Donezk – Inter Mailand Analyse

Nach dem späten Unentschieden gegen Gladbach in der Vorwoche merkte man den Nerarzzurri den Ergebnisdruck an. Entsprechend zielstrebig in der Offensive und aggressiv in der Defensive kamen die Mailänder aus der Kabine. Donezk, bei denen die verletzten Stammspieler Alan Patrick, Stepanenko und Taison wenigstens wieder auf der Bank Platz nehmen durften, konnten sich in den ersten Momenten nur vereinzelt aus dem extrem mannorientierten Mailänder Pressing befreien. Gelang dies ergaben sich meist Lücken hinter den sehr offensiven Flügelspieler Young und Hakimi, was zu einigen Donezker Ecken in der Anfangsphase führte.

Inter begann im Conte typischen 5-3-2 mit Bastoni, de Vrij und d’Ambrosio in der multifunktionalen Dreierkette. Das Mittelfeld Trio bestand aus Brozovic, Vidal und dem quirligen Barella. Young und Hakimi bekleideten die Außenpositionen während Martinez und Lukaku wie gewohnt als Doppelspitze fungierten.

Donezk begann in einem 4-1-4-1 mit Ball, bei dem sich die zentralen Spieler sehr weiträumig positionierten. Die schnellen Außen Tete und Salomon versuchten Dentinho, den nominellen Ersatzstürmer zu unterstützen. Leider musste Dentinho musste aufgrund einer Muskelverletzung früh für Taison weichen.

Anfangsphase

Gerade das Mittelfeld Trio interpretierte seine Defensivaufgaben sehr eng und mannorientiert. Maycon erkannt dies und kippte im eigenen Spielaufbau teils bis in den Strafraum ab, in den ihn Brozovic (eigentlich als mittlerer und tiefer Spieler des Mittelfeld Trios gedacht) verfolgte. Donezk erkannte das Problem der weiten Ausgangsstaffelungen des Mailänder (Ganzfeld-)Pressings und konnte durch kluges Positionsspiel und vertikalen Pendelbewegungen der Zentrumsspieler hohe Distanzen zwischen den Linien generieren und die Nerazzurri – gerade im Mittelfeld – zu weiten Wegen gegen den Ball zwingen. Nichtsdestotrotz zeigte das Pressing von Inter Wirkung, so kamen sie insbesondere in der ersten halben Stunde zu vielen Ballgewinne, zumeist sogar im letzten Drittel.

Szenenanalyse: Ballnahe Überladung im HR – Ein Hauch von Total Football

Als Auftakthandlung war diese Rotation ein sehr vielversprechender Ansatz. Barella kippte nach halbrechts ab, während Hakimi und d’Ambrosio in die vorderste Linie schoben. D’Ambrosios Präsenz in der vordersten Linie wirkte zwar kurios, brachte dennoch den gewünschten Erfolg, da so Außenspieler Hakimi sehr oft in Situation kam, in denen er durch sein Tempodribbling bis zur Grundlinie dribbeln konnte oder schon vorher Lukaku als Zielspieler fand.

Diese wiederkehrende Rotation in Inters Aufbauspiel hatte einen weiteren positiven Effekt zum Resultat. Verloren die Nerazzurri im Aufbauspiel in der Außenzone den Ball so hatten sie ballnah bereits Überzahl, um im Gegenpressing erfolgreich zu sein. Falls sich Donezk befreien konnte, konnte man durch die ballferne Kompaktheit, die die entsprechende Staffelung des Halbverteidiger (Bastoni) und ballfernen Achters (Vidal) ergab, fast jede Folgeaktion bis hin zum anschließenden Konter im ballfernen Halbraum zielführend unterbinden. Hier fehlte den Ukrainern die Präsenz in der vordersten Linie, gerade das weiträumige, mannorientierte Herausrücken der ballfernen Restverteidigung (bestehend aus den physisch starken Bastoni und Vidal) erstickte die Ukrainer Gegenstoßbemühungen zudem ausnahmslos.

Gerade durch diese Überladung in der rechten Außenspur gelang Inter in der Anfangsphase eine hohe Aktionsdichte und einige Großchancen durch Lukaku und Martinez waren die Folge. Es schien nur eine Frage der Zeit bis das erste Tor in Donetzk fallen sollte.

