Basketball & Fußball – Backdoor Cut und Tiefensprint

Es ist 2011. Ich bin 13 Jahre alt. Während ich China-Nudeln in mich hereinmampfe, spiele ich Fußball Manager. Nach einer meiner unzähligen Siege mit dem glorreichen SV Werder Bremen werde ich im Interview gefragt, ob ich außerhalb des Fußballs auch andere Sportarten verfolgen würde.

Wie automatisch wanderte die Maus zu der Antwortmöglichkeit „Ich bin generell ein sportbegeisterter Mensch.“. Klingt doch super, oder nicht? Dabei war das natürlich schamlos gelogen – in meinem Kopf war nichts anderes als Fußball.

Nun ist es 2020. Einiges hat sich geändert: Ich bin nicht mehr 13 Jahre alt, ich frage mich, wie ich jemals China-Nudeln essen konnte und ich spiele kein Fußball Manager mehr. Die wichtigste Änderung aber: Ich interessiere mich für andere Sportarten!

Aber eigentlich auch nur, um bestimmte Konzepte oder Aktionen der Spieler in den Fußball zu übertragen. Wäre z.B. ein Backdoor Cut aus dem Basketball im Fußball auch möglich? Oder gibt es das bereits, nur mit anderem Namen? Und was kann ich draus lernen?

Der Backdoor Cut im Basketball

Beim Backdoor Cut zieht der cuttende Spieler im Rücken seines Gegenspielers zum Korb. Hier sehen wir ein kleines Beispiel von Ex-Basketballer Devin Harris, der so zum Korberfolg kommt.

Das Interessante ist dabei, wie Harris seinen Cut vorbereitet. Er läuft zuerst außen entlang und bleibt im selben Tempo wie der Ballhandler. Sein Verteidiger schaut primär auf den Ballhandler und behält Harris im peripheren Sichtfeld.

Kurz vor seinem Cut verzögert Harris das Tempo und scheint stehen zu bleiben. Der Verteidiger möchte nun den Passweg nach außen zu Harris schließen, damit dieser den Pass nicht bekommt.

Harris hat jedoch genau darauf gewartet: Gegen die Dynamik des Gegenspielers setzt er zum Cut genau in die Richtung des Korbes an. Während Harris den direkten Weg zum Korb nimmt, muss sich der Verteidiger einmal um die Achse drehen.

Barea spielt den Pass zu Harris und dieser hat keine Mühe, den Korbleger erfolgreich abzuschließen.

Tiefensprint in und aus dem Rücken der Abwehr

Aber zurück zu unserem Lieblingsthema, dem Fußball. Gibt es dort vergleichbare Szenen? Natürlich. Beim Weg in die Tiefe, auch Tiefensprint genannt, kommen vergleichbare Szenen vor.

Der zum Tor ziehende Spieler hat sogar mehr Raum vor sich, um seinen kreierten Dynamikvorteil zu nutzen – ein Fußballfeld ist bis zu 120 Meter lang, ein Basketballfeld ist hingegen nur 29 Meter lang.

Schaut man sich das wunderbare 4:0 von David Villa gegen Real Madrid an, lassen sich einige Muster aus dem Backdoor-Cut wieder erkennen. Auch Villa bewegt sich lange Zeit im Rücken des Verteidigers, der seinen Körper (korrekt) zum Ball ausgerichtet hat und Villa bestenfalls im peripheren Sichtfeld behält.

Der Spanier bewegt sich, ähnlich wie Harris, nicht im höchsten Tempo. Das gibt dem Verteidiger (Sergio Ramos) das Gefühl, dass keine unmittelbare Gefahr von ihm ausgeht. Erst als Villa erkennt, dass Messi sich per Dribbling aus dem Druck befreit hat und der diagonale Passweg zwischen Ramos und Pepe offen ist, setzt er zum Sprint an.

Wichtig dabei wieder: Es erfolgt nicht nur ein Tempowechsel, sondern auch eine Richtungsänderung des Laufweges. Der Spanier läuft zuerst geradeaus Richtung Strafraumkante, eine eher ungefährliche Position. Erst als Villa den Sprint anzieht, richtet er seinen Laufweg diagonal zum Tor aus.

Damit überrascht er Ramos. Als Villa zum Sprint ansetzt, dreht Ramos sich zu ihm und läuft 2-3 Schritte rückwärts. Damit nimmt sich der Verteidiger selbst jegliche Dynamik (!) und muss schließlich mit ansehen, wie Villa das 4:0 erzielt.

