Life Kinetik und eine mögliche Einbindung in das regelmäßige Training

Es ist der 08.12.2020 und ich darf mit meiner Mannschaft endlich wieder auf den Platz. Zugegeben ist mir dabei nicht ganz wohl, denn die Corona-Fallzeiten steigen weiterhin rapide. Unter Einhaltung aller Auflagen, dazu zählen unter anderem das Training in Kleingruppen von maximal fünf Spielern, gelang es, innerhalb einer Woche jeden Spieler mindestens einmal zu sehen (fühlt sich aktuell übrigens wieder surreal an, dieses Kleingruppentraining von uns im Dezember). Neben den klassischen Rondos in diversen Variationen wurde natürlich hauptsächlich gespielt. Die Situation bot sich sehr gut dafür an, Eins-gegen-Eins Situationen, aber auch das Ausspielen von (doppelten) Über- und Unterzahlen zu trainieren.

Das eigentliche Highlight der Einheiten war jedoch etwas, was eigentlich erstmal fußballfremd wirkt. Hierfür habe ich meine Erwärmung in zwei Parts geteilt – in einem ging es immer um Fußball. Mit Blick auf den Trainingsinhalt wurde sich mit Ball spielerisch erwärmt. Genauso wichtig war jedoch Part zwei und in diesem ging es, ihr habt es im Titel bereits gelesen, um Life Kinetik. In den darauffolgenden Tagen sah man meine Spieler also mit Seilen, Tennis-, Tischtennis – oder Federbällen auf dem Platz und – noch viel wichtiger – man hörte sie lachen. Denn Life Kinetik bedeutet immer auch Spaß, Kurzweiligkeit und eine gewisse Auflockerung des Trainings. Aber was genau ist Life Kinetik eigentlich?

Life Kinetik – was bedeutet das?

Es finden sich diverse Ansätze wenn es darum geht zu erklären, was genau Life Kinetik ist. Grundsätzlich lässt sich wohl sagen, dass hierunter eine Trainingsform zu verstehen ist, in der Wahrnehmungsaufgaben und kognitive Herausforderungen miteinander in Verbindung gebracht werden. Man koppelt also die Wahrnehmungsfunktion von Augen und Ohren mit Bewegungsaufgaben und konzipiert diese Aufgaben so, dass auch die Aufmerksamkeit, das Arbeitsgedächtnis und die Problemlösungsintelligenz angesprochen werden. Oder ganz einfach: Life Kinetik stellt den Spieler vor nicht-alltägliche Aufgaben, sodass das Gehirn nicht daran „gewöhnt“ ist, diese auszuführen. In der Folge werden die bereits genannten Komponenten angesprochen und die Aufgaben fallen dem Spieler anfangs sehr schwer. Schwere, ungewohnte Aufgaben bedeuten für uns, dass wir neue Wege finden müssen, um zu Lösungen zu gelangen. Das Gehirn verknüpft hierfür Gehirnzellen miteinander, die vorher in keiner Verbindung zueinanderstanden, was den Spieler wiederum leistungs- und aufnahmefähiger macht und ihn dazu befähigt, die erforderlichen Bewegungsabläufe zu erkennen und zu beginnen, diese zu erlernen.

Am Ende einer jeden Übung (wie genau solche Übungen aussehen, zeige ich später auf) stehen also neue Bahnen zwischen den Gehirnzellen und damit ein „besser vernetztes“ Gehirn. Durch das Knüpfen neuer Verbindungen wird das Gehirn angeregt, es steigert sich die Problemlösungskompetenz und das Konzentrationsvermögen. Betrachtet man eben dieses Verbinden der einzelnen Gehirnzellen als Ziel der Life Kinetik (denn daraus resultieren all die positiven Effekte des Trainings) sollte man sich die Frage stellen, wie wir es innerhalb kürzester Zeit schaffen, dass Gehirn so anzuregen, dass möglichst viele Verbindungen entstehen. Ganz einfach: Indem wir viele verschiedene Übungen anbieten und die Ausführung jeder einzelnen möglichst kurzhalten. Es geht hier niemals darum, den Spielern neue Bewegungsabläufe zu vermitteln, denn das wäre wohl eher kontraproduktiv gemessen daran, welche Übungen ausgeführt werden (Stichwort: Spielnahes Training). Stattdessen sollten die einzelnen Herausforderungen immer dann variiert werden, wenn sich erste Erfolge in der Ausführung einstellen. Erfolg bedeutet hierbei nicht, dass die Übung perfekt beherrscht wird. Sobald der Spieler den Ablauf einige Male erfolgreich durchgeführt hat, hat das Gehirn die erforderlichen Bahnen gebildet und ist bereit für neue Herausforderungen. Alles, was danach käme, würde am Ziel der Life Kinetik vorbeigehen und dazu führen, dass der Ablauf einschleifend trainiert wird.

