Passspiel vs Pass – die Kritik an der Passübung

Ein Artikel, den ich vor ungefähr drei Jahren veröffentlicht habe, sorgt noch immer für interessante Kommentare. Ich kritisiere in diesem Beitrag, dass innerhalb einer Passübung nicht alle relevanten Bestandteile des Passspiels trainiert werden. Wer den Artikel noch einmal lesen möchte, hier entlang

Nach vielen kontroversen Diskussionen, großer Kritik, aber auch viel Zustimmung, möchte ich in diesem Beitrag die damaligen Argumente erneut aufgreifen und mögliche Unklarheiten beseitigen. 

Mein Hauptkritikpunkt an der Nutzung von Passübungen zur Verbesserung des Passspiels bleibt bestehen. Mittels Passübungen wird nur ein kleiner Baustein des Passspiels trainiert – die motorische Ausführung. Es steht außer Frage, dass die motorische Ausführung von entscheidender Bedeutung ist. Allerdings reicht eine gute technische Ausführung für ein gutes Passspiel nicht aus. 

Das Auge nimmt nur die motorische Ausführung wahr. Die Dinge, die nicht sofort ersichtlich sind, machen jedoch den Unterschied aus. Das Passspiel ist hier mit dem Dribbling vergleichbar. Ein Spieler wie Neymar verfügt über eine herausragende Technik. Ohne wenn und aber. Allerdings gibt es viele Spieler mit einer herausragenden Technik. Keiner spielt jedoch auf dem Niveau eines Neymars oder Lionel Messis. Es ist nicht die Technik, die diese Spieler von den anderen Profis abhebt, sondern das Wissen wann man seine Werkzeuge am besten wie einsetzt.

Letztlich gehört zu jeder Ausführung eine Entscheidung. Im Fußball werden diese Entscheidungen durch die vier Referenzpunkte – Ball, Raum, Mitspieler und Gegenspieler – beeinflusst. Beispielsweise muss der Ballführende erkennen, dass der Mitspieler frei steht und sich in einem Raum befindet, der die Angriffsfortsetzung erlaubt, bevor er den Pass spielt. 

Zu einem guten Pass gehört darüber hinaus die richtige Vorbereitung. Die Annahme des Balles, das Bewegen in den richtigen Raum und das richtige Timing für ein Abspiel bestimmen ebenso wie die motorische Ausführung, ob eine Aktion erfolgreich ist. 

Zu guter Letzt beeinflusst der Passempfänger, speziell dessen Positionierung, ob ein Pass überhaupt gespielt werden kann. Gleiches gilt für den Gegner und den verfügbaren Raum.

Diese Variablen beeinflussen nicht nur die Entscheidung, ob ein Pass gespielt wird, sondern auch die motorische Ausführung. Befindet sich im Rücken des Passempfängers beispielsweise ein Gegenspieler, darf der Pass nicht zu hart gespielt werden. Findet sich hingegen im Rücken des Passempfängers freier Raum, kann dieser durch einen harten Pass in den Lauf sofort genutzt werden.

Kontext ist entscheidend

Das Herausbrechen der Aktion aus dem Kontext des Spiels, verhindert, dass wir mittels einer Passübung das Passspiel unserer Spieler nennenswert verbessern. Die motorische Ausführung – ja – die anderen Variablen – nein. Bevor die ersten Kritiker des Textes sich auf diese Ausführung stürzen, stopp.

Es gibt einen Grund warum die Diskussionen über Passübungen oft kontrovers und ohne echtes Ergebnis geführt werden. Wir diskutieren zu oft über zwei verschiedene Dinge. Das eine Lager definiert den Pass als motorische Ausführung, das andere Lager fasst den Begriff weiter und spricht über die Aktion eines Passes. Bevor wir diese Diskussion weiterführen, müssen wir diese beiden Begriffe voneinander trennen und dafür sorgen, dass wir eine gemeinsame Definitionsgrundlage haben.

Pass vs Passspiel – was möchte ich eigentlich trainieren?

Während es sich bei einem Pass um die motorische Ausführung, das Spielen des Balles von A zu B handelt, bezieht sich das Passspiel auf die gesamte Aktion. Es umfasst folglich alle Teilaspekte, die in das Spielen des Balles von A nach B einfließen. Dazu gehört unter anderem die Entscheidungsfindung oder das Freilaufverhalten, genauso aber auch die motorische Ausführung. 