Strategische Einseitigkeit in der Offensive

Leider überspielte Inter diesen Ansatz im Laufe der Partie. Bis zur 25. Minute hatte der Mailänder Linksaußen Ashley Young erst 4 (!!!) Ballaktionen verzeichnet. Zwar konnte durch Barrellas seitliches Abkippen die erste Linie recht einfach überspielt werden, jedoch wirkte dieses Handlungsmuster auf Dauer zu eindimensional und spätestens nach dem Seitenwechsel fanden die Offensivspieler der Nerazzurri kein Mittel gegen den tieferen 5-4-1 Block der Ukrainer. Die Heimelf verteidigte nun besser im Kollektiv und ließ Inter den Ball länger zirkulieren, was teils lange Ballbesitzphasen nach sich zog. Da zudem die Rückzugsbewegung ins Abwehrdrittel sehr sauber ablief, konnte das Team von Antonio Conte kaum Raumgewinn verzeichnen.

Grundordnungswechsel bringt Donezk schlussendlich den Punkt

Auch wenn Contes Plan, gerade in der Anfangsphase, vermehrt zu Präsenz in den gefährlichen Zonen sorgen konnte und die individuelle Klasse von Lukaku und Martinez zwangsläufig Torchancen generierten, konnten die Ukrainer spätestens nach dem Wechsel der Grundformation auf ein 5-4-1 defensiv dagegen halten. Die doppelte Präsenz durch Kornieyenko und Samolon in den Außenzonen brachte Hakimi und d’Ambrosio in Schwierigkeiten. Kornieyenko und Samolon verstanden es von Minute zu Minute besser, in welchen Momenten sie ihre Manndeckung verlassen konnten, um Druck gegen Hakimi und/oder Barella zu erzeugen. Durchbrüche über die Außen gelangen Inter nur noch sehr selten – war dies doch der Fall – sorgten spätestens nahe des Strafraums Abstimmungs- und Timingprobleme im Freilaufverhalten für ein jähes Ersticken der Angriffsbemühung. Donezk verteidigte in der Box zudem sehr stark, auch Torhüter Trubin – der die Legende Pjatow vertrat – wusste zu überzeugen.

Exemplarisch konnte man dies in der 79. Spielminute erkennen. Durch die Einwechslung von Christian Eriksen betrat zwar ein weiterer Offensivspieler das Feld, konnte jedoch nicht zielführend eingebracht werden. Ganz im Gegenteil, die veränderte Staffelung im Mittelfeld (2-1 statt 1-2) hatte Struktur- und Verbindungsprobleme im Mailänder Positionsspiel zur Folge. Barella und Brozovic kippten nur noch seitlich ab und ließen so ein zu großes Loch in der Mitte entstehen. Schlussendlich fehlte es dem Offensivspiel der Nerazzurri an sehr vielem. Viele Auftaktbewegungen ließen die nötige Explosivität missen und gerade im Zentrum wurde der Ball zu lange gehalten. Donezk formierte sich gegen den Ball am Ende sogar in einem 6-3-1, dass den Offensivbemühungen der Gäste den Zahn zog. In der Zentrale sorgten Pass- und Stellungsfehler zu einfachen Ballverlusten, während die Außen sich mit Ball oftmals selbst isolierten oder durch verzweifelte Dribblingsbemühungen Raum verloren.

Fazit

Ein absurdes Spiel ohne Gewinner sahen die wenigen Zuschauer im Olympiastadion von Kiew. Nach Expected Goals gewannen die Gäste das Spiel sogar mit 2,09 zu 0,07 (!!!). Conte ließ sich mit der repetitiven Halbraumrotation etwas einfallen und auch ansonsten waren spielerische Ansätze zu erkennen. Lukaku und Co. ließen vielversprechende Chancen jedoch aus, hatten Aluminiumpech oder bekamen in den entscheidenden Situation den (Elfmeter-) Pfiff nicht. Zudem zeigte Donezk‘ effektive Umstellung früh Wirkung und stellte die Star-Offensive aus Mailand vor Probleme. Gepaart mit dem nicht vorhanden Spielglück ergab sich ein mehr als gebrauchter Abend für Antonio Conte und seine Nerazzurri, die nach Unentschieden gegen Gladbach und Donezk aufpassen müssen, dass der diesjährige Champions League Ausflug nicht schon wieder vor Weihnachten endet.

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