Strandfußball im Paradies

Bertrand Kai fällt auf, wenn er Fußball spielt. Nicht nur, weil er ein neongelbes Kapitänsarmband trägt und Stürmer ist. Es ist der Gesamteindruck, der ihn ausmacht: Der dichte, gekräuselte Kinnbart, die hochgesteckte Dreadlock- Konstruktion seiner Frisur, sein Umgang mit Gegner und Mitspieler. Im Ganzen, er stolziert über den Platz wie der Inbegriff des „ballackschen“ Capitano, zumindest nach dieser oberflächlichen Betrachtung. Im Gegensatz zum Original aus Deutschland hat Monsieur Kai allerdings einen Titel in seiner Sammlung, der Michael Ballack verwehrt blieb; nämlich der Gewinn der Champions League und das als Kapitän.

Wer sich jetzt denkt: Wer ist dieser Bertrand Kai und mit welchem Team hat der bitte die CL gewonnen, der stellt die falschen Fragen. Die entscheidende Frage ist nämlich: Welche Champions League hat er gewonnen? Der Name „Champions League“ ist nämlich so etwas wie ein Exportschlager. Tatsächlich heißen alle höchsten Kontinentalwettwerbe so, mit Ausnahme Nord- und Südamerikas: UEFA Champions League, AFC Champions League, African Champions League und die OFC Champions League. Bertrand Kai ist Kapitän von Hienghene Sport, dem amtierenden OFC Champions League-Sieger, OFC steht dabei für den Ozeanischen Fußballverband. Das heißt, da sich Australien aus der OFC in Richtung des asiatischen Fußballverbandes verabschiedet hat, um gegen stärkere Gegner zu spielen, die Teilnehmer an der OFC Champions League 2019 rekrutierten sich aus den besten Teams folgender Länder: Neuseeland, den Fidschi-Inseln, Tahiti, Vanuatu, Papua-Neuguinea, den Solomon-Inseln sowie Neukaledonien. Also die Definition von exotisch aus unserer eurozentrischen Sicht und, mit Blick auf die Landschaft, quasi Fußball im Paradies.

Auch Neukaledonien, Heimatland von Bertrand Kai und Hienghene Sport als auch des Finalgegners, der AS Magenta, ist keine Ausnahme. Der pazifische Inselstaat liegt im Nordosten von Australien, umgeben vom Neukaledonischen Barriereriff. Jedoch ist die Inselansammlung nicht komplett unabhängig, sondern ein autonomes französisches Überseegebiet, was zu der kuriosen Situation führt, dass die Sieger des Pokalwettbewerbs am Coupe de France teilnehmen. Die Inselgruppe besteht aus der Hauptinsel Grand Terre sowie einigen Nebeninseln, größtenteils im Osten der Hauptinsel. Auf dieser befinden sich auch die beiden Finalgegner. Während Hienghene, nach einer Eingeborenensprache Hyehen genannt, wie auch auf dem tollen Vereinslogo zu sehen ist, im Norden liegt, ist die AS Magenta zwar kein Big-City-Klub, stammt aber dennoch aus der sich im Süden befindlichen Hauptstadt Noumea.

OFC-Wappen

Das Finale war also eine rein neukaledonische Angelegenheit, eine Überraschung, da eigentlich die neuseeländischen Teams den Wettbewerb dominieren. Rein neukaledonisch deshalb, weil Noumea auch der Austragungsort des Finals war. Genauer gesagt wurde im Heimstadion der AS gespielt, dem Stade Numa-Daly Magenta.

Dessen Fassungsvermögen von 10.000 Zuschauern wurde zwar nicht ganz erreicht, aber gerade die Haupttribünen waren durchaus gut gefüllt. Die anwesenden Anhänger, nach offizieller Zählung 7000 Fans, machten aber ordentlich Lärm, nicht zuletzt aufgrund der zahlreichen und lautstarken Tröten und Pfeifen. Schon Wahnsinn, wie „the beautiful game“ auch am anderen Ende der Welt Menschen mobilisiert.

Die relativ niedrigen Tribünen sowie die Positionierung der Fernsehkamera ließen es auch zu, einen kleinen Einblick in das Geschehen außerhalb des von rot-weißen Flutlichtmasten umringten Stadion zu gewinnen. Im Hintergrund thronte nämlich eine vollständig bewaldete Bergkette, ins Licht gesetzt von der langsam im Pazifik verschwindenden Abendsonne, während in den Straßenzügen in unmittelbarer Nähe langsam das neukaledonische Nachtleben begann. An diesem 11. Mai vergangenen Jahres standen allerdings nicht die reichen Naturschätze des Landes, angeblich herrscht dort die größte Artenvielfalt per Quadratkilometer, sondern Fußball im Mittelpunkt.

