Interview mit Steven Turek und Jonas Stephan

„Trainer müssen das Spiel noch besser verstehen“

Jonas Stephan und Steven Turek sprechen im Interview mit Autor Pascal über ihre Leidenschaft zum Fußball, viele Inhalte und ihre innovative online Trainerausbildung Coach2.

Hallo Steven, Hallo Jonas, Vielen Dank, dass Ihr euch die Zeit genommen habt, mit uns über Fußball zu sprechen. Zunächst die Frage nach eurem Wohlbefinden – hoffe euch geht es gut?

Steven: Vielen Dank für die Einladung. Uns geht es gut.

Jonas: Ja, schon eine verrückte Zeit – aber manchmal auch eine Chance für Neues. So haben wir heute zueinander gefunden, weil wir uns bei einer Online-Fortbildung von uns kennengelernt haben, die wir im Zuge der Corona-Krise durchgeführt haben.

Stimmt, ich kenne euch beiden, aber seid so lieb und stellt euch unseren Lesern kurz vor.

Jonas: Steven und ich haben früher zusammengespielt, zusammen Sport studiert und teilen seit Jahren die Leidenschaft für Fußball. In der Arbeitswelt stehen wir auf unterschiedlichen Seiten. Ich bin Co-Trainer bei den Profis von Eintracht Braunschweig…

Steven: … und ich bin Co-Trainer bei Hannover 96 in der U19. Trotz dieser „Differenz“ arbeiten wir schon seit Jahren gemeinsam an Trainermedien. So haben wir schon vor drei Jahren mit unserem jüngsten Projekt begonnen: der Entwicklung unserer eigenen Trainerausbildung. Wir haben darin die Chance gesehen, alle Themen, die wir bearbeitet und im Kopf haben, unter einem Dach zu veröffentlichen. Mit der Hilfe von Peter Schreiner und dem Institut für Jugendfußball haben wir Coach² aus dem Boden gestampft.

Okay, dann erzählt doch mal über Coach².

Jonas: Wie Steven soeben schon erzählt hat: Coach² ist eine Trainerausbildung, die online-basiert funktioniert. Trainer erhalten einen Zugang, können sich jederzeit einloggen und damit die Inhalte, die Steven und ich präsentieren, reinziehen. Ergänzt wird das ganze durch weiterführende Links und Videos, Tests und Aufgaben, die nicht nur der reinen Wissensabfrage dienen, sondern auch dabei helfen, die Inhalte in den Alltag des Trainers zu implementieren.

Steven: Genau, Abrufbarkeit ist ein großes Thema bei Coach². Grundsätzlich beschäftigen wir uns sehr mit dem Thema ‚Lernen‘. Dies spiegelt sich darin wider, dass wir für den Trainer ein optimales Lernerlebnis schaffen, zum Beispiel dadurch, dass jedes Modul maximal 25 Minuten geht. Lernen ist auch Thema in den Modulen. Wie lernen Spieler, warum ist es wichtig, dass sie sich Absichten stellen und wie treffen sie Entscheidungen.

Das klingt spannend! Bevor wir nochmal inhaltlich werden: ihr habt angedeutet, dass ihr viele Inhalte und Themen der letzten Jahre zusammengetragen habt. Wie seid ihr darauf gekommen, diese in eine eigene Ausbildung zu verpacken?

Jonas: Wir haben vor über drei Jahren ein Projekt abgeschlossen und dann zusammengesessen und überlegt, was als nächstes ansteht. Steven stellte mir seine neuesten Gedanken zum Thema Auslöser und Entscheidungsverhalten von Spielern vor. Wir dachten dann beide, dass das etwas Größeres ist, um es „nur“ für ein eBook oder ähnliches zu nutzen. Schließlich berichtete uns Peter Schreiner vom Institut für Jugendfußball von der Möglichkeit, etwas auf einer Online-Lernplattform veröffentlichen zu können. Wir waren sofort Feuer und Flamme und haben begonnen, Ideen zusammenzutragen und uns mindestens einmal wöchentlich zu treffen.

