Eine Analyse von Torhütern im U17-Leistungsbereich

Die Nähe zum Fußball brach seit meinem fünften Lebensjahr nicht mehr ab. Seit jeher ist er mir ein treuer Begleiter, welcher sowohl Höhen als auch Tiefen in meinem Leben miterlebte. Von der ersten Sportschau im Röhrenfernsehen, über den alltäglichen Kick auf dem Bolzplatz bis zur meiner ersten Trainerstation in einem 5000-Seelendorf. Er war immer dabei. Mit der Zeit steigt das Interesse, man will die Undurchsichtigkeit dieses Sports durchdringen. Man möchte sich in diesen dichten Dschungel an taktischer, technischer sowie konditioneller Vielfalt wagen und sich verirren. Verirren, um sich wieder heraus zu kämpfen, neue Erkenntnisse zu gewinnen und sein Fußballfachwissen zu erweitern.

Diese kleine Metapher spiegelt bildlich den Prozess meiner Abschlussarbeit wider, welche ich Ende letzten Jahres erfolgreich zu Ende bringen konnte. In dieser beschäftigte ich mich intensiv mit der Position des Torhüters, der in vielen Spielanalysen immer noch zu kurz kommt. Dabei nimmt seine Rolle für einen positiven Spielverlauf eine essentielle Rolle ein, da kaum eine andere Position so klar sichtbar über Sieg und Niederlage entscheidet. Dieser Relevanz gehen seit mehreren Jahren eine Hand voll sportwissenschaftlicher Forschungsgruppen nach, welche sich beispielsweise auf physiologische, kognitive oder konditionelle Parameter fokussieren. Auch setzen sich weitere empirische Studien mit technisch-taktischen Anforderungen des Torhüters auseinander, um ein objektives Bild über durchgeführte Spielaktionen zu generieren. Während Wissenschaftler spielbezogene Analysen zur quantitativen und qualitativen Untersuchung von Torhüteraktionen verstärkt im Profifußball durchführten, ist ein literarisches Defizit im Nachwuchsleistungssport festzustellen. Aus diesem Grund befasste ich mich in meiner Abschlussarbeit mit der Analyse durchgeführter Spielaktionen von U17-Torhütern aus den zwei höchsten Spielklassen ihres Altersbereichs. Dabei ging ich zentral auf die folgenden Fragestellungen ein:

1) Welche torhüterspezifischen Aktionen treten in welcher Häufigkeit in Pflichtspielen im U17- Leistungsbereich auf?

2) In welchen Bereichen liegen Fehlerquellen bei torhüterspezifischen Aktionen im U17- Leistungsbereich?

Konzeptualisierung der torhüterspezifischen Variablen und Fehlerquellen

Um der Vielfalt an auftretenden Spielaktionen eines Torhüters gerecht zu werden, orientierte ich mich am konzeptionellen Grundgerüst der Torhüterausbildung des DFB. In dieser werden torhüterspezifische Aktionen in die drei Hauptkategorien Zielverteidigung, Raumverteidigung und Offensivspiel gegliedert. Unter die Zielverteidigung fallen dabei jegliche Handlungen des Torhüters, welche eine aktive Entschärfung eines Torschusses nach sich ziehen. Raumverteidigende Elemente umfassen Aktionen der indirekten Torverhinderung. Hierbei werden besonders Flanken oder Tiefenpässe des Gegners für den Torhüter relevant. Das Offensivspiel schließt alle zur Verfügung stehenden Fußtechniken sowie Zuroll- und Abwurfaktionen ein.

Für die qualitative Untersuchung von torhüterspezifischen Spielaktionen bezog ich mich auf definierte Fehlerquellen von Rechner & Memmert (2010), welche sich in ihrer Wettkampfanalyse mit Defiziten im Torhüterspiel auseinandersetzten. In dieser wurden Torhüterfehler in die Bereiche Entscheidungsfindung, Technik, Stellungsspiel und Grundstellung kategorisiert.

