RB Leipzig vs Atletico Madrid: Der wichtige Zwischenlinienraum

Für RasenBallsport Leipzig ist es das erste Mal, dass sie in der Champions League so weit kommen. Im Gegensatz ist Atletico Madrid bereits zum fünften Mal in sieben Jahren in der Runde der letzten Acht. Schon vor dem Spiel konnte man sich das typische Spiel von der spanischen Mannschaft, die von Trainer Diego Simeone trainiert wird, erwarten. Ein flaches 4-4-2 in dem hauptsächlich ein defensives Mittelfeldpressing ausgeübt wird. (Hier eine genauere Erläuterung zum Spielstil von Atletico Madrid: Details entscheiden – ein genauer Blick auf die Defensive von Atlético) Auf der anderen Seite stand Julian Nagelsmann, der sich gegen das tiefe 4-4-2 und ohne Timo Werner, der zum FC Chelsea wechselte, auf jeden Fall etwas einfallen ließ.

Abbildung 1: Die Startformation im Spiel zwischen RB Leipzig und Atletico Madrid

Leipzig mit hoher Besetzung im Zentrum

RB Leipzig startete im Ballbesitz in einem 3-1-5-1. Jedoch müsste man dabei beachten, dass in der Fünferkette im Mittelfeld die drei zentralen Spieler sich hauptsächlich im Raum zwischen der Abwehr und dem Mittelfeld bewegten. Besonders Dani Olmo, der als hängende Spitze agierte, befand sich oft zwischen den Innenverteidigern und den beiden Sechsern. Bei Christopher Nkunku und Marcel Sabitzer schaute dies ein wenig anders aus. Der Österreicher besetzte zwar zwischen den Linien den rechten Halbraum, ließ sich aber auch oft vor die gegnerische Mittelfeldreihe fallen und bewegte sich neben Kevin Kampl, der als Sechser spielte.

Zudem war auch auffällig, dass wenn der Ball auf den rechten Flügel gespielt wurde, Sabitzer aus dem Halbraum einen Lauf in die Tiefe startete, um gleich als Anspielstation zu dienen und eine mögliche Lücke zwischen Außen- und Innenverteidiger auszunutzen. So konnte Leipzig mit dem Prinzip „Spiel über den dritten Mann“ über den Flügel in das letzte Drittel gelangen. (Hier auch eine genauere Erklärung zum Prinzip: Das Spiel über den Dritten)

Abbildung 2: Leipzig am Flügel mit Spiel über den dritten Mann

Ging jedoch der Pass in die Tiefe nicht, schaffte Sabitzer mit seinem Lauf hinter die Abwehr Raum im Mittelfeld. Da er einen Gegenspieler mitzog, entstand freier Raum, in den der Mittelfeldspieler entweder passen oder hineindribbeln konnte.  Nkunku befand sich hauptsächlich im linken Halbraum, rückte aber oft auch auf den linken Flügel, um entweder mit Angelino Überzahl zu schaffen oder von der Außenbahn diagonale Dribblings in die Richtung des gegnerischen Tores zu machen.

Durch die hohe Besetzung im Zentrum versuchte Leipzig klare Überzahl in der Mitte zu schaffen und die beiden gegnerischen Sechser Saul Niguez und Hector Herrera in der Defensive zu überfordern. Kampl agierte vor der Dreierkette als einziger Sechser und war neben Dayot Upamecano hauptsächlich für den Spielaufbau in der 1. Ebene zuständig. Seine Positionen variierten oft im Ballbesitz. Das heißt, dass er sich je nach Situation vor der ersten Pressinglinie anbot oder oft auch hinter den beiden Stürmern vor der gegnerischen Mittelfeldreihe.

Der Slowene wurde auch oft von Herrera direkt attackiert und unter Druck gesetzt. Dadurch bildeten sich jedoch oft Lücken im Mittelfeld der Spanier, die Leipzig versuchte schnell zu bespielen. Oft rückte Herrera einige Male so weit nach vorne, sodass sich bei Atletico im Pressing ein 4-3-3 bildete und die Mittelfeldspieler enger zusammenrückten. Durch diese Staffelung im Mittelfeld gelang es Leipzig sehr gut im ersten und mittleren Drittel viel Kontrolle über das Spiel zu haben und auch immer wieder in das Angriffsdrittel zu gelangen.

RB Leipzig: Der Spielaufbau

Leipzig hatte gegen Atletico mehrere Lösungen parat. Falls die Spanier hoch anpressten, versuchten die Innenverteidiger oder Kampl mit einem vertikalen Pass oder einem Chipball so schnell wie möglich in die letzte Linie zu kommen. Besonders Yussuf Poulsen war der Zielspieler für solche Pässe, da er im Luftkampf viele Duelle gewinnen konnte und beim Ablegen oder Prallen lassen oft die richtige Entscheidung mit dem Ball traf. Wie zum Beispiel in der 22. Minute.

