Spitzenniveau am Mittwochnachmittag

In einem hochklassigen Champions-League-Viertelfinale setzt sich der Chelsea LFC am Ende deutlich gegen den VfL Wolfsburg durch. Das Endergebnis zeigt das spielerische Potential, gerade der Offensivreihe der Engländerinnen, unterschlägt aber den starken Pressingplan des Teams von Stephan Lerch, welches den Tabellenführer der „Womens Super League“ über weite Strecken des Duells an dessen Entfaltung hinderte.

Kräftemessen im Halbraum

Chelsea begann im Hinspiel in einer Art 4-3-3/4-3-1-2-System, im Folgenden zum besseren Verständnis, und um weitere Telefonnummer-Gymnastik zu vermeiden, als 4-3-3 bezeichnet, weil es doch eine relativ klare Trennung zwischen den ersten beiden Linien und dem Offensivtrio gab, wobei Harder allerdings etwas zurückgezogen im Vergleich zu Kerr/Kirby agierte.

Grundformationen im Hinspiel

Chelsea sucht nach Platz

Diese Aufteilung galt zuvorderst für den Spielaufbau. Die Feldspielerinnen, die Angreiferinnen ausgenommen, suchten aus der ursprünglichen 4-3-Staffelung nach Möglichkeiten, Harder/Kerr/Kirby einzubinden. Das Sturmtrio wanderte durch den Zwischenlinienraum und besetzte zugleich abwechselnd und flexibel die Tiefe, vor allem mit Augenmerk auf die AV/IV-Schnittstelle in der Viererkette der Wölfinnen. Zum Auslösen der eigenen Angriffe suchte Chelsea durchgängig den Halbraum in der ersten Linie. Mit diesem Prinzip im Kopf erzeugten die sieben Aufbauspielerinnen Chelseas sehr fluide Staffelungen und viele verschiedene Aufbauvariationen, abhängig von Ball und Gegner, und ausgelöst durch die Bewegungen der Mittelfeldspielerinnen. Stand Wolfsburg höher als gewöhnlich, konnte sich die in der Situation tiefste Mittelfeldspielerin fallen lassen und eine „klassische“ Aufbaudreierkette bilden. In den meisten Fällen kippte aber einer der Achter aus der gegnerischen Formation heraus. In ruhigeren Aufbausituationen konnten auch die Innenverteidiger ohne zurückfallende Mittelfeldspieler den Halbraum besetzen, in diesen Situationen sah man auch immer wieder aufrückende Bewegungen der zentralen Mittelfeldspielerin. Die Positionen im Mittelfeld waren auch nicht wirklich festgelegt, im Grundsatz sah es zwar so aus wie in der Formationsgrafik, dies konnte sich im Verlauf einer Ballbesitzphase durch Rauskippen, Aufrücken, Wieder-Einrücken, Zurückfallen usw. ändern. Gleichbleibend war nur die Rolle der Außenverteidigerinnen im Spielaufbau, die als Anspielstation tief blieben, passend aufgrund des Pressings und der daran anschließenden Kontergefahr, die der VfL ausstrahlte.

Wolfsburg steht im Weg

Denn die Wölfinnen von Meistertrainer Stephan Lerch kamen vorbereitet nach Budapest, wohin auch der Frauenfußball ausweichen musste. Wolfsburg erwartete Chelsea in einer Art 4-2-3-1. Die Flügelspielerinnen Rolfö und Huth agierten dabei nicht in einem flachen Mittelfeldband, sondern vertikal etwas vor der eigenen Doppelsechs. Sie positionierten sich im Ergebnis also genau dort, von wo aus die Blues ihr Spiel eröffnen wollten. Dabei gingen die Wölfinnen auch gruppentaktisch enorm klug vor. Topstürmerin Pajor, gerade erst von einer langwierigen Verletzung genesen, gab den Pressingtakt vor. Sie lief die Innenverteidigerinnen aus dem Zentrum diagonal an, mit dem Ziel das Spielfeld zu teilen. So konnte man Chelseas Spieleröffnung zumeist im linken Halbraum isolieren. Dahinter schob der restliche Mannschaftsverbund eng hinterher auf der Suche nach einem Zugriffsmoment. Alexandra Popp hielt sich dabei etwas versetzt im Zentrum, um kleinräumige Verlagerungen über die zentrale Mittelfeldspielerin Chelseas zu verhindern, die ballferne Flügelspielerin blieb recht hoch, rückte aber weit ins Zentrum ein. Gleichzeitig sicherten die Sechser kurz dahinter ab. Sobald Pajor oder die Flügel eine Drucksituation erzeugt hatten, schob das Mittelfelddreieck aus Popp/Engen/Oberdorf aggressiv hinterher und stellte lokale Überzahlen her, aus denen viele Ballgewinne resultierten.

