Tuchel schlägt Nagelsmann im Halbfinale der Champions League

Das Champions League Turnier in Lissabon neigt sich dem Ende zu und so fand am Dienstag das erste Halbfinale statt. Der Überraschungs-Halbfinalist aus Leipzig traf hier auf Paris Saint Germain um die Superstars Neymar und Kylian Mbappe. Gleichzeitig standen mit Julian Nagelsmann und Thomas Tuchel zwei deutsche Trainer aufeinander, die sich nicht nur persönlich sehr gut kennen, sondern auch für taktische Kniffe und schnelle Anpassungen stehen. Am Ende stand ein 3:0 Sieg der Pariser, die erstmals seit der Übernahme durch den katarischen Investor in das Finale der Champions League treffen. Wie PSG Leipzig schlagen konnte und ob die beiden Trainer taktisch tatsächlich aus dem Vollen schöpften, möchte ich hier kurz erläutern.

Die Grundformationen

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Leipzig im 4-1-4-1, PSG im 4-3-3

Zu Beginn der Partie zeigte sich schnell, wie beide Trainer das Spiel angehen wollten. Während Tuchels PSG sofort versuchte, mit langen Ballbesitzphasen die Kontrolle zu übernehmen, agierten die Roten Bullen eher abwartend in einem 4-1-4-1. Dem gegenüber stand eine 4-3-3 Anordnung von Paris, die sich allerdings in den seltensten Fällen als solche erkennen ließ. Beide Teams interpretierten die Formationen sehr beliebig, erste Referenzpunkte waren Ball und Gegner. Wurde ein freier Raum erkannt, wurde dieser besetzt. Hier zeigte sich, wie variabel beide Mannschaften auftreten können.

Es wurde das erwartet taktisch geprägte Spiel, in dem beide Trainer immer wieder die Grundordnung anpassten. Insgesamt blieb PSG über die gesamten 90 Minuten spielbestimmend, Leipzig erspielte sich kaum zwingende Torchancen. Auffällig war (und dieser Aspekt wurde nach dem Spiel von Nagelsmann sehr offen kommuniziert) wie viele Fouls RB beging. Dies war nicht ihrem unfairen, überharten Spiel geschuldet, stattdessen kamen sie einfach sehr oft zu spät in die Zweikampfsituationen – oft auf Kosten eines Fouls. Hier zeigte sich der individuelle Qualitätsunterschied noch am Deutlichsten.

Leipzigs Spiel mit dem Ball

Wie bereits angesprochen, bestimmte Paris über lange Zeit das Spiel. Oftmals war Leipzig „gezwungen“ das Spiel per Abstoß fortzusetzen, nachdem PSG zum Abschluss gekommen war. Eigentlich eine richtig gute Chance die Kontrolle über das Spiel in die Hand zu nehmen und kontrolliert im ersten Drittel aufzubauen.

Hierfür wurde eine Dreierkette genutzt, die Mukiele, Upamecano und Klostermann bildeten. Situativ besetzte Upamecano den Sechserraum, um diagonale Passoptionen für die beiden Innenverteidiger zu schaffen. Die zentralen Mittelfeldspieler Leipzigs konnten in der Folge tiefere Räume besetzen. Die gesamte Spielanlage gestaltete sich recht asymmetrisch. Angelino und Laimer besetzten die Flügel. Während jedoch Laimer auf der rechten Seite hoch stand und somit von Bernat aufgenommen wurde, blieb Angelino tief. Da Nkunku Kehrer auf der letzten Linie band (dieser rückte allerdings situativ sehr gut nach vorn), blieb Angelino frei.

So war es in der Regel ein Flugball von Peter Gulacsi auf den Spanier, der Leipzig aus dem sehr hohen Pariser Pressing befreite. Sofort rückte allerdings der ballnahe Achter auf Außen, sodass Leipzig selten kontrolliert aufbauen konnte. Durch die Positionierung Upamecanos war der zentrale Raum in der letzten Leipziger Linie relativ frei, sodass Ballverluste Angelinos in der Regel zu gefährlichen, weil schnell ausgespielten Situationen (und einem aberkannten Tor) führten.

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Angelino als freier Spieler gegen Pariser Angriffspressing

Leipzig hatte im Aufbau immer dann Probleme, wenn Paris mit allen drei Offensivspielern anlief. Hier reagierte im Laufe des Spiels Marcel Sabitzer sehr gut, indem er neben Kampl auf die Sechserposition rückte, um eine 3-2 (bzw 2-3 mit Upamecano im Mittelfeld) Struktur zu schaffen. Hier wurden dann die Anschlussaktionen Leipzigs relativ unsauber. Sie konnten zwar die erste Pressingreihe überspielen, fanden dann aber keinen Anschluss an die eigenen Offensivspieler. In der Regel ging der Ball sofort wieder über die Außenspieler nach vorn – das hieß wenig Kontrolle und viele schnelle Ballverluste.

Ab der 30. Minute stellte Nagelsmann erstmals um. Leipzig spielte nun ein relatives klares 4-4-2 (4-4-1-1) gegen den Ball, das mit eigenem Ballbesitz zu einem 3-1-4-2 (Laimer als rechter Wingback, genau wie gegen Atletico) wurde. Die Umstellung erleichterte Leipzig in gewisser Weise den Spielaufbau, jedoch kamen sie nie gefährlich in das letzte Pariser Drittel.