Wissenschaftliche Grundlage des Trainings mit Life Kinetik

Wie genau Life Kinetik das Gehirn beansprucht, kann wohl nur ein Neurologe fundiert. Interessanterweise hat der DFB allerdings bereits 2016 auf seiner Internetseite eine Erklärung geliefert, die sehr einfach und treffend beschreibt, was Life Kinetik im Gehirn auslöst. Hier wird vom synaptischen Modell gesprochen. Dessen Grundlage sind wieder die Gehirnzellen und der Fakt, dass der Mensch von seinen rund 100 Milliarden Zellen nur einen Bruchteil nutzt. Um lernfähig zu bleiben, müssen diese verknüpft werden. Nun werden innerhalb des Gehirns einzelne Zonen unterschieden, innerhalb bzw. zwischen denen Verknüpfungen entstehen können.

Jedem ist wohl bekannt, dass das Gehirn in eine linke und eine rechte Hälfte geteilt werden kann, wobei die jeweilige Hälfte unterschiedliche Aufgaben erfüllt. Die linke Hälfte ist für die „Steuerung“ der rechten Körperhälfte zuständig und umgekehrt. Logische Vorgänge finden in der linken Gehirnhälfte statt, gestalterische in der rechten. Dementsprechend funktioniert der Mensch nur in Verbindung beider Hälften. Diese Wechselbeziehung wird als Lateralität bezeichnet.

Darüber hinaus wird das Gehirn allerdings auch noch in eine vordere und eine hintere Hälfte geteilt. In der hinteren werden Daten und Reize wahrgenommen, die vordere Hälfte nutzt diese Daten, um beispielsweise Entscheidungen zu treffen und basierend darauf zu handeln. Diese Unterscheidung nennt man Fokussierung.

Weiterhin unterscheidet man im Gehirn eine obere und eine untere Hälfte. Im oberen Teil liegt das Großhirn. Dieses beeinflusst das abstrakte Denken des Menschen, während die untere Gehirnhälfte eher gefühlsbetont ist. Beide Hälften stehen in enger Wechselwirkung, welche als Zentrierung bezeichnet wird.

Warum ist das für das Training mit Life Kinetik wichtig? Life Kinetik ist das Mittel, um die einzelnen Teile gezielt anzusprechen und um gezielt trainieren zu können, ist es wichtig zu wissen, welcher Teil des Gehirns wofür verantwortlich ist. Spricht man einen Teil an, aktivieren sich bereits bestehende Verbindung der Gehirnzellen und es werden neue gebildet, sofern es nötig ist. Halten wir also fest: Durch Life Kinetik sollen einzelne Bereiche im Gehirn gezielt angesprochen werden. Sobald das erfolgt, bilden sich Verbindung der Gehirnzellen, die den Menschen befähigen, die Herausforderung zu meistern. Wie reagiert ein Mensch, wenn er eine Aufgabe meistert, die vor ein paar Minuten noch unlösbar schien? Mit Freude. Das Gehirn schüttet Dopamin aus, das „Glückshormon“. Dieses sorgt wiederum dafür, dass wir motivierter werden und uns bereit fühlen, neue Aufgaben zu lösen – die perfekte Lernumgebung für Life Kinetik und infolgedessen die Grundlage dafür, dass sich der gewünschte Trainingseffekt einstellt.

Trainingseffekte durch Life Kinetik

Dank der neugeschaffenen Verbindungen lassen sich einige positive Effekte erzielen, die nicht nur im täglichen Leben, sondern auch auf dem Fußballplatz einen enormen Vorteil schaffen. Nochmal zur Erinnerung: Life Kinetik stellt den Spieler vor kognitive Herausforderungen in Verbindung mit Wahrnehmungsaufgaben. Dementsprechend werden sich in diesen Bereichen erkennbare Verbesserungen einstellen. Einige Beispiele sind:

Die Verbesserung der Wahrnehmung, da sich aufgrund der Herausforderungen besonders häufig Verbindungen der Areale der auditiven und visuellen Wahrnehmung mit dem Motorikareal ergeben werden.

