Sampaolis Debüt bei Olympique Marseille

Jorge Sampaoli kehrt auf die europäische Fußballbühne zurück. Mit seinem neuen Klub Olympique Marseille konnte er dabei im ersten Spiel gegen Rennes ein Sieg einfahren. Seine Mannen gewann in einem chancenarmen Spiel durch ein relativ spätes Tor der eingewechselten Bayern Leihgabe Mickaël Cuisance mit 1:0.

Aufbauprobleme gegen hohes Pressing

Sampaoli setzte in seinem ersten Spiel auf ein 3-1-4-2 in Ballbesitz, das hin und wieder auch zu einem 3-1-5-1 wurde, wenn sich Payet in den 10er Raum bewegte. So versuchte man relativ viel Präsenz im Zentrum zu bündeln und für Zuordnungsprobleme beim Gegner zu sorgen. Rennes presste in der Frühphase der Bewegung mit einem 4-2-3-1 dagegen, wobei man relativ mannorientiert agiert. So orientierte sich Guirassy am zentralen Innenverteidiger Balerdi und 10er Grenier schob auf Kamara. Wurde der Ball zu einen der Halbverteidiger gespielt, lief der jeweilige Flügelspieler den Innenverteidiger diagonal von außen nach innen an und nahm den gegnerischen Außenbahnspieler in seinen Deckungsschatten.

Der ballferne Flügel hielt meist Anschluss an die zwei zentralen Mittelfeldspieler Camavinga sowie N’Zonzi und agierte somit mehr absichernd. Erfolgte ein Querpass von einem Halbverteidiger zum anderen, schob er aber meist energisch aus seiner Position und übte Druck aus. Bevorzugt wurde das Pressing der Gäste über Terrier ausgelöst, das heißt der rechte Halbverteidiger der Gastgeber Gonzalez angelaufen. Marseille fand relativ wenig Lösung und wählte oftmals den langen Ball, um brenzlige Situationen, die einen Ballverlust tief in der eigenen Hälfte zur Folge haben könnten, zu vermeiden. Die Ursachen lagen vor allem an den Positionierungen der beiden Achter Thauvin und Khaoui die sich zu hoch und zu zentral bewegten, sodass sie relativ leicht durch die beiden Sechser kontrolliert werden konnten und zusätzlich den Raum für ein mögliches zurückfallen von Payet versperrten.

In der dargestellten Situation könnte Thauvin noch etwas tiefer positioniert sein, um eben N’zonzi vor die Entscheidung zu stellen entweder rauszurücken, wodurch Payet im Zehnerraum „frei“ werden würde oder in der Position zu bleiben, wodurch Thauvin selber aufdrehen könnte. Ein weiteres Problem hier ist die Stellung von Halbverteidiger Gonzalez, der mit Öffnung zum Passgeber steht und somit nur schwer eine „offensive“ Passentscheidung treffen kann. Generell wurde das diagonale nach innen gelenkte Pressing auch selten mit einem Pass auf den 6er, der auf den AV klatschen lässt aufgelöst.

Die hohen Positionierungen hatten aber nicht nur Nachteile. Immerhin war man im Zentrum bei langen Bällen so gut aufgestellt, dass man sich den ein oder anderen zweiten Ball sichern konnte, um dann schnell wieder in die Tiefe zu spielen.

Neben den langen vertikalen Bällen wurden auch immer wieder diagonale Bälle der Innenverteidiger auf die Außenverteidiger gespielt, wenn diese sich etwas höher positionierten. Hier schoben die gegnerischen Außenverteidiger Soppy und Maouassa direkt aggressiv drauf und versuchten am Flügel zu isolieren bzw. den direkten Ballgewinn zu erzielen. Das hohe Risiko im Anlaufen birgt aber auch Gefahren. So schaffte es Nagatomo ein paar Mal mit einem guten ersten Kontakt Soppy direkt zu überspielen und am Flügel durchzubrechen.

Etwas Besserung gegen tieferes Pressing

Im Laufe der ersten Halbzeit ließ sich Rennes dann Stück für Stück etwas tiefer fallen und beschränkte sich auf ein relativ passives Mittelfeldpressing im 4-4-1-1/4-4-2. Hier schaffte es Rennes ein paar Mal über den rechten 8er Thauvin oder über den 10er Payet in vielversprechende Situationen zu kommen, die allerdings in der Endkonsequenz nicht gut genug ausgespielt wurden. Allerdings war auch das Positionsspiel in dieser Phase keinesfalls perfekt. Thauvin wählte beispielsweise hin und wieder relativ unpassende Momente für Tiefenläufe oder auf den Flügel ausweichende Bewegungen, sodass N’zonzi relativ leicht übergeben und sich an Payet orientieren konnte, sodass man es weiter schwer hatte den freien Spieler zwischen den Linien zu finden.

