Marcelo Bielsas „Wall-Pass“ – ein taktischer Blick

Marcelo Bielsa analysierte und verwissenschaftlichte den Fußballsport wie sonst wohl kein anderer Trainer seiner Zeit. Wiederholende Bewegungsabläufe einzelner Spieler, taktische Verhaltensmuster verschiedener Mannschaftsgruppen oder die Verschiedenheit einzelner technischer Ausführungen wie eine Flankenhereingabe, sind inhaltliche Aspekte, die Bielsa für sein Spiel adaptierte. Nach tausenden von untersuchten Spielen schien es so, dass Bielsa jedes Detail eines Fußballspiels entschlüsselt habe. Dass er diese positive Besessenheit auch von seinen Mitarbeitern verlangt, berichtet sein ehemaliger Assistenztrainer Claudio Vivas, der Bielsa bei der gemeinsamen Zeit bei Athletic Bilbao unterstützte. Vivas sagt, er habe vor den damaligen Europa-League Duellen gegen Manchester United insgesamt 57 Partien der Red Devils im Vorfeld analysiert, um Bielsa einem ausführlichen Gegnerbericht unterbreiten zu können. Diese tiefsinnige und umfangreiche Betrachtungsweise jeglicher Facetten des Spiels brachte Bielsa den Namen „El Loco“ (der Verrückte) und ist einer der Gründe, weshalb ihn Trainerfiguren wie Guardiola, Simeone oder Sampaoli als einen der einflussreichsten Trainer der Welt sehen.  Entsprechend dazu schrieb Tobias Escher in seinem Buch Die Zeit der Strategen sehr treffend und aufschlussreich:

„So wie Alexander von Humboldt die Flüsse und Hügel dieser Welt vermaß, begegnete Bielsa dem Fußballsport: Es gibt 29 verschiedene Formationen und 17 defensive Spielweise; 26 mögliche Bewegungen, mit denen ein Verteidiger seinem Gegenspieler den Ball abnehmen kann; fünf Wege, sich von der Deckung eines Gegenspielers zu befreien; 36 verschiedene Arten, wie Spieler über Pässe miteinander kommunizieren können […].“ 

Die Suche und Offenlegung all dieser spielspezifischen Merkmale, welche von Bielsa genannt werden, ist teilweise wie ein fußballerisches Detektivspiel. Besonders die unterschiedlichen und individuellen Bewegungsabläufe für Offensiv- und Defensivspieler, sowie die differenzierten Passarten kennt wohl zum Teil nur „El Loco“ selbst. 

Bielsa-Teams zeichnet ein sehr vertikaler und durchaus risikoreicher Stil im eigenen Ballbesitz aus. Auf der Grundlage dieser offensiven Spielauslegung im Spiel mit dem Ball, ist der „Wall-Pass“ eine häufig praktizierte Passstaffelmethode (bzw. Kommunikationsweg), um gegnerische Linien zu brechen und den Ballbesitz nachfolgend dynamisch vortragen zu können. Weiterhin kreiert dieses Passmuster einen Überraschungsmoment, welcher die Verteidigungsstruktur des Gegners aufreißt.

Ergänzend sollte man diesbezüglich anmerken, dass dieses Aktionsmuster selbsterklärend auch von anderen Mannschaften praktiziert wird, jedoch hat Marcelo Bielsa nachhaltig bewiesen, dass dies ein fundiertes Offensivschema seiner Spielweise ist, was nachfolgende Trainingsformen aus seiner Zeit in Bilbao zusätzlich unterstützen.

Positionierung und spezifisches Verhalten im eigenen Ballbesitz

Bei der Analyse dieses Pass-Stils sind sowohl gruppentaktische Aspekte im Ballbesitz zu betrachten als auch die technischen Merkmale der einzelnen Spieler. Durch das erfolgreiche Zusammensetzen beider Komponenten kann ein sehr rhythmischer Ballvortrag entstehen, welcher es ermöglicht die gegnerischen Linien effektiv zu überspielen und Abschlusssituationen vor dem gegnerischen Tor zu erzeugen.

Grundsituation beim beispielhaften Zuspiel aus dem rechten Halbraum. Drei Spieler befinden sich in einer Passlinie. Der zentrale Spiele wirft einen Deckungsschatten auf den tiefsten Anspielpunkt.

Unkonventionell für das Verhalten im eigenen Ballbesitz ist, dass sich drei Spieler in einer identischen (vertikalen/diagonalen) Passlinie befinden, da durch die Positionierung des zentralen Spielers ein Deckungsschatten auf den tiefsten Anspielpunkt geworfen wird. Für die von Bielsa präferierte Passkombination ist dieses ungewöhnliche Positionierungsverhalten jedoch fundamental, um für die verteidigende Mannschaft eine Möglichkeit des Pressingszugriffs zu kreieren.

Vorzugsweise wird der Pass aus einen der beiden Halbräume in das Sturmzentrum gespielt, was vor allem dafür sorgt, dass weitgehend diagonale Passverläufe vorherrschen. Häufig bildet der Stürmer in diesem Szenario den tiefsten Anspielpunkt und bindet in dieser Situation zudem die beiden zentralen Verteidiger des Gegners, was für die nachrückenden Spieler wichtig ist, da sich der Raum- und Aktionsvorsprung vergrößert.

„There are 36 different forms of communicating through a pass.“

Marcelo Bielsa
Ein Bild, das Gras, Mann enthält.

Automatisch generierte Beschreibung
Der Mittelspieler lässt den Ball durch und beläuft einen freien Raum im Rücken der Abwehr. Andererseits kann er das Zuspiel des Stürmers auch direkt als Klatschball erhalten.

