Eine magische Nacht im leeren Stadion von Lissabon

Barcelona gegen Bayern München. Ein Aufeinandertreffen, dass bisher stets viele Tore versprach.

4:0 im Camp Nou 2009, als Pep Guardiolas Team auf dem Weg zur besten Mannschaft aller Zeiten einen desolaten FC Bayern mit einer Viererkette aus Massimo Oddo, Martin Demichelis, Breno und Christian Lell vorführte.

Oder der 4:0 Sieg der Bayern auf dem Weg zum Triple in der Allianz Arena, als die Katalanen nach vier Jahren Fußballdominanz von ihrem Tron gestoßen wurden.

Eigentlich war nur das Duell 2015 auf Augenhöhe. Keines der beiden Teams war auf dem Weg nach unten oder hatte noch eine viel zu schwache Mannschaft. Barcelona kam mit Messi, Suárez und Neymar, die Bayern mit ihrem dynamischen Positionsspiel unter Pep Guardiola. Verletzungsgebeutelt hielten die Bayern im Camp Nou lange mit, wollten nach dem 1:0 für die Katalanen aber unbedingt das Auswärtstor und verloren letztlich mit 3:0. Was hätten das für zwei Partien werden können, wenn bei den Bayern alle fit gewesen wären? Aber ohne Arjen Robben, Franck Ribéry und David Alaba hatten die Münchner keine Chance.

Seit jenem Aufeinandertreffen 2015 ist viel passiert. Barcelona gewann im gleichen Jahr den Titel – wie eigentlich immer, wenn der FC Barcelona auf Bayern München trifft. Der Sieger der Partie gewann letztlich auch den gesamten Wettbewerb. Die Bayern erreichten unter Guardiola 2016 nochmal das Halbfinale und konnten es mit Jupp Heynckes an der Seitenlinie 2018 wiederholen. Auch die Katalanen standen letzte Saison noch im Halbfinale und verspielten das 3:0 aus dem Hinspiel in Anfield.

Allerdings begann bei beiden Teams seit 2016 ein schleichender Prozess. Weder die Bayern noch Barcelona waren noch das dominierende Team in Europa. Plötzlich gab es andere Mannschaften. Neben dem Dauergewinner Real Madrid, zählten Teams wie Liverpool unter Jürgen Klopp oder Pep Guardiolas Manchester City zu den besten Teams der Welt.

Nicht ohne Grund beendeten beide FCBs die Zusammenarbeit mit ihren jeweiligen Trainern während der laufenden Saison. Ernesto Valverde wurde durch Quique Setién ersetzt und Hansi Flick übernahm bei den Bayern das Ruder von Niko Kovac. Eines unterscheidet die beiden Klubs jedoch. Während die Bayern unter Hansi Flick wieder zur absoluten Weltspitze zählen, quälen sich die Katalanen durch die Saison. In Barcelona stimmte eben mehr als der Trainer nicht. Es gibt keine erkennbare Philosophie mehr, die Transferpolitik ist total verrückt und folgt keinem wirklichen Konzept und auch vereinsintern scheint es mehr um politische Machtkämpfe als um den sportlichen Erfolg zu gehen.

Da ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass man diese Saison ohne Titel beenden wird. Ein alternder Lionel Messi kann vieles gradebiegen, jedoch eine schlechte Kaderzusammenstellung und einen fehlenden Plan gegen ein Topteam wie den FC Bayern nicht kompensieren. Zwar war das Ergebnis vom Freitag eine historische Schmach für die Katalanen – mit 2:8 auszuscheiden, und das vor allem in nur einem Spiel, könnte jedoch der Schuss vor den Bug gewesen sein, den man beim FC Barcelona benötigt.

Während die Katalanen wie eine Gruppe Solisten ohne klaren gemeinsamen Plan wirkte, zeigten die Bayern eine starke Teamleistung. Unter Hansi Flick gelingt es ihnen nämlich wieder als Einheit zu arbeiten. Darüber hinaus brachte Flick auch den Hunger auf Erfolg und das absolute Selbstbewusstsein zurück in die bayrische Landeshauptstadt. Diese Unterschiede zeigten sich wohl nirgends besser als im Pressing.

