1-gegen-1-Situationen am Flügel und warum es sich lohnt, diese zu suchen

Mittwoch, 27.06.2018 – „Die Mannschaft“ scheidet in der Gruppenphase der WM in Russland aus, schlussendlich wird Frankreich Weltmeister. In einer Gruppe mit Mexiko, Schweden und Südkorea war Deutschland vor Turnierbeginn schon klarer Gruppensieger, immerhin war das Team von Trainer Jogi Löw Titelverteidiger und die Favoritenrolle schien wie gemacht für eine Mannschaft, die sich in den vergangenen Jahren über ihr starkes Ballbesitzspiel definiert hat. Tatsächlich hatte das DFB-Team in den drei Spielen durchschnittlich 72% Ballbesitz und spielte insgesamt 1970 Pässe mit einer Passquote von 88,48%. Aus dieser scheinbaren Übermacht ergaben sich zwei Tore und drei Punkte. In Deutschland entbrannte daraufhin eine Diskussion um den Zustand der Nationalmannschaft. Es wurde alles kritisiert: die Spieler, Löw, die Spielweise, die Ausbildung im Jugendbereich. Auch der DFB gestand sich Fehler in der Nachwuchsarbeit ein. Zu viel Wert wurde auf taktische Ausbildung, zu wenig auf individuelle Ausnahmequalitäten oder den Mut zum Dribbling gelegt.

Dienstag, 30.03.2021 – Bei der U21-EM qualifiziert sich Deutschland mit einem 0:0 Unentschieden gegen Rumänien für die Endrunde des Turniers im Mai. Zeitgleich gewinnt die Niederlande mit 6:1 gegen Ungarn und wird Gruppensieger. Deutschland hat in diesem Spiel 60% Ballbesitz und schlägt 33(!!!) Flanken, von denen ganze sieben den Mitspieler erreichten. Auch drei Jahre nach der WM kam es selten zu Situationen, in denen ein Spieler des DFB den Ball erhielt, diesen in die Bewegung nach vorn an- und mitnahm und mit Überzeugung in ein 1-gegen-1 ging. Stattdessen wurde entweder sofort zurückverlagert, sobald der Ball auf den Flügel kam oder es wurde geflankt (und geflankt und geflankt). Deutschland erspielte sich auf diese Weise nur wenige zwingende Chancen.

Stellenwert des Dribblings in der Trainer-Ausbildung

Warum ich das alles nochmal aufschreibe? Der DFB zog meiner Meinung nach aus dem WM-Aus die richtigen Schlüsse. Der von Löw gewählte Ansatz wurde nicht als per se falsch dargestellt (und das ist er auch nicht), es wurden Dinge von Grund auf kritisiert, die tatsächlich nicht gut liefen. Während beispielsweise Nationen wie die Niederlande oder Frankreich seit Jahren überragende Spieler rausbringen, die allesamt hervorragende individuelle Qualitäten haben (und diese besonders im Dribbling auch nutzen), ist beim DFB zu viel Wert auf Passspiel und taktische Perfektion gelegt worden – nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass das das Mittel war, mit dem Deutschland schlussendlich Weltmeister wurde. In diesem Text soll es deshalb um 1-gegen-1 Situationen gehen. Deutschland dient hier lediglich als (negatives) Beispiel.

Also von vorn: Nach der WM wurde die Trainerausbildung des DFB inhaltlich ein wenig angepasst. Dem Dribbling wurde ein höherer Stellenwert beigemessen, die Ausbilder weisen explizit auf dessen Wichtigkeit hin, Individualtaktik wird besonders in den „unteren“ Lizenzen sehr intensiv besprochen. Hierfür werden im Fußball neben verschiedenen 1-gegen-1 Situationen auch Dribblingarten unterschieden. Wichtig hier ist, dass das Dribbling keine bestimmte Spielsituation beschreibt. Viel mehr ist es eine technische Fertigkeit, die im Training erlernt wird und dabei hilft, Spielsituationen bestmöglich zu lösen. In der Regel sind das Situationen, in denen sich die ballbesitzende Mannschaft in Gleich- oder Unterzahl befindet (am Beispiel der U21: Ballbesitz am Flügel nach Verlagerung), denn genau dann fällt es der verteidigenden Mannschaft leicht, alle Passoptionen zu versperren, ein Abspiel ist also weniger erfolgversprechend als die 1-gegen-1 bzw. 1-gegen-2-Situation zu suchen.

