Die Wissenschaft hinter Small sided games

Small sided games sind ein fester Bestandteil des Fußballtrainings. In fast jeder Trainingseinheit finden sich diese modifizierten Anpassungen des klassischen Elf-gegen-Elf in geringeren Spieleranzahlen. Trainer mögen diese Spielformen vor allem, da sie viele Möglichkeiten zur Adaptation bieten. Spieleranzahl, Über- und Unterzahlverhältnisse, Feldgröße, Feldform, Toranzahl, Platzierung und Größe, Provokationsregeln – all diese Manipulationsfaktoren lassen sich verändern, um gezielt technisch-taktische Schwerpunkte zu setzen.

Einige der Veränderungen von Verhaltensweisen, die sich mittels Manipulationsfaktoren erreichen lassen, sind intuitiv und den meisten Trainern schon bekannt. Allerdings konnten Wissenschaftler in den vergangenen Jahren durch verschiedenste Versuche auch Muster und Verhaltensweisen erkennen, die für neue Erkenntnisse und Implikationen für die Trainingsarbeit sorgen.

Dieser Text soll die Wissenschaft hinter small sided games beleuchten. Anstelle von subjektiven Beobachtungen treten hier objektive Ergebnisse in den Vordergrund. Um diese bestmöglich deuten zu können, lohnt sich zunächst ein Blick darauf, warum small sided games so beliebt sind.

Small sided games haben, neben einigen weiteren, zwei entscheidende Vorteile gegenüber anderen Trainingsformen: Spielnähe und erhöhte Aktionszahl für einzelne Spieler. Letzteres ist elementar wichtig für die Entwicklung der Spieler. Je weniger Spieler in einer Spielform vorhanden sind, desto mehr Ballberührungen weist ein einzelner Spieler auf. Das sorgt nicht nur für mehr Spaß am Training, sondern gibt jedem Spieler so auch mehr Möglichkeiten sich zu verbessern. Des Weiteren ist die Intensität in kleineren Spielformen deutlich höher, der Ball verbringt deutlich mehr Zeit im Spielfeld als in größeren Spielformen.

“players touch the ball five times more often in 4-a-side soccer and 50% more in 7-a-side soccer; players are three times more often in one-against-one situations in 4-a side soccer and twice as often in 7-a-side; goals are scored every two minutes in 4-a-side soccer on average and every 4 minutes in 7-a-side; goalkeepers are involved in the action two to four times more often in 7-a-side soccer than in 11-a side soccer; and, the ball is out of play 8% of the time in 4- a-side soccer, 14% in 7-a-side and 34% in 11-a-side soccer.”

(nach FIFA, Garcia et al., 2014, S. 12)

Die Spielnähe ist aber der wohl wichtigste Faktor. Entscheidend ist schließlich nicht nur die Quantität der Ballkontakte, sondern vor allem die Qualität. Die Qualität wird dadurch hochgehalten, dass Spieler bereits im Training Situationen lösen müssen, in die sie auch im Spiel gebracht werden könnten. Das folgende Zitat macht deutlich, worum es geht. In Teamsportarten gibt es keine sich stets wiederholenden, klaren Muster unter vorhersehbaren Bedingungen. Diese zu trainieren, ergäbe demnach keinen Sinn. Stattdessen muss die instabile, dynamische und unvorhersehbare Natur, die Teamsportarten erst auszeichnet, hergestellt werden, um die Spieler diese Situationen erfahren zu lassen.

“To summarize, attempting to prepare for team games performance through repetitive practice of isolated and discrete movement patterns is a reductionist approach that is an adequate preparation for producing consistent movement patterns in predictable performance environments.”

“…the need for practice to, instead, represent the unstable, dynamic, and unpredictable nature of competitive team games. We have observed that training should consist mainly of recreating simulations of the game by not only manipulating practice areas (e.g., width and length of fields) but also the objectives and rules of play (through conditioned games).”

(Davids et al., 2013, S. 2)

Eine Mannschaft in einer Teamsportart ist als soziales System mit bestimmten Bewegungsmustern  zu verstehen. Dieses System ist ein sich selbst organisierendes. Wird die Spielfeldgröße in einer Spielform verdoppelt, verhalten sich die Spieler automatisch anders. Sie brauchen dafür keine expliziten Anweisungen. Die Selbstorganisation des Systems basiert auf den schon angesprochenen Manipulationsfaktoren, also zum Beispiel Feldgröße, Spieleranzahl, Torplatzierung, etc. Über small sided games lassen sich die entscheidenden Erfahrungen sammeln, wie sich in einem solchen selbstorganisierenden System zu verhalten ist.

