenig ausgereift. Davies, Alaba und Hernandez kämen alle unter. Kimmich hat bereits bewiesen, dass er die Position des Innen- bzw. Halbverteidigers sehr gut ausfüllen kann. Boateng, Pavard oder Martinez wären auf dieser Position auch noch denkbar. Odriozola könnte auf rechts seine volle Offensivpower ausspielen. Thiago hat auf der Sechs alle Freiheiten und wird situativ von Alaba und Kimmich unterstützt. Auf den offensiven Halbpositionen hat man mit Gnabry den dribbelnden, inversen Part, der auch mal auf den Flügel ausweichen kann, und mit Goretzka einen vertikalen Box-to-Box-Typ, der auf der Sechs unterstützen, auf den Flügel ausweichen und in den Strafraum durchstarten kann. Über die Doppelspitze Lewandowski-Müller muss man nicht mehr viel sagen. Dieses System ist in Ballbesitz sehr ausgeglichen und auch im Pressing könnte Flick sein temporeiches und immer zugrifferzeugendes „Durchdecken“ implementieren. Dennoch gilt diese Variante als sehr unwahrscheinlich.

Hansi Flick Taktik

Nächste Saison und mögliche Transfers

Odriozola und Coutinho werden den Verein zum Sommer definitiv verlassen. Bei Perisic wird über eine Verpflichtung nachgedacht. Eine jüngere, dribbelstärkere Variante als Backup mit Ambitionen für die Startelf wäre aus Sicht des Autors jedoch sinnvoller. Mit Adrian Fein kommt ein unglaublich versierter Leihspieler vom HSV zurück, dem sogar sofortige Einsatzchancen eingeräumt werden sollten. Die bis dato am häufigsten gehandelten Namen, die mit einem Wechsel zum FC Bayern in Verbindung gebracht werden, sind Sané, Werner, Havertz, Dest und Upamecano.
Mit Sané soll man sich sogar schon einig sein, einzig die Ablösesumme führt noch zu Konflikten zwischen den Vereinen. Sané ist ein klassischer Winger und könnte sowohl die rechte als auch die linke Seite ordentlich beleben. Er würde auch sehr gut in Flicks 4-1-4-1 und zu seiner Spielweise passen. Es bleibt jedoch abzuwarten, ob er verletzungsfrei bleibt und nach seinem Kreuzbandriss wieder zu alter Stärke findet.
Timo Werner soll als bevorzugte Lösung von Hansi Flick gelten, Hasan Salihamidzic und Werner selbst haben mit Aussagen, die gegen einen Wechsel zu Bayern sprechen, dem Wunschdenken des Trainers jedoch keinen Gefallen getan. Auch würde er weder als Außen in das System passen noch Lewandowski in der Sturmspitze sofort verdrängen können. Eine Systemumstellung wäre die Folge.

Havertz ist das größte deutsche Talent auf der Zehn und eigentlich so gut, sodass sich die Bayern ihn kaum durch die Lappen gehen lassen sollten. Jedoch blüht Thomas Müller unter Hansi Flick auf und zeigt Weltklasseleistungen auf Havertz´ potenzieller Position. Außerdem ist ein Winger notwendiger. Eine Ablösesumme von wahrscheinlich mehr als 100 Millionen Euro verschärft das Problem. Ist Havertz das wirklich wert? Seine Klasse ist unbestritten und jung ist auch.
Sergino Dest ist ein sehr spannender, offensivfreudiger und kreativer Rechtsverteidiger, der Hansi Flicks Mannschaft sehr gut zu Gesicht stehen würde. Ähnlich wie bei Odriozola würde der Trainer aber wohl erst einmal die konservativere Variante Pavard vorziehen.

Das Gerücht um Upamecano erschließt sich dem Autor nicht ganz. Zwar ist er hochtalentiert, mit Alaba, Hernandez, Süle, Boateng, Martinez, Pavard und Kimmich hat man jedoch genügend Innenverteidiger, was einen Transfer von um die 60 Millionen Euro wohl kaum rechtfertigen würde. Außerdem ist fraglich, ob er mit seiner relativ langsamen Umsetzung zum dynamischen Abwehrverhalten unter Flick passen würde.

Alles in allem ist ein Transfer von Sané am wahrscheinlichsten und Havertz daher allein finanziell nicht mehr realisierbar – zumindest nicht in diesem Jahr. Aufgrund der Corona-Krise wird man außerdem kaum fünf oder sechs neue Spieler holen, sondern nur die größten Baustellen (Flügel und Rechtsverteidiger) ausmerzen. Im Rahmen des 4-1-4-1 ist also folgende Aufstellung die wahrscheinlichste.