Abbildung 1 – Positionierung der U21 im Ballbesitz : Einfache Flügelbesetzung, leichte Asymmetrie, viele Spieler im Zentrum

Einordnung der Dribblingarten

Bleibt man bei den Dribblingarten, so fällt auf, dass die Definitionen hier immer auch Auslegungssache sind. Während beim gegner- und raumüberwindenden Dribbling allgemeiner Konsens herrscht, fällt es für einige Situationen (bzw. Spieler) schwer, eine treffende Bezeichnung zu finden. Konzeptfußball hat hier einen sehr guten Artikel verfasst und eine dritte Art, nämlich das Dribbling, das sich am Passweg bzw. am Mitspieler orientiert, definiert. Diese Art nutzen beispielsweise Frenkie de Jong oder Sergio Busquets häufig. Sie erhalten den Ball, manipulieren durch Körperstellung oder Umblickverhalten die gegnerische Linie und spielen dann den Ball durch die entstandene Lücke.

Der Einfachheit halber wird dieser Text die beiden „klassischen“ Arten des Dribblings, also das gegner- und das raumüberwindende Dribbling, behandeln. Namensgebend für diese Arten sind, dass entweder Raum oder Gegenspieler schnellstmöglich überwunden werden sollen. Denn natürlich macht es einen Unterschied, ob ein Spieler 20 Meter offenen Raum vor sich hat, den er erstmal überwinden muss, bevor er auf den ersten Gegenspieler trifft. Technisch stellen beide Arten andere Anforderungen an den Spieler. Während viel Raum eher mit weiträumigen, langen Schritten überwunden wird und die Ballbehandlung nicht immer eng, d.h. ein Ballkontakt pro Schritt, sein muss, kann ein Gegenspieler nur überwunden werden, wenn der Ball sauber geführt wird, schnelle Bewegungen genutzt und bestenfalls Finten eingebaut werden.

Abbildung 2 – gegnerüberwindendes Dribbling: kurzer Abstand, wenig Raum

Ich denke jeder, der mal selbst auf dem Platz stand, kann sich in diese Einordnung hineinversetzen. Gleichzeitig hat jeder auch sofort Spieler im Kopf, die je eine Variante perfekt beherrschen oder im Idealfall sogar raum- und gegnerüberwindend auf Weltklasseniveau dribbeln. So ist Lionel Messi der beste gegnerüberwindende Dribbler, während beispielsweise „klassische“ Flügelspieler bzw. Schienenspieler in einer Formation mit Dreierkette eher raumüberwindend dribbeln (und anschließend flanken?).

Abbildung 3 – raumüberwindendes Dribbling: unabhängig vom Gegenspieler dribbelt der Spieler mit Ball in den offenen Raum vor sich