Der Spieler wird seine motorischen Fähigkeiten weiterentwickeln und dementsprechend handlungsschneller werden. Ebenfalls verbessern werden sich in diesem Zusammenhang die Entscheidungs- und Reaktionsgeschwindigkeit. Mit Blick auf das kontinuierlich steigende Tempo im Fußball werden diese Fähigkeiten immer wichtiger.

Stresssituation werden sich für den Spieler weniger problematisch anfühlen, da ihn das Life Kinetik aufgrund der „Unlösbarkeit“ der Aufgaben zu Beginn des Trainings permanent in kurzen Intervallen (mit jedem Übungswechsel) stressen wird. Weiterhin regt Life Kinetik die Dopamin-Ausschüttung an – das Glückshormon wirkt stressreduzierend.

Auch die Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit wird sich verbessern. Die ständigen neuen Herausforderungen erfordern die permanente Aufmerksamkeit der Spieler, wobei wiederrum die Kurzweiligkeit der Aufgabe eben dazu anregt.

Einbindung in das Fußballtraining

Wie zu Beginn bereits erwähnt eignet sich Life Kinetik perfekt, um in die Erwärmung vor dem Training integriert zu werden. Sei es, indem man (Klein-)Gruppen bildet oder das Aufwärmen inhaltlich teilt – Life Kinetik ist immer eine Aufwertung des Trainings. Spannend hierbei ist es außerdem, wie viel mit verhältnismäßig geringem Aufwand erreicht werden kann, denn Life Kinetik ist quasi sofort hilfreich. Mit Ausführung jeder einzelnen Übungen stellen sich positive Effekte ein, idealerweise widmet sich der Spieler darüberhinaus auch an trainingsfreien dem Life Kinetik Training. Grundsätzlich geht man davon aus, dass 60 Minuten pro Woche ausreichend sind, wobei es keine Rolle spielt, ob diese Zeit am Stück oder in kleinen Intervallen über die Woche verteilt wird.

Allerdings gilt es hierbei einige Dinge zu beachten, die die Euphorie um das Thema Life Kinetik ein wenig bremsen werden. Zum einen ist es wichtig, dass Trainer niemals vergessen sollten, aus welchem Grund seine Spieler zum Training kommen. Sie wollen ihrem Sport (in meinem und sicherlich auch eurem Fall ist das Fußball) nachgehen, und zwar so oft es geht, so vielfältig wie möglich und ununterbrochen. Life Kinetik sollte niemals eine gesamte Trainingseinheit ersetzen. Auf den ersten Blick wirkt es natürlich super innovativ, mit den Spielern über 80, 90 Minuten auf diese Weise zu trainieren, aber besonders im Kinder- und Jugendfußball sollten hier ganz andere Prioritäten gesetzt werden. Life Kinetik ist in keinem Fall der Ersatz für das eigentliche Training, sondern viel mehr eine sinnvolle Ergänzung innerhalb der Einheit. Denn besonders auf niedrigerem Niveau ist es doch wichtiger, dass ein Spieler Spaß hat, die Grundlagen des Spiels erlernt und dabei Erfolgserlebnisse erzielt, als dass der Trainer mit ihm an seiner Handlungsschnelligkeit arbeitet.

