Yassine Bounou – Endlich angekommen

Das Champions-League Achtelfinale stellte für Yassine Bounou, genannt Bono, eine ungewöhnliche Situation dar. Drei Gegentore gegen Borussia Dortmund, dabei zwei vom so formstarken Erling Haaland führten letztendlich dazu, dass sich die Ausgangslage für den FC Sevilla in der Champions-League zuspitzt. So häufig musste Bono schon lange nicht mehr hinter sich greifen. Der Torhüter des andalusischen Clubs spielt nämlich bisher eine herausragende Saison. Erst kürzlich brach er den vereinseigenen Rekord für die meisten Minuten ohne Gegentore in der spanischen Liga, 528 an der Zahl. In seinem zweiten Jahr beim FC Sevilla entwickelte er sich zur unangefochtenen Nummer Eins und ist einer der Erfolgsgaranten im System von Julen Lopetegui.

Intern wird Bono für seine Bescheidenheit und akribische Arbeit auf dem Platz geschätzt. Dem 29-Jährigen ist anzumerken, dass die große Fußballbühne und die mediale Aufmerksamkeit etwas Neues für ihn sind. Umso erstaunter sind jedoch Experten und Zuschauer über die Konstanz seiner Leistungen, welche er wöchentlich bestätigt. Es wird deswegen Zeit sich analytisch mit Bonos Torhüterspiel auseinandersetzen und der Frage nachzugehen, in welchen Bereichen Stärken sowie Potentiale des marokkanischen Nationalspielers überhaupt versteckt liegen.

Bono in Statistiken

Bono wurde beim marokkanischen Top-Club Wydad Casablanca ausgebildet. Aufgrund seines Talents wurde Atlético Madrid schnell auf ihn aufmerksam, wo er jedoch nur auf Einsätze in der zweiten Mannschaft kam. Im Alter von 23 Jahren gab Bono in der Saison 2014/15 bei Real Zaragoza sein Profidebut, jedoch nur als Nummer Zwei. Ab der Saison 2016 war er für vier Jahre bei Girona FC unter Vertrag, ehe er vom FC Sevilla fest verpflichtet wurde. Dort konnte er im Zweikampf mit Tomás Vaclik überzeugen und wurde von Lopetegui für die Saison 2020/21 zum Stammtorhüter ernannt.

Über die einzelnen Stationen in Bonos Karriere fällt direkt eine Statistik auf – die Anzahl an Gegentoren. In bisherigen La-Liga-Saison 2020/21 lies Bono lediglich 18 Gegentore zu und liegt damit dicht hinter Jan Oblak auf dem zweiten Rang in dieser Kategorie. Vergleicht man diese Statistik mit den Spielzeiten beim Girona FC, in welchen Bono im Schnitt 44,5 Gegentore/Saison zuließ, wirken die aktuellen Zahlen noch eindrucksvoller. Selbstverständlich sollte dabei angemerkt werden, dass Bono mit Jules Koundé und Diego Carlos zwei Innenverteidiger vor sich hat, welche eine bisher überragende Saison spielen. Die Kombination aus einem gut funktionierenden Defensivverbund und einem stark verbesserten Bono führte jedoch dazu, dass der FC Sevilla in dieser Saison jedes zweite Spiel in zu Null beendet und alle 90 Minuten nur 0,71 Gegentore hinnehmen muss.

Hervorzuheben ist hier besonders die Effizienz in Bonos Abwehraktionen. Betrachtet man die prozentuale Abwehrrate bei Schüssen auf das Tor liegt er mit 78,5% ligaweit auf dem dritten Platz und sticht dabei Torhüter wie Marc-André ter Stegen aus. Eine weitere Kennzahl, an welcher ersichtlich wird, wie effektiv Bono in seinen Abwehraktionen ist, zeigt das Post-Shot Expected Goals-Modell (PSxG). Dieses gibt an, mit welcher Wahrscheinlichkeit Tore nach der Schussabgabe erzielt werden und kann somit als ein hilfreicher Gradmesser im Bereich der Zielverteidigung herangezogen werden. Denn je geringer dieser Wert ausfällt, desto besser ist die torhüterspezifische Leistungsfähigkeit beim Verhindern von Gegentoren zu interpretieren.