Die Informationsaufnahme ist die essentielle Fähigkeit, die trainiert wird. Das bestmögliche Aufnehmen der Beziehungen zwischen Mit-, Gegenspielern, Feldposition und Ballposition ist die Grundlage für eine schnelle und sinnvolle Entscheidungsfindung. Small sided games stellen eine Art erlebendes Lernen da, in der Spieler immer wieder auf neue Situationen, die sie anders lösen können, treffen.

„The structure and organization of SSCG need to be designed specifically for individual learners to practice exploring different performance solutions as performance environment contexts change, rather than practicing the same actions repetitively“

(Davids et al., 2013, S. 5)

Bevor wir uns den Manipulationsfaktoren widmen und welche Ziele damit erreicht werden können, muss zunächst noch ein weiterer Faktor besprochen werden: Die Qualität der Spieler. Es ist ganz offensichtlich – Bundesligaspieler werden dasselbe small sided game komplett anders als Kreisligaspieler bestreiten.

In einer Studie wurde etwas sehr Ähnliches verglichen. Es wurde zwei unterschiedliche Gruppen an Spielern genommen. Eine spielte auf dem höchst möglichen Level in ihrer Altersklasse (U19), die andere nur auf regionalem Level. Die Bewegungsprofile jeweils eines Spielers in drei unterschiedlich großen Feldern sind in Abbildung 1 zu sehen. Der Spieler auf höherem Niveau zeigt in den kleineren Spielformen eine deutlich größere Bewegungsvariabilität. Auf engerem Raum und mit weniger Zeit für jeden Spieler spielt das ständige Freilaufen und Weitergeben des Balles eine große Rolle. Dafür ist der einzelne Spieler nicht so sehr an eine feste Position gebunden. Je größer das Feld wird, desto kleiner wird derweil die Bewegungsvariabilität. Mit mehr Raum und Zeit zur Verfügung, gilt es eher Schlüsselräume zu besetzten und auszunutzen.

        Abbildung 1

  1. Bewegungsmuster des Spielers auf höherem Niveau
  2. Bewegungsmuster des Spielers auf niedrigerem Niveau (Silva et al., 2014)

Beim Vergleich zwischen Spielern unterschiedlicher Altersgruppen (U17 und U19) wurde derweil festgestellt, dass die älteren Spieler die Breite des Feldes konsequenter besetzen. So können sie zum Beispiel vermehrt 1gegen1-Situationen kreieren, in denen sie ihre schon stärker ausgebildeten Fähigkeiten in Szene setzen können. Zudem agieren die älteren Spieler flexibler und reagieren sensibler auf sich verändernde Bedingungen.

Dies zeigt einmal mehr, dass jede Übung im Training auf die Qualität und das Alter der Spieler angepasst werden muss. Ohne eine Anpassung läuft man Gefahr, dass die erwünschten Schwerpunkte nicht erreicht werden oder nicht umgesetzt werden können.


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Was verändert sich aber nun, wenn Manipulationsfaktoren angepasst werden? Das Anpassen der Feldgröße sorgt für eine Anpassung der Spielerpositionierung in Länge und Breite. Wird nur die Spielfeldlänge oder nur die Spielfeldbreite adaptiert, verändern sich die Spielerpositionierungen trotzdem sowohl in Länge und Breite, um sich optimal auf die neuen Bedingungen anzupassen. Wird die Spieleranzahl erhöht, während die Feldgröße unangetastet bleibt, sorgt dies dafür, dass sich die Spieler in die Breite orientieren und diese vermehrt besetzen. Bei Anpassungen von Feldgröße und Spieleranzahl (so, dass der gleiche Raum pro Spieler bleibt), wurde festgestellt, dass eine Erhöhung der Spieleranzahl und Feldgröße dafür sorgt, dass Spieler klarere taktische Rollen ausfüllen und das Spiel somit dem klassischen Elf-gegen-Elf näher kommen.