Gemeinsamkeiten des Backdoor Cuts und des Tiefensprints

Wir konnten also feststellen, dass es zwischen dem Backdoor Cut im Basketball und dem hier dargelegten Tiefensprint im Fußball viele Gemeinsamkeiten gibt. Fassen wir die wichtigsten Aspekte nochmal zusammen:

Für das richtige Timing ist es unheimlich wichtig, das Sichtfeld des ballführenden Mitspielers zu prüfen und seine Passwinkel zu erkennen. Beginnt man den Sprint zu früh, nimmt man sich den Dynamikvorteil gegenüber dem Verteidiger, läuft ins Abseits oder bekommt den Pass gar nicht erst.

Wenn mich mein Mitspieler nicht sehen kann, kann mein Laufweg noch so gut sein – den Ball werde ich trotzdem nicht bekommen. Erst, wenn der Passweg offen ist und mein Mitspieler mich und die entstandene Lücke sehen kann, setze ich zum Sprint an.

Das Sichtfeld spielt aber noch eine andere Rolle bei unseren Beispielen, Devin Harris und David Villa: Beide Spieler nutzen aus, dass ihr direkter Gegenspieler auf den Ball schauen muss und sie nur im peripheren Sichtfeld behalten kann.  Villa und Harris gelingt es bis zum letzten Moment, dem Verteidiger das Gefühl zu geben, von ihnen ginge keine unmittelbare Gefahr aus.

Damit der Gegenspieler keinen Verdacht schöpft, bewegen sie sich nicht viel schneller als der ballführende Mitspieler und ihr Verteidiger. Harris stoppt gar kurz ab, um den Verteidiger dahingehend zu täuschen, dass er bereit für einen Wurf ist.

Kurz bevor sie zum Sprint ansetzen, verschwinden Villa und Harris dann gänzlich aus dem Sichtfeld des Gegenspielers. Ihre Verteidiger wissen im ersten Moment gar nicht, über welche Schulter sie sich drehen sollen. Sie wurden über ihre „blind side“ geschlagen.

Durch den plötzlichen Tempowechsel der Offensivspieler und dem kurzzeitigen „Freezen“ der Verteidiger sind Villa und Harris frei durch auf dem Weg zum Korb/Tor. Ihren Tempowechsel verbinden sie ebenfalls mit einem Richtungswechsel, vom vertikalen zum diagonalen Laufweg.

Das erschwert den Laufweg des Verteidigers, weil sich dieser eigentlich um 180 Grad drehen müsste: Das kostet aber viel Zeit. Außerdem sorgt es dafür, dass Villa und Harris schneller und näher an das Tor bzw. den Korb kommen, als wenn sie einen vertikalen Laufweg gewählt hätten.

Der Passgeber

Der Laufweg kann noch so gut sein, das Timing noch so perfekt, trotzdem ist der cuttende/zum Tor ziehende Spieler abhängig vom Passgeber. Spielt dieser den Pass nicht oder misslingt ihm der Pass, fällt kein Tor/Korb.

Das ist natürlich das schlechteste Szenario. Im Idealfall jedoch kommt der Pass natürlich an; und um das sicherzustellen, kann der Passgeber ebenfalls ein paar Tricks anwenden, um den Verteidiger zu täuschen.

LeBron James, den man in Fachkreisen als „ganz guten Basketballer“ bezeichnet, zeigt hier, wie das geht. Um die Verteidiger vom Korb weg- und zu ihm bzw. dem Shooter am Perimeter hinzuziehen, richtet er sein Sichtfeld sowie seinen kompletten Körper nach links zum Mitspieler aus.

Hektisch sprinten gleich zwei Verteidiger aus ihrer Position heraus, um den Pass zu verhindern, den LeBron vorgibt zu spielen. Dadurch öffnet sich der Weg zum Korb – Ante Zizic nutzt diesen Platz, zieht zum Korb und wird von LeBron angespielt. Dort ist er völlig frei und kann locker finishen.

Dabei darf man diesen Pass nicht mit einem No-Look Pass verwechseln! Beim No-Look Pass schaut der Passgeber irgendwo hin, nur nicht dahin, wohin er spielt. LeBron schaut hingegen zu einem außen postierten Mitspieler und verfolgt eine klare Intention:

Er schaut den Mitspieler an, um den Verteidigern zu suggerieren, dass er dort hinspielen wird. Er weiß,  dass sich die Verteidiger an seinem Blickfeld und seiner Körperstellung orientieren. LeBron nutzt das bewusst, um den Raum zu öffnen, in den er eigentlich spielen möchte.

Nutzung des Fake-Passes

Keine Frage, das funktioniert auch im Fußball. Mir ist allerdings bisher nur ein Spieler geläufig, der das Mittel des „Fake-Passes“ regelmäßig nutzt: Sergio Busquets.

