An einem Wochenende um die (Fußball)-Welt

Sydney, Rio, London, Barcelona- was klingt wie ein ordentlicher Städtetrip (natürlich erst in post-Pandemie-Zeiten), ist hier nur der Aufhänger für einen kleinen Einblick in Fußballwelten rund um den Globus. Mit Protagonisten wie Rhyan Grant, Yefferson Soteldo, Cuca, Melanie Leupolz oder Frenkie de Jong geht es mit Hilfe des Internets einmal um die Welt.

Spiel I: Macarthur FC- Sydney FC (A-League, 6. Spieltag)

Während in Down Under der Nachmittag langsam ausklingt, beginne ich meine virtuelle Weltreise am Samstagmorgen mit einer ordentlichen Tasse Kaffee und mit der verwunderten Erkenntnis, dass auf dem fünften Kontinent Zuschauer erlaubt sind. Es mutet mittlerweile leider fast komisch an Menschen im Stadion zu sehen und obwohl die Heimfans von Macarthur, einem „Vorort“ von Sydney, eher Barbecueatmosphäre versprühen als einen echten Hexenkessel zu entfachen, sind gröhlende Fankehlen doch eine Wohltat, wenn sie nicht vom Band kommen. Die eher mittelmäßige Stimmung mag vielleicht auch daran liegen, dass der Gastgeber erst seit dieser Saison als neue Franchise der A-League existiert und aus einer Metropolregion kommt, in der es mit dem heutigen Gegner und den Western Sydney Wanderers noch zwei weitere Profiteams gibt. Das hinderte den Liganeuling allerdings nicht daran, ein paar interessante Spieler einzukaufen. Namen wie Benat Etxebarria oder Markel Susaeta, zwei altgediente baskische Schlachtrösser, könnten ebenso bekannt sein wie etwa Kapitän Mark Milligan, der die Socceroos schon bei der WM vertrat.

Gegner Sydney FC ist dagegen so etwas wie ein Traditionsklub und Gründungsmitglied der A-League, die immerhin schon seit 2004 existiert. Seitdem spielten schon große Namen für die in Himmelblau antretenden Australier wie beispielsweise Alessandro del Piero, Juninho oder auch Dwight Yorke, aktuell läuft ein alter Bekannter aus der Bundesliga, Alexander Baumjohann, für das Team auf.

Auf dem Platz fiel als erstes der Außenverteidiger der australischen Opernstädter, Rhyan Grant, auf, der mit seinem blonden Vokuhila und der gebräunten Haut wie der Prototyp einer Person aussah, die am liebsten Boardshorts trägt und sehr oft „Mate“ sagt (Update nach einem Insta-Check: Er ist tatsächlich Surfer!). Aber darüber hinaus kann er auch noch richtig gut zocken. Mit Ball zeigt er sich durchaus spielmachend, immer mit einem Auge für eine diagonale Lösung in die Spielfeldmitte. Diese fußballerischen Fähigkeiten wurden ab der 21. Spielminute besonders wichtig für sein Team, denn ab da spielten die Himmelblauen in Überzahl, nachdem Mark Milligan vor dem eigenen Strafraum die Notbremse zog und folgerichtig Rot sah. Der für mich interessante Aspekt entstand dann auch durch die nun folgende Balldominanz, weshalb ich das starke Pressing von Sydney (klares 4-2-2-2, saubere leitende Elemente und gutes Nachschieben) sowie die guten Ballbesitzansätze MacArthurs dagegen, zumindest während des 11-gegen-11s, hier außer Acht lasse. Denn auch mit Ball zeigte Sydney eine starke Struktur, saubere Halbraum- und Tiefenbesetzung durch Halbzehner und Stürmer, vielversprechende Positionierungen der Secher zur Spielauslösung durch leichtes Herauskippen in den Halbraum und gute Koordination und Bewegungsabstimmung zwischen den jeweils ballnahen Sechser, AV, Zehner und Stürmer. Bloß dauerte es dann bis zur 66. Minute bis sie gegen das resolute 4-4-1, DIE Standardformation bei Unterzahlsituationen, durchbrechen konnten. Das erscheint jetzt erst einmal nicht weltbewegend und die Sky Blues legten dann auch in relativ schneller Folge noch zwei Tore nach, davor erspielten sie sich aber fast keine Chancen und hatten sogar Glück, dass sie wegen einer knappen Abseitsstellung nicht in Rückstand gerieten. Was sie vor dem „Dammbruch“ in Minute 66 am Toreschießen hinderte, war ein Problem, das viele moderne Teams behindert: Wie komme ich weiter Richtung Tor, wenn ich einmal den Halbraum penetriert habe?