Eine der spannendsten Möglichkeiten zur Kreation von technisch-taktischen Schwerpunkten sind Tore. Abbildung 2 zeigt vier verschiedene Möglichkeiten zur Torplatzierung. Die klassischen Tore in der Mitte des Feldes, zwei äußere Tore auf jeder Seite, ein vorgezogenes Tor, dass nur von hinten bespielt werden darf und jeweils zwei vorgezogene Tore in den Halbräumen, die von beiden Seiten bespielt werden dürfen. In Abbildung 3 ist zu sehen, wie sich die unterschiedlichen Formate auf die präferierten Aktionen der Spieler auswirken.

small sided games

                Abbildung 2

                Die unterschiedlichen Tor- und Spielformate (Pulling et al., 2016, S. 4)

small sided games

Abbildung 3

Die unterschiedlichen Aktionen in den unterschiedlichen Formaten (Pulling et al., 2016, S.4)

Das erste Format zieht das Spielfeld am meisten in die Länge. Es werden die meisten Vorwärtspässe gespielt und die meisten Eins-gegen-Eins-Situationen gesucht. Format Zwei zieht das Spiel derweil in die Breite und ermöglicht wenige erfolgreiche Vorwärtspässe. Das dritte Format legt einen klaren Fokus auf das Hinterlaufen, dadurch aber auch auf Dribblings. Format Vier wirkt am chaotischsten, sorgt für die meisten Tore, allerdings auch für die meisten Doppelpässe. Alle vier small sided games sind exakt gleich groß, verlaufen durch die Wahl der Tore aber komplett unterschiedlich.

Über- und Unterzahlverhältnisse haben einen sehr ähnlichen Effekt auf Spieler wie eine Führung oder ein Rückstand. Unterlegene Teams legen grundsätzlich mehr Meter zurück und das auch in einer höheren Intensität. Zudem agieren sie kompakter, stehen in Offensive wie Defensive dichter beisammen.

Small sided games bieten noch viele weitere Manipulationsfaktoren: festgelegte Anzahl an Ballkontakten, Veränderung der Feldform (zum Beispiel das Abschneiden der Ecken), etc. All diese Faktoren sind höchst interessant, aber leider noch kaum wissenschaftlich erforscht.

Small sided games werden sich auch in Zukunft stetig weiterentwickeln, um bestmöglich spielentscheidende Fähigkeiten trainieren zu können. Entscheidend dafür ist eine sinnvolle und bewusste Anwendung der Manipulationsfaktoren, stets ausgerichtet auf den Leistungsstand der Spieler und die eigene Spielphilosophie.

Literaturverzeichnis

Davids K, Arau´jo D, Correia V, Vilar L (2013). How small-sided and conditioned games enhance acquisition of movement and decision-making skills. Exerc Sport Sci Rev.

Garcia, JD, Roma´n, IR, Calleja-Gonza´lez, J, and Dellal, A. (2014). Quantification and analysis of offensive situations in different formats of sided games in Soccer. J Hum Kinet 44: 193–201

Silva, P., Aguiar, P., Duarte, R., Davids, K., Araújo, D., & Garganta, J. (2014). Effects of pitch size and skill level on tactical behaviours of association football players during small-sided and conditioned games. International Journal of Sports Science & Coaching, 9(5), 993–1006

Olthof, S., Frencken, W., Lemmink, K. (2015). The older, the wider: on-field tactical behavior of elite-standard youth soccer players in small-sided games. Hum Mov Sci 41:92–102

Frencken W, Plaats J, Visscher C, Lemmink K (2013) Size matters: pitch dimensions constrain interactive team behaviour in soccer. J Syst Sci Complex 26(1):85–93.

Silva, P., Esteves, P., Correia, V., Davids, K., Araujo, D., & Garganta, J. (2015). Effects of manipulations of player numbers vs. field dimensions on interindividual coordination during small-sided games in youth football. International Journal of Performance Analysis in Sport, 15(2), 641-659.

Pulling C, Twitchen A, Pettefer C (2016). Goal format in smallsided soccer games: technical actions and offensive scenarios of prepubescent players. Sports. 2016;4(4):53;

Köklü, Y., Sert, Ö., Alemdaroğlu, U., & Arslan, Y. (2015). Comparison of the physiological responses and time-motion characteristics of young soccer players in small-sided games: the effect of goalkeeper. Journal of Strength & Conditioning Research, 29(4), 964-971.

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