Folglich ist der Pass ein Teilaspekt des Passspiels. Dementsprechend können Passübungen sinnvoll sein, um an der motorischen Ausführung eines Passes zu arbeiten. Schließlich ist die technische Ausführung ein Bestandteil des Passspiels. Hier setzt allerdings die Kritik an der Nutzung von Passübungen als zentraler Teil einer Trainingseinheit an. Man trainiert nur einen kleinen Teil des Passspiels und schneidet diesen aus dem Kontext heraus. 

Um diesen Kritikpunkt zu verstehen, muss man sich die Frage stellen, ob es im Spiel jemals eine Situation gibt, in der nur eine isolierte motorische Ausführung zur Anwendung kommt.

Die Antwort lautet nein, schließlich handelt es sich stets um Aktionen und nicht Ausführungen. Aktionen beinhalten viele verschiedene Aspekte, in unserem Fall das Freilaufverhalten der Mitspieler, das Sichtfeld des Ballführenden und die richtige Entscheidungsfindung. 

Des Weiteren geschieht jede Aktion im Kontext des Spiels, der durch die Bewegungen aller Akteure, des Balles und dem jeweiligen Raum, in dem sich ein Spieler gerade befindet, bestimmt wird. Auf Basis dessen lässt sich außerdem argumentieren, dass sich nie zwei Aktionen im Fußball gleichen. Jede Passaktion ist anders, da die Konstellation der Variablen, die diese Aktion beeinflussen auf ganz unterschiedliche Art und Weisen zusammengesetzt werden können.

Das Passspiel – ein spielnahes Beispiel

Das mag nun recht theoretisch und für den Amateurfußball viel zu kompliziert klingen, ist es allerdings nicht. Ein einfaches Beispiel einer Spielsituation, wie sie in jedem Spiel stattfindet, unterstreicht das oben genannte Argument. 

In der folgenden Situation agiert eine Mannschaft in einem 4-3-3, die andere presst im 4-4-2. Der rechte Innenverteidiger der Mannschaft in rot erhält den Ball und wird vom gelben Stürmer angelaufen. Dieser nimmt den Sechser der roten Mannschaft in seinen Deckungsschatten, während sein Partner den Querpass zustellt. Nun lässt sich der Achter wenige Meter fallen und die rote Mannschaft kann mittels des Spiels über den Dritten den Raum hinter den Stürmern der gelben Mannschaft bespielen. 

Passspiel

In dieser Aktion steckt viel mehr als nur die motorische Ausführung. Bereits bei der Ballannahme des Innenverteidigers spielen kleine Anpassungen der Position eine große Rolle.

In geschlossener Stellung würde er schnell zum Pressingopfer werden, da er nicht erkennt was in seinem Rücken passiert. Darüber hinaus öffnet er sich nicht für die verschiedenen Anspielmöglichkeiten, sondern könnte nur den Ball zurück auf den TW klatschen lassen. Das Überspielen der ersten Verteidigungslinie hätte in dieser Sekunde folglich nicht stattgefunden.

Mittels ständigem Umschauen erkennt der Innenverteidiger in dieser Situation, dass die gelbe Mannschaft die Verlagerung bereits frühzeitig zugestellt hat. Da der Sechser im Deckungsschatten gefangen ist, muss der Ballführende nach einer neuen tiefen Anspielstation Ausschau halten. Um einen guten Winkel für den Pass nach vorne zu haben, nimmt der Innenverteidiger den Ball bereits leicht nach vorne mit. Wieder zeigt sich, Details sind entscheidend. 

Dieses Beispiel macht recht deutlich, dass bereits vor der Ausführung des Passes verschiedene Entscheidungen notwendig sind, um überhaupt in diese Situation zu gelangen.

Der Einfluss der Mitspieler auf die Passentscheidung

Dieser Entscheidungsprozess wird wiederrum durch die Aktionen der anderen Akteure bestimmt. Der gegnerische Stürmer, der den ballführenden Innenverteidiger presst, sorgt für eine Einschränkung der Entscheidungsmöglichkeiten und zwingt den Verteidiger dazu sein Verhalten anzupassen.

Eine tiefere und passivere Position des Stürmers der gelben Mannschaft würde dafür sorgen, dass der Innenverteidiger keinen Zeitdruck hätte und sich wohl eher für eine Verlagerung zum IV-Partner und das langsame Vorrücken mit dem Ball entscheiden würde. 

