Interview mit Laurent Schorsch

Laurent Schorsch spielte in der Jugend bei RC Ledonien in der höchsten französischen Nachwuchsliga. Seit 15 Jahren betreut er die Frauenmannschaft bei der Alemannia Zähringen in Freiburg und konnte die Mannschaft von der Bezirksliga bis in die Oberliga führen. Gemeinsam mit dem NLZ des SC Freiburg hat der selbstständige Software-Entwickler das fragebogenbasierte Tool myFeedback entwickelt, welches u.a. zur Belastungssteuerung im Profi- und Amateursport eingesetzt werden kann. Thefalsefullback hat den 39-Jährigen getroffen und mit ihm über Belastungssteuerung und mögliche Hilfsmittel hierzu gesprochen.

Thefalsefullback: Warum ist es deiner Meinung nach wichtig Belastungssteuerung zu betreiben?

Schorsch: Die Belastungssteuerung dient vor allem dazu das Verletzungsrisiko zu mindern. Es gilt die physischen Gegebenheiten der Spieler*innen zu ermitteln, deren Grenzen nicht dauerhaft überschritten werden sollten. Außerdem geht es darum die individuellen Fähigkeiten der Spieler*innen zu optimieren. Wenn ein Spieler oder eine Spielerin im Training unterfordert ist, wird er bzw. sie sich auch nicht verbessern. Es geht also um die Reizwirksamkeit der Trainingsbelastung.

Thefalsefullback: In der Trainingslehre wird zwischen Belastung und Beanspruchung unterschieden. Worin besteht der Unterschied und warum ist dieser wichtig?

Schorsch: Die sportliche Belastung ist die Anforderung, die an einen Athleten gestellt wird. Sie hängt von den verschiedenen Belastungsnormativen Intensität, Dichte, Dauer, Umfang, Häufigkeit und Bewegungsfrequenz ab. Unter Beanspruchung versteht man die subjektiven Folgen dieser Belastungen, welche sich sowohl physisch als auch psychisch auswirken können. Die Belastung ist also objektiv messbar, die Beanspruchung ist die subjektiv wahrgenommene Intensität der einzelnen Spieler oder Spielerinnen.

Thefalsefullback: Welche Unterschiede siehst du im Bereich der Belastungssteuerung zwischen dem Profi- und dem Amateurbereich?

Schorsch: Die größten Unterschiede liegen wohl in den Mitteln, die den verschiedenen Bereichen zur Verfügung stehen. Im Profibereich findet am Anfang der Saison meist eine Leistungsdiagnostik statt, um die Belastungsgrenzen der einzelnen Spieler zu ermitteln – hierfür wird Zeit und Geld benötigt. Zusätzlich gibt es im Profibereich eine separate Athletikabteilung und eine medizinische Abteilung. Im Amateurbereich ist dies nur bedingt möglich. Außerdem stehen hier nicht die zeitlichen, finanziellen und menschlichen Ressourcen zur Verfügung die Belastungssteuerung entsprechend zu begleiten und die nötigen Konsequenzen aus der Leistungsdiagnostik zu ziehen.

Thefalsefullback: Wie berücksichtigt ihr die Belastungssteuerung in der Trainingsplanung?

Schorsch: Wir unterscheiden zwischen der Vorbereitung und der eigentlichen Saison. Grundsätzlich versuchen wir immer viel mit Spielformen zu arbeiten. In der Vorbereitung beginnen wir diese mit größeren Feldern und längeren Durchgängen und verringern dann nach und nach die Feldgröße und die Dauer der Durchgänge. Inhaltlich versuchen wir in 6-Wochen-Blöcken zu periodisieren, um alle für das Spiel relevanten Bereiche abzudecken. Wir behalten uns aber auch vor auf bestimmte Themen noch einmal gesondert einzugehen, je nachdem was uns bei den Spielen am Wochenende auffällt.

Thefalsefullback: Wie reagiert ihr, falls ihr feststellt, dass die Belastung nicht dem von euch angestrebten Ziel entspricht?

Schorsch: Grundsätzlich kann man vieles über Team- und Feldergrößen steuern. Außerdem improvisieren wir je nach Bedarf, zum Beispiel indem wir die Dauer variieren oder Zwischenbelastungsebenen einbauen. Beispielsweise können wir Zusatzaufgaben zwischen den Spielformen durchführen, wenn wir merken, dass die Spielform nicht wie gewünscht greift. Wenn die Intensität zu hoch ist, brechen wir gegebenenfalls auch schon früher ab, lassen zwischendurch kurz auslaufen oder machen Übungen am Ball. Wenn wir am Ende des Trainings feststellen, dass die Intensität nicht hoch genug war, versuchen wir nachzusteuern. Das kann dann auch ausnahmsweise ohne Ball stattfinden, um die für das Training erwartete Belastung zu erreichen.