Diese Einordnung ist im Trainingsbetrieb bzw. bei der Bewertung von Spielsituationen sehr wichtig. Trainer und Spieler sollten verstehen, dass Dribbling eine Fertigkeit ist, die unterschiedlich gut ausgeführt werden kann. Nicht jeder gute Fußballer ist automatisch ein guter Dribbler, deshalb ist das Einfordern von Dribblings nur dann sinnvoll, wenn der Spieler diesen Skill auch beherrscht. Was aber in jedem Fall vermittelt werden sollte, ist die Selbstverständlichkeit, mit der Spieler Dribblingsituationen suchen sollten. Meiner Meinung nach ist es besonders im Jugendfußball in bestimmten Situationen (hier sind wir wieder bei der 1-gegen-1-Situation nach Verlagerung) ratsam, Dribblings einzufordern. Die Spieler sollen sich ausprobieren, Zweikämpfe suchen, Duelle führen. Langfristig wiegt der Mehrwert, der auf diese Weise generiert wird (Spieler verbessern sich im Dribbling, in der Entscheidungsfindung, werden selbstbewusster, kreativer, zielstrebiger, Angriffe werden schneller und zielstrebiger ausgespielt, das eigene Ballbesitzspiel wird schneller und dominanter), deutlich schwerer als die Ballverluste, die das Team auf diese Weise in Kauf nehmen muss.

1-gegen-1-Situationen beim DFB

Wie gesagt vertritt diese Ansicht mittlerweile auch der DFB. Spieler sollen aktiv dazu ermutigt werden, 1-gegen-1-Situationen zu suchen. Hierfür vermittelt der Verband seinen Trainern während der Lizenzausbildung sämtliche Spielsituationen, in denen ein 1-gegen-1 (bzw. 1-gegen-2) in der Theorie möglich ist.

Abbildung 4 – Einordnung der möglichen 1-gegen-1-Situationen (Quelle: Fußballverband Sachsen-Anhalt, B-Lizenz Ausbildung)

Wichtig ist meiner Meinung nach die Relativierung in Bezug auf das praktische Entstehen der einzelnen Situationen. Selbst beim Paradebeispiel dieses Textes, also dem 1-gegen-1 auf dem Flügel nach Verlagerung, gibt es wahrscheinlich nur ein Zeitfenster von wenigen Sekunden, in dem der angreifende Spieler tatsächlich mit dem Ball auf einen einzigen Gegenspieler dribbeln könnte. Eine gut verschiebende Defensivmannschaft wäre im Laufe der Aktion bereits zum Doppeln auf den Flügel kommen. Andererseits gäbe es dann auch wieder offensive Anschlussaktionen wie z.B. Tiefenläufe aus dem Zentrum heraus, Hinter- oder Vorderlaufen. Das isolierte 1-gegen-1 gibt es wohl eher in der Theorie bzw. wenn, dann nur für einen sehr kurzen Moment. In der Praxis füllt sich diese Situation schnell zu einem 1-gegen-2, 2-gegen-2 usw. auf.

Selbst wenn man die Bezeichnung 1-gegen-1 also wörtlich nimmt, befindet sich der (Defensiv)Fußball inzwischen auf einem so hohen Niveau, dass es beispielsweise das frontale 1-gegen-1 im Zentrum nur noch sehr selten gibt. Allenfalls während eines Konters dribbelt ein Spieler tatsächlich frontal auf den Defensivspieler. Ausnahmen sind hier einzelne Spieler, die diese Dribblings dann aber in anderen Zonen des Feldes ausführen. Frenkie de Jong hat es beispielsweise zu seinem Markenzeichen gemacht, in den vorderen Spielfeldzonen 1-gegen-1-Situationen zu suchen, unabhängig davon, ob er frontal oder mit dem Rücken zum Spielfeld am Ball ist. Es ist übrigens kein Zufall, dass Frenkie de Jong in diesem Text so häufig Erwähnung findet. Zum einen werden Spieler aus den Niederlanden hervorragend in diesen Situationen ausgebildet, zum anderen ist de Jong auch als Innenverteidiger oder Sechser einer der besten Dribbler der Welt. 1-gegen-1-Situationen im Rücken kommen in der Regel in den Duellen der Stürmer mit den Innenverteidigern vor. Spieler wie Lukaku oder Robert Lewandowski sind Weltklasse darin, genau solche Situationen zu lösen und sogar selbst zum Abschluss zu kommen. Weltklassestürmer beherrschen mittlerweile also nicht mehr „nur“ das Fungieren als Wandspieler, der gegnerische Innenverteidiger bindet. Viel mehr sind sie selbst ständig in der Lage, sich mit dem Ball um den Verteidiger zu drehen und gefährlich zu werden.