Alle beteiligten Spieler dieser dreigliedrigen Passstafette besitzen ein hohes Maß an Bedeutung, wenn es zu einer zielgerichteten und sauberen Durchführung kommen soll.

Die Passhärte ist in diesem Fall als Kommunikationsmittel zu interpretieren, da dies für den zentralen Spieler das Signal gibt, dass dessen Angriffslinie überspielt wird. Der Spieler muss diesbezüglich erkennen und abwägen, inwiefern eine Ballannahme unter diesem Passtempo erfolgreich sein würde. Weiterhin ist das Durchlassen des Balls keinesfalls als technische Fähigkeit zu unterschätzen. Ein zu frühes Verlassen der Position würde es beispielsweise dem Verteidiger ermöglichen den Ball zu attackieren und einen Umschaltmoment einzuleiten. Andernfalls könnte der zentrale Spieler innerhalb einer unwirksamen Aufdrehbewegung das Spielgerät mit dem Standbein blocken, was ebenfalls einen Ballverlust bedeuten würde. Daher ist es essenziell das richtige Timing sowie Raumgefühl für den Ball und Mitspieler in dieser Aktion zu finden. Für diese Passkombination ist das Durchlassen des Balls der bedeutsamste Faktor, da dies einen Überraschungsmoment im eigenen Ballbesitz erzeugt und zudem auf die Dynamik des Ballvortrags positiv einwirkt.

Nachdem der Mittelspieler den Ball passiert hat, muss er umgehend seine Körperposition der neuen Spielrichtung anpassen, um den Klatschball des Stürmers empfangen zu können. Durch das Herausrücken des Verteidigers begünstigt durch das Antizipieren des Zuspiels, eröffnet dies vor allem Räume hinter der Viererkette des Gegners, welche dann zielstrebig belaufen werden. Grundsätzlich wird die Defensivstruktur des Gegners aufgebrochen. Je nach Zuspiel und Aktionsraum ist es für den Stürmer möglich das Zuspiel mit einem, maximal mit zwei Ballkontakten weiterzuleiten.

Wie erfolgreich eine derartige Ausübung des Wall-Passes in Strafraumnähe sein kann, offenbart das Führungstor von Athletic Bilbao im Gruppenspiel der Europa-League Saison 2011/2012 gegen Paris Saint-Germain.  

Durch die diagonale Denkweise hinsichtlich dieses Zuspiels werden im Übergang zum letzten Angriffsdrittel fünf Spieler von Paris überspielt. Der Tiefgang des Mittelspielers ist in dieser Situation deshalb gewinnbringend, da ein Klatschball des Stürmers eine situative und lokale Unterzahlsituation für Bilbao praktizieren würde.

Auch das Beispiel Chiles aus dem letzten Gruppenspiel der WM 2010 verdeutlicht die Effektivität der dargestellten Passmethode als Angriffsmittel. Wesentlich klarer kommt in der Szene der Dynamikvorteil der ballbesitzenden Mannschaft zum Vorschein. Nach dem Zuspiel aus dem Halbraum beläuft der Mittelspieler seine Position im dreigliedrigen Passgefüge sichtlich dynamischer als beim Szenenbeispiel von Bilbao. Das erhöhte Tempo zwingt den spanischen Verteidiger (Pique) seine Position zu verlassen, da dieser auf die Ballmitnahme des chilenischen Spielers spekuliert. Diese Antizipation seitens des Spaniers vergrößert den bespielbaren Raum für die Chilenen. Daher kann die Folgeaktion nahezu ohne größeren Gegnerdruck durchgeführt werden.

„El Locos“ Trainingsmethodik

Für das trainieren dieser Passstafette nutzt Marcelo Bielsa einen verhältnismäßig einfachen Übungsablauf, welcher einerseits als schlichte Passkombination durchgeführt werden kann. Anderseits kann diese Passfolge auch als Grundlage für einen darauffolgenden Torabschluss dienen.

Coachingpunkte für „Wall-Pass“ Methode

  • Staffelung der drei beteiligten Spieler -> Positionierung in einer Linie
  • sauberes durchlassen des Balls durch den Mittelspieler (Timing + Raumverhalten)
  • präzises und scharfes Passspiel auf den tiefsten Angriffspunkt
  • rechtzeitige Anpassung der Körperposition + Sichtfeld des zentralen Spielers betrachten
  • zielgerichteter Klatschball oder Steilpass in die Bewegung des Empfängers

Fazit

Der „Wall-Pass“ ist zweifelsohne eine effektive und zugleich simple Angriffsvariante um die gegnerischen Verteidigungslinien zu überspielen. In Anbetracht dessen, dass zudem die Verteidiger zu einem Pressingauslöser animiert werden, ermöglicht dieser Kombinationsrhytmus in tornahen Räumen eine Möglichkeit in Abschlüsse oder Vorlagen zu kreieren. Auch in Jugendmannschaften sollte es umsetzbar sein diesen Stil zu implizieren, um eine weitere Variante im Angriffsverhalten inne zu haben.

Kategorie Taktik, Taktiktheorie

Julius Riemann ist seit jeher absolut fußballaffin und hat vor vier Jahren mit dem Trainerdasein begonnen. Die Trainertätigkeiten von Bielsa, Sampaoli oder Guardiola verfolgt er äußerst interessiert. Er trainiert aktuell die U15 als Co-Trainer im NLZ des 1.FC Magdeburgs. Zusätzlich ist er als Videoanalyst beim Fußballverband Sachsen-Anhalt tätig. Ihr findet ihn auf Twitter unter @julius_riemann

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