Im gezeigten Beispiel lässt sich erkennen, wie der Spanier seinen gesamten Körper und sein Sichtfeld zum rechten Flügel ausrichtet. Der Verteidiger hat nun einen logischen Blackout – er lässt einen torgefährlich postierten Spieler offen, um den Spieler am Flügel unter Druck setzen zu können.

Busquets öffnet hier ebenfalls durch die Manipulation seiner Körperstellung ein Passfenster, dieses wird aber nicht dynamisch besetzt. Stattdessen nutzt der Spanier den Fake-Pass, um einen Spieler freizubekommen, der bereits eine feste Position hat.

Das Prinzip bleibt jedoch das gleiche: Ich schaue zu einem freien Mitspieler, um den Passweg zu einem bisher gedeckten, aber besser positionierten Mitspieler zu öffnen. Beim Tiefensprint/Cut zum Korb kann ich das auch ohne den Fake-Mitspieler nutzen:

Will ich den Ball innen vorbei spielen, wie z.B. beim Backdoor-Cut, schaue ich auf den Mitspieler und NICHT in den Raum, in den er cutten soll. Möchte ich den Ball z.B. beim Fußball außen am Verteidiger  vorbei in den Lauf spielen, schaue ich nach innen, damit der Verteidiger die innere Linie schließt und sich die äußere Linie öffnet.

Noch viel Potenzial – Backdoor Cut

Es zeigt sich: Der Passgeber kann nicht nur mit seinem Pass, sondern auch der Vorbereitung des Passes dafür sorgen, dass die Aktion des in die Tiefe gehenden Spielers erfolgreich ist. Wie auch beim Tiefensprint selbst sind das Entscheidende die Körperposition und das Blickfeld des Gegen- und Mitspielers.

Dabei lassen sich noch etwaige andere Mittel finden, mit denen die Gegenspieler getäuscht werden können: Der Passgeber kann verbale Ausrufe wie „Komm entgegen“ nutzen, um dem Verteidiger zu suggerieren, dass der Pass in den Fuß gespielt werden soll.

Der angreifende Spieler kann Handzeichen bewusst so einsetzen, dass der Verteidiger sie sieht. Im Video von Devin Harris zeigt sich, dass er seine Hände kurz vor dem Cut zusammenbringt, um den Verteidiger glauben zu lassen, er würde sich für einen Wurf von außen bereit machen.

Im Fußball könnte der Spieler auf den eigenen Fuß zeigen, um dem Mit- und Gegenspieler vermeintlich anzudeuten, dass man den Pass dorthin haben möchte. Der Kreativität sind dabei keine Grenzen gesetzt – Hauptsache, der Gegenspieler wird getäuscht und nicht der Mitspieler.

Basketball & Fußball – Gar nicht so unähnlich        

Der Tiefensprint im Fußball und der Backdoor-Cut im Basketball ist eine der vielen Gemeinsamkeiten der beiden Sportarten. Viele der Ideen und Konzepte in den Mannschaftssportarten ähneln sich: Sie tragen jedoch unterschiedliche Namen und sind in der Ausübung an die jeweilige Sportart angepasst.

Das „Block-Stellen“ im Basketball wurde bspw. längst für Standardsituationen im Fußball übernommen. Im Handball hingegen lässt sich hervorragend sehen, wie auch im Fußball eine tiefstehende Abwehr bespielt werden kann.

Bei den Fans im Fußball Manager kam meine angebliche Begeisterung für alle Sportarten dieser Welt gut an. Sieben Jahre danach muss ich feststellen: Für die eigene Arbeit als Trainer ist es ebenfalls äußerst nützlich, sich mit vielen Sportarten zu beschäftigen.

Mini-Anekdote

Dazu eine kleine Anekdote: Ich spiele in der Kreisliga – nicht wegen „Verletzungen“, sondern weil ich einfach so schlecht bin. Eine Zeit lang habe ich dort ebenfalls probiert, Passwege zwischen den Linien zu öffnen, indem ich auf einen außen postierten Mitspieler geschaut und mich dorthin ausgerichtet habe.

Der erwünschte Effekt blieb völlig aus. Meine Pässe wurden unpräziser und meine Gegenspieler reagierten überhaupt nicht auf meine veränderte Position. Nach einigen Spielen dämmerte es mir:

Die Gegenspieler sahen meine veränderte Position und mein verändertes Sichtfeld nicht als relevant für ihre Position an. Den meisten war vermutlich nie bewusst geworden, dass die Körperstellung und das Blickfeld des ballführenden Spielers gute Hinweise darauf sind, wohin der Ball als nächstes kommen könnte.

Tatsächlich entfalten bestimmte Aktionen erst auf höherem Niveau Wirkung. Die Spieler beginnen, antizipativer und intelligenter zu verteidigen. Gut für sie, schlecht für mich.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.