Gladbach vs. Dortmund – Eine Vier-Augen-Analyse

Am letzten Freitag stand das Duell beider Borussias an. Gladbach erlebt seit Jahresbeginn einen Aufschwung und konnte ganze zehn von zwölf Punkte holen und Dortmund sucht nach der Favre Entlassung noch nach spielerischer und „ergebnistechnischer“ Stabilität. Zudem ist Gladbach vor dem Spiel auch nur noch ein Punkt hinter Dortmund gewesen.

Marco Roses Team konnte sich in den letzten Spielen immer mehr stabilisieren, nachdem sie zuvor, indem immer enger gewordenen Spielplan, kaum Möglichkeit hatten, wesentliche Prinzipien im Trainingsalltag zu trainieren. Gladbachs Identität ist geprägt von einer hohen Intensität mit und gegen den Ball, was Rose zuvor auch nochmal betonte. Mit Ball stets vertikal und gegen den Ball versuche man immer hochzupressen. Gladbach besticht darüber hinaus aber auch mit einem hohen Maß an Flexibilität in ihrem Spiel, sodass man zuletzt auch des Öfteren Standardtore schoss.

Dortmund dagegen fällt es schwer, sich von Favres Ideen zu verabschieden. Außerdem bleibt ein Thema in der ganzen Saison weiterhin bestehen, nämlich die Schwäche bei gegnerischen Standards. Dies zeigte sich auch in diesem Spiel, welches Gladbach mit 4:2 für sich entscheiden konnte. Jonas (@TaktikLiebe) und Robin (@Vorstopper94) werfen einen Blick auf interessante Teilaspekte des Spiels. Jonas beschäftigte sich mit Dortmund und Robin mit Gladbach.

Aufstellungen

Gladbach startete im 3-4-1-2 und Dortmund im 4-2-3-1. Bei Gladbach starteten im Vergleich zum vorherigen Spiel in Bremen mit Zakaria, Stindl und Bensebaini drei neue Spieler. Bei Dortmund startete Can für Delaney und Morey für Meunier.

Shotmaps

Gladbachs Tore zum 1:0, 2:2 und 4:2 kamen aus sehr aussichtsreichen Positionen nach Standards. Bensebainis Tor stach hierbei heraus, da es mit seinem schwächeren Fuß, schwierigen Winkel und mit vielen Gegner vor ihm entstand.
Haalands unglaubliche Abschlussqualitäten zeigte sich bei beiden Toren, wo er aus sehr schwierigen Positionen mit Gegnerdruck das erste Tor und aus der Drehung das zweite Tor erzielte. Insgesamt gab Dortmund mehr Schüsse ab, Gladbach allerdings hatte die einfacheren Einschussmöglichkeiten, besonders bei den Toren nach den Standards.

Gladbachs flexible Defensivanpassung

Stürmische Anfangsminuten

Sofort nach Anpfiff sah man wie aggressiv und intensiv Gladbach in das Spiel gehen wollte. Gladbach begann in einem 3-4-1-2 mit Zakaria als zentralen Innenverteidiger. Im Pressing und Gegenpressing agierte Gladbach sehr mutig und nahm es in Kauf, dass man in letzter Linie zum Teil 1vs.1 stand.       

In dieser Szene in der 9.min hat Guerreiro den Ball in der linken Außenspur und wird sofort von Lainer gepresst. Stindl markiert den ballnahen 6er Can und Plea hält Bellingham noch im Deckungsschatten, ist gleichzeitig aber auf dem Sprung bei einem möglichen Rückpass zu Hummels. Grundsätzlich sah man klare Zuteilungen in den vordersten Pressinglinien. Die Stürmer orientierten sich an beiden IVs und versuchten die 6er im Deckungsschatten zu halten. Stindl befand sich oft zwischen beiden 6ern und markierte entweder oder hielt sich bewusst dazwischen auf, um bei Pass zu pressen.

Beide Außen mussten immer wieder weite Strecken im Sprint absolvieren, um auf die zum Teil recht tiefen AVs von Dortmund pressen zu können. Beim herausrücken achteten sie darauf, dass die Außenspieler Dortmunds im Deckungsschatten bleiben. Dennoch rückten auch beide Halbverteidiger von Gladbach weit mit nach Außen, weshalb die Lücken in der letzten Linie groß sein konnten.