Beach-Soccer auf Rasen

Und auch dieser war in jeder Hinsicht besonders. Wobei man zunächst denken könnte, in der Bundesliga um circa 2015 gelandet zu sein. Zwei 4-4-2-Teams, angelaufen wird kurz vor der Mittellinie und im Spielaufbau wird oft schnell der lange Ball gesucht. Warum war dieses Spiel dann doch so besonders? Wegen der Fußballkultur Ozeaniens! So sagt OFC- Funktionär Paul Toohey: „Die Spieler Ozeaniens sind auf Sand geboren, Beach-Soccer ist ihr Spiel!“ Seitdem sich der Strandfußball von Brasilien aus als organisierte Sportart über die ganze Welt verbreitet hat, ist er in den Pazifikregionen sehr beliebt. Die geographischen Gegebenheiten vor Ort sind hierfür der perfekte Entwicklungsbeschleuniger. So ist es kein Wunder, dass Ozeanien mit Tahiti einen zweimaligen WM-Finalisten stellt, während die deutsche Beachmannschaft auf Platz 29 der Weltrangliste herumdümpelt. Zudem finden sich, für die Größe des Verbandes sehr beachtlich, 4 Teams, unter anderem auch Neukaledonien, in den Top-50 der Rangliste. Generell stellt sich das Kräfteverhältnis, gemessen an der Weltrangliste und WM-Ergebnissen, deutlich diverser dar als beim „normalen“ Fußball.  Zwar ist Brasilien auch hier, mit deutlichem Abstand (14 Titel bei 20 WMs), Rekordweltmeister, allerdings finden sich nicht nur europäische und südamerikanische Teams in der Weltspitze. Die Brasilianer hatten gerade in den ersten Jahren einen großen Vorteil, da sich die Sportart an den Stränden des Landes erst entwickelt hat. Diese ersten Jahre sind auch noch gar nicht so lang her, die erste WM fand 1995 statt, seit 2005 ist der Wettbewerb unter dem Dach der FIFA. Auch Stars des Rasens fanden Gefallen am Kicken auf Sand. So lief beispielsweise Zico für Brasilien auf, während „König“ Eric Cantona Frankreich als Trainer, und vormaliger Spieler, zum Titel im Jahre 2005 führte.

Die Verbindung zwischen Beach-Soccer und dem OCL-Finale liegt in den Spielern selbst. Wie einer der englischen Kommentatoren beim späteren Klub-WM-Spiel Hienghenes bemerkte, spielen die meisten Akteure der Mannschaft auch für die Nationalmannschaft Neukaledoniens auf Sand; Felix Tagawa, der Coach, trainiert auch ebendiese Auswahl. Dementsprechend, bloß eben auf Rasen, in einem größeren Stadion und auf einem größeren Spielfeld, verlief das Finale. Es war, überspitzt gesagt, Beach-Soccer ohne Sand.

Denn die Besonderheit am Beach-Soccer ist eben der Untergrund. Sand erschwert lange Ballstafetten, es ist einfacher, wenn der Ball in der Luft ist. Dies führt zu einem hohen technischen Schwierigkeitsgrad, aber auch zu den vielen spektakulären Toren durch Fallrückzieher, Volleys und so weiter, wie man sie in den sporadisch in sozialen Netzwerken aufploppenden Highlight-Videos sieht.

Dieser „joga bonito“-Grundgedanke spielte, na klar, das Spiel stammt ja ursprünglich aus Brasilien, bei der Entstehung eine herausragende Rolle. Mit der zunehmenden Professionalisierung des Sports rückte aber immer mehr auch der physische Aspekt des Spiels in den Fokus. Wer im Urlaub schon mal am Strand laufen war, weiß, dass die Belastung deutlich höher als auf anderen Belägen ist. Deshalb ist die entsprechende körperliche Konstitution mitunter spielentscheidend. Denn auch die Spielweise hat sich in der letzten Dekade deutlich geändert. Angestoßen wurde diese Entwicklung von Russland, wie sich aus dem Beach-Soccer-Trainerhandbuch der FIFA entnehmen lässt (, welches natürlich nicht ohne ein seitengroßes Konterfei Gianni Infantinos auskommt). Die „Strand-Sbornaja“ unterband das schöne Spiel durch hohes Zustellen und Pressing, was immerhin seit 2011 zu zwei WM-Titeln und zweimal Bronze führte sowie zum vorläufigen Ende der brasilianischen Dominanz. Eine Entwicklung, die irgendwie bekannt vorkommt. Für einen Entwicklungsvergleich zwischen Mutter- und Tochtersportart ist hier jedoch leider kein Raum, der Kern dieser Erläuterung ist der beschriebene Dualismus zwischen Offensivgeist und vehementer Physis.