Was sind eure Ziele, die ihr mit Coach² verfolgt?

Steven: Das ist etwas, dass man bei Coach² lernt: das eigene ‚Warum‘ zu finden. Warum bin ich eigentlich Trainer. Das lässt sich dann auch noch priorisieren. In der Entwicklung von Coach² hat uns begleitet, dass wir mit Spaß und Freude, kreativ etwas erschaffen wollten. Dabei wollten wir neue Wege gehen und unsere Expertise auf vielen Gebieten erweitern. Es gibt viele Inhalte, die auf den ersten Blick gar nichts mit Fußball zu tun haben. Hiermit wollen wir Trainer inspirieren. Unser Motto ist dabei ein ernstgemeintes Statement: Bessere Trainer für bessere Spieler. Wir wollen einen Beitrag leisten.

Ihr habt jetzt schon angedeutet, dass es bei euch auch um das Thema Lernen geht. Was haben eure Erkenntnisse für Konsequenzen für das Fußballtraining?

Steven: Wir haben es angedeutet. Spieler benötigen die innere Einstellung im Training, um besser zu werden. Hierzu benötigen sie Informationen, warum sie trainieren. Die Konsequenz aus dem Training, also die „Verbesserung von …“ muss klar sein.

Jonas: Was doch jeder Trainer erreichen will: Trainingsinhalte sollen im Spiel abgerufen werden. Unter dieser Prämisse muss sich Training aufbauen. Menschen lernen in Bildern. Im Training müssen entsprechend jene „Bilder“ auftauchen wie im Spiel. Wir machen das anhand von Auslösern deutlich. Jede Spielsequenz kann in eine Auslöserstruktur unterteilt werden. Auslöser veranlassen die Spieler zu ihrem Verhalten. Das können zum Beispiel Bewegungen von Gegenspielern sein. Diese Auslöser leiten sich aus dem Spiel ab und wir müssen an ihnen im Training arbeiten.


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Ihr verpackt dies dann vor allem in Spielformen. In einem Blogartikel von euch positioniert ihr euch klar gegen Übungsformen. Könnt ihr dies erläutern?

Jonas: Stimmt! In Übungen fehlen Auslöser. Wir können in Übungen, also Trainingsformen, in denen einschleifend ohne Gegnerdruck Technik trainiert wird, kein Entscheidungsverhalten, welches für den Spielkontext relevant ist, trainieren.

Steven: In Spielformen sieht das anders aus. Die Komplexität ist wie im Spiel und wir können das Entscheidungsverhalten der Spieler trainieren. Die Abrufbarkeit ist höher, da wir in der Auslöserstruktur arbeiten, die wir so auch im Spiel haben. Darüber hinaus haben wir mit spielnahen Individualtrainings Trainingsformen entwickelt, in denen mit hoher Wiederholungszahl im kleinen Rahmen an Auslösern und somit dem Entscheidungsverhalten und der Ausführung der Entscheidungen gearbeitet werden kann. Wir sehen Fußball in seiner vollen Komplexität und unterscheiden nicht in Technik und Taktik. Es geht um Entscheidungen und diese unter Druck umzusetzen.

Das klingt spannend. Wie periodisiert ihr euer Training?

Steven: Bei Coach² erstellt der Trainer einen Jahresplan, in welchem er die Inhalte im Vorfeld für das gesamte Jahr festlegt. In jedem Monat werden alle vier Spielphasen jeweils eine Woche trainiert. Es ergeben sich dabei interessante Verknüpfungen und das gesamte System ist so angelegt, dass das Spielniveau im Saisonverlauf ständig steigt.

Jonas: Das ist unser Ausbildungsansatz. In Woche 1 arbeiten wir beispielsweise in der Spielphase Ballbesitz an der Spieleröffnung vom Torwart. Woche 2 ist dann ein Thema zum Umschalten nach Ballverlust. Wenn wir in Woche 3 an der Spielphase Ballbesitz des Gegners arbeiten kommt der Schwerpunkt aus Woche 1 zum Tragen. Wir trainieren das Zustellen und hohe Angriffspressing bei Abstößen des Gegners. Dies dann von Beginn an gegen gutes Niveau, da die Spieler bereits trainierte Abläufe anwenden.

