Vom Halbraumfokus zu Flügeldurchbrüchen: Monaco-Niko auf CL-Kurs

„Vibrant, aggressive, linear.“ Soweit die Vision vom Spiel der AS aus Monaco in den Worten von Sportchef Paul Mitchell und nach dieser Aussage ist es keine Überraschung, dass er vorher für die RedBull-Fußballabteilung gearbeitet hat. Zuletzt passten diese Attribute auf den Klub, als noch ein gewisser Kylian Mbappe in rot-weiß stürmte. Zumindest „vibrant“ war aber das 3:4-Endergebnis beim Auswärtsspiel beim Tabellenletzten Olympique Nimes. Grund genug einmal genauer hinzuschauen, wie nah Mitchell, Chefcoach Niko Kovac sowie die Mannschaft um Neuzugang Kevin Volland der angestrebten Vereinsphilosophie nach etwas über einer halben Saison bereits gekommen sind.

Die Entwicklung bis hierhin

Die erste Priorität Mitchells im Sommer, nach der Trainer-Verpflichtung, war die Kaderverkleinerung. Sage und schreibe 31 Spieler stehen seither auf der Abgangsliste bei den Monegassen. Kein Wunder, dass auch Niko Kovac diesen reformierten und von den meisten „Altlasten“ befreiten Kader erst einmal kennenlernen musste. Zu Beginn der Saison setzte er deshalb zunächst auf ein 4-3-3 mit der Flügelzange Martins/Onyekuru, die für Tiefe und Breite sorgen sollten. Das Flügeldreieck aus ballnahem Achter, Außen- und Innenverteidiger sorgte für eine stabile Ballzirkulation in der ersten Linie, von wo aus der linke Achter Tchouameni immer wieder aufrückte, um die fallenden Bewegungen von Topstürmer Ben Yedder zu balancieren und mit diesem zu kombinieren. Immer wieder lockte man auch durch die tiefe Positon der Achter das gegnerische Pressing, um dann auf den freigewordenen Sechser klatschen zu lassen. Früh zeigte sich eine hohe Intensität im Gegenpressing und der Wille auch in geordneten Verteidigungssituationen hoch zu pressen. Oftmals geschah das aber noch zu unbalanciert, sodass die Gegner Räume im Rücken der ersten Pressingwelle ausnutzen konnte. Im Verlauf der Saison änderte sich das Spielsystem immer mehr zu einem 4-4-2, auch um Neuzugang Volland besser an der Seite Ben Yedders einzubinden. Die Spielprinzipen und die grundsätzlichen Stärken blieben aber größtenteils gleich. So auch im Spiel gegen Nimes.

Der Tabellenletzte, der unter der Woche mit 3:0 von PSG abgekanzelt wurde, hatte vor dem Spiel den Trainer entlassen und wurde von Interimstrainer Pascal Planque betreut. Dieser änderte systematisch erstmal nichts, was, unter anderem aufgrund der mangelnden Trainingszeit in der englischen Woche, auch nicht nötig war. Im 4-1-4-1 verschob Nimes nämlich gegen die Pariser Übermannschaft grundsätzlich sauber gegen den Ball, bloß blieb die Defensive nur ein grauer Taktiktafeltiger, weil man kein Mittel fand gegenüber der Innenverteidigung und der Doppelsechs des CL-Finalisten Druck aufzubauen und diese immer wieder die einrückenden Flügelspieler Sarabia/di Maria im Rücken der Achter finden konnten, von wo aus diese Richtung Abwehrkette beschleunigen konnten, in deren Schnittstellen Moise Kean und der bereits erwähnte Mbappe warteten.

