Lyon bezwingt ein untypisches Manchester City

Am Freitagabend standen sich im vierten und letzten Viertelfinale die Mannschaften von Manchester City und Olympique Lyon gegenüber. Hier besiegte das Team von Rudi Garcia die Citizens überraschend mit 3:1. In den Medien war der Schuldige schnell gefunden – Pep Guardiola hatte seine Mannschaft (wieder einmal in einem großen internationalen Spiel) zu stark an den Gegner angepasst und so den eigenen Stärken beraubt.

So wählte der Coach die ungewohnte Dreierkette und verzichtete dafür auf einen Spieler im Mittelfeldzentrum bzw. auf dem Flügel. Somit standen sich beide Mannschaften in ähnlichen Systemen gegenüber – Lyons 3-5-2 gegen das 3-4-3 von Manchester City.

Wie Lyon die Engländer schlagen konnte, welche Anpassungen Guardiola genau vornahm und ob er damit das Spiel tatsächlich „vercoacht“ hat, möchte ich in diesem Beitrag näher erläutern.

Die Grundordnungen

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Die Grundordnung beider Teams

Wie bereits in der Einleitung geschrieben, wählten beide Trainer eine Formation mit Dreier- bzw. Fünferkette. Während Lyon also an ihrem (mittlerweile) gewohnten 3-5-2 festhielt, lief Guardiolas Mannschaft in einem unüblichen 3-4-3 mit Kevin de Bruyne im rechten Halbraum und Fernandinho als rechtem Halbverteidiger neben Eric Garcia auf.

Schon zu Beginn der Begegnung zeigte sich, dass die Citizens in der Regel in einer anderen Formation spielen. Es wirkte, als gäbe es in der Spielfortsetzung keinerlei Automatismen und wichtige Räume wurden gar nicht oder zu spät besetzt.

Grundsätzlich stellte Guardiola nur drei echte Offensivspieler und dafür sieben Defensivspieler (Rodri und Gündogan sind eher für ihre Fähigkeiten im Spielaufbau und im Übergang ins letzte Drittel bekannt, weniger für Abschlussqualitäten, Dynamik und Tiefenläufe) auf. Das hatte zur Folge, dass sich zwischen diesen Mannschaftsteilen teilweise große Lücken auftaten, die nur sporadisch vom abkippenden de Bruyne gefüllt werden konnten. Dieser spielte nämlich im rechten Halbraum, kippte aber immer wieder ins Zentrum oder auf den Flügel ab.

Da Rodri in den Spielaufbau involviert war, war es in der Regel Gündogan allein, der tiefere Räume im Mittelfeldzentrum besetzte. Hier stand er allen drei Zentrumsspielern von OL gegenüber – eine Unterzahlsituation, die er sonst nur aus der anderen Perspektive kennt. Erschwerend hinzu kam, dass OL immer wieder mit losen Mannorientierungen arbeitete. Nicht nur die Abwehrkette stellte immer wieder engen Kontakt zu Jesus oder Sterling her. Auch im Mittelfeld wurde Gündogan relativ weiträumig von Aouar und Coqueret verfolgt. Bruno Guimaraes sicherte diese Bewegungen ab und stellte den Sechserraum sehr konstant zu.

Bezieht man die beiden Stürmer Lyons mit ein, die sich in der Regel relativ eng an Rodri orientierten (und teilweise sogar hinter ihm positioniert waren, um Kontakt zum Mittelfeld zu halten) und von dort aus auf den ballnahen Halbverteidiger schoben, ergab sich im Zentrum eine fünf gegen drei Überzahl pro Lyon.

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Überzahl OL im Mittelfeldzentrum

Manchesters Probleme im Ballbesitzspiel (dass ich das nochmal schreibe…)

Wie schon gesagt stellte Lyon im Mittelfeld Mannorientierungen her. Damit wurde garantiert, dass Gündogan über die gesamte Spielzeit weitgehend unscheinbar blieb.

Man merkte dem Spiel Manchesters deutlich an, dass ihnen der gewohnte zweite Achter fehlte, um zum einen den Übergang vom Aufbau ins letzte Drittel durch das Zentrum bzw. die Halbräume zu gewährleisten, zum anderen um Kontakt zwischen Sterling und de Bruyne herzustellen. Während der Engländer immer wieder zwischen Halb-und Innenverteidiger Lyons startete, ließ sich de Bruyne oft auf den Flügel fallen. Das hatte zur Folge, dass es zwar vereinzelte Läufe hinter die Kette gab, diese aber nicht bedient werden konnten. Gündogan war isoliert, de Bruyne im falschen Raum.

Die Rolle de Bruynes war insofern unglücklich, als dass er selbst am Besten zeigte, was dem Spiel Citys fehlte. In Guardiolas 4-3-3 gibt es selbstverständlich auch abkippende Flügelspieler, die sich eher im Zwischenlinienraum aufhalten (Bernardo Silva z.B.). Diese Läufe werden dann von einem der Achter ausbalanciert. Oft startet de Bruyne selbst zwischen Innen-und Außenverteidiger. Im 3-4-3 gegen OL gab es den Spieler, der diese Kippbewegungen ausbalanciert, schlicht nicht. Somit hing auch Gabriel Jesus weitgehend in der Luft, da er weder durch das Zentrum den Ball in den Fuß bekam, noch Hereingaben über die Flügel oder Halbräume verwerten konnte.