Thefalsefullback: Welche Hilfsmittel stehen euch zur Verfügung um Belastungssteuerung zu betreiben?

Schorsch: Wir nutzen das Tool myFeedback, um die Beanspruchung mitzuverfolgen und das Feedback der Mannschaft nach dem Training einzuholen, wie die Intensität tatsächlich wahrgenommen wurde. So haben wir die Möglichkeit die Belastung bei der nächsten Gelegenheit entsprechend zu dosieren und individuell auf der Ebene der Spielerinnen zu arbeiten. Und wir als Trainerteam können kontrollieren, ob das Training bei den Spielerinnen tatsächlich den gewünschten Effekt hatte und so weitere Erfahrungswerte aufbauen.

Thefalsefullback: Der SC Freiburg nutzt myFeedback auch in seinem NLZ. Wie unterscheidet sich die Nutzung des Tools im Leistungsbereich von der Nutzung im Amateurbereich?

Schorsch: Beim SC Freiburg ist das Tool ein Teil der Gesamtbelastungssteuerung. Dort können über GPS-Tracking Daten erhoben werden, zudem stehen die Werte aus der bereits angesprochenen Leistungsdiagnostik zur Verfügung. Über myFeedback wird zusätzlich täglich bei den Spielern abgefragt, wie die Belastung wahrgenommen wurde. Auf dieser Grundlage wird dann vom Trainerteam in Abstimmung mit der medizinischen Abteilung und dem Athletiktrainer entschieden, wie die einzelnen Spieler belastet werden. Im Amateurbereich stehen viele dieser Daten nicht zur Verfügung und das Feedback der Spieler ist häufig die einzige Möglichkeit die Beanspruchung zu überwachen.

Thefalsefullback: Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, um myFeedback sinnvoll zu nutzen?

Schorsch: Es steht und fällt mit dem Trainerteam. Dieses muss sich mit den Ergebnissen befassen wollen und auch die notwendigen Konsequenzen daraus ziehen. Hierfür sind Ehrlichkeit und Transparenz von beiden Seiten unerlässlich. Es muss der Mannschaft klar gemacht werden, dass es nicht darum geht die fitteste Spielerin zu ermitteln und dann spielen zu lassen, sondern dass die Gesundheit im Vordergrund steht und es hierfür wichtig ist, die körperliche Verfassung zu erfahren. Auch die Spielerinnen müssen ehrlich sein und ihr eigenes Training reflektieren können, ohne sich zu sehr von anderen beeinflussen zu lassen. Von den technischen Voraussetzungen braucht man lediglich ein Smartphone und eine Internetverbindung.

Thefalsefullback: In welchen Bereichen neben der Belastungssteuerung kann myFeedback eine Hilfe für Trainer und Trainerinnen darstellen?

Schorsch: Neben der Belastungssteuerung kann über das Tool die Kommunikation mit der Mannschaft unterstützt werden. Dabei geht es nicht darum, die persönliche Kommunikation zu ersetzen, sondern viel mehr diese zu begleiten. So können verschiedene Themen aus dem Training ausgelagert werden, da dort – gerade im Amateurbereich – nicht immer die zeitlichen Kapazitäten zur Verfügung stehen, um allen Spielerinnen gerecht zu werden. Außerdem gibt es die Möglichkeit eine Historie zu erstellen, um mögliche Muster zu erkennen und als Trainer die Möglichkeit zu haben, die eigenen Inhalte zu hinterfragen.

Thefalsefullback: MyFeedback steht symbolisch für eine zunehmende Professionalisierung im Fußball, nicht nur im Leistungsbereich sondern auch im Amateurbereich. Wo siehst du weitere Potentiale zur Weiterentwicklung, die bisher noch nicht ausgeschöpft wurden?

Schorsch: Meiner Meinung nach ist die Videoanalyse sehr hilfreich, diese nutzen wir auch mit unserer Mannschaft. Dort können Fehler, aber vor allem auch positive Aspekte gezeigt werden. Außerdem bietet sich dort die Möglichkeit die Trainingsinhalte der Woche zu spiegeln. Das ist natürlich auch wieder ein gewisser Zeitaufwand und steht und fällt mit der Motivation des Trainerteams diese mit zu begleiten.

Exemplarische Nutzung von myfeedback

Mehr Informationen zur Belastungssteuerung und zum Tool myFeedback gibt es hier.

Kategorie Training, Trainingstheorie

Christoph Becker trainiert seit zwei Jahren Jugendmannschaften bei der Alemannia Zähringen in Freiburg, wo er seit dem Beginn seines Lehramtstudiums lebt. Neben taktischen Fragen interessieren ihn vor allem pädagogische und psychologische Aspekte der Trainertätigkeit. Auf Twitter findet ihr ihn unter @chribecke.

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