Jenen Dualismus gab es auch in Noumea zu sehen. Genau das machte das Spiel besonders. Die langen Bälle wurden nicht geschlagen, weil man mit dem Ball nichts anzufangen wusste, nein, es war Ausdruck der vom Strandfußball geprägten Spielkultur, bei der der Ball möglichst schnell und oft auch hoch nach vorne gespielt wird. Es war ein Offensivmittel, keine Hilflosigkeit. Die vorderen 4 Offensivakteure des jeweiligen 4-4-2/4-2-3-1 suchten ständig die Tiefe und das Dribbling, es entstanden Wellen um Wellen von Kontern und Gegenkontern; ein wahnwitziger Spielrhythmus. Zirkulation in der Abwehrkette gab es kaum zu sehen, dafür aber individuelle Kabinettstückchen und wilde Zweikämpfe.

Das Spiel war tatsächlich so etwas wie der feuchte Traum eines Kick &Rush-Fanatikers: Lange Bälle, an deren Zielort entweder eine vielversprechende Angriffsdynamik wartete oder, auch bedingt durch das aggressive Herausrücken der Viererketten bei Luftduellen, ein heißer Kampf um den Ball im Mittelfeld; es ging von Strafraum zu Strafraum und aus allen Lagen wurde geschossen. Die Sechser waren größtenteils nur bei der Balleroberung eingebunden und sammelten meistens nur in unmittelbar daran anschließenden Momenten der Ballsicherung zählbare Kontakte. Immer wieder flog der Ball über das halbe Spielfeld bis sich durch die „Stellungskämpfe“ im Mittelfeld eine solche Staffelung aufgetan hatte, bei der ein Tiefenlauf bedient werden und Raumgewinn erzielt werden konnte. Auch die durch Beach-Soccer geschulten motorischen Fähigkeiten stellten die Spieler zur Schau, etwa wenn es darum ging sich heroisch in Abschlüsse zu werfen oder Flanken einfach mal so per Seitfallzieher zu klären. Natürlich schlichen sich auch viele Fehler in diesen intensiven Aktionen mit enormen Gegnerdruck und diesem extrem vertikalen Fokus ein, was aber der Faszination keinen Abbruch tat.

Wirkliche Ruhephasen gab es nicht. Höchstens am Flügel traten mal kontrolliertere Situationen auf, wenn die Innenverteidiger direkt in die Breite spielten, öfter aber als Ausweichoption aus dem Gedränge im Zentrum nach einem hohen Ball. Hier machte die de-facto-Heimmannschaft der AS einen etwas besseren Eindruck mit gut getimten Gruppenabläufen. So über- oder vorderlief der Außenverteidiger, der Flügelspieler suchte die Schnittstelle und ein Stürmer bat sich für einen Doppelpass an. Insgesamt stand der Hauptstadtklub auch etwas höher als sein weiß-blau gekleideter Gegner um Bertrand Kai.

Dies bescherte zwar einige gute Gegenpressingmomente und führte dazu, dass bei Hienghene oft der Torwart eröffnen musste, dieser tat dies aber bereitwillig und seine Bälle konnten so den offenen Zwischenlinienraum freilegen, der nicht immer durch das besagte Herausrücken der Viererkette geschlossen werden konnte, wodurch immer eine latente Gefahrensituation vorlag. Gerade Bertrand Kai wusste dies zu nutzen und hatte so den Raum, um zu wühlenden Dribblings a la Diego Costa anzusetzen, wodurch er Zeit zum Nachrücken und Dynamikvorteile für den Rest der Offensivabteilung schaffte.