Warum man mit 9 Mann gegen den Ball im modernen Fußball nicht mehr erfolgreich sein kann

Der FC Barcelona quält sich eigentlich bereits seit Jahren mit einem großen Problem herum. So großartig die Offensivabteilung um Suárez und Messi ist, gegen den Ball sind sie meist nicht gewillt viele Meter zu machen. Insbesondere der Argentinier nimmt sich regelmäßig eine Auszeit, schiebt zwar in der ersten Welle noch mit, lässt aber abreißen, sobald der Ball in Barcas Hälfte transportiert wurde.

Auch Luis Suárez ist nicht unbedingt für seine starke Defensive bekannt. Letztlich führt das regelmäßig dazu, dass die Katalanen effektiv nur mit 8 Feldspielern plus Torhüter verteidigen. Die Bayern hatten gegen das intensitätslose Pressing deshalb leichtes Spiel und kamen regelmäßig sicher und ruhig in die gegnerische Hälfte und vor allem zwischen die Mittelfeld- und Abwehrlinie der Mannen von Quique Setién.

Prinzipiell agierten die Katalanen im 4-4-2 gegen den Ball, wobei Lionel Messi nicht als zweiter Stürmer neben Suárez anlief, sondern den rechten Halbraum, wie auch im Offensivspiel, besetzte. Dabei ist nicht ganz klar, ob es gewollt war, jedoch versperrte Messi so den linken Halbraum für die Bayern. David Alaba wurde aus diesem Grund im Aufbauspiel weniger präsent, die Bayern kamen häufiger über die rechte Seite, allerdings hat man dort mit Jerome Boateng einen spielerisch sehr starken Innenverteidiger, weswegen ein Lenken des Spielaufbaus auf halbrechts ohne Intensität im Pressing kein guter Plan sein kann.

Der Mann aus Uruguay hielt sich oft in zentraleren Zonen auf und sollte passiv als Block fungieren, der den Spielaufbau in eine Richtung lenken und gleichzeitig Thiago nicht sofort anspielbar machen sollte. Jedoch fehlte auch hier die Intensität im Anlaufen. Letztlich gelingt es einem Akteur gegen drei oder vier Bayernspieler nicht, einen echten Effekt durch das Anlaufen zu haben.

Durch die Asymmetrie aufgrund von Messi im rechten Halbraum, positionierte sich Arturo Vidal zu Beginn noch weiter vorne. Zum einen hätte er Boateng anlaufen können, was seltener passierte. Zum anderen sollte er wohl Thiago bewachen. Schob der Spanier aber leicht mit dem Ball mit, waren die Wege für Vidal zu weit. Recht schnell ließ er sich zurück in die Mittelfeldkette fallen, die besonders in Halbzeit 1 sehr passiv agierte und nur selten Thiago und Goretzka nennenswert unter Druck setzte.

Die Bayern wussten dieses passive Pressing zu brechen. Durch Boatengs Zeit am Ball konnte der Weltmeister von 2014 regelmäßig diagonale Bälle ins Zentrum chippen oder einen der Akteure zwischen den Linien bedienen. Hier bewegten sich gerade Gnabry, Müller und Lewandowski sehr geschickt hinter der Mittelfeldkette der Katalanen, waren anspielbar, stellten Überzahl her oder zogen in die Tiefe. Seltsamerweise blieb auch hier die Mittelfeldkette des FC Barcelonas vermehrt passiv. Die Folge, man schloss weder die Räume zwischen den Linien noch setzte man den Ballführenden unter Druck. Das Tor von Gnabry stellte die Probleme der Katalanen besonders heraus, als Leon Goretzka komplett offen zwischen den Linien angespielt werden konnte.

Auch über halblinks gelang es den Bayern Räume zu finden, da Messi nicht mit zurückarbeitete, konnten die Bayern nach einer Verlagerung auf Davies im linken Halbraum in Ruhe aufdrehen und das Spiel so diktieren. Insbesondere das hohe Tempo und die regelmäßige Vertikalität mittels Pässen oder Sprints in die Tiefe stellte die katalanische Defensive regelmäßig vor große Probleme.

Bayern macht es vor – hohe Intensität und maximale Variabilität im Pressing

Die Bayern hingegen haben sich unter Hansi Flick zur absoluten Pressingmaschine entwickelt. Selten habe ich ein Team, vielleicht Liverpool, mit dieser Intensität und Genauigkeit ein hohes Angriffspressing spielen sehen. Insbesondere ihre Variabilität stach besonders positiv hervor.