Tiefenläufe und Abschlussglück gegen die Halbraumblockade

Das lief unter Planque besser, sodass sich bei Ballbesitz Monaco oft folgende Grundsituation ergab:

Bei Monaco blieb Rechtsverteidiger Sidibe tief, um im Aufbau eine Dreierkette zu bilden, weshalb Rechtsaußen Golovin die Breite gab. Auf Links lauerte Baillo-Toure auf Tiefenläufe, während es sich Diop im Halbraum gemütlich machte, ebenso wie das Sturmduo. Monaco konnte in seiner 3-2 Aufbaustaffelung meist ruhig zirkulieren, Nimes versuchte nur vereinzelt in passenden Situationen durch aus der Formation herauspressende Achter Druck zu machen. Das Primärziel war es aber, Monaco keine Halbraumpenetration zu erlauben. Darauf achteten vor allem auch die Flügelspieler, sodass der Halbraum quasi von allen Seiten verschlossen wurde. Monaco konnte diesen Fokusraum nur vereinzelt anspielen, etwa, wenn die Achter durch die Sechser oder andribbelnde Halbverteidiger etwas anlocken konnte. Obwohl die Halbräume eigentlich Monacos bevorzugter Ort zum Ballvortrag sind, ließen sie den Ball aber trotzdem relativ gleichförmig zirkulieren, ohne zu forcieren, und attackierten dann lieber die Breite, da Nimes diese aufgrund der sehr engen Positionierungen nicht so gut verteidigen konnten. Dies geschah vor allem über links, weil hier Baillo-Toure aus der Tiefe kam und nicht wie sein Breitengeber-Pendant Golovin auf rechts schon auf Höhe der letzten Linie stand. Denn so verlor ihn die Abwehrkette in diesen Situationen trotz des Halbraumfokus nicht aus den Augen. Monaco wartete also darauf, dass Nimes sich zusammenzog, um die Gefahr aus den Halbräumen wegzunehmen, um dann den in die Tiefe startenden Baillo-Toure zu bedienen. Nach dessen Flanken verlor die Abwehr der Heimmannschaft Golovin dann doch aus den Augen. Der Star der letzten Weltmeisterschaft verwandelte nämlich zwei der Hereingaben von links sehenswert, nachdem er sich aus dem „toten Winkel“ der Verteidigung an den zweiten Pfosten freigeschlichen hatte.

Ansonsten fand das Team aus dem Fürstentum relativ selten den Weg in die Formation und das kombinative Potenzial der Halbraumbesetzung Diop/Ben Yedder/Volland ließ sich nur erahnen. Gerade bei Ballbesitz in der Breite ohne Dynamikvorteil zeigte sich das geschärfte Problembewusstsein des Tabellenletzten nach der Niederlage in Paris. Die tiefen Positionierungen der Flügel sorgten dafür, dass Golovin/Baillou-Toure kaum hinter der Mittelfeldkette an den Ball kamen, um dann den Zwischenlinienraum attackieren zu können. Zudem schob Solosechser Cubas weit zur Seite, um den dortigen Halbraumspieler aufzunehmen.   Aber dafür besetzte man alle wichtigen Räume auf dem Feld, deutete immer wieder Gefahr in die Tiefe an und konnte so den Gegner mit ruhiger Ballzirkulation in Schach halten.

Auch mit Ball hielt Nimes sich relativ eng an die 4-1-4-1-Ausgangssformation. Monaco antwortete darauf mit dem „klassischen“ 4-4-1-1, bei dem der ballnahe Stürmer den ballführenden Innenverteidiger anlief, und der Ballferne sich leicht asymmetrisch um den Sechser kümmerte. Die saubere Ausführung dieses Ablaufs, sowie die enge Mittelfeldreihe dahinter sorgten dafür, dass Nimes aufgrund der 3-zu-2-Überzahl in der ersten Aufbaulinie zwar zirkulieren konnte und hin und wieder über Ablagen der Achter Cubas freispielen konnten. Gefahr erzeugten sie allerdings vor allem dann, wenn sie direktere Angriffsübergänge suchten. Das Vierermittelfeld der AS wartete nämlich auf Vertikalpässe, um sich dann fast piranhaartig darüber herzumachen und den gerade noch offenen Raum aufzufressen. So konnten sie die Achter des Heimteams bei den wenigen Anspielversuchen oft gegen mindestens zwei eigene Spieler isolieren und den Ball gewinnen. Die Intensität in den Momenten, in denen Monaco auf Balleroberung schaltete, war sehr hoch und definitiv „RB-like“. Ähnliches galt auch für Gegenpressingmomente, die durch die ausgewogene Grundstaffelung ermöglicht wurden. Hin und wieder fehlt aber noch die Balance und gerade die Sechser sind manchmal zu sehr auf Balleroberung aus, anstatt auch die Absicherung herzustellen.  Wenn Nimes in die Tiefe kam, wurde es gefährlich. Im letzten Drittel zeigte das Team aus der alten Römerstadt (Fun-Fact nach kurzer Wikipedia-Recherche: Der Jeansstoff Denim leitet sich vom Stadtnamen ab; „de Nimes“) ein Auge für die Schnittstellen der Abwehrkette, attackierte diese konsequent und schob mit den vorderen fünf Spielern in den Strafraum nach.

