Das psychologische Anforderungsprofil des Torhüters

Der 1. FC Saarbrücken hat es wieder einmal bewiesen. Der Pokal hat seine eigenen Gesetze. Mit einer Leidenschaft, welche ihres gleichen sucht, schaltete der Regionalligist eine höherklassige Mannschaft nach der anderen aus und steht nun verdient im Halbfinale. Spätestens nach dem dramatischen Elfmeterschießen gegen Fortuna Düsseldorf sollte auch der Name Daniel Batz für viele Fußballliebhaber ein Begriff sein. Der Saarbrückener Torhüter sicherte seiner Mannschaft über zwei Runden den Sieg und ist somit ein grundlegender Bestandteil der Erfolgsstory im laufenden Pokalwettbewerb.

Ein 1,90 m große Torhüter, welcher den entscheidenden Elfmeter an den linken Pfosten lenkt und wenige Minuten später mit erhobener Faust und breitem Grinsen durch den Hexenkessel in Saarbrücken schreitet. Danach auf den Schultern von seinen Mitspielern, am Zaun mit den Fans und mit Endorphinen geladen beim Interview im Anschluss des Spiels. Batz spricht davon, dass ihm alles „wie im Traum“ vorkommt. Er dankt der gesamten Mannschaft – die eigene außergewöhnliche Leistung wird natürlich in den Hintergrund gestellt. Diese Bilder brennen sich in das Gedächtnis des Zuschauers ein und für einen kurzen Moment scheint der Job als Fußballtorhüter so erfüllend und gewinnbringend wie kein anderer.

Im Hinblick auf diese Eindrücke stellt sich die Frage: Was ist das Erfolgsrezept dieses Torhüters, welchen davor niemand auf dem Zettel hatte? Ausgemustert aus dem Bundesligakader des SC Freiburgs, über Umwege in die Regionalliga gekommen und nun doch dabei auf der großen Pokalbühne. Auffallend durch eine erstaunliche Sicherheit in seinen Techniken, waghalsige Aktionen in der Ziel- und Raumverteidigung und eine brutale Mentalität, die er in kritischen Spielsituationen mehrfach beweisen konnte. Doch mit was muss Batz sich als Torhüter eigentlich mental auseinandersetzen? Welche psychischen Voraussetzungen muss er mitbringen und wo sind sie besonders gefordert?

Eine gute Leistung beginnt im Kopf

Die Anforderungen an den Torhüter im Fußball haben sich über Jahrzehnte stetig verändert. Betrachtet man nur die technischen Fähigkeiten der deutschen Nationaltorhüter, ist die zunehmende Komplexität in diesem Bereich kaum zu übersehen. Ausgehend von Sepp Maier, welcher Rückpässe noch aufnehmen durfte und nach damaligen Vorstellungen als klarer „Torsteher“ definiert wurde, entwickelte sich die Erwartung eines multifunktionalen Taschenmessers, welches neben überdurchschnittlich ausgeprägten Abwehrtechniken auch am Fuß ein hohes Niveau aufweisen sollte. Neue Begrifflichkeiten wie „Sweeper-Keeper“ oder Torwartkette finden sich in der heutigen Fachliteratur immer häufiger und bestätigen den Entwicklungstrend eines Torhüters hin zum „Torspieler“.

Nicht nur innovative Techniken, sondern auch psychologische Faktoren auf den Torhüter haben in der Entwicklung des Fußballs an enormer Aufmerksamkeit gewonnen. Die mentale Vorbereitung vor dem Wettspiel gehört heute in höheren Ligen zum festen Bestandteil eines jeden Torhüters. Selbst im Nachwuchsleistungssport wird zur Leistungsoptimierung der Einsatz von Sportpsychologen immer weiter vorangetrieben. Diese Entwicklungen können vor allem dem zugeschrieben werden, dass sich die Sportwissenschaft der letzten Jahre vermehrt und spezifischer mit der Position des Torhüters befasste und dabei ein Forschungsdefizit im Bereich des mentalen Anforderungsprofils ausmachte. Eine grundlegende Frage war es dabei von Anfang an, welche Persönlichkeitseigenschaften ein Torhüter mit auf das Spielfeld bringen sollte. Schließlich ist es sein Job das zu verhindern, für was Zuschauer in die Stadien kommen: Tore. Als besonders relevant für eine erfolgreiche Torwartleistung haben sich vier psychologische Komponenten herausgestellt: Konzentration, Stressresistenz, Selbstvertrauen und Selbstreflexion.