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Fehlende Besetzung des rechten Halbraumes

Die Grafik zeigt den freien (rechten Halb-)Raum, den City eigentlich nie konstant besetzen konnte. Genau diese Räume sind im Spiel Guardiolas aber eigentlich essentiell, um von dort entweder den Außenverteidiger oder einen tiefstartetenden Flügelspieler bzw. Achter hinter der Kette zu finden.

Schaut man sich die untenstehende Passmap (Quelle: BetweenThePosts) an, ergibt sich genau dieses Bild. Die Grafik zeigt erschreckend deutlich, woran es City fehlte. Der rechte Flügel war quasi nicht vorhanden.

Aus der Passmap lässt sich weiterhin erkennen, dass die Rollen von Rodri, Fernandinho und Walker nicht optimal aufeinander abgestimmt waren. Alle drei Spieler sind es guradiolatypisch gewohnt, den Spielaufbau voranzutreiben und dann das Spiel in das nächste Drittel zu verlagern. Fernandinho wahlweise als Sechser oder Innenverteidiger, Rodri als zentraler Spieler vor der Abwehr und Kyle Walker als Teil der Dreierkette, die City situativ im Aufbau erzeugt. Aus diesem Grund waren alle drei Spieler zu defensiv orientiert, sie konnten sich nicht von ihren gewohnten Aufgaben freimachen.

Passmap zeigt die Probleme Manchesters

Kyle Walker hätte die Außenverteidigerposition (bzw. Wingback als Teil der Dreier-/Fünferkette) deutlich offensiver und damit klassischer interpretieren müssen, um einerseits die Bewegungen de Bruynes abzufangen, andererseits aber auch um eine tiefe Anspielstation zu schaffen, die City auf dieser Seite nahezu komplett fehlte. Zum Ende der Saison hat Guardiola Walker immer wieder als klassischen, die Linie beackernden Außenverteidiger eingesetzt. Dementsprechend überraschte es, dass der Engländer diese Rolle nicht auch gegen OL spielte.

Übrigens zeigt die Passmap auch sehr gut, in welchen Räumen Gündogan den Ball erhielt. Lyon ließ ihn im Aufbau an den Ball kommen. Sobald er allerdings tiefere Räume besetzte, wurde er von einem Mittelfeldspieler Lyons begleitet – ein Spiel durch das Zentrum war nicht möglich.

Cornets Schlüsselrolle

Ein Champions League Viertelfinale gewinnt man natürlich nicht ausschließlich, weil der Gegner seinen eigenen Plan vollständig verwirft und die Anpassungen nicht funktionieren. Olympique Lyon lieferte ein taktisch diszipliniertes Spiel ab und setzte die Vorgaben Rudi Garcias über die gesamte Spielzeit gut um. Betrachtet man nur diesen Aspekt des Spiels (und ignoriert die xG-Werte vollständig) war der Sieg sogar verdient.

OL lief im typischen 3-5-2/5-3-2 auf und hatte damit quasi automatisch eine sehr gute Antwort auf das Spiel von Manchester City. Die Dreierkette in der Abwehr agierte relativ mannorientiert und kümmerte sich hauptsächlich um Gabriel Jesus und Sterling, das Mittelfeld orientierte sich an Gündogan und vorne wurde Rodri aus dem Spiel genommen. Somit blieb Manchester nur die Verlagerung über beide Halbverteidiger. In diesen Momenten rückte der ballnahe Stürmer aus dem Zentrum und lief den Verteidiger der Citizens an. Da das Zentrum in Überzahl von OL besetzt war und es auf den Flügel immer wieder zu direkten Duellen kam, blieb Manchester oft nur die Verlagerung zurück oder der lange Ball.

Im Mittelfeldpressing wurde City dann aggressiver angelaufen, auch die beiden Stürmer arbeiteten relativ diszipliniert im Rückwärtspressing.

In kurzen Phasen variierte Lyon sein Spiel gegen den Ball und wurde ein wenig aktiver. Dann schob Aouar aus dem Mittelfeld eine Linie nach vorn und OL spielte in direkten Mannorientierungen gegen die Abwehrreihe von City. Diesen aggressiveren Ansatz konnte sich Lyon erlauben, da auch dann noch (mindestens) Gleichzahl im Mittelfeld herrschte.

Sollte es City wider erwarten schaffen, in das nächste Drittel zu kommen, starteten Sterling und Jesus gewohnterweise tief. Diese Läufe wurden durch die Mannorientierungen gut aufgenommen. Oft wurde die Dreierkette sogar selbst aktiv und blockteentweder die Pässe sofort oder fing den Pass durch Herausrücken selbst ab. Lyon zeigte, wie man durch bewusstes, aktives Verteidigen das Spiel des Gegners im letzten Drittel weitgehend komplett kontrollieren kann.