Zahlensalat

Trotzdem war das Endresultat von Vier zu Drei eher ein Freak-Ergebnis. Die meisten xG-Statistiken werteten die Chancenqualität beider Mannschaften zwischen einem und anderthalb erwartbaren Toren. Besonders die zwei Traumfreistöße von Golovin und Eliasson landen bei hundert Versuchen wohl nicht immer im Tor. Witzigerweise verwertete Ben Yedder die wahrscheinlich größte Chance der Partie, ein freier Abschluss aus circa fünf Metern, nicht, dank einer Wahnsinnsparade von Reynet. Vom Rhythmus wirkte das Spiel auch eher wie ein Arbeitssieg als ein Torspektaktel.

Apropos xG, Monaco steht momentan bei 35 Gegentoren, die zugelassene Chancenqualität (xGa) entspricht laut fbref und understat jedoch nur einem Wert von 23.4 beziehungsweise 25.87 xG. Damit wäre die Abwehr zwar weiterhin nicht elitär, aber immerhin unter dem Liga-Durchschnitt von 32.5 Gegentoren. Natürlich sind die xG-Modelle keine vollkommenen Statistiken und die Kovac-Elf hat durchaus noch die angesprochenen Balance-Probleme, aber vielleicht kann man darauf hoffen, dass die Gegner im weiteren Verlauf der Saison nicht mehr quasi jeden verpassten Zugriffmoment mit einem Kontertor bestrafen.

Wieder Kaviarfußball im Fürstentum?

Wie steht die Association Sportive de Monaco Football Club nun nach 20+ Spielen der Ära Mitchell/Kovac da? Tatsächlich ziemlich gut, auch wenn die größte Stärke überraschenderweise nicht das Pressing- und Umkehrspiel, sondern der eigene Ballbesitzmoment ist. Alle wichtigen Räume sind durchgängig besetzt, das Zusammenspiel von Wissam Ben Yedder und Kevin Volland klappt hervorragend. Es ist ein klares, wenn auch etwas starres Positionsspiel zu erkennen. Zwar ist die Ballzirkulation manchmal noch zu sehr auf Spielkontrolle ausgelegt, so ist trotzdem klar der Fokus zu erkennen, möglichst flach mit bekannten Mustern wie Ablagen oder Doppelpässen durch den Halbraum zu kombinieren. Dazu gibt der Kader eine Menge Flexibilität her, vor allem bei der Besetzung der Mittelfeldreihe. Das Allrounder-Pärchen Tchouameni/Fofana ist zurzeit zwar gesetzt auf der Doppelsechs, aber auch ein Cesc Fabregas hat noch einiges beizutragen (seine Einwechslung war einer der Hauptgründe für ein Comeback-Sieg gegen PSG im Dezember. Auch die Intensität in Defensivphasen ist herauszuheben und wenn ein hoher Ballgewinn gelingt, gibt es passende Konterstrukturen. Im Verlauf der Saison haben sich viele der angesprochenen Aspekte auch eindeutig verbessert, sodass die vielzitierte „Entwicklung der Mannschaft“ deutlich zu sehen ist und die CL-Plätze in Reichweite sind.

Bei Niko Kovac scheint es so als könnte er den nächsten Entwicklungsschritt als Trainer hinlegen, welchen er in ähnlicher Weise schon in Frankfurt im Vergleich zu seiner Zeit als Nationaltrainer Kroatiens gezeigt hatte und dem ihm auch die Münchner Verantwortlichen zugetraut hatten. Passiert ist dieser aber nun nicht in Monaco di Bavaria, sondern erst im „originalen“ Monaco.

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