Falls es nicht zum „Zugriff“ kam, konnte man aber zumindest Chelseas Aufbauspielerinnen zu sehr direkten Übergängen in Richtung Angriffstrio zwingen. Die Blues nutzten dabei zumeist Chipbälle in die Abwehrschnittstellen, wo wie bereits erwähnt Kerr oder Kirby lauerten. Hierbei deutete sich eine kleinere Instabilität des Wolfsburger Pressings bereits an: Weil die Flügelspielerinnen eingerückt agierten, mussten die Außenverteidigerinnen oftmals weit aufrücken, da gerade die Außenverteidigerinnen Chelseas aufgrund deren tiefen Positionierung als Ausweichoption vom Pressingdruck im Halbraum genutzt wurden. Auch hinter den Sechsern ergaben sich immer mal wieder Räume, die aber durch das konsequente Verschieben des Mittelfelds aber nur selten anspielbar waren. Trotzdem waren dies potenzielle Druckpunkte für das Angriffsspiel der Londonerinnen, welches aber gerade in der ersten Halbzeit kaum zur Geltung kam. Zwar bekam man über die langen Bälle vereinzelt ein direktes Duell mit den Innenverteidigerinnen, allerdings war dieser Pass unter Gegnerdruck nur sehr schwer mit der nötigen Präzision zu spielen, zudem geschahen diese dann meist in unvorteilhaften Situationen für die Angreiferinnen, die sich im äußeren Halbraum vom Tor wegbewegten und den anspruchsvollen Ball erst einmal kontrollieren mussten, während eine Gegenspielerin im Rücken störte.  Im Verlauf der Halbzeit ließ sich Harder immer mal wieder zurückfallen, was aber ebenfalls kaum Wirkung entfaltete. Denn um tatsächlich anspielbar zu sein, musste sie tiefer als die Wolfsburger Sechser kommen, und wenn sie in diesem Raum angespielt wurde, konnte sich das Abwehrdreieck bestehend aus Zehner, Flügel, Sechser leicht zusammenziehen und sie isolieren.

exemplarischer Pressingablauf

Auch beim sporadischen Angriffspressing, Mustersituation hierfür natürlich ein Abstoß Chelseas, zeigten die Wölfinnen starke Mechanismen. Hierbei war es nicht Popp, welche sich weiterhin auf das Zentrum konzentrierte, sondern Huth, welche auf die Höhe Pajors rückte, um Gleichzahl mit Chelseas Innenverteidigung herzustellen, dafür schob dann die Außenverteidigerin hinter Huth ebenfalls eine Linie nach vorne, das Ganze erinnerte etwas an das Pressing des Bayern-Herrenteams beim legendären 8:2 gegen Barcelona. Da so das Zentrum kompakt gehalten wurde, konnte man den englischen Meister oft zu langen Bällen zwingen, die vom in der Luft dominanten Viererblock aus Innenverteidigung und Doppelsechs eingesammelt werden konnten.

Vom Ballgewinn zur Torchance

Diese verschiedenen Arten, Ballgewinne zu erzeugen, waren dann auch der Grundstein für die Chancenkreation der Wölfinnen. Nach Ballgewinnen im Halbraum konnte man schnell am Flügel entlang spielen und setzte dann vor allem auf Flanken, um in den Strafraum zu gelangen. Auch sonst stand das Flügelspiel bei eigenem Ballbesitz im Vordergrund. Dies war auch grundsätzlich ein erfolgsversprechender Weg, da der Ausgangspunkt des eigenen Ballbesitzes zumeist schon hinter dem Offensivtrio des CFC war und man dementsprechend gegen die 4-3-Staffelung der Restverteidigung angriff. Das Zentrum war also gut gesichert, weshalb man es stattdessen mit einer Überladung der äußeren Zonen dieses Konstrukts versuchte. Hierfür driftete Ewa Pajor immer weit nach außen, die Flügel suchten die Tiefe, ebenso wie die Außenverteidigerinnen, während einer der Sechser ebenfalls Richtung Viererkette hochschob, was Popp zu balancieren versuchte, gleichzeitig aber ebenfalls auf Läufe in den Strafraum lauerte. So waren die äußeren Schnittstellen der Blues-Viererkette eigentlich durchgängig dynamisch besetzt und es gab mit Pajor und der höheren Sechserin Kombinationsmöglichkeiten innerhalb der gegnerischen Formation. Dies führte dann folgerichtig zu vielen Flanken und eben auch zu einigen guten Chancen. Chelsea hätte sich über einen Rückstand zur Pause nicht beschweren können.