Stichprobe und Material

Bezüglich des Ligasystems im deutschen Juniorenfußball wurden für die Spielanalyse zwei Torhüter ausgewählt, welche in der höchsten und zweithöchsten U17-Spielklasse (Bundesliga Süd/Südwest und EnBW-Oberliga) zum Einsatz kamen. Aus diesem Grund ist davon auszugehen, dass beide Torhüter im Nachwuchsleistungsfußball aktiv spielen und eine Abgrenzung zum Breitenfußball gezogen werden kann. Der Untersuchungszeitraum umfasste die Hinrunde der Saison 2019/2020, in welcher fünf aufeinanderfolgende Saisonspiele pro Torhüter analysiert wurden. Die bewusste Auswahl von U17-Torhütern lässt sich anhand eines Blickes auf das körperliche Profil rechtfertigen. In dieser Altersstufe ist davon auszugehen, dass sich Proportionen schon weitestgehend harmonisiert und technische Fertigkeiten stabilisiert haben (Greiber, 2015). Damit konzipierte torhüterspezifische Aktionen überhaupt reliabel analysiert werden können, müssen die Probanden über einen ausgeprägten Technikbestand verfügen.

Durchführung der Analyse

Die Analyse wurde sowohl in der Bundesliga als auch in der Oberliga videobasiert durchgeführt. Im Rahmen der Datenerhebung wurden Spielaktionen sowie Fehlerbilder der Torhüter mittels eines entwickelten Beibachtungsleitfadens in einer Excel-Datei festgehalten und anschließend mit der Statistik-Software IBM SPSS Statistics 26 ausgewertet. Die Einordnung von Aktionen im Defensivspiel umfasste neben der Identifizierung der jeweiligen Technik, auch die Lokalisation des Torhüters sowie die des flankenden/schießenden Gegenspielers. Bei Offensivaktionen kam es zu einer Registrierung der bespielten Zone.

Torhüter
Bespielbare Zonen im Offensivspiel

Da subjektive Einschätzungen Beobachtungsergebnisse verzerren können fand in der Abschlussarbeit eine Prüfung der Interrater-Reliabilität statt. Dabei wurden alle Spielaktionen und auftretende Fehlerquellen von einem weiteren TS-Trainer beurteilt, damit Konsistenz und Zuverlässigkeit der Daten gestärkt wird. Den Grad der Zustimmung zwischen beiden Beobachtern stellte der Cohens Kappa Koeffizient dar. Im Mittel konnte man einen Kappa-Wert von 0,81 erzielen, was als eine hohe Übereinstimmung zwischen beiden Untersuchern interpretiert werden kann (Koo & Li, 2016; Landis & Koch, 1977). Des Weiteren ist eine hohe Auswertungsobjektivität gegeben, wodurch die Ergebnisse der Datenauswertung wissenschaftlichen Gütekriterien entsprechen.

Quantitative Auswertung

Über die zehn analysierten Spiele wurden insgesamt 586 Torhüteraktionen vermerkt. Ein U17-Torhüter greift somit durchschnittlich ca. 59 Mal aktiv in das Spielgeschehen ein. Dabei stellen Handlungen im Offensivspiel mit 82,2 % den höchsten Anteil dar, gefolgt von der Raumverteidigung (10,6%) und zielverteidigenden Aktionen (7,2%). Die relativen Häufigkeiten der einzelnen Variablen sind in der folgenden Tabelle dargestellt:

Torhüter

Die Analyse der Spielzonen zeigte, dass die Torhüter am häufigsten mit Abschlüssen aus der zentralen Position konfrontiert wurden. Schüsse aus den Halbpositionen wiesen differierende Werte zwischen rechts (30,2%) und links (23,3%) auf. Im Bereich der Raumverteidigung wurde gleichermaßen eine stärkere Verteilung der Flankenabgabe hinsichtlich der Zentralen Position beobachtet. Des Weiteren zeigte sich, dass die Mehrheit der Angriffe, welche mit einer Flanke auf das Tor endeten, über die rechte Spielseite vorgetragen wurden. Im Offensivspiel spielten die Torhüter die meisten Pässe über die Mitteldistanz in die Zonenreihe 2.

Torhüter
Prozentuale Verteilung der bespielten Bereiche im Offensivspiel der Torhüter

Qualitative Auswertung

Über die zehn analysierten Spiele mussten die Torhüter im Schnitt 1,6 Gegentore pro Spiel hinnehmen. Von 16 Gegentoren wurden sechs als “unhaltbar” eingestuft, zwei davon resultierten aus einer Elfmetersituation. Von 586 Torhüteraktionen konnten von den Prüfern 103 Situationen (17,6%) als fehlerbehaftet identifiziert werden. Die folgende Kreuztabelle fasst die Verteilung der Fehlerquellen in Relation zu den definierten Überkategorien zusammen:

Es wird deutlich, dass Defizite in der Entscheidungsfindung über die Hälfte aller Fehlerbilder darstellen und Fehler in der Grundstellung am wenigsten auftreten. Ebenfalls konnte festgestellt werden, dass das Offensivspiel vergleichsweise am fehleranfälligsten war. Für einen detaillierten Einblick zu den Fehlerquellen bezüglich der einzelnen Variablen, kann man mich gerne per Mail kontaktieren.