1-gegen-1-Situationen am Beispiel der U21

Wie bereits zu Beginn geschrieben, fiel mir beim Spiel der U21 gegen Rumänien auf, wie selten die Flügelspieler 1-gegen-1-Situationen suchten. Stattdessen wurde der Ball sofort geflankt. Diese Entscheidung ist in doppelter Hinsicht schlecht.

Erstens, weil Deutschland sehr häufig Verlagerungen spielte, entweder diagonal aus dem Halbraum durch einen der Innenverteidiger (in der Regel Schlotterbeck) oder durch den Sechser Dorsch. Solche Verlagerungen sind immer dann erfolgversprechend (Erfolg=Raumgewinn bzw. Torabschlusssituationen), wenn das eigene Ballbesitzspiel relativ eng angelegt ist und der Gegner darauf mit weitem Schieben auf den Flügel reagiert. Diese diagonalen Bälle generieren dann relativ einfach direkte 1-gegen-1-Situationen. Wenn solche Bälle allerdings vom Innenverteidiger oder Sechser gespielt werden, bedeutet das immer auch, dass sich der Ball nahe der Mittellinie oder zumindest in der Übergangszone zwischen dem mittleren und dem letzten Drittel befindet. Hier kann die ballbesitzende Mannschaft gar nicht so schnell den Strafraum besetzen, wie der Ball diagonal nach außen und dann sofort per Flanke in die Angriffszone gespielt wird. Deutschlands Flanken waren also so ungefährlich, weil es höchstens zwei Abnehmer überhaupt in den gefährlichen Raum geschafft haben.

Zweitens sind solche frühen Flanken in der Regel nicht erfolgversprechend, weil es der ballbesitzenden Mannschaft gegen einen tiefstehenden Gegner dem beraubt, worum es im Fußball geht: dem Ball. Denn diese frühen Flanken implizieren eine taktische Herangehensweise, die gar nicht konform mit dem deutschen Spiel war. Frühe Flanken bzw. lange Bälle in den Strafraum spielt eine Mannschaft immer dann, wenn das Pressing des Gegners so gut ist, dass die ballbesitzende Mannschaft kein spielerisches Mittel findet, um dieses zu umspielen und Raumgewinn zu erzielen. Genau das Gegenteil war aber der Fall: Rumänien war über weite Teile des Spiels nicht sehr aktiv, lief recht tief an und setzte Innenverteidiger und Sechser selten unter Druck. Das war auch der Grund dafür, dass diese Diagonalbälle konstant auf den Außenbahnen ankamen. Dorsch konnte in Ruhe den Kopf heben und den Ball sehr genau auf die Flügel verteilen. Dann folgte eine Flanke, Rumänien gewann den Ball und Deutschland musste diesen erst wieder zurückerobern, bevor weitere Angriffe folgen konnten. All das kostet Zeit, Kraft und Spielfluss.

Abbildung 5 – schneller Diagonalball nach rechts, es folgt die direkte Flanke, Deutschland ist lediglich mit zwei Spielern im Strafraum

Statt also nach dem Diagonalball sofort die Flanke in den Strafraum zu spielen, hätte die U21 einige erfolgversprechende Optionen gehabt. Passender zur Spielanlage der Mannschaft wäre es beispielsweise gewesen, die Verlagerung zu nutzen, um die gegnerischen Ketten ins Laufen zu bekommen. Statt also zu verlagern und dann zu flanken, hätte der Flügelspieler den Ball halten, auf Unterstützung warten und dann auf das Nachschieben der Rumänen mit einer weiteren Verlagerung reagieren können. Hier fehlte der Mannschaft ein wenig die Geduld. Auf diese Weise wäre der Ball aber zumindest weiter in den eigenen Reihen zirkuliert, die Mannschaft hätte ein wenig Raum gewonnen und so besser auf Fehler der Rumänen reagieren können.

