Wolfsburg kriegt sein Spiel durch

Es ist doch wieder der VfL Wolfsburg, der den FC Bayern Frauen einen Strich durch die Rechnung macht und deren sagenhafte Serie von 26 Pflichtspielsiegen in Folge im Pokalhalbfinale durchbricht. Die Wölfinnen rehabilitieren sich damit etwas nach dem unbefriedigenden Aus in der Champions-League und erhalten sich so ihre größte Titelchance. Positionelle Unsauberkeiten im Aufbau, verbunden mit Problemen im Übergangsspiel ins letzte Drittel sorgten dafür, dass Bayern sich gegen das starke Pressing der Autostädterinnen kaum Chancen erspielte. Auf der anderen Seite konnte sich der VfL gegen die Intensität der Bayern im Pressing und Gegenpressing gerade genug Luft verschaffen, um ihr Flügelspiel in die zwei entscheidenden Toren umzumünzen.

Formationen bei Ballbesitz Bayern

Wolfsburg kappt die Versorgungslinien

Entscheidend für den Erfolg des VfL war die Kontrolle der FCB-Offensivabteilung um Schüller, Beerensteyn & Co, die in 17 Bundesligaspielen bereits 68 Tore erzielt hat. Fast über die gesamte Partie hinweg konnten sie die Bayern vom Tor weghalten und wichtigen Raumgewinn verhindern. Grund dafür war aber nicht nur das eigene Pressing, sowieso das Prunkstück des Lerch-Teams, sondern auch die strukturellen Probleme, die der Spielaufbau der Münchnerinnen aufwies.

Bayerns Aufbaustruktur

Gegen Wolfsburgs 4-4-1-1-Grundformation, bei der die Flügelspielerinnen im Gegensatz zum Duell gegen Chelsea sich diesmal flacher auf einer Höhe mit der Doppelsechs staffelten, kreierte der FCB in der ersten Aufbaulinie eine 3-2-überzahl, indem eine Hälfte der eigenen Doppelsechs nach außen, seitlich neben die Innenverteidigung, abkippte. Zwar hatte man nun eine Überzahl gegen die beiden vordersten VfL-Akteurinnen, allerdings verhinderte die teils unsaubere Staffelung zueinander oft das Ausspielen dieser. Zu flach und zu nah beieinander positionierten sich die, mit der verbliebenen Sechserin, vier primären Aufbauspielerinnen. Dies geschah auch recht mechanisch und vor allem dauerte es relativ lang nach dem Beginn einer Aufbausequenz, diese Staffelungen herzustellen. Das Umschalten von Balleroberung beziehungsweise aus dem Frühstadium des Ballbesitzes, nachdem die ersten Pässe zwischen den Innenverteidigerinnen/Torwart gespielt waren, zu ruhiger Ballzirkulation in ebendieser Formation geschah nicht schnell genug. Dadurch war diese Aufbaustruktur anfällig, wenn Wolfsburg früh Druck ausübte. Sie mussten dafür auch gar nichts „Besonderes“ machen, sondern aus ihrem 4-4-1-1 mit klaren Zuordnungen und guter Nutzung des Deckungsschattens die Viererkette anlaufen, was ausreichte, um die Frauen von Jens Scheuer zum langen Ball zu zwingen. So verheerend wie es im ersten Moment klingt, war der Spielaufbau der Bayern aber dann doch nicht. Einerseits gab es nicht so viele Situationen, in denen Wolfsburg überhaupt mal sein Angriffspressing auslösen konnte oder wollte, die Wölfinnen zogen sich meistens in ein hohes Mittelfeldpressing Richtung Mittellinie zurück, andererseits korrigierten sich diese „Fehlstellungen“ oft auch selbst, da die Spielerinnen dann eben doch die passenden Abstände erzeugten, nachdem der Ball einmal durch die Struktur zirkuliert war.

Ferner Traum vom letzten Drittel

Diese Dreierkette kam so auch einigermaßen stabil an Wolfsburgs Sturmduo vorbei, der nächste Schritt, also der Übergang in Richtung Angriffsdrittel gestaltete sich aber als schwierig. Wolfsburgs Mittelfeldlinie stand sehr eng beieinander und achtete sehr darauf den Halbraum zuzumachen, um Vertikalpässe auf Bayerns Flügelspielerinnen zu verhindern. Die Wölfinnen spielten die Mittelfeldlinie wie erwähnt ziemlich flach und wenn eine Spielerin zum Pressen herausrückte, war es meist die ballnahe Sechs, anders als in der Champions League, als zumeist die Flügelspielerinnen zum Druck ausüben bestimmt waren. Diese verhielten sich in diesem Spiel aber weniger aggressiv, damit die höheren Außenverteidiger sowie die allgemein breitere Spielanlage der Bayern besser verteidigt werden konnte.