Über das ganze Spiel blieb die Intensität hoch, die generelle Struktur verschob sich erst nach dem Führungstreffer Mitte der zweiten Halbzeit leicht. Logischerweise rann Magenta jetzt an, Hienghene stellte weniger Personal für Konter ab, aber verteidigte das Führungstor trotz einiger Ausgleichschancen ins Ziel. Das Siegtor von Amy Roine stand dabei sinnbildlich für den Spielverlauf. Einer der unzähligen Mittelfeldkämpfe wurde durch eine kluge Weiterleitung aufgelöst, Roine erhielt das Leder hinter dem gegnerischen Mittelfeld im Mittelkreis der eigenen Hälfte. Er schaute kurz auf, bemerkte den Mangel an Anschlussoptionen und die geringen Erfolgsaussichten eines Dribblings und hielt dann einfach mal drauf. Sein Flugball wurde länger und länger, segelte über den Kopf des hilflosen AS-Keepers hinweg nach einmaligem Aufspringen ins Tor. Der Norden der Insel tobte, der Süden trug Trauer. Passender zum Spiel hätte das Tor gar nicht fallen können.

Siegerjubel

Pazifische Strandfußballer gegen spanische Allesgewinner

Durch den Sieg errang der Verein nicht nur die Trophäe, sondern auch das Recht nach Katar, zur Klub-WM, zu reisen. Als wahrer David zog das Amateurteam aus einem Ort mit weniger als 5000 Einwohnern in Richtung arabische Halbinsel, um sich mit der Elite der restlichen Kontinente zu messen.  Eine große Ehre als erste neukaledonische Mannschaft, wie Bertrand Kai, für den das Sprechen vor einer großen Reportergruppe sichtlich ungewohnt war, in der Pressekonferenz vor dem Spiel betonte.

Ungewohnt war auch der Gegner, der in Katar wartete. Es ging gegen den Gastgeber, dem Team von al-Sadd. Trainer der Mannschaft ist ein gewisser Xavi, im vergangenen Jahr schon im Gespräch nach Barcelona zurückzukehren, nachdem er den katarischen Topklub zur Meisterschaft in der heimischen Liga geführt hatte. Kapitän des Teams ist sein ehemaliger Rivale von Atletico, Gabi. Aktuell beträgt der Marktwert des gesamten Kaders circa 23 Millionen, natürlich kein Vergleich zu europäischen Verhältnissen, aber schon mehr als eine Dimension Unterschied zu den 675 Tausend Euro, die Hienghene laut Transfermarkt auf die Waage bringt. Zum Vergleich: Die beiden am niedrigsten bewerteten Regionalligisten in Deutschland, Optik Rathenow und der Bischofswerdaer FV aus der Regionalliga Nordost kommen auf jeweils 975.000 Euro.

Aber die Männer von der Insel waren wildentschlossen diese 20-Millionen- Lücke zu schließen. Schon nach einer halben Stunde schickte Gabi, seines Zeichens, unter anderem, spanischer Meister und Pokalsieger, giftige Blicke in Richtung seiner Gegenspieler ob deren physischer Gangart. Der Auftritt in Katar unterschied sich vom vorangegangenen Finale insofern, als dass es so wirkte, als wollte man den wilden Grundstil in ein „normaleres“ taktisches Korsett drücken, womit das Team gerade zu Beginn der Partie fremdelte. Das Ganze wirkte wie der Autor beim Abiball: Schon ein cooler Typ, der da im Anzug drinsteckt, aber so ganz passen tut der noch nicht.

Pressinglust gegen Ballbesitzdogma: Die Halbraum-Problematik

Grundlage der Idee des französischsprachigen Davids aus dem Pazifik war eine 4-1-4-1-Formation, welches aber gegen den, man will schon fast sagen natürlichen, Dominanzanspruch eines Xavi-Hernandez-Teams vor einige Probleme gestellt wurde. Dieser schickte sein Team in einem asymmetrischen 4-2-3-1-System auf den Rasen mit einem klaren Fokus auf den linken Halbraum, welcher sowohl vom aus der Tiefe aufrückenden Gabi, den abwechselnd einrückenden Außenbahnspielern als auch vom von links dorthin ziehenden Achter/Zehner Nam bespielt wurde. Auch Stürmer Bounedjah orientierte sich immer wieder dorthin.