Allerdings gehört zu dieser Passfolge nicht nur das Verhalten des Ballführenden, sondern auch die Bewegungen der Mitspieler. Schließlich bestimmen sie, welche Anspielstationen überhaupt zur Verfügung stehen. In diesem Spezialfall muss der Achter nicht nur erkennen, dass er in der Lage ist als Bindeglied den Sechser freizuspielen, der dann viel Platz hat. Sondern auch, dass sein Mitspieler unter Druck steht, weswegen er sich dynamisch wenige Meter fallen lassen sollte, um eine schnelle Anspielstation bereitzustellen. 

Hätte der Innenverteidiger keinen Druck und weitere Anspielstationen, müsste sich der Achter nicht unbedingt fallen lassen, sondern könnte seine Position zwischen den Linien halten. Vorausgesetzt, der Innenverteidiger ist in der Lage einen solch langen Flachpass zu spielen. Selbst wenn er es nicht kann, könnte der Achter durch eine hohe Position Raum für den Sechser schaffen und Gegenspieler binden. Es sind diese kleinen Details, die essenziell für ein kohärentes Freilaufverhalten sind. 

Nun muss der Innenverteidiger immer noch erkennen, dass sich der Sechser fallen lässt und im richtigen Moment den Pass mit der richtigen Schärfe auf den richtigen Fuß spielen, sodass der Achter den Ball sofort klatschen lassen kann. Versteht der Innenverteidiger nicht, dass es das Ziel ist den Sechser freizuspielen, spielt er den Pass eventuell auf den falschen Fuß oder zu schwach und der Achter kann nicht das Tempo des Passes für die Ablage nutzen. 

Welche Komponenten sind Teil des Passspiels?

Lasst uns nun die bisherigen Erkenntnisse zusammenfassen. Wir haben am obigen Beispiel festgestellt, dass nicht nur die motorische Ausführung entscheidend für die erfolgreiche Durchführung der Aktion ist, sondern viele verschiedene Komponenten. Neben der motorischen Ausführung muss der Spieler die Aktion richtig vorbereiten, über die nötige Übersicht verfügen und stets die richtigen Entscheidungen treffen.

Nicht nur der Ballführende ist für den Erfolg oder Misserfolg der Aktion verantwortlich, sondern auch der Passempfänger. Seine Positionierung, sein Freilaufverhalten und seine Fähigkeiten das Spiel richtig fortzusetzen sind ebenfalls entscheidend. 

Was trainieren wir in einer Passübung?

Ich hoffe, dass bis hierhin deutlich wurde, warum ich Passübung recht kritisch sehe. Durchaus lassen sich kleinere technische Mängel durch die hohe Wiederholungszahl ausmerzen, jedoch rechtfertigt dies für mich nicht die Nutzung einer Passübung im Hauptteil einer Trainingseinheit. Insbesondere im Amateurfußball fehlt schlicht die Zeit sich auf einen so kleinen Aspekt wie die motorische Ausführung des Passes zu konzentrieren. 

Schließlich beinhaltet eine Passübung nur technische Herausforderungen – und diese oft ohne Gegnerdruck und vor allem ohne spielnahen Kontext. Das Vorbereiten der Aktion durch ein sauberes Umblickverhalten, dem richtigen Andribbeln oder dem Manipulieren des Gegenspielers durch die Körperhaltung, werden in Passübungen, aufgrund fehlender Nähe zum Spiel, nicht trainiert.

Besonders schwer wiegen die fehlenden Entscheidungen. Oft liegt eine klare Passreihenfolge zu Grunde, die Spieler müssen gar keine Entscheidung treffen. Manche Trainer versuchen diese Problematik mit zwei oder drei Wahlmöglichkeiten zu lösen.

Allerdings ändert dies nichts am Hauptproblem der Passübung, dem fehlenden spielnahen Kontext. Der Ballführende wird kognitiv kaum gefordert, da er weder das Spiel und alle Bewegungen überblicken muss noch anhand der vier Referenzpunkte Entscheidungen trifft. Dabei sollte das Training die Spieler auf die Partie am Wochenende vorbereiten. Hierbei kann, richtig eingesetzt, auch mal eine kognitive Überforderung Sinn ergeben. Mittels statischer Pass- oder Dribblingübungen ist dies nicht zu erreichen. 

In welchem Rahmen ergibt die Nutzung von Passübungen nun doch Sinn? Im letzten Absatz versteckte sich bereits ein Hinweis. Da Passübungen kognitiv kaum anstrengend sind, können sie in ruhigeren Phasen eines Trainings oder zu Beginn zum lockeren Reinkommen genutzt werden. Gerade nach einer intensiven und kognitiv anstrengenden Spielform, kann durch eine kurze Nutzung einer Passübung für kurze kognitive Regeneration gesorgt werden.