Mr. Rhyan Grant

Mit dem Ball hinter die gegnerische Mittelfeldlinie zu kommen, ist einer der wichtigsten Zwischenziele des Spielaufbaus. Vor allem bei flachen Anspielen in diesen Raum bieten sich dem Passempfänger aber oft zu wenig Anschlussoptionen, vor allem bei Situationen mit geschlossener Körperstellung. Klar, der Grund dafür liegt auch in den Regeln des Spiels selbst. Das Tor steht nun einmal in der Mitte und je näher man diesem kommt, desto höher ist die Priorität der Verteidiger die Mitte zu schließen. Aber zu häufig ist der Passempfänger in diesem Raum die Spitze einer Dreiecks- oder Rautenstruktur, die dann nur noch eine Ablage zurück oder auf die Flügel erlaubt, was zwar auch Raumgewinn bedeutet, jedoch gibt man gleichzeitig den gerade gewonnenen Raum wieder auf. Dabei ist doch genau das der Ort wo „the magic happens“: hier geschieht der Übergang in Richtung Strafraum, hier muss kombiniert und aufgedreht werden. Und wie gesagt, natürlich geht das nicht immer, man spielt ja nicht 11 gegen 0, aber zu oft wird der „bequeme“ Weg nach außen gewählt. Einmal, um den Druck zu entkommen, andererseits, weil die Optionen zur Spielfortsetzung nicht geschaffen werden, indiviidualtaktische Details wie die Körperstellung nicht passen und die Mitspieler zu sehr in der Ursprungsstruktur verharren. Es reicht eben nicht nur den Raum zu besetzen, viel wichtiger ist, wie man diesen effektiv genutzt, gerade wenn es sich um so eine wertvolle wie den Halbraum handelt.

Einer, der sich mit diesem Status quo nicht zufriedengab, war Rhyan Grant. Vor dem 1:0 spielte dieser den eingewechselten Baumjohann in genau der beschriebenen Halbraumposition an, aber anstatt die Ballbesitzphase nach dem natürlichen Flow durch den Gegnerdruck in Richtung Außenlinie weiterfließen zu lassen, bot sich der Aussie diagonal nach innen an, vollendete den Doppelpass, zog mit Ball in die berühmte „Zone 14“ vor den Strafraum, Steckpass, Querpass, Zack, Tor!

Was ich mit all dem sagen will ist a), dass es Spieler wie Grant braucht, die eben nicht nur das nehmen, was die Defensive einem gibt, sondern selbst kreieren, und b), dass Coaches auch diese Details im Blick haben müssen, wenn sie eine Offensividee entwickeln.

Spiel II: Palmeiras- FC Santos (Copa Libertadores, Finale)

Einen halben Tag später war das altehrwürdige Maracana, welches schon viele denkwürdige Partien gesehen hat, der Schauplatz des nächsten Spiels. Das Finale der südamerikanischen “Champions League“ ist das Spiel, bei dem auch europäische Fans, die sonst eher die hiesigen Ligen verfolgen, einschalten. Und nun ja, wirklich Werbung für den Wettbewerb war das Finale eigentlich nicht. Die ersten 15 Minuten glichen eher einer „Foul-Compilation“ und von brasilianischer Spielkultur war auch nicht viel zu sehen. Palmeiras spiegelte mit seinem 4-4-1-1 das 4-3-3 des Gegners in Schwarz-Weiß und das reichte auch, um den Spielaufbau zum Erliegen zu bringen. Vielversprechende Szenen, nicht Chancen, denn den ersten Torschuss gab es erst weit in der zweiten Hälfte, entstanden meistens, wenn der von Linksaußen in die Mitte driftende Yefferson Soteldo mal nach Abprallern oder langen Bällen hinter den gegnerischen Sechsern den Ball einsammelte und losdribbelte. Auch wenn der Ball den Besitzer wechselte, war nicht viel mit „Joga bonito“, Palmeiras war eher auf Bolzen aus. Nur hin und wieder blitzte die individuelle Klasse einzelner Akteure auf, wie eben die Soteldos, dem 1,60 großen Magier mit den blondierten Haaren und den knapp über den Schuhen hängenden Stutzen, oder die Ballannahmen von Rony auf der Seite Palmeiras.

