Seine eigene Spur finden

Tack. Tack. Tack. Wer dem FC Chelsea in den letzten Wochen zusah, der hätte denken können, dass die Blues mit einem Mann mehr auf dem Platz standen. Insbesondere bei ihrem Auswärtssieg gegen Crystal Palace lief der Ball in den ersten 20 Minuten wie am Schnürchen. 77% Ballbesitz und zwei Tore erzauberten sich die Mannen von Thomas Tuchel in der Anfangsviertelstunde.

Speziell das flüssige Kombinationsspiel, die schnellen Verlagerungen und das aggressive Gegenpressing erstickten Crystal Palace. Tatsächlich ist eines der Geheimnisse der Londoner unter Tuchel, dass sie stets versuchen die Anzahl der möglichen Anspielstationen zu maximieren. Natürlich wird immer noch 11vs11 gespielt, jedoch fällt es dem Gegner zunehmender schwerer alle Anspielstationen zu schließen, wenn der Ballführende aus vier oder fünf verschiedenen wählen kann.

Der Spielstil der Blues überrascht nach der Amtsübernahme von Thomas Tuchel niemanden mehr. Bereits zu seiner Zeit als Trainer von Borussia Dortmund installierte der ehemalige Mainzer Erfolgstrainer ein flüssiges Positionsspiel. Geprägt wurde er dabei durch Pep Guardiola, das berühmte Abendessen in München blieb vielen im Gedächtnis. In den letzten Jahren entwickelte Tuchel zunehmend seinen eigenen Stil, die Grundprinzipien gleichen aber der Spielidee des Katalanen. 

Ein zentrales Prinzip des Positionsspiel ist die Maxime, dass sich nie mehr als zwei Spieler auf einer vertikalen Linie befinden dürfen. Mit Hilfe dieser Regel versucht man das Spielfeld perfekt abzudecken und ein verbundenes Netz zu spinnen, indem der Gegner keine Chance auf einen Ballgewinn hat. 

Auch wenn man selbst nicht der größte Fan des Spiels von Guardiola oder Tuchel ist, oder schlicht nicht die Spieler dafür hat, sollte man von diesem Prinzip trotzdem gebrauch machen. Denn es gewährleistet die richtige Positionierung auf dem Feld, um keine Passwege zu Mitspielern zu versperren. Wir sprechen gerne davon, dass jeder Spieler seine eigene Spur besetzen soll. Dabei dreht es sich nicht nur um die vertikale, sondern auch die horizontale Positionierung, schließlich entstehen so bessere Passwinkel und mehr Ablagestationen, sowie eine bessere Struktur für ein erfolgreiches Gegenpressing.

Wo liegt nun der Schlüssel zu diesem Prinzip?

Es erfordert jede Menge Kommunikation unter den Spielern, sowie ein Verständnis für die Bewegungen der Mitspieler, um dieses Prinzip erfolgreich umzusetzen. Die Schwierigkeit besteht hierbei darin, dass die Spieler sich zum einen für den Ballführenden am besten auf Lücke anbieten sollen und gleichzeitig auf die Positionierung der Spieler um sie herum achten müssen. Folglich ist nicht mehr nur noch der Ball und der Gegenspieler ein wichtiger Referenzpunkt, sondern auch der eigene Mitspieler.  

Im ersten Schritt muss den Spielern deshalb klar gemacht werden, dass weiträumige Freilaufbewegungen nicht immer die beste Option sind, um frei zu stehen. Zum einen wird es wahrscheinlicher, dass Passwege auf die Mitspieler verschlossen werden, zum anderen bewegt man sich dynamisch in eine Position und befindet sich beim Anspiel nicht bereits in dieser. Warum dies problematisch ist, werde ich an einer anderen Stelle näher ausführen. 

Die Spieler müssen folglich begreifen, dass ihre Freilaufbewegungen stets zu den Bewegungen ihrer Mitspieler passen müssen. Lässt sich mein Mitspieler wenige Meter fallen, bewege ich mich folglich weiter nach vorne, um eine tiefe Anspielstation anzubieten oder die Abwehrkette zu binden. Diese gegenläufigen Freilaufbewegungen sind besonders gegen mannorientierte Verteidigungsverbände ein ideales Werkzeug, um diese aufzubrechen. Wenn ihr mehr über das Aufbrechen mannorientierter Defensiven wissen wollt, dann hier entlang

Ein anderes Beispiel für eine passende Freilaufbewegung lässt sich bei Tuchels Chelsea beobachten. Dribbelt beispielsweise Hudson-Odoi ins Zentrum, weicht Mason Mount auf den Flügel aus, um die Position zu besetzen und das Dreieck mit dem Sechser aufrechtzuerhalten. 