In der oberen Szene ist sogar Kramer bis auf die Außenspur gelaufen. Einzig Neuhaus und der weit eingerückte Bensebaini halten das Zentrum zu. Der gelbe Bereich umfasst alle Gladbacher Feldspieler, welche enorm intensiv und kompakt die Dortmunder jagten und jeden gespielten Pass nachsprinteten.

Nur wenige Sekunden später, nach einer Seitenverlagerung von Dortmund war der Ball auf der rechten Außenspur bei Morey. Gladbach musste mit einem enormen Lauf- und Sprintaufwand ihre linke Seite zulaufen bzw. sprinten. Insbesondere Stindl, Neuhaus und Kramer hatten somit sehr weite Wege zu verrichten, welche in diesem Fall schwer auf Dauer durchzuhalten waren.

In dieser sprintet auch Hoffmann, als ballnaher Stürmer, in Richtung Moreys, um diesen zu doppeln. Dabei hielt er Akanji durch seinen Laufweg im Deckungsschatten. In der letzten Linie gab es aufgrund Lainers noch recht hohen Position eine 3vs.3 bzw. sogar 4vs.3 Situation pro Dortmund. Würde das Pressing Gladbachs überspielt werden, gäbe es für Dortmund einige Möglichkeiten, um torgefährlich zu werden.

Dortmund findet Räume durch Gladbachs Pressing

Nachdem Gladbach 1:0 in Führung gegangen ist, zeigten sich schon mehrere Defizite in der Ausführung und die Intensität des Pressings sank individuell und im Kollektiv. Die weiten Wege führten zu mehr Zeit der Dortmunder Spieler am Ball und auch im Zentrum ergaben sich mehr Räume.

In dieser Szene kurz vor dem 1:1 hat Guerreiro den Ball im Halbraum und wird wieder von Lainer angelaufen, welcher Sancho versucht im Deckungsschatten zu halten. Ginter wird von Sancho gebunden und Haaland bindet Zakaria, weshalb diese beiden nicht nach vorne attackieren können. Kramer kann Reus nicht im Deckungsschatten behalten und Reus bekommt bei seinem Lauf in den Halbraum den Ball von Guerreiro und kann aufdrehen.

Durch Lainers Deckungsschatten auf Sancho bleibt der Halbraum geöffnet, welcher auch nicht von Kramer geschlossen werden kann. Der Zwischenlinienraum ist schwer zu verteidigen, da in letzter Linie ballnah alle Gladbacher gebunden sind.

Diese Sequenzen gab es bis zum 1:2 nun öfters für Dortmund. Dortmund hatte nun mehr Zeit und Raum für den Spielaufbau und fand ihre offensiven Spieler besser im Zwischenlinienraum, wodurch sie ihre Stärken im Kombinationsspiel besser entfalten konnten. Nach dem 1:2 stellte Gladbach auf ein 4-4-2 um und Zakaria ging auf die rechte Mittelfeldposition.

Gladbachs Flexibilität als Trumpf

Gladbach hat unter Rose schon oft gezeigt, dass es nicht die verschiedenen Systeme sind, die der Kern des taktischen Handelns sind. Zeitgleich schafft man es auch eine sehr gute Mischung zu finden und auch im tieferen Mittelfeldpressing zu agieren.

Nach dem 1:2 von Haaland verteidigte man den Rest des Spiels im 4-4-2 und hatte besonders nach der Führung in der zweiten Halbzeit Phasen, wo man noch tiefer verteidigte. Insgesamt kam es zu 23 geklärten Bällen auf Gladbacher Seite im Vergleich zu nur 6 geklärten Bällen von Dortmund.

In der 43.min gab es wieder eine Szene von Dortmund mit Ballbesitz in der linken Außenspur. Can hat den Ball, nachdem es zuvor immer mal wieder einen Dreieraufbau mit Can oder Bellingham gab. Dortmund hat es nun aber deutlich schwerer als noch zuvor in den Zwischenlinienraum zu gelangen. Gladbachs 4-4 steht sehr kompakt und bietet wenig Raum zwischen den beiden Ketten. Der Deckungsschattenaufbau ist nun einfacherer, da die Abstände auch horizontal geringer sind.

In diesem Fall lenkt Zakaria nach Außen, das Spiel soll nicht in den Halbraum oder in das Zentrum vor dem eigenen Strafraum gelangen. Nachdem der Ball deswegen öfters in der Außenspur bei den Außenspielern oder den AVs gelang, kam es zu insgesamt 28 Flanken von Dortmund, wovon aber nur 7 ankamen. Gladbach schaffte es fast immer eine Überzahl im Strafraum zu haben und war darauf vorbereitet was kam.