Leipzig
Abbildung 3: Leipzig findet eine Lösung gegen das hochpressende Atletico. Halstenberg spielte eine vertikalen diagonalen Pass zu Poulsen.

Agierte Atletico im typischen defensiven Pressing versuchte Leipzig vor allem die Flügel zu überladen und entweder von dort aus Richtung Tor zu gelangen oder nach dem Schaffen der Überzahl auf die andere Seite zu wechseln. Besonders Nkunku ließ sich oft auf den linken Flügel fallen. Das Überladen des linken Flügels geschah auch kurz vor dem 1:0.

Halstenberg hatte, weil Atletico sehr weit hinten in der eigenen Hälfte verteidigte, den Ball beinahe im letzten Drittel im Halbraum. Mit Nkunku, der sich bereits auf den Flügel bewegte und noch Olmo und Poulsen die dazu den linken Halbraum besetzten, hatte Leipzig sehr viele Anspielstationen in einem engen Raum. Daher musste Madrid auch sehr weit auf den linken Flügel verschieben und es ergab sich auf der anderen Seite Raum für Sabitzer. Nach dem sich RB aus dem engen Raum lösen konnte, bespielten sie mit schnellen kurzen Pässen den freien rechten Flügel und Sabitzer konnte mit einer Flanke das 1:0 durch Olmo auflegen.

Auf der rechten Außenbahn spielte diesmal Konrad Laimer. Der Österreicher wurde normalerweise im Zentrum aufgestellt, allerdings hatte die Idee von Nagelsmann den Mittelfeldspieler gegen Atletico auf den Flügel zu stellen einige Vorteile. Mit dem Ball ist Laimer nicht so kreativ, wie beispielsweise Kampl, und hätte dadurch ein wenig das Aufbauspiel der Leipziger gehindert. Zudem spielte der Österreicher sehr vertikal, was vor allem gegen Atletico half, da die Spanier in der defensive sehr eng standen und sich dadurch viel Platz auf den Flügel ergab.

Nun sind jedoch die Stärken von Laimer in der Defensive auf jeden Fall auf der Sechserposition. Er kann vertikale Pässe sehr gut antizipieren und hat dadurch mehrere Balleroberungen im Mittelfeld. Nagelsmann ließ daher seine Mannschaft gegen den Ball in einem 4-2-3-1 agieren. Das heißt, dass Angelino eine Position zurückrückte und mit der Dreierkette eine Viererabwehr bildete. Lukas Klostermann agierte daraufhin als rechter Außenverteidiger. Laimer rückte neben Kampl und bildete mit dem Slowenen die Sechser. Sabitzer und Nkunku waren die Außenbahnspieler und Yussuf Poulsen die einzige Spitze.

Solche reibungslosen Systemwechsel sind gut möglich, wenn einige Spieler auf mehreren Positionen spielen können. Klostermann kann als rechter Außenverteidiger und als rechter Innenverteidiger in der Dreierkette agieren. Dies gilt auch für Laimer und Sabitzer, die sowohl auf der Außenbahn und im Zentrum spielen können.


Atletico Madrid wurde von Leipzig bis zum ersten Treffer hoch angepresst. Poulsen versuchte beim Anlaufen den Spielaufbau auf eine Seite zu lenken. Dabei lief er den ballführenden Innenverteidiger in einem Bogen an und stellte somit die ballfernen Abwehrspieler in seinen Deckungsschatten.

Die Spanier bauten jedoch nicht immer nur mit der Viererkette auf. Vor allem nach 20 bis 30 Minuten in der ersten Halbzeit fingen die Sechser an aus dem Mittelfeld abzukippen. Vor allem Saul bewegte sich immer wieder zwischen oder auf die linke Seite der Innenverteidiger. Durch das Abkippen von Saul oder Herrera gab es bei Atletico eine Unterbesetzung im Zentrum und Leipzig wechselte auf eine 4-2-2-2-Formation im Pressing. Olmo rückte einfach eine Position höher, sodass Atletico in der ersten Aufbaulinie nicht 3 vs 1, sondern 3 vs 2 spielen musste.

Atleticos Probleme im Ballbesitz

Durch das Abkippen der Sechser gab es bei Madrid einen Spieler weniger im Zentrum. Zwar bewegte sich Koke vom Flügel immer wieder in den rechten Halbraum oder agierte als rechter Achter, allerdings standen sowohl Herrera als auch der Kapitän im Deckungsschatten der beiden Stürmer von Leipzig und waren kaum anspielbar. Die beiden tiefstehenden Sechser von den Spanien kamen den Leipziger entgegen, sodass Atletico nie über die Mitte nach vorne Spielen konnte.