Das Ballbesitzspiel von PSG

Pariser spielte den eigenen Ballbesitz deutlich kontrollierter aus. Trotz ständiger Positionswechsel und absoluter Freiheit für Mbappe und Neymar ließen sich einige Abläufe über die gesamte Partie wiedererkennen. So kippte Achter Paredes immer wieder nach links ab und positionierte sich neben Kimpembe. Damit konnte Juan Bernat höher schieben und Konrad Laimer binden, sodass sich Paredes dem Pressing der Leipziger ein Stück weit entzog. Leipzig reagierte darauf, indem Sabitzer diagonal nach außen anlief während Poulsen das Zentrum verstellte.

Insgesamt war der Spielaufbau PSGs sehr linkslastig. Natürlich liegt das an den spielstarken Presnel Kimpembe und Leandro Paredes, die beide fast schon allein für den Spielaufbau zuständig waren. Leipzigs Plan, im 4-1-4-1 Mittelfeldpressing relativ abwartend zu agieren, stellte sich dennoch als recht erfolgversprechend heraus. Sabitzer schob wie gesagt auf Paredes, der dann eigentlich nur noch verlagern konnte. Selten ergaben sich Lücken im Zwischenlinienraum, da dieser (ballnah) aufgrund der tiefereren Positionierung ja erstmal besetzt werden musste. Hierfür spielte Neymar eine wichtige Rolle, der immer wieder das Sturmzentrum verließ, um eben diesen Raum zu besetzen.

Raumgewinn erzielte PSG dementsprechend nur, wenn Neymar zwischen den Linien gefunden wurde oder Leipzig über die Außen überspielt werden konnte (hier hatte Bernat relativ viele Situationen, da Mukiele aufgrund von Mbappe eher tiefer agierte). Oft lief Poulsen die Pariser Innenverteidiger übermotiviert (und allein) an, auch in solchen Situationen konnte PSG gute Lösungen finden. Um Marquinhos weiter aus dem Spiel zu nehmen, musste Kampl aufrücken und damit seine raumfüllende, balancierende Rolle zwischen den Linien aufgeben. Infolgedessen positionierten sich Sabitzer und Dani Olmp enger, um auf das Fehlen Kampls zu reagieren.

Paredes kippt links ab, Neymar verlässt das Sturmzentrum

Paris löste diese Situationen über Marquinhos und Paredes (wieder links neben Kimpembe) sehr konstant auf, da Sabitzer nun weitere Wege im Pressing hatte. Auch der frühe Treffer (nach Freistoß, bei dem Kimpembe Poulsen wegblockt und so Raum für Marquinhos schuf) kam der Mannschaft von Thomas Tuchel entgegen, da Leipzig nun riskanter agieren musste. Das Aufrücken Kampls hatte außerdem zur Folge, dass der Zwischenlinienraum einfacher von Neymar und Herrera besetzt werden konnte.

Paris besetzt den Zwischenlinienraum

In diesen Situationen agierte PSG in einem asymmetrischen 4-2-2-2 mit den beiden nominellen Flügelspielern Mbappe und di Maria als einrückende Stürmer. Sobald Paredes freigespielt war bzw. Marquinhos in offener Stellung den Ball erhielt, besetzten Neymar und Herrera offensivere Räume. Neymar rückte hierfür wie erwähnt aus dem Sturmzentrum heraus. Das hatte zur Folge, dass die Leipziger Viererkette etwas enger zusammenschieben musste, um die eigene Position an die beiden „neuen“ Stürmer di Maria und Mbappe anzupassen, die in der Regel sehr breit agierten und dann diagonal zwischen Außen- und Innenverteidiger hinter die Kette starteten.

Da Leipzig nun enger stand, hatte Paris neben der angesprochenen Option der tiefen Bälle von Neymar oder Herrera hinter die Kette auch die Chance, über die beiden Außenverteidiger weiterzuspielen. Beide agierten sehr offensiv und gaben dem Pariser Spiel eine gute Breite. Besonders Bernat kam oft an den Ball. Mbappe reagierte darauf gut, indem er aus dem Zentrum nach außen kam, um Bernat entweder eine kurze Option zu schaffen, damit dieser hinter die Kette starten kann oder indem der Franzose selbst den Tiefenlauf machte.

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Engere Kette von RB, diagonal startende Pariser Stürmer

Die Umstellungen nach der Halbzeit

Nach der Halbzeit war Nagelsmann beim Stand von 2:0 gezwungen, mehr ins Risiko zu gehen. Mit Schick und Forsberg für Olmo und Nkunku brachte er nicht nur andere Spielertypen auf den Platz, sondern änderte auch die Grundordnung. Leipzig agierte nun mit zwei klaren Stürmern und zwei offensiven Mittelfeldspielern im 4-2-2-2 bzw. 3-1-4-2.

Das Spiel blieb in seinen Abläufen dennoch relativ gleich – Paris hatte den Ball, suchte nach Lösungen und fand diese vor allem dank höherer individueller Qualität. Leipzig wurde im Pressing aggressiver, suchte schnelle Ballgewinne oder weiterhin nach Lösungen im eigenen Ballbesitz. Schlussendlich gewann Paris verdient und steht nun Im Champions League Finale.

Fazit

Der Sieg Tuchels über die Roten Bullen von Julian Nagelsmann geht in jedem Fall in Ordnung. Paris fand konstanter Lösungen im eigenen Spiel mit dem Ball und auch das Pressing stellte die Leipziger vor Probleme. Oft blieb hier nur der lange Ball. RB hat dennoch gezeigt, wie weit es eine Mannschaft mit klarem Plan bringen kann, die im Kollektiv agiert und vom Trainerteam gut auf den Gegner eingestellt wurde.

Für Paris geht es am Sonntag gegen den FC Bayern um sehr viel mehr. Die Mannschaft von Thomas Tuchel ist fast schon gezwungen endlich den Titel zu holen. Besonders dank der hohen Geschwindigkeit der Offensivspieler scheint ein Sieg möglich.

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