All das benötigt, neben einer hohen Spielintelligenz, ein gutes Umblickverhalten, um offene Passlinien oder Räume zu entdecken, die Position der Verteidiger und der Mitspieler im Blick zu behalten und die eigene Positionierung auf Basis dessen anzupassen. 

Wie lässt sich das Prinzip trainieren?

Mit Hilfe dieses Hintergrundwissens wollen wir nun auf Basis des Prinzips die eigene Spur zu besetzen, eine passende Spielform erstellen. 

Schauen wir uns hierfür erst einmal eine typische Spielsituation an. Im Folgenden hat sich die rote Mannschaft bereits in die gegnerische Hälfte vorkombiniert und sieht sich nun einem tiefen und kompakten Block gegenüber. Damit wir unser Ziel erreichen, durch den Halbraum zwischen die Linien zu gelangen, möchten wir zwei Verhaltensweisen möglichst vermeiden. 

Zum einen darf unser zentraler Mittelfeldspieler, in seinem Bedürfnis frei zu werden, sich nicht im Halbraum positionieren, da er sonst den Passweg auf den linken Flügel versperren würde. Stattdessen möchten wir, dass er sich leicht diagonal zum Innenverteidiger anbietet. 

Entweder er erhält den Ball nach einem kurzen Andribbeln des IV, oder er dient als Klatschoption für den linken Flügel, sollte dieser den Ball erhalten. 

Halbraum

Des Weiteren soll verhindert werden, dass der Flügelspieler sich zu weit fallen lässt und letztlich auf einer Linie mit dem zentralen Mittelfeldspieler und dem Rechtsverteidiger positioniert ist. Meist kann man mindestens einer dieser beiden Fehler bei vielen Teams beobachten, die versuchen ein dominantes Ballbesitzspiel aufzuziehen, damit aber nicht erfolgreich sind.

Darüber hinaus möchten wir dieses Prinzip im Kontext unseres Game Models trainieren. Im Zusammenspiel mit dem Prinzip die eigene Spur zu finden, möchten wir das Spiel in die Tiefe und die Nutzung unserer Dreiecke am Flügel verbessern. Folglich müssen sich auch diese Aspekte in der Spielform wiederfinden.

In der Hinführung zu diesem Thema lassen sich bereits verschiedene Ballbesitzformen nutzen, die sich verstärkt auf das Positionsspiel fokussieren. Beispielsweise können Formen, bei denen von der einen Seite zur anderen Seite durchkombiniert werden muss, genutzt werden. Mit Hilfe von verschiedenen Zonen und Provokationsregeln, wie eine Besetzungsregel, lassen sich hier bereits Fortschritte machen. 

Nun ist es jedoch oft die Schwierigkeit diese Prinzipien von der einfacheren, abstrakteren Ballbesitzform in das reale Spiel zu überführen. Die größere Anzahl an Variablen (Feldgröße, Anzahl Mitspieler/Gegenspieler, klare Spielrichtung) sorgt bei den Spielern oft für Probleme. Schneiden wir nun einen Ausschnitt aus einer Partie aus, erhalten die Spieler bereits ein Gefühl für die Umsetzung im realen Spiel. Natürlich werden so auch die richtigen Verhaltensweisen verstärkt spielnah trainiert. Die Spieler verinnerlichen so die Prinzipien innerhalb der Situationen, die im Spiel vorkommen und können diese dann im echten Spiel automatisch abrufen. 

Dreizonenspielform

Halbraum

Die Spielform ist dabei recht simpel. Es wird 8vs8 auf ein in der Breite und Tiefe verkleinertes Feld gespielt. Unser Ziel ist es die Situation, die oben dargestellt wurde, zu simulieren. Hierfür bieten beide Teams zwei zentrale Verteidiger, einen Sechser, zwei Außenspieler und zwei Spieler zwischen den Linien auf. Gegen den Ball lässt sich recht einfach ein 3-3-1 herstellen, was die gleichen Abläufe wie ein 4-4-2 hat. 