Konzentration: Den Fokus auf das Wesentliche lenken

Ein Torhüter empfängt innerhalb eines Spiels eine Fülle an Informationen, welche bewusst und unterbewusst aufgenommen werden. Basierend auf diesen Informationen bietet sich dem Torhüter ein breites Spektrum an Entscheidungsmöglichkeiten. So muss ein Torhüter beispielsweise im Rahmen einer 1 gg 1-Situation abwägen, ob die Distanz zum Gegenspieler verringert werden sollte, damit ein Block gesetzt werden kann oder ob die Entfernung beibehalten werden sollte, um eine Fußabwehr oder ein Tauchen zu ermöglichen. Jede Torhüteraktion kann jedoch nur dann Erfolge erzielen, wenn sie mit einer hohen Konzentration einhergeht. Die sogenannte situationsbedingte Fokussierung ist also von elementarer Wichtigkeit, um den Aufgabenstellungen des Torhüters im Spiel gerecht zu werden und Fehlentscheidungen zu vermeiden.

Sollte es schließlich trotzdem zu Fehlern kommen, muss der Torhüter in der Lage sein, diese schnellstmöglich ausblenden zu können. Ein naheliegendes Beispiel hierfür ist Loris Karius im Champions-League Finale 2018. Seine psychologische Abwärtsspirale setzte sich durch einen eklatanten Torwartfehler im Aufbauspiel immer weiter fort, sodass die Konzentration auf darauffolgende Aktionen nicht mehr gewährleistet werden konnte. Das Resultat zeigte sich in einer fehlerhaften Fangtechnik beim Schuss von Gareth Bale, was dem FC Liverpool letzendlich das Genick brach . Eine weitere Herausforderung, welche die Konzentrationsfähigkeit potenziell beeinträchtigt, sind sogenannte extrinsische Reize während des Spiels. Als Manuel Neuer in der Saison 2011/2012 zum ersten Mal vor der Nordkurve in Gelsenkirchen spielte und die Hassparolen ihm entgegenschlugen, wurde sein Spielfokus augenscheinlich auf Herz und Nieren geprüft. Es ist umso bemerkenswerter, dass er schon in seiner jungen Karriere Umweltreize weitestgehend ausblenden und die Wahrnehmung auf durchgeführte Spielaktionen lenken konnte.

Die Verschiebung der vollen Konzentration auf das Kontrollierbare ist ein Kernelement der notwendigen Mentalität eines jeden erfolgreichen Torhüters zu jedem Spielzeitpunkt. Gerade in entscheidenden Phasen, wie beispielweise in einer Verlängerung oder im Elfmeterschießen, zeichnen sich mental starke Torhüter durch eine hohe Konzentrationsfähigkeit und die völlige Ausblendung von Nebenschauplätzen aus. Wenn das Nachdenken über unkontrollierbare Gegebenheiten die Konzentration des Torhüters blockieren, wird seine Leistung negativ beeinflusst. Während ein Unverständnis gegenüber Schiedsrichterentscheidungen oder verkrampfte Spekulationen über den weiteren Spielverlauf keinen positiven Effekt auf den Torhüter haben, können mentale Bewältigungsstrategien den Fokus auf Chancen und das Kontrollierbare im Spiel verschieben.

 

Stressresistenz als konstruktiver Umgang mit Fehlern und Erwartungen

Nicht nur eine fehlende Konzentration kann verheerende Auswirkungen auf die Torhüterleistung haben. Auch die Angst vor dem Versagen und offensichtlichen Fehlern sowie Erwartungen, welche nicht erfüllt werden können, gehören zu den alltäglich präsenten Herausforderungen eines Torhüters. Das Bewusstsein darüber, dass einzelne Aktionen im Spiel über Sieg oder Niederlage entscheiden können bringt ein hohes Maß an Druck mit sich. Diese Vorstellung allein löst bereits vor dem Spiel ein sehr hohes Stresslevel aus.