Den FCB-Frauen fehlten so vertikale Verbindungen. Zu selten konnte dieser kompakte 4-4-Block beispielsweis durch gegenläufige Bewegungen von Stürmerin/Zehnerin in Bewegung gebracht werden, um „Laserpass“-wege in den Zwischenlinienraum zu eröffnen. Diesen Zwischenlinienraum verteidigte der VfL bei erfolgreicher Penetration auch vehement und konnte den Passempfänger zumeist isolieren und an einer Spielfortsetzung Richtung Strafraum hindern. Hierzu schoben die Spielerinnen auch weit aus der Viererkette heraus, um ein Aufdrehen bei erfolgreichem Pass zu verhindern. Anschließend konnten die ballnahen Mittelfeldspielerinnen beim Ballgewinn helfen. Dieses Schicksal ereilte vor allem Linda Dallmann, die sich als Nadelspielerin um die fehlenden Verbindungen im Bayern-Spiel bemühte, von Wolfsburg aber kaltgestellt wurde. Sie musste sich schon recht weit, auf die Höhe der gegnerischen Doppelsechs, fallen lassen, um überhaupt an den Ball zu kommen und hatte dann höchstens die Option auf eine Sechserin klatschen zu lassen, womit zumindest eine Linie überspielt werden konnte.

Versuche über den Flügel waren ebenso kaum erfolgreich. Hier drohten zwar weniger gefährliche Ballverluste, allerdings erhielten Beerensteyn/Bühl den Ball oft in isolierten Situationen gegen zwei Gegenspielerinnen und ohne Optionen in den grün-weißen Block hinein.

Das Gegenpressing-Ass bleibt im Ärmel hängen

Durch diese Probleme im Aufbauspiel ergaben sich Folgeprobleme im gesamten Offensivspiel der Bayern.

Eine große Waffe unter Jens Scheuer ist das Gegenpressing.  Ganz nach dem Kloppschen Motto: „Gegenpressing ist der beste Spielmacher“ ist dies mittlerweile ein etabliertes offensives Stilmittel, um im „zweiten Anlauf“ Chancen zu kreieren. Bloß kamen die Bayern nie in Räume, etwa in die tiefen Halbräume vor der Viererkette, wo Ballgewinne nach Gegenpressing interessant wären, auch um den Gegner ins eigene Drittel zu drücken. Die Ballverluste der Bayern ereigneten sich schon davor, wodurch die primären Pressingspieler der Bayern aus dem Spiel waren. Im Champions-League-Hinspiel gegen Rosengard zum Beispiel kam der FCB in diese interessanten Räume und die vier Offensivspielerinnen konnten nach Turnover von allen Seiten attackieren, die Doppelsechs musste nur noch die Bälle einsammeln. Zwar ist Sara Zadrazil eine Art Ein-Frau-Gegenpressing, aber auch sie reichte nicht aus, die Konteransätze des Meisters allesamt im Keim zu ersticken.

Flügelabläufe for the win!

Wolfsburg lauerte auf diese Bälle und war sich auch nicht zu schade die in der Luft fast unantastbare Popp als Zielspielerin zu suchen. Dazu konnte man auf die recht simplen, aber sehr passend eingebundenen und gut getimten Angriffsmuster auf dem Flügel zurückgreifen: Von hinten anschiebende Außenverteidigerinnen, die nach außen ausweichende Pajor sowie eine aufrückende Sechserin als Kombinationsoption, balanciert von Popp. Diese Abläufe zeigten sich sowohl bei geordnetem Aufbau als auch in Kontersituationen und zogen sich bis zur Strafraumbesetzung durch.

Bayerns Absicherung verhindert das Meiste…

Dass die Konter trotz der zahlreichen Umschaltsituationen nicht von noch durchschlagenderem Erfolg geprägt waren, lag an der Stabilität und Intensität der Bayern. Die Münchnerinnen schafften es sich sofort in einem 4-2-Block hinter dem Ball zu organisieren, die Schnittstellen zu verschließen und so den Angriffszug der Wölfinnen, die sowieso eher in die Breite spielen wollten, zu verlangsamen  und zu erfolgsarmen Flanken zu bringen, was allerdings das bevorzugte Mittel zur Chancenkreation der Wolfsburgerinnen ist. Die beiden Tore fielen dann auch folgerichtig aus Flanken nach Umschaltsituationen. Allerdings fielen sie nicht nach hohen Halbfeldflanken, sondern flachen Hereingaben von der Grundlinie.

….,aber nicht alles.

Beim ersten Tor ging Toptalent Lena Oberdorf bei einem Kampf um den zweiten Ball nach einem vom VfL durch das Angriffspressing  erzwungenen langen Ball, bei dem sich gefühlt die Hälfte aller Akteurinnen in einem circa 10x10m großen Feldabschnitt an der Seitenlinie befanden, als Siegerin hervor, anschließend konnten die Wölfinnen hinter dem Mittelfeldwollknäuel eine 2-gegen-1-Situation am Flügel ausspielen, an deren Ende die nachstoßende Popp eine Huth-Flanke im Rückraum vollenden konnte.