Die meisten Offensivaktionen in der ersten Häfte von den Spaniern kamen über die linke Seite. Vor allem Renan Lodi und Yannick Carrasco konnten einige Male in das letzte Drittel gelangen. Lodi konnte besonders seine Dynamik mit dem Ball ausspielen und mehrmals in Flankenpositionen kommen. Carrasco strahlte durch seine Dribblings öfters Gefahr aus. Nach einer Passkombination von den beiden Außenbahnspielern kam Atletico auch gleich in der 13. Minute zu seiner großen Torchancen. Jedoch konnte Peter Gulasci den Schuss vom Belgier abwehren.

Upamecano ist erst 21! Und Gamechanger Joao Felix

Upamecano wechselte in der Saison 2016/17 von RB Salzburg zu RB Leipzig. Nun ist er einer der begehrtesten Innenverteidiger der Welt. Beim Spiel gegen Atletico konnte er dies wieder beweisen. 90% seiner Pässe waren erfolgreich, er gewann neun Zweikämpfe und von seinen drei versuchten Dribblings waren alle drei erfolgreich. Im Spielaufbau agiert der Franzose sehr klug. Er positionierte sich meistens richtig und war für seine Mitspieler oft anspielbar.

Besonders in der ersten Aufbaulinie , wenn Atletico hoch anpresste, bewegte er sich oft in den Sechserraum, sodass die Dreierkette mit Gulasci eine 1-2-1 Staffelung bildete und sie so die erste Pressinglinie leichter überspielen konnten. Besonders auch bei manchen Abstößen von Leipzig zu sehen. Neben seiner guten Positionierung kommt auch sein starkes Andribbeln dazu. Sobald er den Ball bekommt orientierte er sich nach vorne und wenn er Platz vor sich hatte, dribbelte er den freien Raum vor sich sofort an.

Zudem ist nach dem Andribbeln die Entscheidungfindung situationsgerecht.  Er findet oft den richtigen Pass, sodass seine Mannschaft einen großen Raumgewinn hat. Mehrmals konnte er zwischen den beiden gegnerischen Stürmern dribbeln und daraufhin einen Pass auf den Flügel spielen. Besonders auffällig waren seine Dribblings, nach dem er einen vertikalen pass antizipierte und den Ball erobern konnte. Daraufhin startete er ein Dribbling, spielte bis zu drei Gegenspieler aus und konnte somit einen Konter sofort wieder einleiten. Zusätzlich wurde er noch zum Man oft Match gewählt.

Atletico Madrid hatte bis zur 58. Minute große Probleme sich Chancen herauszuspielen. Allerdings kam daraufhin Joao Felix in die Partie. Er spielte neben Costa als hängende Spitze, Llorente rückte in das rechte Mittelfeld und Koke spielte daraufhin als Sechser. Felix bewegte sich vor allem Zwischenlinienraum der Mittfeld- und Abwehrreihe. Dort war er auch beinahe immer Anspielbar. Die Spanier spielte immer wieder vertikale Pässe zum jungen Offensivspieler, der sich nur aufdrehen musste und in die Richtung der gegnerischen Tores dribbeln konnte. Wie zum Beispiel in der 66. Minute.

Leipzig

Außerdem konnte er seine Stärken in 1 gegen 1 Situation sehr gut ausnützen. Er konnte immer wieder ins Dribbling gehen und entweder in das letzte Drittel gelangen oder ein Foul ziehen. Meistens bewegte er sich im linken Halbraum und startete von dort aus auch immer wieder diagonale Dribblings Richtung Tor. So konnte er auch den Elfmeter, den er selber verwandelte, herausholen.

Fazit

RB Leipzig kontrollierte mit viel Ballbesitz über die meiste Zeit das Spiel und konnte immer wieder in das letzte Drittel gelangen. Jedoch waren sie vor dem Tor viel zu ungenau und hatte oft unnötige Ballverluste oder Fehlpässe, sodass sie nicht zum Abschluss kamen. Dennoch konnten sie gegen die tiefstehenden Spanier in der 51. Minute eine Lösung finden und in Führung.

Atletico Madrid tat sich vor allem mit dem Ball in der ersten Halbzeit schwer Großchancen herauszuspielen. Erst nach dem ersten Gegentreffer, als Leipzig sich ein wenig zurückzog, und mit der Einwechslung von Felix konnten sie sich mehr Torchancen erspielen. Jedoch zeigte Leipzig in der 88. Minute ihr schnelles Umschaltspiel in die Offensive und konnte kurz vor Schluss noch den Siegtreffer erzielen. Somit zieht Leipzig in das Halbfinale der Champions League ein und spielt kommenden Dienstag gegen PSG.

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