Die Halbräume waren die entscheidende Zone in diesem Match. Denn die vorderen fünf Spieler von Hienghene waren sehr nach vorne ausgerichtet, stets bereit aus der Formation zu schießen, um zu pressen. Hinter ihnen standen dann die Halbräume beziehungsweise die Flügel offen. Bei der Betrachtung dieses Aspekts könnte das vorhin beschriebene „engere taktische Korsett“ auch ein Trugschluss sein, und zwar deshalb, weil der Spielrhythmus so anders war. Hienghene verschob größtenteils nur in seiner Defensivformation, was einfach einen disziplinierteren Eindruck erweckt, als wenn das Spiel größtenteils aus Abprallerduellen im Mittelfeld und deren Folgeaktionen besteht. Jedenfalls konnte al-Sadd diese individuelle Pressinglust gut ausspielen. Mit einem tiefen Sechser, welcher situativ von Gabi unterstützt wurde, sich anbietenden Außenverteidigern, welche aktiv am Aufbau teilnahmen und nicht nur stur die Breite gaben, wurde die Neukaledonier angelockt und in der Folge der Flügel, wo sich dann diagonale Aktionen anschlossen, oder der Halbraum selbst, besonders der Linke, angespielt, da das meist wenig kompakt ausgeführte Herausschieben gegen Gegner mit guten Blickfeld und Anschlussoptionen in den genannten Spielzonen von keinem Deckungsschatten der Welt kaschiert werden konnte.

Aufstellungen und Grundmuster bei Ballbesitz al-Sadd

Aber die Gäste von der Grand Terre passten sich allmählich an und konnten die Probleme mit kleineren Anpassungen entschärfen. So schoben die Achter nicht mehr ganz so bereitwillig hinaus, konnten so den Halbraum besser schützen, gerade auch bei den weiterhin häufigen Angriffsauslösungen über den Flügel, durch die al-Sadd sie nach hinten drängte, und sich bei einer erfolgten Penetration zusammenziehen und Druck ausüben.

Über das ganze Spiel war die unorthodoxe Spielweise nicht einfach für den Gegner. Zum einen war da die schon beschriebene phänomenale individuelle Restverteidigung voller Last-Second-Grätschen und Fallrückzieherklärungen (kleiner Funfact: Rechtsverteidiger Athale klärte in der ersten Halbzeit nach eigener Zählung dreimal per Seitfallzieher), aber auch nervige Nickligkeiten und Körpereinsatz, die den bösen Blick Gabis nach sich zogen. Zum anderen auch die, im ersten Moment nachteilige, generelle „Unruhe“ in der Formation, die es al-Sadd schwer machte. Die unbändige Lust, Zweikämpfe zu führen, und die damit verbundene aggressive Entscheidungsfindung beim Herausrücken, war für den Gegner schwer vorauszusagen, was hin und wieder zu überraschenden Ballverlusten im Mittelfeld führten, wenn beispielsweise der Innenverteidiger dort plötzlich auftauchte und nicht nur der Zweikampf mit diesem, sondern auch mit den rückwartspressenden Sechsern zu bewältigen war.

War der Ball einmal erobert, ging es ohne Kompromisse nach vorne. Hienghene erspielte sich nämlich durchaus Chancen. Die hohen und oft auch leicht zockenden Außenspieler waren eine ständige Herausforderung für die katarische Tiefensicherung und Roine hätte per Fallrückzieher fast noch ein Traumtor zu seiner Sammlung hinzugefügt.

Somit strahlten beide Seiten durchaus Gefahr aus, auch wenn die Millionentruppe aus dem Gastgeberland insgesamt doch druckvoller war. Dieser Eindruck entstand allein schon wegen des vielen Ballbesitz im gegnerischen Drittel, aber auch aufgrund des Potentials für gutes Tiefenspiel, wenn sie mal in den Halbraum eingedrungen waren. Bounedjah bat den Doppelpass an, die Außenverteidiger schoben mit an, die Außenspieler, auf links der La Liga-erfahrene Akram Afif, konnten direkte Duelle attackieren. Nach 26 Minuten ging al-Sadd durch Toptorjäger Bounedjah dann nicht unverdient in Führung, musste dann allerdings kurz nach der Halbzeit den Ausgleich schlucken. Auch dieses Tor Hienghenes passte in das Spielgeschehen: Bertrand Kai war vor dem ihn verfolgenden Innenverteidiger am Ball und verlängert in die offene Schnittstelle hinter jenem. Eigentlich schien es als würde IV-Kollege Khoukhi den Pass einfach ablaufen, aber ein beherzter Körpereinsatz von Roine verschaffte diesem den Ballbesitz und der Finalheld durfte nach längerem VAR-Check bezüglich dieser Balleroberung auch jubeln, weil er frei vorm Tor eiskalt vollendet hatte.