Da das Zentrum vollständig in französischer Hand war, blieb Guardiolas Mannschaft oft nur der Weg über die Flügel. Hier ergaben sich automatisch direkte Duelle, da die beiden Außenspieler von OL sehr diszipliniert die Dreierkette auffüllten. Diese direkten Duelle unterband Lyon, indem ein Spieler aus dem Mittelfeldzentrum immer wieder mit nach außen schob, um eine 2 gegen 1 Überzahl zu schaffen. Besonders Cancelo versuchte es immer wieder mit geradlinigen Dribblings den Flügel entlang und wurde dann spätestens vom herausrückenden Mittelfeldspieler gestoppt.

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Rolle Cornets + Situation am Flügel

Eine wichtige Rolle im Spiel mit dem Ball nahm Maxwell Cornet ein. Der Nationalspieler der Elfenbeinküste (2018 fast in Wolfsburg gelandet) erzielte nicht nur den Treffer zum 1:0 sondern sorgte mit seiner Positionierung über die gesamte Spielzeit für entscheidenden Vorteile für seine Mannschaft.

Die Grafik zeigt eine typische Aufbausituation von OL. Während Dubois nur vereinzelt hoch schob (siehe Grafik) und in der Regel den Raum des Außenverteidigers besetzte, positionierte sich Cornet stets auf Höhe der letzten Linie von Lyon. Damit zwang er einerseits Walker zurück in die eigene Abwehrkette und schuf damit Raum für seine Mitspieler, zum anderen konnte OL über die eigene linke Seite sehr sicher aufbauen.

Hierfür nahm Marcal eine höhere Position ein, die eher einem linken Außenverteidiger ähnelte. Damit hielt Lyon Anschluss an Cornet und garantierte, dass dieser auch zuverlässig an den Ball kam. Die beiden übrigen Verteidiger standen dann sehr breit – OL baute aus einer normalen Viererkette und mit einem Sechser davor auf.

Auf diese Weise drängte der Tabellensiebte der französischen Liga den englischen Vizemeister (ja die Platzierungen wurden bewusst nochmal erwähnt) immer wieder zurück und konnte das Spiel relativ sicher aufbauen. An dieser Stelle muss man dazu sagen, dass diese Situation natürlich sehr selten waren. Oft eroberte Lyon den Ball in tiefen Zonen und schaltete dann schnell um. Allerdings war die Postionierung Cornets auch hierfür essentiell, deshalb wollte ich die Ausgangssituation trotzdem näher beschreiben.

In jedem Fall war es das Ziel Lyons den Ball zu gewinnen und dann über beide Stürmer, Cornet und die nachrückenden Mittelfeldspieler zu schnellen Abschlüssen zu kommen.

Guardiolas Anpassungen – die unendliche Geschichte

Ich möchte kurz nochmal auf das (in den Medien omnipräsente) Thema der Anpassungen durch Guardiola eingehen. Wieder hat er in einem großen Spiel nicht auf seine standardmäßige Herangehensweise vertraut und sich zu sehr an den Gegner angepasst. Wie viele Gedanken sich der Spanier über den Gegner macht und wie penibel er scheinbar auch im Tabellensiebten der Ligue 1 noch nach gefährlichen Abläufen sucht, zeigt, dass Guardiola den Erfolg seiner Mannschaft immer auch ein stückweit auf sich bezieht. Scheinbar möchte er in solchen Spielen den alles entscheidenden, vollkommen überraschenden Plan aus dem Hut zaubern, der seine Mannschaft zum erfolg und schlussendlich zum Titel führt.

In diesem Spiel zeigte sich mit der Einwechslung von Mahrez, dass Guardiola besser seinem Standardplan (und Formation) treu geblieben wäre. Ab der 60. Minute spielte City im gewohnten 4-2-3-1/4-3-3 und dominierte Lyon nach Belieben. Plötzlich war das Zentrum wieder gut besetzt, es gab eine Anbindung zu Jesus und den Flügelspielern und City kombinierte sich sicher durchs Zentrum.

Der optimale Matchplan gegen Lyon wäre (ironischerweise) das gewohnte 4-3-3 gewesen und nicht die Umstellung auf Dreierkette. Guardiola hat wieder einmal zu wenig auf die eigenen Stärken vertraut und zu viele Zugeständnisse an den Gegner gemacht.

Fazit

Lyon setzt sich im Viertelfinale der Champions League durch und trifft nun auf den FC Bayern. Wäre City sich selbst treu geblieben, sähe das anstehenden Halbfinale wahrscheinlich anders aus und es hätte ein Wiedersehen mit Guardiola und den Bayern gegeben.

So aber bezwang OL den englischen Vizemeister besonders Dank der Rolle Maxwell Cornets und dem Joker Dembele.

Für die nächste Saison wünsche ich mir einen Pep Guardiola, der sich treu bleibt und auf die eigenen Stärken vertraut.

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