Abbildung 6 – Anschlussoptionen auf rechts: Spielfortsetzung durchs Zentrum oder Neuaufbau über den tiefen RV.

Um aber auf das Thema dieses Textes zurückzukommen: Die beste Variante wäre meiner Meinung nach das sofortige Nutzen der 1-gegen-1-Situation gewesen. Nicht nur, weil ich der U21 unterstelle, individuell auf den Flügeln stärker besetzt zu sein als Rumänien, wenn es um das Dribbling geht (ausgenommen Vagnoman, der aufgrund seiner Physis eigentlich nicht der klassische Dribbler ist, gegen Rumänien allerdings genau in diesen Situation sehr positiv auffiel). Sondern auch, weil die Mannschaft hier Aufwand und Nutzen ganz einfach abwägen konnte. Denn wenn die Mannschaft nun offensichtlich darauf bedacht war, schnell in gefährliche, tornahe Positionen zu kommen, um dort den Abschluss zu suchen, dann wäre das Mittel hierfür eigentlich das Durchbrechen über den Flügel gewesen und eben nicht die frühe Flanke. Allen voran David Raum erhielt auf der linken Seite immer wieder den Ball und spielte sofort eine Flanke. Erfolgversprechender wäre es gewesen, in die Bewegung zu kommen, am Gegenspieler vorbeizugehen und dann diese Flanke (wenn sie nun unbedingt noch gespielt werden soll) von der Grundlinie aus zu spielen. Das hätte der deutschen Mannschaft mehr Zeit verschafft, um den Strafraum zu besetzen, Raum hätte mindestens einen Gegenspieler in seiner Aktion gebunden, sofort Gefahr erzeugt und die gegnerische Kette weiter nach hinten gedrückt. Oft versuchte der Fürther aber nicht mal Tempo aufzunehmen. Interessant war, dass die Mannschaft immer dann gefährlich wurde, wenn der Durchbruch zur Grundlinie gelang. Oft funktionierte das nicht über die 1-gegen-1 Situation, sondern durch das situative Schaffen eines 2-gegen-1. Hier sind wir wahrscheinlich wieder bei der Ausbildungsphilosophie des DFB in den letzten Jahren. David Raum, aber auch Ridle Baku, Berisha oder Klimowicz sind eigentlich Spieler, die aufgrund ihrer Veranlagung und ihrer individuellen Qualität diese Situationen sehr erfolgssicher hätten suchen und lösen können, auch wenn es nicht das „klassische“ Andribbeln, Fintieren, Vorbeigehen sondern lediglich das Nutzen ihrer Dynamik/Physis gewesen wäre, was diese 1-gegen-1-Situationen wohl entschieden hätte. Interessant war auch, dass eben diese Spieler in anderen Räumen genau diese Situationen suchten. Immer wieder ging Klimowicz in den Halbräumen in direkte Duelle, auch Berisha war oft durch kurze Finten gefährlich. Lediglich am Flügel wollte niemand diese Chancen nutzen.

Wenn schon nicht 1-gegen-1, dann…

Deutschland wurde also weniger durch Flanken gefährlich, sondern wenn dann durch situative 2-gegen-1-Situationen nach der Verlagerung. Diese Lösung ist immer dann sinnvoll, wenn die Stärke der Spieler weniger im Dribbling und mehr im Kombinationsspiels liegt – Deutschland schien letzteres vorzuziehen. Hier kam der U21 zugute, dass ihr Positionsspiel sehr gut zu den häufigen Spielverlagerungen passte, sodass Anschlussaktionen recht einfach hätten gefunden werden können. Deutschland besetzte beispielsweise beide Flügel nur einfach, ständig rückte der nominelle linke Flügelspieler Berisha (bzw. oft auch Klimowicz) in den Halbraum und bewegte sich dort recht frei. Linksverteidiger David Raum schob dann hoch und fungierte als Empfänger des Diagonalballes (und als Flankengeber). Da der Halbraum deshalb sowieso schon gut besetzt war, hätte Raum recht gut in diesen Zonen eine Anspielstation finden können, um den rumänischen Außenverteidiger mit einem Doppelpass zu überspielen. Auch ein Tiefenlauf aus dem Halbraum heraus, war einige Male sehr erfolgversprechend.