Einer tiefergehenden Analyse verweigere ich mich hier jedoch. Da bei thefalsefullback aber gerade auf diesen Aspekt wert gelegt wird und ich auch keinen reinen Erfahrungsbericht schreiben will, stelle ich hier kurz einen meiner Lieblings“tricks“/-freilaufbewegungen von Sechsern oder Innenverteidigern im Spielaufbau vor, den unter anderem der junge Palmeiras-Sechser Danilo während der Partie einige Male zeigte.

Exkurs:

Es handelt sich dabei grundsätzlich um das Ausspielen einer 3-zu-2-Überzahl durch einen Doppelpass, um mit offenem Blickfeld an der ersten Pressinglinie vorbeizukommen.

Grafik: Der Ballführende eröffnet auf einen Innenverteidiger, der sofort unter Druck gesetzt wird. Dann schiebt er sofort eine Linie vertikal nach vorne und erhält den Ball zurück. Er manipuliert so den Deckungsschatten der Verteidiger und kreiert ein Dilemma, da sich der Passweg auf den anderen Innenverteidiger öffnet, wenn ein Stürmer ihn verfolgt.

Diese Situationen kommen in so ziemlich jedem Fußballspiel vor und im Kern handelt es sich wirklich nur um einen handelsüblichen Doppelpass. Was ich daran cool finde, ist der „Spielgeist“, der daraus spricht. Denn gerade im Aufbauspiel wird seitens der Coaches oft mit festen Strukturen hantiert und gerade Innenverteidiger haben oft den Drang in solchen Situationen in ihrer Position zu verharren.

Cuca Tarantino und der Geist der Copa

Aber hey, trotz all dem war allein Santos-Trainer Cuca war Grund genug, um 90 Minuten dranzubleiben. Der sah mit seinem extravaganten Shirt nicht nur aus wie ein Quentin Tarantino- Charakter, er coachte auch so, als würde er Regie-Anweisungen vom Hollywood-Meister verfolgen. Und dann die Nachspielzeit, 90+8 wurden angezeigt, Fußball gespielt wurde eigentlich nur in einer davon, der Abpfiff erfolgte nach 12 Minuten Extrazeit. Der Gipfel des Wahnsinns: In der (handgeschätzten) Minute, in der der Ball tatsächlich rollte, köpfte Breno, nein, nicht der Breno, das Ding in die Maschen, gleichzeitig der erste Torschuss von Palmeiras im gesamten (!) Spiel, Ekstase und Feierarien mit den Fans folgten. Einziger Wermutstropfen: Der Blick auf die Corona-Zahlen in Brasilien und die Frage warum überhaupt Fans, wenn auch nur 1200, im Maracana anwesend waren.

Cuca

Die bittere Realität der Pandemie mal für den Moment beiseite, war das Finale trotz der mauen Spielqualität ein weiteres Beispiel für den Wahnsinn, der den Fußball wohl nur in Südamerika befallen kann.

Spiel III: Chelsea FC- Tottenham Hotspurs (FA Womens Super League)

Eine Runde Schlaf nach dem Finale in Südamerika hieß es „Welcome to London“; Spielort war das Kingsmeadow-Stadion im Stadtteil Kingston. Hier schickte sich dominanteste Mannschaft Englands an, einen weiteren Schritt Richtung Meisterschaft zu machen. Die Blues waren seit 32 Spielen ungeschlagen und luden die Spurs zum London-Derby. Diese sind zwar nicht im Titelrennen dabei, aber nach einem Trainerwechsel doch in Schwung gekommen und ebenfalls in starker Form. Typisch englisch unter grauem Himmel suchte der Underdog auch gleich die Attacke und brachte den Goliath sogar ins Wackeln.