Das 3:2 als offensiver Glanzpunkt

Gladbach war nicht nur Defensiv sehr Anpassungsfähig, sondern zeigte ihre Flexibilität auch in der Offensive. Besonders das 3:2 von Bensebaini zeigte dies sehr beeindruckend.

Bensebaini hat kurz vor dem Treffer den Ball im linken Halbraum, weshalb Hoffmann links Breitengeber ist. Schon mehr als eine halbe Minute zuvor begab sich Bensebaini in den linken Halbraum und versuchte sich dort anspielbar zu machen. Hoffmann erkannte das und hielt sich nun flexibel links als Breitengeber.

Gladbach überlädt die letzte Linie mit 5 Spielern. Ein Pass in das Zentrum ist aber höchstens durch einen Chip möglich. Gladbach, als sehr vertikal agierende Mannschaft, sucht den Weg zum Tor und diagonal zum Breitengeber Hoffmann.

Dieser dribbelt unmittelbar in das Zentrum bei gleichzeitigen Tiefenlauf von Plea. Zeitgleich wechselte Bensebaini wieder die Position mit Hoffmann und begab sich auf die linke Außenspur. Nach einem Rückpass auf Neuhaus spielt dieser sofort wieder entgegen der Verschieberichtung von Dortmund, welche sich durch den Dribbelweg von Hoffmann und den Laufweg von Plea nun tiefer und noch enger vor dem eigenen Tor befinden.

Der Pass von Neuhaus kam schon leicht in den Raum vor Bensebaini, welcher sofort in diagonal in Richtung Tor dribbelte. Nun zeigte sich, dass eine gute Strafraumbesetzung nicht nur dazu ist, um möglichst viele Spieler in gute Abschlusspositionen zu bringen. Einerseits werden die Verteidiger im Strafraum gebunden, andererseits muss Brandt bestmöglich die Hereingabe verhindern, um die Torgefahr gering zu halten. Brandt versucht auch durch seine Bewegung die mögliche Hereingabe zu blocken.

Bensebaini täuschte dies allerdings nur an und konnte dadurch an Brandt vorbei in den Strafraum ziehen. Hier waren die ballnahen Verteidiger noch zu weit weg, da sie durch die Gladbacher Angreifer gebunden sind. Bensebaini hat genügend Platz für einen relativ freien Schuss mit seinem schwächeren rechten Fuß und trifft platziert in die rechte untere Ecke.

Dortmunds Muster im Aufbauspiel auf der linken Seite

Dortmund versuchte das Spiel über Akanji und Hummels aufzubauen, gelegentlich kippte einer der beiden Sechser ab. Auf der linken Seite ließ sich im Spielaufbau ein klares Muster erkennen, wobei auch verschiedene Lösungsansätze in der Spielfortsetzung gefunden wurden.

Guerreiro auf außen

Sancho rückte dafür etwas ins Zentrum und Guerreiro positionierte sich breit etwas höher als der Innenverteidiger an der Außenlinie. Erhielt Hummels den Ball von Akanji oder einem abkippenden Sechser, dribbelte der Dortmunder Kapitän an. Dabei versuchte er den pressenden Stürmer zu überwinden, sodass der nächste Spieler der Gladbacher (in dem Fall Lainer) sich zumindest mal im Laufweg des Dortmunder Innenverteidigers positionieren muss. Gleichzeitig ließ sich Sancho in den Raum zwischen Lainer und Kramer fallen. Lainer muss nun drei Sachen gleichzeitig beachten:

  • Ist Sancho anspielbar?
  • Ist der direkte Dribbelweg von Hummels geschlossen?
  • Ist Guerreiro an der Außenlinie anspielbar?

Lainer ist dadurch weiter ins Zentrum orientiert, da er so am besten auf alle drei Möglichkeiten reagieren kann. Daraus resultierend kann Guerreiro an der Außenlinie frei in die Tiefe starten und von Hummels angespielt werden. Nun kann Guerreiro entlang der Außenlinie dribbeln und hat dabei zunächst wenig Gegnerdruck, da Lainer deutlich höher positioniert ist.

Sanchos Laufweg ist hierbei besonders interessant, da er gleichzeitig eine Anspielstation schafft, einen Gegner fixiert und bei einem stärkeren Rausrücken von Ginter sogar einen ganzen Raum freiziehen. Dieser freigezogene Raum könnte dann von Haaland belaufen werden und mit einem langen Ball bespielt werden.