Kurzer Einwurf: Das Angriffsspiel der Wölfinnen zeigte übrigens interessante Parallelen zu den Partien von Guardiolas City gegen Klopps Liverpool auf. Liverpools Abwehrstabilität war in den letzten Jahren ebenfalls zum Teil auf eine kompakte 4-3-Restverteidigung zurückzuführen, an der Pep sich jahrelang taktisch die Zähne ausbiss. Erste Erfolge gegen dieses System feierte er dann im Titelshowdown Anfang 2019, als er ebenfalls mehr auf Flügelspiel setzte und Agüero eine ähnliche Rolle wie Pajor einnahm.

Hayes spielt an der Waage

Aber zurück zum Spiel und zur zweiten Halbzeit, in der kleine Anpassungen von Emma Hayes die Kräfteverhältnisse etwas in Chelseas Richtung umbiegen konnten und letztlich auch für den Sieg sorgten.

Tiefenläufe als Pressingstörer

 Quelle dieser Verschiebungen waren die Änderungen im eigenen Angriffsspiel. Chelsea schaffte es zu Beginn der zweiten Halbzeit endlich, Wolfsburg nach hinten zu drücken und ihre Angreiferinnen einzusetzen. Entscheidend waren hier die Bewegungen der Achter. Diese kippten jetzt nicht mehr sofort ab, sondern schoben erst höher beziehungsweise täuschten auch mal ein Entgegenkommen an, nur um dann in die Tiefe zu starten. Dies stellte die Wolfsburger Sechserinnen vor ein Dilemma. Denn der Raum, in den Leupolz/Ji starteten, war frei. Die Innenverteidiger waren mit dem Sturmtrio beschäftigt und die ballnahe Außenverteidigerin hatte nur noch losen Kontakt zur Kette, weil sie auf Pressinggelegenheiten wartete. Engen/Oberdorf mussten also zumindest auf den ersten Metern mitgehen und wurden so aus dem Zugriffsradius für Balleroberungen im Aufbauspiel gezogen. Manchmal strebten die Blues-Achter nicht im Sprint Richtung Viererkette, stattdessen drifteten sie Richtung Außenlinie, wo sie von den Wolfsburgerinnen im vermeintlich toten Raum stehen gelassen wurden. Allerdings entzogen sie sich hier dem Blickfeld des Wolfsburger Mittelfelds und sie konnten sich so aus dem „toten Winkel“ überraschend zurückfallen lassen und genug Zeit gewinnen, um den Ball offen anzunehmen.

Neben diesen durch die Tiefenläufe generierten leichten Vorteile, ließ Chelsea jetzt generell den Ball besser zirkulieren und sich nicht so einfach auf einer Seite isolieren. Im Gegensatz zu Halbzeit eins suchte man öfter noch den Rückpass als eine vertikale Spielfortsetzung zu erzwingen und konnte der etwas verringerten Gefahr, gepresst zu werden (natürlich auch aufgrund körperlichen Verschleißes bei den Autostädterinnen), öfter entkommen und kontrolliert in die gegnerische Hälfte eindringen.

Das Spiel ist ein Kreislauf!

Diese leichte Verbesserung des Ballbesitzspiels zog in den anderen Spielphasen ebenfalls für Chelsea positive Konsequenzen nach sich. Zum einen mehr Ballkontakte für das potente Sturmtrio, zum anderen startete Wolfsburg den eigenen Ballbesitz jetzt öfter in tieferen Zonen, wo sie sich dann dem Angriffspressing der Londonerinnen erwehren mussten, was indirekt auch zum zweiten Tor führte, wobei hier der „unforced error“ der Wölfinnen schwerer ins Gewicht fiel. Chelseas 4-3-3-Pressing behinderte den flachen Spielaufbau des VfL sehr, die Angriffsreihe positionierte sich dabei eng zentral und kontrollierte den Sechserraum und konnte von dort auch die Viererkette anlaufen und am Flügel festdrücken, wohin das Mittelfeld aggressiv nachschob. Allerdings konnte Wolfsburg diesem Druck durch lange Bälle relativ stabil entkommen, da das Rausschieben der Mittelfeldreihe Räume im Zentrum vor der Viererkette öffnete und Popp & Co dort die Lufthoheit hatten.

Hinspielfazit

Das Spiel war so in der zweiten Hälfte auf hohem Niveau sehr ausgeglichen, am Ende entschieden ein individueller Fehler und der eine Moment gruppentaktischer Brillanz der Chelsea-Offensive das Spiel für die Engländerinnen, trotz besserer Chancen auf Seiten der Deutschen.