So lief das Spiel auch dann weiter, bis sich Felix Tagawa dazu entschied mit einer Einwechslung auf 4-4-2 umzustellen. Gedanke dahinter war womöglich einerseits erhöhte Präsenz im Konterspiel sowie Entlastung für Kai, aber auch ein besserer Zugriff auf das zumeist ungestörte Aufbauspiel der Kataris. Das ging aber zunächst nach hinten los. Zwar liefen die Spitzen gleich in der ersten Aktion nach dem Wechsel hoch an, sogleich zeigten sich aber die Probleme. Auch mit zwei Spielern in vorderster Front war Hienghene weiterhin in deutlicher Unterzahl, zudem nahm man Personal aus dem Mittelfeldzentrum, was problematische Folgen hatte.

Die Sechser konnten nicht mehr so wie vorher zum Flügel schieben, die deswegen weiter herausrückenden Außenverteidiger verloren die Bindung zu Viererkette und öffneten Raum hinter ihnen. Wenn die Sechser Läufe dorthin verfolgten, war das Zentrum nur noch spärlich besetzt. Zudem übernahm al-Sadd nun endgültig die Dominanz in den Halbräumen und erspielten sich dank ihrer passenden Raumbesetzung Chance um Chance. Aber der Fußballgott war mit dem tapferen Außenseiter und so brachte das Heimteam nur einen kurzen Moment etwas Zählbares auf die Anzeigetafel, bevor sich der Video-Schiedsrichter einschaltete und auf Abseits entschied. Außerdem setzte dann ein ähnlicher Lernprozess wie in der ersten Halbzeit ein. Der eingewechselte Kayara hielt sich nun klar hinter Kai und fungierte eher als vorderster Teil eines Mittelfelddreiecks mit den beiden Sechsern. Diese konnten so wieder weiträumiger verschieben, da sie von ihrem Zehner gedeckt wurden und dieser die offenen Räume auffüllte. So verteidigten die Mannen aus dem französischen Überseegebiet das Unentschieden und zwangen al-Sadd in die Verlängerung. Allein das war schon ein Wahnsinnserfolg für ein Team, welches man in Bezug auf finanzielle Verhältnisse neben dem späteren Sieger aus Liverpool wohl mit dem Labormikroskop suchen muss.

Klub-WMs & Heartbreak

Leider endet die Geschichte des gallischen Dorfs hier. In der 99. Minute ging der Gegner aus der „Qatari Stars League“ in Führung und in der 114. Minute wurde mit dem dritten Tor der letzte Nagel in den Sarg der wackeren Neukaledonier geklopft. Die Gründe lassen sich mit dem Führungstreffer kurz bevor die Uhr dreistellig wurde illustrieren: Bearune ging als Innenverteidiger gegen drei Gegenspieler ins Dribbling und verlor, wenig überraschend, den Ball, den ungenauen Steilpass in Richtung zwei völlig freier al-Sadd-Spieler konnte Abwehrchef Roy Kayara zwar erlaufen, seinen Rückpass nahm Torhüter Nyikeine allerdings in die Hände. Den fälligen indirekten Freistoß drosch Linksverteidiger Hassan an der sich auflösenden Mauer vorbei mittig ins Netz. Kondition ist gleich Konzentration ist gleich Entscheidungsfindung.

Damit reiht sich Hienghene Sport in die Liste seiner unglücklichen Vorgänger aus Ozeanien ein, die meist nicht über die Qualifikationsrunde hinauskamen. Nur Auckland City sorgte 2014 mit dem dritten Platz wirklich für Furore.

Trotzdem haben Bertrand Kai und seine Jungs von der Pazifikinsel den Allesgewinner Xavi gehörig ins Schwitzen gebracht. Und trotzdem haben sie immer noch die Champions League gewonnen. Als erstes Team aus Neukaledonien. Viel spannender ist auch die Tatsache, dass selbst in den entlegensten Orten der Welt, kleinen Felsen überwuchert von einer beispiellosen Flora, so viel Leidenschaft für diese Sportart besteht. Dass dieser Sport dort doch so anders ist als hier in Europa. Dafür lohnt sich der Blick über den Tellerrand.

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