Um das Prinzip eigene Spur besetzen zu trainieren, wird das Feld in fünf vertikale Zonen unterteilt. Die roten Zonen symbolisieren die Halbräume und spielen in unserer Vorgehensweise eine omnipräsente Rolle. Dies möchten wir mit Hilfe der Hütchentore im Halbraum unterstreichen. Darüber hinaus ist das Feld in drei horizontale Zonen unterteilt. 

Die Regeln sind recht einfach. Es wird frei 8vs8 gespielt, allerdings dürfen sich maximal zwei Spieler der ballbesitzenden Mannschaft gleichzeitig in der gleichen roten Zone befinden. Mit Hilfe dieser Provokationsregel möchten wir die Umsetzung unseres Prinzips gewährleisten. Daneben inzentiveren die Hütchentore ein verstärktes Spiel durch den Halbraum, denn ein Dribbling oder Pass durch diese mit einem anschließenden Treffer in der Angriffszone ergibt 3 Punkte. Wird ein reguläres Tor innerhalb der Angriffszone erzielt, zählt dies einen Punkt. 

Ich würde diese Spielform als Hauptteil meiner Einheit nutzen und folglich 3 Durchgänge a 15 Minuten spielen mit jeweils zwei bis vier Minuten Pause zwischen den Durchgängen. Dabei steht der erste Durchgang im Zeichen der Gewöhnung an die Regeln und den Ablauf der Form für die Spieler. In dieser Zeit würde ich als Trainer eine eher beobachtende Rolle einnehmen und versuchen mögliche Probleme zu identifizieren. In der ersten Pause kann dann mit Hilfe von Fragen auf diese Probleme in der Umsetzung unseres Prinzips eigene Spur finden eingegangen werden. Mit dieser Aufteilung folge ich dem Ansatz von Moritz Kossmann, der im Interview mit uns seine Coachingmethodik ausführlich erklärte

Es könnte durchaus passieren, dass die ballbesitzende Mannschaft nur noch versucht mittels Flügeldurchbruch in das Angriffsdrittel vorzudringen, und folglich unser Prinzip obsolet macht. Eine einfache Regeländerung könnte Abhilfe schaffen. Beispielsweise könnte das Dribbling durch die äußere Zone in das Angriffsdrittel verboten werden. Die Zone dürfte dann nur noch nach einem Pass betreten werden. Wichtig, man muss verstehen welche Auswirkungen diese Provokationsregel auf das Verhalten der Spieler hat. Unser Autor Henri hat dazu einen sehr passenden Beitrag über Belohnungs- und Provokationsregeln verfasst. 

Wird hingegen das Prinzip Spur finden bereits gut umgesetzt, kann die Besetzungsregel der roten Zonen aufgehoben werden. Haben die Spieler noch Probleme damit nicht auf der gleichen horizontalen Linie zu stehen, kann das Mitteldrittel in weitere horizontale Zonen unterteilt werden, um den Spielern eine Orientierung zu geben. Letztlich ist dies aber nicht Sinn und Zweck des Ganzen. Schließlich geht es darum, dass die Spieler sich anhand der Position ihrer Mit- und Gegenspieler richtig positionieren. 

Im zweiten Durchgang würde ich etwas aktiver coachen und versuchen den Spielern kleine Hilfestellungen zu geben. Insbesondere wenn sie nach der Abschaffung der Zonenregel noch nicht passend positioniert sind. Hierbei kann auch ein kurzes Freezing hilfreich sein. 

In Abhängigkeit davon, wie der zweite Durchgang lief, würde ich den Fokus in der zweiten Unterbrechung entweder auf die Probleme mit unserem Prinzip Spur finden legen. Oder bereits auf verschiedene Offensivaktionen, wie die passenden Tiefenläufe oder gegenläufige Bewegungen zu sprechen kommen. Auch hier bieten sich wieder Fragestellungen an, damit die Spieler aktiv überlegen, wie sie in der Offensive für Gefahr sorgen können. 

Fazit – Positionierung im Halbraum

Ich hoffe dieser Artikel hat euch eine Idee gegeben, wie ich versuche meine Prinzipien in Ballbesitz einzustudieren und wie man auf Basis des Prinzips und einer Spielsituation eine passende Spielform bauen kann. Bei Fragen kann man sich gerne jederzeit per Mail bei mir melden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.