Chelsea findet die Lücken hinter dem Pressing

Vor allem beim Anlaufen sah das ziemlich gut aus, wenn die Stürmerinnen im 4-4-2 die Innenverteidigerinnen störten, eine ruhige Zirkulation verhinderten und die mit Ball anfällige deutsche Torhüterin Ann- Kathrin Berger zu Ballverlusten zwangen. Ergebnis davon waren einige Abschlüsse, unter anderem ein Pfostenschuss, den Berger mit den Fingerspitzen gerade noch dorthin lenkte. Probleme für die Spurs ergaben sich dann, wenn der Tabellenführer über die Breite dem hohen Pressing entkam und ruhigere Ballbesitzphasen einleiten konnte. Dabei kamen den Außenverteidigerinnen in Blau eine wichtige Rolle zu. Diesen bot sich nämlich viel Platz zum Attackieren des Zwischenlinienraums, wenn sie den Ball hoch und im Rücken der Mittelfeldkette erhielten, die immer darauf lauerte rauszuschieben und so die Absicherung vernachlässigte. Hier konnte Chelsea auch die hervorragende Tiefenbesetzung durch die vier Offensivspielerinnen ausnutzen. Für die Abwehrkette war dies quasi ein unlösbares Problem: Die Außenverteidigerin anlaufen? Aber was ist mit der Flügelspielerin in der Schnittstelle hinter mir? Ganz durchschieben, um zum Helfen? Aber was ist mit der Sicherung der Mitte? Gerade die Schnittstelle zwischen Innenverteidiger und Außenverteidiger, generell ein neuralgischer Punkt moderner Pressingsysteme, wurde zum Einfallstor für die Blues. So richtig zum Tragen kam das aber erst, nachdem Melanie Leupolz fulminanter Distanzschuss die Führung für die Heimmannschaft hergestellt hatte. Jetzt ging Tottenham seltener ins Angriffspressing, ergo kam Chelsea häufiger in diese vielversprechenden Ausgangssituationen. Dazu ließ sich Leupolz, vor dem Wechsel nach London lange Jahre für den FC Bayern am Ball, jetzt auch im Aufbau fallen und stellte die schon oben beschriebene klassische Aufbauüberzahl her. Zusammen mit ihrer Partnerin Ji auf der Doppelsechs riss sie jetzt das Spielgeschehen an sich und für Tottenham hieß es dann „vom Regen in die Traufe“. Ein Eigentor und ein Treffer von Kerr sorgten für den 3:0-Halbzeitstand. Auch wegen der taktikpsychologischen Wirkung der Gegentore fiel das durchaus ambitionierte Ballbesitzspiel der Spurs, mit einrückenden Flügeln und viel Ablagespiel gegen das hohe Chelsea-Pressing, dann nicht mehr entscheidend ins Gewicht.

Auf dem Weg zur englischen Meisterschaft mit dem Chelsea FC: Melanie Leupolz

Zur Halbzeit stellte Gästetrainerin Rehanne Skinner auf 4-1-4-1 um. Damit wurde zwar der Zwischenlinienraum besser verschlossen und der zusätzliche Mittelfeldspieler half bei der Tiefensicherung, aber die Spielkontrolle lag nun vollends bei der Heimmannschaft, die bei Gegnerdruck immer eine „Exit-Option“ nach hinten hatte. Im Ergebnis behob die einfache Formationsänderung also sogar die drängendsten Defensivprobleme der ersten Halbzeit, aber gleichzeitig nahm sie den Spurs auch ihre stärkste Offensivwaffe, das hohe Pressing, weshalb nur noch Schadensbegrenzung, aber keine Aufholjagd möglich war. So verwaltete Chelsea sich locker zum Heimsieg in Kingsmeadow und erhöhte sogar noch auf 4 Tore durch einen Leupolz-Elfmeter, womit man seit Ende Januar 2019 (!) in der Liga ungeschlagen ist.