Zu beachten gilt es weiterhin, dass es mittlerweile ausgebildete, lizensierte Life Kinetik Trainer gibt, die eine langwierige, anspruchsvolle Ausbildung durchlaufen haben, um diese vielfältige Trainingsmethode optimal vermitteln zu können. Der „normale“ Fußballtrainer sollte also niemals den Fehler machen, von sich, seinen Spielern und den angewandten Übungen zu viel zu erwarten. Aus eigener Erfahrung habe ich meine Denkweise dahingehend angepasst – ich habe mich im Vorfeld mit diversen Übungen beschäftigt, diese testweise in mein Training eingebunden und beobachtet, inwiefern sich Erfolge einstellen. Dabei habe ich darauf geachtet, dass meine Spieler konstant überfordert sind und sich die einzelne Übung aus mindestens zwei Teilaufgaben zusammensetzt, die wiederum jeweils einen Teilbereich des Gehirns anspricht. Das können auditive/visuelle Signale, verschiedene Ballformen und -größen, Quizfragen, mehrere Trainingsgeräte oder kleinere Bewegungsaufgaben sein. Sicherlich ist der Life Kinetik Begriff weit gefasst und es ließe sich darüber diskutieren, welche Übung in diesem Kontext zu sehen ist und welche nicht (siehe unten). Wichtig bei jeder Übung ist, dass die Spieler Aufgaben wie diese niemals im täglichen Leben (gleichzeitig) ausführen würden und dass trotzdem die Chance auf schnelle Lernerfolge besteht. So haben die Spieler Spaß und schulen gleichzeitig die eigene Wahrnehmung, aber auch ihre kognitiven und motorischen Fähigkeiten – und das ist Life Kinetik.

Basisübungen

Wie bereits erwähnt habe ich mir Anregungen geholt, um nicht Gefahr zu laufen, den Spielern stumpf viel zu schwierige Aufgaben zu stellen, sondern tatsächlich auf der Grundlage von „klassischen“ Life Kinetik Aufgaben zu trainieren. Im Folgenden also einige Beispiele der Basisübungen, die sich allerdings stets unendlich variieren und kombinieren lassen.

1) Parallelball

Der Spieler hält in jeder Hand einen Ball (z.B. Tennisball) und wirft beide gleichzeitig nach oben. In der Luft überkreuzt der Spieler seine Arme, fängt die Bälle in dieser Position und wirft sie so auch wieder in die Luft. Während die Bälle in der Luft sind, bringt er die Arme zurück in die parallele Stellung, fängt die Bälle, wirft sie hoch usw.

Die einfachste Variation hierbei ist es sicherlich, die Ballgröße und -form zu ändern oder die Aktion zu wechseln, während die Bälle in der Luft sind (z.B. umkreisen, doppelt kreuzen, einmal im Kreis drehen,…)

2) Dribblingspiel

Diese Übung habe ich wiederum beim FC St. Pauli entdeckt. Hier wurde in Gruppen gearbeitet, jede Gruppe hatte einen Fußball am Fuß und einen kleineren Ball in der Hand. Je zwei Gruppen dribbelten aufeinander zu und übergaben sich im Abstand von 2-3m je einen oder beide Bälle. In der Folge wurde variiert, indem die Bälle getauscht wurden (Fußball in der Hand) oder Dribblingaufgaben vor der Ballübergabe gestellt wurden.

3) Dribblingquadrat mit Ballübergabe

Die dritte Aufgabe habe ich bei einem öffentlichen Training von RB Leipzig (als das noch möglich war) entdeckt. Dort wurden zur Erwärmung Fünfergruppen gebildet, die sich jeweils in einem kleinen Quadrat bewegt haben. Drei der fünf Spieler erhielten dabei einen Ball, wobei einer einen Fußball, einer einen Tennis- und einer einen Handball bekam. Die Bälle wurden untereinander übergeben (mal am Fuß, mal in der Hand) und fungierten gleichzeitig als Kommando – rief der Trainer beispielsweise „Tennisball“ mussten all Spieler schnellstmöglich zu dem Spieler gelangen, der gerade im Besitz dieses Balls war. In der Folge wurde aus dem auditiven ein visuelles Signal, indem der Trainer beispielsweise einen weiteren Tennisball hochhielt. Auch die einzelnen Hütchenfarben der Quadratbegrenzung wurden zu auditiven bzw. visuellen Signalen genutzt.

Fazit

Life Kinetik ist für mich eine super effektive Trainingsmöglichkeit, die sich sehr leicht in das tägliche Training einbinden lässt. Die ständige Überforderung der Spieler sorgt nicht nur für gute Trainingseffekte, sondern auch für Spaß innerhalb der Gruppe. Damit wird das Training unabhängig vom Niveau der Spieler deutlich aufgewertet. Es gibt meiner Meinung nach keinen Kritikpunkt an dieser Trainingsform, sofern man sie im Fußballkontext tatsächlich ergänzend und nicht als Ersatz betrachtet.

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