Vergleicht man die Torhüter der ersten fünf Mannschaften in La Liga weist Bono mit einem PSxG-Wert von 15,8 die niedrigste Zahl auf. Bricht man den PSxG-Score pro Schuss (PSxG/SoT) herunter erreicht Bono einen Wert von 0,23 – Platz zwei hinter Jan Oblak. Auch hier gilt, je niedriger der Wert, desto höher sind die Fähigkeiten des Torhüters einen Schuss abzuwehren. Eine weitere interessante Statistik liefert die Analyse von PSxG und PSxG/SoT im internationalen Kontext. Neben der Tatsache, dass Slowenien auf zwei extrem konstante Torhüter zurückgreifen kann, wird deutlich, dass auch im ligaübergreifenden Vergleich Bonos Leistung nicht geschmälert wird.

Vergleich von Bono mit internationalen Top-Torhütern in der Saison 2020/21,  PSxG+/- = PSxG minus erlaubte Gegentore, PSxG/90 = PSxG – erlaubte Gegentore pro 90 Minuten

Was macht Bono in dieser Saison so stark?

Als Torhüter bringt Bono das mit, was für viele Experten und Trainer auf dieser Position unabdingbar ist: körperliche Präsenz. Er misst eine Größe von 1,92 m und weiß, diese geschickt im Bereich seiner Zielverteidigung auszunutzen. Besonders im Eins-gegen-Eins-Verhalten ist bei Bono häufig das Spiel mit Winkeln und seiner Körpergröße zu beobachten.

In der dargestellten Szene erkennt Bono, dass Luis Suárez ständig seinen Blick auf dem Ball behält und sich auf einen Schuss mit dem ersten Kontakt vorbereitet. Der Torhüter passt dementsprechend seine Position an, indem er eine offensivere Stellung wählt. Dadurch schiebt er auf der Winkelhalbierenden der beiden Pfosten noch näher an Suárez heran, wodurch das Tor für den Stürmer immer kleiner wird. Mit der Größenveränderung macht sich Bono bei der Schussabgabe extrem präsent und bietet eine große Trefferfläche. Hervorzuheben ist dabei die Armbewegung. Was auf den ersten Blick etwas unkonventionell wirkt, wird von Bono bewusst eingesetzt, um auch bei hohen Schüssen mobil zu bleiben und Abwehraktionen mit den Armen effektiv einzuleiten.

Bono besticht in seinem Torhüterspiel besonders durch seine dynamischen Positionswechsel. Da er über eine hohe Spielintelligenz verfügt, kann er Situation schnell taktisch nachvollziehen und kommt daher oft in eine angemessene Position bei der Schussabgabe. Das folgende Video soll dies verdeutlichen. Es ist zu erkennen, dass sich Bono in einer ständigen Veränderung seiner Position befindet. Dieses führt letztendlich dazu, dass Messis Schuss mit Erfolg entschärft wird. Auch sein verbessertes Stellungsspiel sowie die richtige Einschätzung seiner Position zu Tor und Ball nehmen einen Anteil an der geringen Gegentorquote in dieser Saison ein.  

Das clevere Stellungsspiel Bonos wird ebenfalls bei flachen Hereingaben ersichtlich. Dabei ist es häufig zu beobachten, dass er eine extrem offene Stellung zum Spielgeschehen einnimmt, um Aktionen vor ihm ständig im Blick zu haben. Gleichzeitig steht er schon recht offensiv, damit Distanzen verkürzt und ein aktives Eingreifen sofort gewährleistet wird. Bono nutzt auch in solchen Situationen wieder seine Körpergröße, wodurch der Schütze ihn quasi nur noch anschießen kann.

Neben seinen Qualitäten im Bereich der Zielverteidigung ist hervorzuheben, dass sich Bonos Raumverteidigung ebenfalls enorm weiterentwickelt hat. Insgesamt fängt er 10,9% aller Flanken in den Strafraum ab, wodurch zu den Top 5 in dieser Saison gehört. Es ist zu beobachten, dass der marokkanische Nationalspieler in komplexen Spielsituationen häufig die richtige Entscheidung trifft. Entscheidende Variablen wie die Geschwindigkeit des Balles, die Bewegungen der Abwehrspieler und Stürmer sowie die eigene Position schätzt Bono oftmals richtig ein, wodurch er in raumverteidigenden Situationen Sicherheit und Souveränität ausstrahlt.