P.S. Kleines Schmankerl für Standardfreunde: Chelsea spielte in der zweiten Halbzeit mehrmals eine interessante Eckballvariante für Pernille Harder (auch eine alte Bekannte aus der Bundesliga) gegen die Deckung der Gäste.  Die Ecke wurde zum nicht besetzten Elfmeterpunkt geschlagen, die Angreiferinnen postierten sich vor dem Tor oder an der Strafraumkante und Harder lief sich in einem Bogen vom zweiten Pfosten dorthin frei und bekam zweimal einen freien Abschluss, beim ersten Mal verhinderte nur der Kopf einer Gegenspielerin den Einschlag.

Spiel IV: FC Barcelona- Athletic Bilbao (La Liga, 21. Spieltag)

Zum Abschluss des Wochenendes ging es dann, unter Flutlicht, auf eine der größten, gerade auch wenn man die Dimensionierung des Platzes betrachtet, Bühnen im Weltfußball. Das Camp Nou funkelte im Flutlicht und war bereit für das Sonntagabendspiel; bloß die nackten Zuschauerränge störten. Es war alles angerichtet für ein spanisches Traditionsduell: die Basken aus Bilbao gegen die heimischen Katalanen. Es war zugleich auch die Chance zur Revanche für die Niederlage in der Supercopa, die die Leones Barca in der Vorwoche zufügten.

Die Schlagzeilen vor der Partie gehörten mal wieder Barca, wo das Wort „Chaosklub“ mittlerweile wohl leider angebracht ist und bei dem zumindest in der Führungsriege vom Motto „mes que un club“ nicht mehr viel übrig ist. Messis Millionenvertrag, die anstehenden Präsidentschaftswahlen und der bedrohliche Schuldenberg zogen die Aufmerksamkeit auf sich, während die Januar-Schlagzeile des heutigen Gegners eigentlich mehr Aufmerksamkeit verdient hätte. An der Biskaya hatte man sich nämlich für einen Trainerwechsel entschieden und Gaizka Garitano durch Marcelino Garcia Toral ersetzt. Bilbao war unter Garitano bis zuletzt ein gutes Defensivteam, in Phasen der vergangenen Saison sogar ein überragendes, zum Beispiel zum Saisonstart, als man den heutigen Gegner durch Aduriz Seitfallzieher schlagen konnte. Dies war aber Aduriz letztes Profitor und Garitano ist letztendlich daran gescheitert, dauerhaft eine stabile Offensive auf den Platz zu bringen, auch wenn das mit diesem Kader und dem leider verletzungsanfälligen Iker Muniain gar nicht so leicht. Aber trotz dem Fehlen von Kreativspielern im Kader, neben Muniain könnte man vielleicht noch das Eigengewächs Oihan Sancet nennen, scheint Marcelino bisher an den richtigen Stellschrauben gedreht zu haben, was der Gewinn der Supercopa und die fünf Tore gegen Getafe in der Vorwoche beweisen.

Frenkie stürzt Athletic in Entscheidungsschwierigkeiten

Das Leitphase des Spiels war der Ballbesitzmoment Barcas. Gegen das klassische Marcelino-4-4-2 wählte Koeman einen Dreier-Aufbau mit einem tiefen Frenkie de Jong. Als Antwort schob der ballnahe Flügel Bilbaos hoch, der Außenverteidiger hinterher auf den gegnerischen Außenverteidiger.