Patrick Muders umschreibt diesen Druck in seinem Buch „Richtig Torwarttraining“ wie folgt: Macht er alles richtig, lobt ihn niemand, macht er einen einzigen erkennbaren Fehler, kriegt er großen Ärger. Im Gegensatz zu seinen Mitspielern kann er nicht anderen die Schuld für sein Versagen zuschieben. Seine Aufgabe ist denkbar simpel, die Ausführung indes ist denkbar schwierig: Er soll, anders als seine Mitspieler, ausschließlich erhalten und verhindern, ist also der geborene Spielverderber.

Dieses Zitat spiegelt ein Bild des Torhüters wider, was vom Autor bestätigt werden kann. Permanente Anforderungen und damit einhergehende Stressfaktoren lassen den Torhüter nicht selten mit einem Gefühl des Alleinseins zurück. Bereits im Jugendfußball ist es von großer Wichtigkeit, dass ein konstruktiver Umgang mit belastenden Spielsituationen vermittelt wird und das Leistungsniveau nicht darunter leidet.

Als sportpsychologisches Mittel hat sich hierbei der Einsatz von Selbstinstruktion und Visualisierung bewährt. Das primäre Ziel der Selbstinstruktion ist das Erlangen eines positiven Denkmusters trotz erlebten Misserfolgen. Der Torhüter soll durch nach innen gerichteten Selbstgesprächen seinen Gedankenfokus auf den Erfolg lenken und negative Gedanken weitestgehend ausblenden. Diese Methode kann beispielsweise vor dem Spielfeld als Ritual eingesetzt werden, um dem Torhüter ein Gefühl von Sicherheit zu geben und das Selbstvertrauen zu stärken. Im Spiel sollte der Torhüter sich nicht auf die Möglichkeit eines Gegentors konzentrieren, sondern vielmehr positive Gedankengänge stärken. Vor allem bei Standardsituationen, wie beispielsweise während eines direkten Freistoßes oder Eckballs, kann durch ein inneres Selbstgespräch der Stress minimiert und der Fokus auf die vorliegenden Chancen der Situation erhöht werden. Hierzu können folgende Sätze Anwendung finden:

„Jeder Ball, der auf mich zukommt, wird von mir gehalten“

„Die Mauer und Ich werden dieses Tor verteidigen“

„Ich kann mit meinen Armen den Ball am höchsten Punkt abfangen, weil ich größer bin als alle anderen“

„Aus diesem Eckball wird kein Gegentor entstehen“

Zur weiteren Unterstützung der Stressresistenz des Torhüters ist als Methode das Visualisieren bestimmter Spielsituationen geeignet. So können vor dem Spiel in einer Art innerem Film erfolgreich durchgeführte Aktionen im Training oder vorherigen Spielen abgerufen werden. Der Torhüter lernt durch ein solches Abspeichern von Erfolgen, im Spiel den Glauben an die eigenen Fähigkeiten aufrechtzuerhalten.

Selbstreflexion und Selbstvertrauen: Evaluierung zur Selbststärkung 

Doch auch Gegentore passieren. Mit dieser Erfahrung muss sich ein Torhüter wohl oder übel auseinandersetzen. Jedoch wird in der Trainingspraxis meist die Auseinandersetzung mit Gegentoren vernachlässigt und das Potential der mentalen Reflexion bleibt ungenutzt. Oft werden zwar Leistungsanalysen per Video oder Feedbackbögen an Torhüter weitergegeben. Diese setzen sich aber oftmals nur mit Defiziten in Technikbildern in Bewegungsausführungen auseinander. Für den Torhüter ist es jedoch mindestens genauso wichtig, seine eigene Leistung mental einordnen zu können, damit leistungsmindernde Faktoren reduziert und das Selbstvertrauen positiv beeinflusst wird. Eine regelmäßige Selbstreflexion von negativen, aber auch positiven Spielerlebnissen hilft dem Torhüter dabei, vergangene Aktionen einzuordnen und Kompetenzen des Selbstmanagements im Training und Spiel aufzubauen.