Auch als Gladbach gegen den Ball auf ein 4-4-2 umstellte konnte war dieses Muster im Aufbauspiels der Schwarz-Gelben zu finden. Dabei positionierte sich Sancho bei Lainer und Guerreiro auf Höhe der Gladbacher Mittelfeldreihe an der Außenlinie.

Hummels dribbelte nun an, Guerreiro startete seinen Lauf an der Außenlinie und Sancho ließ sich in den Raum Kramer und Zakaria fallen. Dabei orientierte sich Zakaria zu Sancho.

Dadurch öffnete sich der Passweg zu Guerreiro noch weiter, sodass dieser ohne große Gefahr von Hummels angespielt werden konnte. Um sofort Druck auf Guerreiro auszuüben, rückte Lainer weiter nach außen. Dadurch entstand ein Raum zwischen Ginter und Lainer, welcher nun von Sancho belaufen werden konnte.

Der Ball wurde von Guerreiro direkt weitergeleitet und so hatte Sancho in der Theorie Platz in die Tiefe zu starten. Der Pass war allerdings etwas ungenau, weshalb er für Sancho schwer zu verarbeiten war.

Probleme mit tiefen Anspielen auf Haaland

Immer wieder versuchten die Dortmunder das Spiel aus der ersten beziehungsweise der zweiten Aufbaureihe mit einem Pass in die Tiefe auf Haaland aufzubauen. Von dort sollte er den Ball dann auf einen der tiefstartenden Flügelspieler weiterleiten oder auf den Zehner klatschen lassen. Dies funktionierte allerdings selten erfolgreich.

Ein wichtiger Punkt hierbei ist die Defensivleistung der Gladbacher, da sie entweder die Passwege zu Haaland zustellten oder zumindest die Passfenster sehr klein gestalteten. In der vorliegenden Szene ist das Passfenster auf Haaland zwar noch relativ groß. Dennoch befindet sich der Norweger nach dem Entgegenkommen genau zwischen Kramer, Neuhaus und Elvedi und bekommt so nahezu Druck von allen Seiten. Dies erschwert Haaland das Weiterleiten auf Reus, da Haaland keine Zeit hat den Ball ordentlich zu verarbeiten.

Szenen wie diese gab es immer wieder im Spiel der Dortmunder. Die Terzic-Elf versuchte immer wieder Haaland in der Tiefe anzuspielen, allerdings befand sich Haaland aufgrund des starken Defensivverhaltens der Gladbacher selten in einer guten Position. Erschwerend dazu kam, dass in vielen Situationen auch in der Theorie kein Weiterleiten von Haaland möglich war, da die restlichen Dortmunder teilweise langsam nachrückten.

Fazit

Gladbach siegt in einem weites gehend sehr intensiven und auch hochklassigen Spiel 4:2 und bestätigt damit ihren Aufwärtstrend. Besonders ihre drei Tore nach Standards besiegeln den Dortmunder Abwärtstrend. Nach anfänglichen sehr intensiven Minuten, insbesondere von Gladbach, kam Dortmund deutlich besser in das Spiel und kam folgerichtig zu einer 1:2 Führung. Gladbachs Pressingintensität ließ zu dem Zeitpunkt deutlich nach und daraufhin kam ihr Wechsel vom 3-4-1-2 zum 4-4-2. Gladbach wirkte damit deutlich stabiler, verteidigte über längere Strecken etwas tiefer und hatte viele klärende Aktionen.

Dies kam ihnen besonders nach dem sehr ansehnlich herausgespielten 3:2 von Bensebaini sehr zu gute und sie konnten sich weites gehend auf das Verteidigen und Kontern beschränken, womit Dortmund sehr große Probleme hatte. Gladbach blieb dadurch auch immer wieder gefährlich und hatte letztendlich laut understat.com einen xG-Wert von 2,33 zu 1,93.

Dortmund hatte gerade nach Gladbachs stürmischen Beginn eine sehr gute Phase, welche auch zu ihren beiden Toren führte. Sie spielten sehr gut durch Gladbachs Pressing und hatten gute kombinative Szenen im letzten Drittel. Diese wurden im Laufe des Spiels und mit einem tieferen Gladbach zunehmend weniger. Besonders die Gegentore nach Standards besiegelten in diesem Spiel ihre Niederlage, in dem sie insgesamt ein verbessertes Spiel im Vergleich zum vorherigen zeigten.

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