Spielglück & Stabilitätsfokus lassen Rückspiel versanden

Auch im Rückspiel hatte sich Emma Hayes etwas ausgedacht, um die Wolfsburger Angriffsmaschinerie zu verlangsamen. Schon zu Ende des Hinspiels hatte sie, für eine bessere Breitenverteidigung und zur Ergebnissicherung, auf ein 4-4-2-umgestellt. Nicht nur in der Defensive, sondern auch offensiv bot dieses System interessante Möglichkeiten, etwa zur Überladung der Doppelsechs durch einrückende Flügel und einer eigenen Doppelsechs im Aufbau, um sich dem Pressing besser erwehren zu können.

Verbunden mit dem Hinspielergebnis war es dann kein Wunder, dass die englische Trainerin von Beginn an zu dieser Variante griff, um mehr Stabilität herzustellen. Personell musste Ji für Cuthbert weichen, die das linke Mittelfeld besetzte. Auf Wolfsburger Seite fehlte die gelb-gesperrte Oberdorf, für sie begann Blomqvist, Popp rutschte dafür eine Position nach hinten.

Chelseas Umstellung machte nicht nur in der Theorie Sinn, auch auf dem Platz wirkte sie sich vorteilhaft auf das Spiel der Blues aus. Zwar wurden die Potenziale im Hinblick auf ein druckvolleres Angriffsspiel kaum ausgeschöpft, oft schoben sich Bright und Eriksson den Ball hin und her, gleichzeitig wurde das Ziel von mehr Stabilität jedoch erreicht. Wolfsburgs hohes Mittelfeldpressing im 4-2-3-1 hatte so nur äußerst wenige Möglichkeiten, die im Hinspiel so erfolgreiche Balljagd auszulösen. Auf der anderen Seite konnten so auch die Flügelkombinationen der Niedersächsinnen besser blockiert werden. Wolfsburg Sechserinnen konnten weniger nach vorne schieben, weil sie den Ball von Seite zu Seite zirkulieren musste und man kam seltener Richtung Grundlinie, Mittel der Wahl zur Chancenkreation waren aber weiterhin Flanken, bloß jetzt gegen eine besser vom Gegner besetzte Box und aus schlechteren, weil statischeren, Situationen. Vorteil für Wolfsburg war nur, dass die tiefere und flachere Staffelung der Londonerinnen mit den zwei engen Viererketten dafür sorgte, dass die eigene Doppelsechs relativ viele zweite Bälle, auch dank der erwähnten Lufthoheit, aufsammeln konnte. So konnte man zumindest Konter verhindern und den Ballbesitz ins Angriffsdrittel verlagern, ergo Druck aufbauen.

 Aber auch diesmal schlug das Spielglück wieder zugunsten der Chelsea Ladies zu. Nach einer unübersichtlichen Situation schlug Ingle einen langen Ball auf Kerr, die sich in eine Abwehrschnittstelle davongeschlichen hatte, sie kam anschließend in einem Laufduell mit Doorsun zu Fall. Nach kurzer Denkpause ertönte die Pfeife der Schiedsrichterin, Elfmeter, Harder schießt, Tor. Kurz danach legte Kerr im Stil eines Romelu Lukaku nach und dieser Treffer war dann der entscheidende Nackenschlag. Kurz zuvor hatte Pajor noch den Ausgleich verpasst.

Stephan Lerch stellte im zweiten Durchgang dann auf ein 4-1-4-1 um, was die offensive Präsenz erhöhte und zu etwas mehr Druck und höheren Ballgewinnen führte, richtig ins Schwimmen kam Chelsea aber nicht, auch weil dem VfL außer Flanken nicht viel mehr einfiel. Am Ende schoß Kerr noch das dritte Tor dieses Aufeinandertreffens und sorgte so für den zu hohen Endstand.

Resümee und Ausblick

Schlussendlich stand es dann 5:1 nach zwei Partien. Die tatsächlichen Kräfteverhältnisse spiegelte das aber nicht wider. Auch die Kommentare von Wolfsburger Seite nach dem Spiel dokumentierten dies.  Gerade das Hinspiel war ein höchst spannendes, auf Top-Niveau geführtes echtes Königsklassenduell, das eine bessere Fortsetzung verdient gehabt hätte. Individuelle Fehler und die Anpassungen von Hayes, die das Offensivpotential der Blues besser freilegten, sorgten für das Weiterkommen der Blues und dafür, dass diese im Rückspiel die „Sicherheitsvariante“ wählen konnten und so ein ähnlich attraktives Spiel wie im Hinspiel verhinderten.

Chelsea trifft nun im Halbfinale auf den Tabellenführer der Bundesliga, den FC Bayern, der in dieser Saison ALLE (!) Pflichtspiele bisher gewonnen (!!) hat und sich souverän gegen den schwedischen Außenseiter aus Rosengard durchgesetzt hat, die der bayerischen Intensität und Wucht trotz guter spielerischer Ansätze am Ende nicht genug entgegenzusetzen hatten. Auch dieses deutsch-britische Duell verspricht Spannung und Klasse.

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