Abbildung 6 – Spielfortsetzung auf links: Raum könnte den Doppelpass mit dem Zentrumspieler suchen, den Ball tief spielen um auf einen eventuellen Tiefenlauf aus dem Zentrum heraus zu reagieren oder selbst das 1-gegen-1 suchen

Auf der rechten Seite gestaltete sich die Ausgangslage ein wenig flexibler. Ridle Baku, der als rechter Flügelspieler aufgestellt war, aber auch schon als Rechtsverteidiger zum Einsatz kam, rückte entweder ebenfalls in den Halbraum, um Platz zu schaffen für Rechtsverteidiger Vagnoman, oder er selbst hielt die Breite. Vagnoman reagierte in diesem Fall, indem er auf Höhe der Abwehrreihe blieb. Hieraus ergaben sich wiederrum andere Anschlussaktionen. Denn sobald Baku den Diagonalball erhielt, konnte Vagnoman recht gut hinterlaufen und auf diese Weise die 2-gegen-1-Situation herstellen – erhielt er den Ball, war er aufgrund seiner Physis kaum noch zu stoppen. Für den Fall, dass Vagnoman den Diagonalball erhielt, bot Baku recht sicher den kurzen Pass an. Oft wurde dann nicht der Doppelpass gespielt, sondern das Spiel durch das Zentrum fortgesetzt. Diese Positionierung der beiden (insbesondere die tiefere Position Vagnomans) sorgte dafür, dass das Spiel der U21 recht linkslastig war. Baku erhielt den Ball, Vagnoman kam nicht rechtzeitig dazu, das Spiel wurde über Dorsch auf links verlagert. Deutschland zeigt aber auch, dass das direkte 1-gegen-1 nicht die einzige Lösungsoption ist.

Abbildung 7 – Lösen der 2-gegen-1-Situation in diesem Fall beispielsweise durch Hinterlaufen. Denkbar wäre auch der Rückpass gewesen, um dann durchs Zentrum weiterzuspielen

Fazit

Das häufige Flanken der deutschen U21 steht meiner Meinung nach symptomatisch für die kurz angerissenen Probleme in der Nachwuchsausbildung des DFB. Zu selten werden Spieler darin bestärkt, Mut zu haben. Junge Fußballer, die diese Zweikämpfe suchen und sich nicht durch Ballverluste bremsen lassen, sollten ermutigt werden, es weiter zu versuchen. Der Ertrag wird langfristig überwiegen. Dieses Spiel war der Anreiz für diesen Text, deshalb soll die Bitte nach mehr Unterstützung für Spieler, die das Dribbling suchen und diese Fertigkeit perfektionieren wollen, hier nochmal herausgestellt werden. Die Spielanlage der U21 war perfekt auf eben diese Situationen ausgerichtet – der eigene Offensivspieler bekommt den Ball, wird durch das Verschieben isoliert im 1-gegen-1 und bricht dann zur Grundlinie durch. Dieses (zugegeben sehr idealistische) Mittel findet in der deutschen Spielerausbildung noch zu wenig Platz. Die U21 hat außerdem gezeigt, wie vielfältig die Anschlussoptionen an so ein kurzes Dribbling sein können. Aus dem 1-gegen-1 wird ein 2-gegen-1, das mittlerweile jede Mannschaft sehr erfolgsstabil ausspielen kann. Dafür braucht es aber auch Spieler, die sich in solchen Situationen bewusst gegen den einfachen Pass und für riskante Dribbling entscheiden.

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