Ausblick

Die Ergebnisse der durchgeführten Analyse untermauern die Tatsache, dass das Aktionsrepertoire des Torhüters über die letzten Jahre stetig erweitert wurde. Neben seiner zentralen Aufgabe, dem Verhindern von Toren, gewinnen besonders Handlungen im Offensivspiel immer mehr an Bedeutung. So kann festgehalten werden, dass der Torhüter bereits im Nachwuchsfußball als aktiver Mitspieler in der Spieleröffnung agiert oder Angriffe einleitet. Die niedrige Anzahl an Technikfehlern in diesem Bereich weist ebenfalls auf die qualitativ hohen, technischen Fertigkeiten am Fuß hin. Diese Faktenlage deckt sich mit der wissenschaftlichen Position, dass sich das Offensivspiel immer mehr vom rigorosen “Klären” des Balles entfernt (Vgl. Krebs, 2008). Dieser Trend lässt sich ebenfalls an der hohen Anzahl von flachen Abstößen erkennen.

Im Bereich der Zielverteidigung sollte aufgrund der hohen Anzahl an identifizierten Fehlern im Stellungsspiel auf eine korrekte Positionierung des Torhüters während zielverteidigender Aktionen geachtet werden. Eine weitere Erkenntnis der Analyse ist die hohe Bedeutung von Eins-gegen-Eins-Situationen im U17-Leistungsbereich. Derartige individualtaktische Konstellationen sollten dement-sprechend im Training wiederholt konstruiert werden, um den Torhüter auf das Wettspiel vorzubereiten. Die hohen Analysewerte des Abfangens von Flanken verdeutlicht abermals, dass das klassische Flankentraining unter realen Bedingungen weiterhin Anwendung im Trainingsalltag finden sollte. Anhand der Erkenntnis, dass die Torhüter ca. 40% aller raumverteidigenden Aktionen im Bereich des Ablaufens durchführten, wird abermals deutlich, dass dem offensiven Mitspielen bereits in diesem Altersbereich eine elementare Bedeutung zu-gesprochen werden kann.

Fazit

Es ist klar, dass die alleinige Betrachtung der dargelegten Ergebnisse keine allgemeingültige Aussage über das Anforderungsprofil und auftretenden Fehlerquellen von Torhütern m U17-Leistungsbereich zulässt. Sie können jedoch als Vergleichswerte für weitere Spielanalysen mit größeren Stichproben, längerem Untersuchungszeitraum oder abweichenden Spielniveau (Breitenfußball oder Profifußball) dienen. Unter der Berücksichtigung der gewonnen Erkenntnisse und zukünftigen Forschungsarbeiten können Jugendtorhüter im Rahmen der Talententwicklung effizienter auf den Erwachsenenfußball vorbereitet werden, was schlussendlich das ultimative Ziel einer jeden torhüterspezifischen Ausbildung darstellt.

Quellen

  • Deutscher Fußball-Bund. (2016). Leitfaden Torwartspiel – UNationalmannschaften weiblicher und männlicher Bereich Münster: Philippka-Sportverlag.
  • Greiber, P. (2015). Torhüter systematisch ausbilden. Handbuch für alle
    Altersklassen. Münster: Philippka-Sportverlag.
  • Koo, T. K., & Li, M. Y. (2016). A Guideline of Selecting and Reporting Intraclass
    Correlation Coefficients for Reliability Research. Journal of Chiropractic
    Medicine, 15(2), 155-163. doi:https://doi.org/10.1016/j.jcm.2016.02.012
  • Krebs, S. (2008). Anforderungsprofil des Torwarts im Hochleistungsfußball –
    Eine Analyse der Europameisterschaft 2008 in Österreich/Schweiz und
    der Bundesligasaison 2007/2008. Köln: Deutsche Sporthochschule Köln.
  • Landis, J. R., & Koch, G. G. (1977). The measurement of observer agreement
    for categorical data. Biometrics, 33(1), 159-174.
  • Rechner, M., & Memmert, D. (2010). Das technisch-taktische
    Anforderungsprofil des modernen Fußballtorwarts – Die 5×3 Top-Basics
    des Torwartspiels. Leistungssport(4), 32-37.

Für weitere Informationen oder Rückfragen stehe ich gerne zur Verfügung: johannes.jaeger@student.uni-tuebingen.de



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