Wie schon kurz andiskutiert ist neben der Selbstreflexion ist ein ausgeprägtes Selbstvertrauen für den Torhüter unerlässlich. Nur durch den Glauben in die eigenen Fähigkeiten kann das Leistungsmaximum erreicht werden. Diese Annahme hat sich vielfach bestätigt, wie etwa bei Neuer´s Ausflügen im Spiel gegen Algerien bei der WM 2014, ter-Stegen´s Wahnsinns-Doppelaktion gegen Sevilla oder Oblak´s Performance im Champions-League Achtelfinale an der Anfield Road – alles außerordentliche Leistungen, welche auf ein hohes Maß an Selbstvertrauen zurückzuführen sind. Ein Selbstvertrauen, das sich jahrelang durch Willensstärke, ständige Risikobereitschaft sowie Leidenschaft für die Spielposition angeeignet wurde. Die Autoren und Torhütertrainer Tony Englund und John Pascarella stellten zu dieser Annahme einen Zusammenhang zwischen Komfort, Kompetenz und Selbstvertrauen her:

Comfort + Competence = Confidence

So ist der erste Schritt für den Aufbau eines starken Selbstvertrauens ein vertrauensvolles, unterstützendes, aber auch herausforderndes Umfeld. Dieser Komfort, welcher im Trainingsalltag sichergestellt werden muss, soll zu einer psychischen Sicherheit führen und den Torhüter mental stärken. Ergänzend ist der Glaube in die eigenen Kompetenzen ein wesentlicher Bestandteil zur Entwicklung eines starken Selbstvertrauens. Dabei wird dem Torhütertrainer eine Schlüsselrolle in der Entwicklung der Kompetenzen zugesprochen. Die ständige Evaluation von Stärken und Schwächen des Torhüters zielt darauf ab, seine Leistungsfähigkeit zu erhöhen und ihm ein Verständnis für seine Rolle und Verantwortung zu vermitteln. Die Kombination eines sicheren Umfeldes und der Überzeugung über eigene Kompetenzen stärkt das Selbstvertrauen des Torhüters und hilft ihm dabei, eine positive Einstellung gegenüber der eigenen Spielleistung zu bewahren. 

Fazit: „Don´t shoot the goalkeeper, he´s only doing his best“

Die Rolle des Torhüters ist eine außergewöhnliche. Einerseits ist er fester Bestandteil der Mannschaft, einer der Mitspieler, welcher sich mit positionsspezifischen Aufgaben auseinandersetzen muss – wie jeder andere Spieler auch. Anderseits ist er auch oft von der Mannschaft abgeschnitten. Isoliert führt er ein eigenes Torhütertraining mit seinen Kollegen durch und nimmt so meistens nicht am gemeinsamen Training der Mannschaft teil. Nach Gegentoren leidet er am meisten, macht sich Vorwürfe und sitzt vor seinem Tor, enttäuscht, dass er seine Hauptaufgabe nicht zufriedenstellend erfüllen konnte. Vermutlich mehr als Spieler auf anderen Positionen muss der Torhüter einer außergewöhnlich hohen Zahl an technischen, physischen und psychischen

Anforderungen gerecht werden. Die oben aufgeführten Aspekte einer starken Mentalität geben jedoch nur einen Einblick in die in vielerlei Hinsicht herausfordernde Position. Neue Dynamiken im modernen Fußball verlangen von allen Spielern eine erhöhte psychische Belastbarkeit und Flexibilität ab. Für den Torhüter zeigt sich dies in einer Erwartungshaltung, nach der er sich durch eine starke Persönlichkeit, Dominanz und Präsenz auszeichnen soll.

Daniel Batz konnte in dieser Saison beweisen, dass er diesen hohen Anforderungen erfüllen konnte. Genauso oft wird der Zuschauer daran erinnert, dass Fehler im Spiel oftmals nicht an einer fehlenden technischen Ausbildung liegen, sondern vielmehr das Resultat einer Nachlässigkeit im „Mentalitätskonstrukt“ des Torhüters sind. Alles in allem absolviert ein Torhüter in jedem Training und Spiel einen psychologischen Drahtseilakt, welcher Anerkennung und Wertschätzung verdient.

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