Diese systematische Ausgangsposition ergab Vorteile für die Hausherren, weil sie den den Raum im Rücken von Bilbaos Flügel gerade auf ihrer linken Seite sehr gut besetzten. So war der Deckungsschatten des anlaufenden de Marcos einfach nicht groß genug, um Alba und den im Halbraum raumsuchend lauernden Pedri zu verdecken und auch der Außenverteidiger war sich nicht sicher, ob er lieber diesen decken sollte oder aggressiv auf Alba durchschieben sollte. Dazu befanden sich auch die Sechser in einem Dilemma: Zum einen sollten sie die Mitte kompakt halten, da ein Spieler ja schon aus der Mittelfeldkette in die erste Linie aufgeschoben hatte, dazu lauerte die Gefahr „Messi und Dembele“ in ihrem Rücken und außerdem mussten sie ein Auge auf Pjanic vor ihnen haben, der sich klug an der vertikalen Schnittstelle der Zugriffsradien der Stürmer und der Sechser der Basken positionierte und vom linken Halbraum aus horizontal durchs Zentrum pendelte. So entstanden für Bilbao viele schwierige Entscheidungen im Pressing, bei der es fast unmöglich war im Kollektiv durchgängig alles richtig zu machen, also alle Optionen zu verschließen. Dieser strukturelle Vorteil vergrößerte sich dann noch durch die Qualität der Einzelspieler, die das ganze ausführten, allen voran Frenkie de Jong, der immer mehr an den Ajax-Frenkie erinnert. Ein Grund dafür liegt vielleicht auch daran, dass er, ähnlich zu seiner letzten Ajax-Saison, der primäre Aufbauspieler seines Teams ist. Koeman hat ihm diese Saison die Schlüssel zum Barca-Mittelfeld übergeben und bisher belohnt er dieses Vertrauen. In diesem Sinne war Pjanic als balancierender Sechser quasi der neue Lasse Schöne.

Ausgehend von dieser Aufbausituation konnte Barca gut den Zwischenlinienraum attackieren beziehungsweise ballnah auch die IV-AV-Schnittstelle aufgrund des hohen Außenverteidigers Bilbaos. Hier konnte Barca oft Tempo aufnehmen und konterartige Stellungen erzeugen, der Übergang Richtung Strafraum geschah dann aber meist zu hastig. Das lag einerseits möglicherweise daran, dass Pedri &Co aufgrund der hohen Linie Athletics schon kurz nach der Mittellinie in den den Raum vor der Abwehr eindrangen und diese Situationen durch das eigene Aufrücken und das folgende Zusammenziehen des Gegners einen sehr dynamischen und hektischen Charakter erhielten, was sowohl die Entscheidung, welcher Tiefenlauf zu bedienen ist, als auch die Umsetzung dieser erschwerte. Andererseits hatte Barcas Spielaufbau über links, wohin sie vom baskischen Pressing auch hingeleitet wurden, den Nachteil, dass Messi von seiner halbrechten Position erst spät ins Spiel eingebunden werden konnte. Es entstand so ein interessanter Rhythmus im Ballbesitz Barcelonas, die so aus der Ballbesitzphase am eigenen Strafraum relativ direkt in umschaltartige Aktionen Richtung Strafraum kamen, aber relativ wenig Zirkulation im letzten Drittel generierten. Diese Faktoren und die generelle Intensität der Gäste sorgten im Ergebnis für ein leichtes Übergewicht der Katalanen, einfach durchspielen konnten sie sich jedoch nicht, weshalb die knappe Pausenführung durch Messis Zauberfreistoß durchaus in Ordnung ging.