Wie lässt sich unser Training nun anders gestalten?

Ich nannte bereits einen alternativen Weg, um die verschiedenen Komponenten des guten Passspiels ganzheitlich zu trainieren. Dabei führt an Spielformen kein Weg vorbei. Insbesondere in Kleingruppen treffen die Spieler jede Menge Entscheidungen und haben eine hohe Anzahl an technischen Wiederholungen, jedoch stets im Kontext des Spiels. 

Mit Hilfe der richtigen Gestaltung der Spielform lassen sich nun ganz verschiedene Aspekte trainieren bzw. stärker hervorheben. Nehmen wir beispielsweise das Problem zu ungenauer Pässe. Viele Trainer greifen nun zu einer Passübung, da sie denken, den Spielern fehlen die technischen Fertigkeiten. Dies mag zwar stimmen, ist allerdings bei weitem nicht der einzige mögliche Grund für ein unsauberes Passspiel. Vielleicht fühlen sich die Spieler unter Druck nicht wohl, haben Angst einen Fehler zu machen und spielen deshalb unsaubere Pässe. 

Das Gefühl von Druck kann beispielsweise entstehen, wenn der Spieler gepresst wird und dabei nicht einschätzen kann, ab wann er den Pass nicht mehr spielen kann, da der Gegner bereits zu nahe ist. Fehlt ihm dieses Spielverständnis, sorgt es schnell für Unruhe und der Spieler konzentriert sich eventuell schlechter.

Die Lösung? Den Spieler im Training regelmäßig in solche Situationen bringen, damit er sich an den Druck gewöhnt. Spielformen in kleinen engen Feldern mit vielen Ballkontakten und hohem Gegnerdruck können hier bereits nach wenigen Wochen zu große Fortschritte führen. 

Eine andere Begründung für ein schlechtes Passspiel kann die falsche Wahl der Anspielstation sein. Dies ist auf eine fehlende Übersicht bzw. ein fehlendes Spielverständnis zurückzuführen. Auch hier würde eine Passübung nicht helfen, um das Passspiel zu verbessern. Vielmehr können individuelle Provokationsregeln oder Belohnungen innerhalb einer Spielform für die nötigen Lernfortschritte sorgen. Beispielsweise fordert eine Kontaktbeschränkung den Spieler heraus sich frühzeitig umzuschauen und die einfache Anspielstation zu wählen. 


Mehr zum Thema individuelle Schwerpunktsetzung innerhalb einer Spielform findet ihr in unserem Interview mit Moritz Kossmann, das Teil unserer neuen Ausgabe des TFF-Magazins ist.


In dieser Art des Trainierens kommt dem Trainer eine andere Rolle zu. Hier geht es vielmehr darum die Geschehnisse während des Spiels zu analysieren und ein Training zu gestalten, indem der Spieler immer wieder in die Situationen gerät, die für Probleme sorgen.

Neben dem analytischen Teil ist der Coach nun gefordert den Spieler bei der Entdeckung der richtigen Lösung zu unterstützen bzw. zu befähigen. Folglich kommt ihm eine unterstützende Rolle innerhalb des Trainings zu, anders als bei der Methode des isolierten Trainings. In diesem Fall steuert der Trainer die Übungen, coacht viel explizit und steht im Mittelpunkt der Einheit. Allerdings muss der Spieler am Wochenende die richtigen Entscheidungen treffen. Sollte dann nicht der Fokus einer Einheit auf der Befähigung des Spielers liegen?

Fazit – Passspiel vs Pass

Passübungen sind keineswegs nutzlos, jedoch kommt ihnen im Amateurfußball vielerorts eine zu große Rolle innerhalb der Trainingseinheit zu. Es scheint, dass vielen nicht bewusst ist, in wie wenigen Bereichen eine Passübung den Spieler verbessert. Man kann sich einfach die Frage stellen, welche Aspekte aus der oben beschriebenen Spielszene innerhalb eines Passübung gefördert werden.

Innerhalb einer Spielform hingegen, werden die motorischen und technischen Fertigkeiten im Kontext der Anwendung trainiert. Der Spieler lernt folglich nicht nur wie er einen Pass zu spielen hat, sondern auch wann und warum. Dementsprechend verbessert sich ihr Passspiel. Letztlich sorgt dies dafür, dass ein Spieler alle Herausforderungen eines Spiels leichter bewältigen kann. Und darum sollte es uns doch als Trainer gehen, oder? Den Spieler so ausbilden, dass er alle Probleme einer Partie lösen kann.

Kategorie Training, Trainingstheorie

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