Vor dem 2:0 sicherte Popp einen langen Ball am linken Flügel, spielte eine Verlagerung an das gegenüberliegende Strafraumeck, wo sich die Grün-Weißen in Person von Huth im direkten Duell durchsetzen konnten und deren flache Hereingabe an den Fünfer stocherte Pajor im zweiten Versuch ins Tor.

Wolfsburgs Strafraumbesetzung vor dem 2:0

Bayerns Pressingintensität

Bei geordnetem Ballbesitz hatte der VfL so seine Probleme gegen die bissigen Bayern. Diese setzten zunächst auf klare Zuordnungen im hohen Pressing und liefen aggressiv an. Das hieß im Grunde, dass jede der vier Offensivkräfte ein Mitglied der gegnerischen Viererkette anlief. Sobald der Druck hier erste Erfolge erzielte, also man den Gegner in einen Zweikampf verwickeln konnte, „sprangen“ die ballnahen Mitspielerinnen von den eigenen Gegenspielerinnen ab und schoben mit auf den Ballführenden, um Überzahl zu schaffen. Dazu passte die Intensität der Münchnerinnen, die auch ein sehr gutes Gespür dafür hatten, den richtigen Zugriffsmoment dafür abzuwarten. So konnte man den Gegner unerwartet in relativ unvorteilhafte Situationen drängen und Ballgewinne forcieren. Die Achillesferse dieser Defensivstrategie ist natürlich dann, das gilt aber für die meisten Pressingsysteme, wenn der Zugriffsmoment vom Gegner ausgehebelt wird. Dies gelang Wolfsburg einmal brillant in einer Ballbesitzphase bei circa 42:20 Minuten: Eigentlich waren Huth und Hendrich auf Rechts völlig isoliert, konnten sich aber unter Druck behaupten, eben weil man hier auch ohne Zeit zum Nachdenken auf die bekannten Abläufe zugreifen konnte und so die vermeintlich vom Deckungsschatten verdeckte Engen im Zentrum finden konnte. Diese verlagerte weiter auf Oberdorf, die den Ball bis zum Strafraum treiben konnte und nach einer unübersichtlichen Situation auch zu einem, wenn auch geblockten, Abschluss kam. Ansonsten griffen die Mechanismen der Bayern ganz gut, hin und wieder spekulierte einer der Flügelspielerinnen etwas zu früh auf einen Pass zur Außenverteidigerin, sodass ein Passweg zu einer zurückfallenden Außenspielerin offen wurde.

Gleichförmige zweite Halbzeit

In der zweiten Halbzeit änderte sich recht wenig an diesem Kräfteverhältnis, Wolfsburg kontrollierte das Spiel größtenteils ohne viel Ballbesitz zu generieren. Wirkliche Änderungen nahm auch Jens Scheuer nicht vor, es ist aber anzumerken, dass die Bayern nach der Champions League unter der Woche einen Tag weniger Regenerationszeit hatten, was den ausgebliebenen Sturmlauf zumindest etwas erklären könnte.

Auch Wolfsburg sah man die Strapazen ein bisschen an, sie zogen sich zumindest etwas zurück, was aber auch daran lag, dass die Bayern ihre Aufbaustruktur noch weiter stabilisierten. So hatten sie nun durchgängig gute Passwinkel, um das Herausrücken der Wolfsburger Sechserinnen mit einer Steil-Klatsch-Aktion über eine kurz kommende Offensivkraft zu überspielen, weshalb die Gelegenheiten für Wolfsburg ins hohe Pressing aufzurücken zudem noch seltener wurden.

Ansonsten suchten die Bayerinnen nun vermehrt direktere Übergänge aus ihrer Aufbaustruktur per Chipball. Diese hatten zwar keine gute Quote, aber wenigstens kam der Ball mal näher Richtung Strafraum und Bayern konnte seine Gegenpressing-Instinkte zum Gewinn zweiter Bälle einsetzen. Dadurch entstanden zumindest mal längere Zirkulationen gegen Wolfsburg im tiefen Block, aber kaum Chancen. Die größte Chance geschah dann auch erst sehr spät nach einer Einzelaktion von Bühl, die sich am Flügel gegen zwei Gegenspielerinnen durchsetzte. Nach ihrer Flanke schoss die eingewechselte Ex-Nationalspielerin Simone Laudehr aber die eigene Mitspielerin an.

Wolfsburger Wirkungstreffer mit Auswirkungen auf den Titelkampf?

Es klingt nach einer Plattitüde, aber letztendlich war es so, dass Wolfsburg die eigenen Stärken besser auf den Platz bringen konnte. Bayerns Aufbauprobleme sowie der Spielstand sorgten dafür, dass Wolfsburg rein quantitativ öfter sein Pressing und Umkehrspiel zeigen konnte, während Bayern seine Gegenpressingqualitäten nur bedingt einsetzen konnte. Ein verdienter Erfolg des VfL, der der Frage nach der Vorherrschaft im deutschen Frauenfußball neue Brisanz verleiht.

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