Die Szene aus dem Spiel gegen Betis Sevilla legt die Entscheidungskette Bonos bei einem Freistoß aus dem Halbfeld gut dar. Der Torhüter sowie die Abwehrlinie schieben sehr hoch und verteidigen im Raum. Nach der Ausführung setzt Bono zwei Schritte nach hinten, da die Flanke überlang geschlagen wird. Gleichzeitig hat er den Laufweg des Stürmers und Verteidigers am zweiten Pfosten im Blick. Bono bricht anschließend das Zurückweichen ab, da er erkennt, dass der Ball wenig Geschwindigkeit besitzt. So entscheidet er sich für ein aktives Abfangen der Flanke, indem er den bespielten Raum angreift und die Situation erfolgreich löst.

Wo liegen Potentiale in Bonos Spiel?

Mit 14.428 Passversuchen entwickelte sich der FC Sevilla unter Julen Lopetegui zu einem Team, welches besonders durch passintensiven Ballbesitzfußball aus einem 1-4-3-3 agiert. Hervorzuheben ist hierbei die hohe Passgenauigkeit von 84,4%. Lediglich Real Madrid und der FC Barcelona weisen in dieser Kategorie höhere Werte auf. Statistiken zeigen bei Betrachtung der Anzahl an gespielten Bällen in Relation zur Passlänge, dass die Andalusier sowohl über die Kurz- und Mitteldistanz als auch über längere Passwege zu den Top 3 in den jeweiligen Kategorien gehören (fbref.com). Diese Variabilität und Präzision in Ballbesitzphasen lassen sich jedoch nicht auf Bonos Offensivspiel übertragen.

Obwohl die Spieleröffnung des FC Sevilla auch gegen hochstehende Gegner oftmals kurz ausgeführt wird, trifft Bono häufig noch falsche Entscheidungen. Gerade unter Druck schlägt er den Ball gerne lang und übersieht Mitspieler, welche sich zentral für eine flache Spielfortsetzung anbieten. Hinzu kommt, dass Bono besonders fehleranfällig auf seinem rechten Fuß ist. Diese Defizite im Bereich der Fußtechniken wurden beispielsweise vom FC Barcelona im letzten Ligaspiel bereits identifiziert und das Pressingverhalten dementsprechend angepasst.

Trotz seiner hohen Quote an erfolgreichen Abwehraktionen, weisen einzelne torhüterspezifischen Techniken im Bereich der Zielverteidigung Bonos ebenfalls Defizite auf. Besonders beim Fangen von halbhohen und hohen Bällen muss Bono häufig nachfassen, um den Ball zu sichern. Diese Unsicherheiten führten in manchen Ligaspielen zu gefährlichen Situationen, welche glücklicherweise noch von ballnahen Verteidigern bereinigt werden konnte. Des Weiteren ist festzuhalten, dass sich Bono selten aus dem Strafraum herausbewegt. Dies kann auf die Spielidee Lopeteguis zurückzuführen sein, welcher auf einen Spielaufbau über den Torhüter größtenteils verzichtet. Jedoch gehört Bono im Bereich der sogenannten Sweeps (Defensivaktionen außerhalb des Strafraums) zum ligaweiten Mittelfeld, was verdeutlicht, dass seine Qualitäten als Mitspieler ebenfalls noch Luft nach oben haben.

Fazit

Für den marokkanischen Nationalspieler mit kanadischen Wurzeln schließt sich in dieser Saison ein Kreis. Es scheint, dass er beim FC Sevilla seine ersten Schritte im internationalen Top-Fußball gehen durfte. Zwar bleibt es abzuwarten, ob Bono an gezeigten Leistungen anknüpfen kann, jedoch zeichnet sich die Tendenz durchaus positiv ab. Mit 29 Jahren ist Bono nicht mehr der Jüngste, doch werden auch internationale Top-Vereine aus verschiedenen Ligen Europas auf ihn aufmerksam geworden sein. Bis es soweit ist, wird sich Bono auf seine Hauptaufgabe konzentrieren – den FC Sevilla weiterhin in der Spur zu halten und es dem Gegner so schwierig wie möglich zu machen. Vielleicht schon am kommenden Dienstag gegen Erling Haaland.

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