Rennes beißt sich am 5-3-2 die Zähne aus

Im Aufbau- und Übergangsspiel fokussierte sich Rennes vermehrt auf die rechte Seite, wo es oft zu Szenen kam, in denen Camavinga seitlich herauskippte, Soppy in der Tiefe die Breite besetzte und Doku etwas einrückend agierte. Marseille spielte mit einem relativ passiven 5-3- 2 Mittelfeldpressing dagegen. Nur in einzelnen Phasen schob man mal etwas höher raus und versuchte Rennes eher unter Druck zu setzen. Ziel war es die Mitte zu schließen und den Gegner nach außen zu lenken. Dabei blieb der AV meist tief und der ballnahe 8er stellte den seitlich herauskippenden 6er oder den andribbelnden Außenverteidiger. Hervorzuheben ist,

dass es in den meistens Fällen wirklich nur ein Stellen war. Auf den direkten Ballgewinn wurde selten gegangen. Vielmehr ging es darum offensive Optionen zuzustellen und den Gegner zu einem Fehl- oder Rückpass zu leiten. Blieben Camavinga und N’Zonzi etwas zentraler orientierten sich jeweils der ballferne 8er + 6er Kamara an diesen, während der ballnahe 8er eben den AV stellte. In diesen Situationen kam es dann auch vor, dass der zurückfallende 10er Grenier durch den Halbverteidiger verfolgt wurde, sodass sich Lücken in der letzten Linie für Schnittstellenpässe und Tiefenläufe auftaten. Allerdings bekam man es in diesen Situationen äußerst selten hin, einen Spieler in eine offene Position zu bekommen, sodass dieser den Pass überhaupt spielen konnte.

Zudem bekam man auch generell sehr wenig Tempo in die Aktionen, um mittels Verlagerung den ballfernen Halb- oder Flügelraum zu bespielen. So gestaltete man das Passspiel meist zu langsam, sodass die drei zentralen Mittelfeldspieler Khaoui, Kamara und Thauvin auch bei Verlagerungen wieder auf die andere Seite schieben und die Räume schließen konnten. Schaffte man es dann doch mal einen Außenverteidiger nach Verlagerung in die Halbspur zu bekommen, dass dieser auf die letzte Linie zudribbeln konnte passte die Positionierung des Flügelstürmers nicht, welcher oftmals zu breit stand, sodass die Schnittstelle zwischen AV und IV nicht angespielt werden und man keine Tiefe im letzten Drittel erzeugen konnte.

In dieser Szene dribbelt LV Maouassa auf die letzte Linie bzw. den Halbverteidiger Gonzalez zu, wodurch sich eine Schnittstelle zwischen Gonzalez und Lirola ergibt, die bespielt werden könnte, indem Terrier diagonal hinter die letzte Linie sprintet. Hier bleibt er aber in einer zu breiten Position und attackiert die Tiefe nicht. Maouassa kann somit nur den Querpass spielen, Marseille sich formieren und man erzielt in der Folge keinen weiteren Raumgewinn.

Anpassungen im zweiten Durchgang

In der zweiten Halbzeit veränderte Sampaoli ein paar Sachen, die sich zunächst durchaus positiv auf das eigene Spiel auswirken sollten. So spielte Payet in erster Linie in einer noch freieren Rolle und nahm noch tiefere Positionen im Aufbau ein. Die beiden 8er Thauvin und Khaoui hingegen agierten höher und baden somit die Außenverteidiger der Gäste. So gelang es durch Steil-Klatsch Pässe das Pressing über den Außenverteidiger aufzulösen. Gepaart mit einem noch besseren Andribbeln der Innenverteidiger, besseren diagonalen Positionierungen von Kamara und einem zugegebenermaßen schlechteren Anlaufverhalten der Gäste wurde der Spielaufbau im zweiten Abschnitt deutlich besser.

Presste Rennes tiefer, war offenbar das Ziel noch mehr über diagonale Verlagerungen die Außenverteidiger frei zu bekommen und Flügelangriffe zu starten. So wählten die zentralen Spieler noch engere Positionierungen um Rennes im Zentrum zu binden. Dies gelang auch außerordentlich gut und man konnte insbesondere über Nagatomo einige vielversprechende Angriffe starten.

Gegen den Ball agierten die beiden Stürmer, insbesondere Milik zu Beginn etwas zockender. So bekam man im hohen Ballbesitz der Gäste nicht immer Zugriff und Rennes konnte relativ leicht über Camavinga und N’Zonzi Drucksituationen auflösen, das Spiel verlagern bzw. zu Abschlusssituationen im Raum unmittelbar vor dem 16er kommen, die letztendlich aber oft geblockt wurden. Weiterhin war die Kompaktheit im Anlaufen nicht mehr ganz so gegeben, da Kamara oftmals weit herausrückte und so Raum zwischen den Linien freigab, den Rennes aber nur selten richtig nutzen konnte. Gegen Ende des Spiels nahm Sampaoli noch ein paar Wechsel vor und stellte auf 5-4-1 um, sodass man wieder etwas kompakter wurde.

Fazit

Am Ende gewinnt Marseille durch einen sauber vorgetragenen Konter spät mit 1:0. Insgesamt war es ein relativ ausgeglichenes Spiel mit wenigen klaren Torgelegenheiten, sodass man durchaus von einem glücklichen Sieg sprechen kann. Insgesamt zeigte Marseille gerade in Ballbesitz ein paar ganz interessante Ansätze, die es jetzt in den nächsten Wochen noch zu verfeinern und besser aufeinander abzustimmen gilt. Spannend zu sehen sein wird auch, ob Sampaoli das Pressing noch etwas aktiver gestalten wird, sodass man in Zukunft noch bessere Umschaltsituationen erzeugen kann. Ein Blick nach Marseille sollte sich also lohnen.

Kategorie International, Spielanalysen

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