Man darf des Weiteren nicht unterschätzen, dass Adrian Fein für sein Alter schon ziemlich komplett ist. Er vereint bei Ballbesitz Sicherheit mit Kreativität, kann dribbeln wie passen, bewegt sich auch abseits des Balls sehr intelligent, scheut defensiv keinen Zweikampf und ist größer gewachsen als Kimmich oder Thiago. Es ist ihm deshalb durchaus zuzutrauen, dass er einen ähnlich steilen Karrierestart hinlegt wie Davies zum Ende der Hinrunde, als dieser plötzlich Stammspieler wurde und bis heute kaum wegzudenken ist. Eine einrückende Rechtsverteidigerrolle für Kimmich wäre in der Folge sinnvoll.

Folgendes 3-4-3 ist mehr als unwahrscheinlich, soll aber zumindest einmal in den Ring geworfen werden.

Hansi Flick Taktik

5 Fazit – Warum passt Flick so gut zu Bayern?

Flick hat seine Mannschaft in allen Spielphasen binnen kürzester Zeit merklich verbessert. Außerdem ist man nun weniger auf individuelle Klasse angewiesen, wie es noch unter Ancelotti oder Kovac der Fall war. Es hat sich ein Kollektiv herausgebildet, das vor Selbstvertrauen strotzt und wieder die Selbstverständlichkeit des Gewinnens ausstrahlt wie einst unter Jupp Heynckes oder Pep Guardiola. Diese schien zuletzt unter Niko Kovac verloren gegangen zu sein. Man ist auch kein eindimensionales Ballbesitzteam mehr, sondern versucht, alle Spielphasen zu dominieren. Außerdem kommen die individuellen Fähigkeiten der Spieler der Spielweise des Trainers sehr entgegen. Beispielsweise ist eine Dynamisierung des Abwehrverhaltens zu beobachten. Größe und Robustheit spielt nur noch eine untergeordnete Rolle. Schnelligkeit, Antizipationsfähigkeit, Passsicherheit, Passkreativität und Dribbelstärke sind wichtiger. Mit Kimmich, Thiago und Müller hat Flick des Weiteren ein sehr ausbalanciertes Mittelfeld gefunden. Es verbindet Technik, Sicherheit, Spielintelligenz, Pressingresistenz, Laufarbeit und Vertikalität. Unverzichtbar ist dabei keiner. Anfangs zeigte das Mittelfeld bestehend aus Kimmich, Goretzka und Müller, dass man auch auf einen kreativen Weltklasseakteur wie Thiago verzichten kann. Dass Gesamtsystem ist so ausgeglichen, dass es keine Abhängigkeit von einzelnen Spielern mehr gibt. Die Außen fühlen sich ebenfalls wohl und können ihre Stärken gewohnt ausspielen, ob als Breitengeber oder in einer eingerückten Rolle. Lewandowski befindet sich sowieso in der Form seines Lebens und auch Neuer ist im Tor unangefochten.
Diese taktische Kompetenz, gepaart mit Ruhe, Beliebtheit, Autorität und der Liebe zum Verein macht Hans-Dieter Flick zum perfekten Bayerntrainer. Es ist deshalb durchaus vorstellbar, dass er über die drei Jahre hinaus im Amt bleibt. Das ist zwar noch Zukunftsmusik, es spricht aber nichts für einen Einbruch der Leistungen. Konstanz auf dieser Position wäre nach den vergangenen Jahren außerdem wichtig. Durch eine gute Geld- und Transferpolitik, einer guten und langfristig orientierten Besetzung der wichtigsten Positionen im Verein und einem hervorragenden Spielerkader kann der FC Bayern positiv in die Zukunft blicken.

2 Kommentare

  1. Pingback: Round-Up: Quarantäne-Ball – Miasanrot.de

  2. Mathias

    Super Analyse, vielen Dank! Sehr informativ und spannend zu lesen!

    Was mich mal interessieren würde: Nachdem Flick übernommen hatte, haben sich ja ziemlich schnell (wenige Wochen) effektive underfolgreiche Änderungen in der Taktik gezeigt. Oben wird das z.B. unter (Gegen-)Pressing angesprochen.

    Wie war das wohl zu der Zeit, als Flick Assistenztrainer unter Kovac war? Da muss Flick das ja auch schon gesehen bzw. angedacht haben, sonst hätte er diese Änderungen nicht so schnell implementieren können. Hat er diese Änderungen Kovac vorgeschlagen und der wollte es nicht implementieren? Oder hat es Kovac nicht verstanden? Oder hat es Flick vielleicht gar nicht vorgeschlagen? Eine definitive Antwort wird hier wahrscheinlich niemand geben können, aber mich interessieren eure Gedanken dazu!

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