Kommen wir nochmal zurück zu Spielformen und dem Coaching. Ihr wollt immer das „Spiel“ coachen. Könnt ihr das kurz erläutern?

Steven: Ja, wir sagen in einem unserer Module: „Schwerpunkte provozieren und das Spiel coachen“. In unseren Spielformen provozieren wir gezielt Schwerpunkte. Da es sich dabei um Spielformen handelt, tauchen automatisch alle vier Spielphasen auf. Der Schwerpunkt sollte aber in Häufigkeit auftauchen, da wir die Spielform entsprechend konstruiert haben. Es ist in unserem Coaching dann nicht notwendig, Verhaltensweisen einzufordern, sondern die Situationen zu coachen. Die Trainerrolle ist dadurch angenehm, weil wir den Spielern helfen, Lösungen zu finden.

Nun gibt es Unterschiede im Fußball. Auf der einen Seite Stevens U19 im NLZ beziehungsweise Jonas bei euch die Drittligaprofis. Dem gegenüber stehen Vereine im Breitensport auf unterschiedlichen Leistungsklassen. Unterscheidet ihr in den Leistungsniveaus?

Jonas: Ja, wir bieten auch immer wieder Hinweise für unterschiedliche Altersklassen im Nachwuchs. Wir sprechen viel darüber, Spielformen in ihrem Niveau zu steuern. Die Trainer beschäftigen sich in unserer Ausbildung mit Steuerungselementen, durch die sie in der Lage sind, Spielformen leichter oder schwerer zu gestalten. Dies hat den Grund, dass wir im Niveau differenzieren können. Ziel muss es immer sein, die Spieler leicht zu überfordern. Dies erzielt die größten Lernzuwächse.

Steven: Hinzu kommt das Zielniveau. Das muss der Trainer kennen mit der Frage, wofür bilde ich eigentlich aus. Das Spiel bleibt ja gleich, die Qualität und Geschwindigkeit ist unterschiedlich.

Viele Trainer kopieren einfach Trainingsformen, die sie im Internet finden. Wir machen auf unserer Seite auch die Erfahrung, dass wenn wir Trainingsformen veröffentlichen, sich die Zugriffszahlen erhöhen. Wie ist eure Haltung hierzu?

Steven: Darüber reden wir viel. Das ist auch einer unserer Ansatzpunkte. Trainer müssen das Spiel noch besser verstehen. Reden wir wieder über Auslöser. Trainer müssen die Auslöser für Spielsituationen kennen und können dann hierfür Trainingsformen entwickeln. Mit den Spielern erarbeiten sie dann die besten Entscheidungen und eine effektive Ausführung. Diesen Prozess lernen Trainer bei uns kennen, anstatt dass im Internet einfach nach den neuesten Passübungen gesucht wird.

Letzte Frage: was können wir in der Zukunft noch von euch erwarten?

Jonas: Wir erweitern unser Programm und werden einige Themen noch tiefer beleuchten.

Steven: Ja, wir werden im Sommer erste MasterClasses veröffentlichen. Dabei werden wir auf die Arbeit mit Video eingehen, es wird etwas zum Thema Spielprinzipien geben und wir bringen athletische MasterClasses auf den Markt.

Steven, Jonas, vielen Dank!

Für alle, die sich weiter über Jonas, Steven und Coach2 informieren wollen ist auf ihrer Seite www.coach2.de alles zusammengefasst.

Kategorie Sonstiges
Autor

Interessiert sich für Taktik und Training, Teamführung. Fan von Positionsspiel, Thomas Tuchel, Pep Guardiola, Matthias Sammer. Trainer im Jugendleistungszentrum einer U15 (2.Liga).

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