Strategische Änderungen und die Kraftfrage

Denn auch gegen Ball war Barca einfach etwas besser als die Gäste von der Atlantikküste. Athletic konnte zwar über die eigenen Sechser und Innenverteidiger zirkulieren, fand aber kaum die richtigen Passwinkel, um ihr Ablagenspiel im Halbraum anzubringen. Grund dafür war Barcas flexibles, oft improvisiert wirkendes Pressing. Grundsätzlich war es ein 4-4-1-1, an dem Messi aber gewohnt wenig teilnahm. Durch verschiedene Umformungen entstanden aber immer wieder auch 4-4-2- oder 4-1-4-1- Staffelungen. Grundsätzlich war es so, dass de Jong tiefer vor den Innenverteidigern blieb und hier Löcher stopfte. Pedris Aufgabe war es, die Bewegungen Messis zu balancieren und an die Sechser anzuschließen, um Kompaktheit herzustellen. Die Außenverteidiger verhielten sich mannorientiert. So entstand im ballnahen Halbraum eine ordentliche Kompaktheit und damit wenig Raum für Bilbao, seine Abläufe auszulösen. Dass dieses etwas improvisierte Gebilde aber Instabilitäten bei kleineren Fehlern aufwies, zeigte das Ausgleichstor früh in der zweiten Halbzeit, bei der Yuri in den Rücken der Außenverteidiger stach, seine flache Flanke grätschte Jordi Alba ins Tor. Der Charakter des Spiels änderte sich nun. Athletic kam zu besserem Ballbesitz, in dem sie ihr Aufbauspiel simplifizierten und vor allem Doppelpässe zwischen den Außenspielern suchten, um die mannorientierte Spielweise Barcas auszunutzen. Zudem tauschten sie ihr hohes Mittelfeldpressing in ein wirkliches Angriffspressing um, weshalb de Jong keine Zeit mehr fand nach hinten abzukippen, der Flügel nicht aufrücken musste und sich so die meisten Probleme der ersten Halbzeit nicht mehr stellten: Die Sechser konnten aktiver aufrücken, die Flügel konnten die Breite einfacher verteidigen und Barca nicht mehr so viel Platz im Halbraum finden. Wurden die Basken dann doch mal überspielt zogen sie sich nun tiefer zurück und die Sechser konzentrierten sich mehr darauf, den Zwischenlinienraum zu schützen. Als mit der Dauer der Partie das Angriffspressing abnahm, konnte Barca erstmals dauerhaft rund um den gegnerischen Strafraum zirkulieren, Druck aufbauen und die gesamte Breite des Camp Nou ausnutzen. Das Heimteam erzielte in dieser Phase dann auch den Führungstreffer durch Griezmann, konnte das Spiel aber nicht nach Hause verwalten. Die Partie wurde offener, auch weil die Blaugrana diesen universalen Ballbesitzanspruch der Guardiola-Jahre längst aufgegeben hat und selbst kontern wollte. Trotzdem reichte es für einen am Ende verdienten Sieg, auch weil Bilbao meist nur über Flanken in den Strafraum kam.

Ein letzter Aspekt, der auch in diesem Spiel wieder zum Vorteil trat: Man sieht den Spielern nach einer gewissen Spieldauer die Müdigkeit einfach an, mehr Fehler, weniger Intensität, weniger Kohärenz, der Spielplan ist brutal und vielleicht ist hier tatsächlich einmal die Grenze der Leistungsfähigkeit erreicht. Die Spielqualität leidet jetzt schon. Diese Beobachtung spiegelt sich in den Statistiken wider. Sowohl die PPDA-, als auch die „pressure“- Werte (jeweils per90), oft als Signalstatistik für Intensität verwendet, nahezu aller Teams in den Top 5-Ligen sind niedriger als in der Vorsaison. Und damit eröffnet sich auch aus diesem Blickwinkel die Frage, wie es mit dem Fußball eigentlich weitergeht. Super League, Salary Cap, und so weiter, die Gerüchteküche brodelt. Es bleibt spannend!

Messis letztes Hurra?

Für Barca geht der Blick nun langsam Richtung Champions League. Da der Meistertitel fast unerreichbar scheint und aufgrund der Enttäuschungen der letzten Jahre, wird dieser Wettbewerb in der Mittelmeermetropole sicherlich im Vordergrund stehen, vor allem weil es außerdem die eventuell letzte Chance mit Messi ist. Die Blaugrana sind sicherlich nicht der Favorit für den Titelgewinn, aber sie sind nicht das einzige Topteam, welches in dieser Saison mit Leistungsschwankungen zu kämpfen hat. Gerade mit einem formstarken de Jong und einem (endlich und hoffentlich dauerhaft) fitten Dembele, ist mit den Katalanen zu rechnen. Zwar sind bei weitem nicht alle Fragen beantwortet, die in den letzten Jahren zum Scheitern geführt haben, aber die Mannschaft hat in den letzten Wochen bewiesen, dass sie mit Rückständen und mentalen Tiefschlägen umgehen kann. Ein fittes und konzentriertes Barca ist weiterhin ein Gegner, der erst einmal geschlagen werden muss.

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