Grundsätzlich versuchten die Bayern im 4-2-3-1 zu pressen. Dabei wurde stets versucht den Gegner ins Zentrum zu lenken, um dort mit der starken Physis und hohen Intensität Bälle zu gewinnen. Damit dies gelingt, setzen die Bayern auf recht viele Mannorientierungen, um sofort Druck machen zu können. Gerade deshalb entstand aus dem 4-2-3-1 gegen Barca vereinzelt auch mal eine Raute, wenn sich Vidal mehr Richtung Zentrum orientierte.

Meist lief Robert Lewandowski dann Marc-André ter Stegen in einem Bogen an, um ihn primär nach halblinks zu lenken. Warum? Die Bayern hatten diese Seite als die spielerisch schwächere Seite ausgemacht, wahrscheinlich weil Lionel Messi denn rechten Halbraum besetzte. Die beiden Flügelspieler agierten verstärkt aus dem Halbraum heraus und konnten folglich den nächsten Pass sofort attackieren. Theoretisch könnten Perisic und Gnabry dann je nach Situation entscheiden, ob sie nach außen oder innen lenken würden. Aufgrund der hohen Präsenz der Bayern im Zentrum, ergibt es mehr Sinn den Gegner zum Pass ins Zentrum zu zwingen.

Den beiden Sechsern der Münchner kam zu Gute, dass den Katalanen regelmäßig die Anbindung nach vorne fehlte. Beide, Luis Suárez und Lionel Messi waren vom Rest des Teams abgeschnitten. Effektiv fehlte es dem FC Barcelona somit an der nötigen Tiefe, um das Münchner Pressing vor Probleme zu stellen.

Ließ sich Arturo Vidal in den Zehnerraum fallen, reagierten die Bayern recht einfach darauf. Thiago schob weiter nach hinten, Müller ließ sich auf eine Ebene mit Goretzka fallen und übernahm den Achter, während sich Robert Lewandowski um Sergio Busquets kümmerte. Serge Gnabry und Ivan Perisic hatten dann die Aufgabe hoch anzulaufen, den Spielaufbau auf eine Seite zu lenken und den Rhythmus von Barca so zu brechen. Speziell bei Abstößen konnte dieses Anlaufverhalten häufiger beobachtet werden.

Des Weiteren schoben Kimmich und Davies weit nach vorne und wären in der Lage gewesen die Außenverteidiger des Gegners zu pressen, auch wenn dies selten notwendig war. Aufgrund der bereits erwähnten schlechten Anbindung nach vorne, machte es den Bayern auch nichts aus gegen Suárez und Messi im 2vs2 zu verteidigen.

Neben diesen beiden Varianten konnte man bei den Bayern darüber hinaus auch vereinzelt ein 4-4-2 mit Müller neben Lewandowski oder ein 4-1-4-1 im tieferen Mittelfeldpressing beobachten. Letztlich kamen die Katalanen nie wirklich mit den unterschiedlichen Ansätzen der Bayern klar. Die fehlenden Flügelspieler bei den Katalanen machte es den Münchner letztlich aber auch recht einfach, denn so konnten die AV weiter nach vorne schieben, ohne Risiko einzugehen. Zwar versuchte Setién dies mit der Einwechslung von Antoine Griezmann zu korrigieren, jedoch ist auch der Franzose kein richtiger Flügelspieler.

Fazit

Nach dieser herben Klatsche wartet wohl wieder eine turbulente Sommerpause auf den FC Barcelona. Fakt ist, der Verlust der Spielphilosophie ist offensichtlich. Dies liegt nicht nur am Trainer, Setién steht eigentlich für dominantes Kurzpassspiel, sondern vor allem an der seltsamen Transferpolitik und der unpassenden Kaderzusammenstellung.

Die Bayern hingegen haben ihre Favoritenrolle auf den CL-Titel eindrucksvoll untermauert. Allerdings zeichnete sich bei den Münchnern eine Schwäche ab. Sobald sie mit ihrem aggressiven Herausrücken im Mittelfeld zu spät kommen und der Gegner einen Pass zwischen die Linien spielen kann, wird es gefährlich. So gelang es auch dem FC Barcelona in der Anfangsphase gefährlich zu werden. Man darf gespannt sein, ob Olympique Lyon diese Schwäche nutzen kann.

1 Kommentare

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