Wie presse ich im 3-4-2-1?

In den 00er Jahren kaum gesehen, genießt die Dreierkette seit dem letzten Jahrzehnt wieder größere Beliebtheit. Nicht nur im Profifußball, sondern auch bei den Amateuren entscheiden sich immer mehr Trainer für eine Dreierkette. Zuerst noch durch einen abkippenden Sechser, beobachten wir mittlerweile vermehrt Mannschaften, die fest drei Verteidiger in der ersten Aufbaulinie nutzen.

Nun haben wir bereits häufiger den Aufbau in der Dreierkette diskutiert, zuletzt in diesem Artikel. Eine in-depth Analyse der verschiedenen Details wird im Laufe des nächsten Monats folgen. Neben der Ballbesitzphase ändern sich auch die Pressingabläufe, wenn man aus einem 3-5-2, 3-4-1-2 oder 3-4-2-1 angreift. Letzte Woche erreichte uns genau die Frage, wie man den am besten sein Pressing im 3-4-2-1 organisiert. 

Die grundsätzlichen Prinzipien in der Pressingphase haben wir in unserem Onlinkurs bereits thematisiert. Zu den individuellen Prinzipien erscheint darüber hinaus nächste Woche noch ein Beitrag auf unserer Seite. Nichtsdestotrotz bleibt der Transfer von Prinzipien auf konkrete Spielsituationen eine Herausforderung. Deshalb möchte ich in diesem Beitrag die Leserfrage aufgreifen und die Organisation des Pressings im 3-4-2-1 thematisieren. 

Wo liegen unsere Schwächen?

Selten beobachten wir, dass eine Mannschaft konstant mit einer Dreierkette verteidigt. Spontan fällt mir hier nur Guardiolas Bayern aus der Saison 14/15 ein und natürlich die Mannschaften von Marcelo Bielsa. Presst man nicht konstant hoch, birgt eine Absicherung in der letzten Kette mit nur drei Spielern einiges an Risiko. Um die Horizontale besser verteidigen zu können, schieben viele Trainer ihre Flügelspieler in der Defensivphase nach hinten. Es bildet sich eine Fünferkette. 

Aus dem 3-4-2-1 abgeleitet, bietet sich entweder ein 5-2-3 oder ein 5-3-2 an. Ein 5-4-1 beinhaltet schlicht zu wenig Möglichkeiten für eine aktive Balleroberung in höheren Zonen und ist im Umschaltmoment durch die fehlende Staffelung eher ungeeignet. 

Persönlich würde ich aus einem 3-4-2-1 ein 5-2-3 bilden, da die Positionsanpassungen für die beiden Offensivakteure einfacher sind. 

Basierend auf dieser Grundaufteilung können wir uns nun über die konkreten Abläufe Gedanken machen. Wie immer ist es hier wichtig, dass man seine Spieler und deren Stärken und Schwächen gut kennt. Nicht alle Abläufe passen zu jedem Spieler. Ein Trainer muss in der Lage sein, kleine Nuancen zu erkennen, um seine Spieler in Situationen zu bringen, in denen sie sich voll entfalten können. Die hier dargestellten Ideen sind nur Beispiele und sollen vor allem die Vorstellungskraft anregen. Aus diesem Grund möchte ich kurz den Prozess darstellen, den ich durchlaufe, wenn ich versuche Abläufe zu entwickeln.

Wie entwickle ich die richtigen Abläufe?

Der erste Schritt ist stets die grobe Philosophie eines Trainers, besser gesagt die non-negotiables. Persönlich möchte ich, dass meine Mannschaft jede Spielphase dominiert und Kontrolle ausübt. Folglich möchten wir im Pressing aktiv sein und nicht nur auf die Fehler des Gegners lauern. Daraus lässt sich nicht zwangsläufig schließen, dass wir stets hoch pressen. Das hängt wiederrum von den einzelnen Spielertypen ab. Vielmehr geht es mir darum meiner Mannschaft Prinzipien des richtigen Anlaufens, Lenkens und des Erkennens von Pressingauslösern an die Hand zu geben. Einfach gesagt, unser Ziel ist es den Gegner in Räume zu lenken, in denen wir einen Vorteil haben und entsprechend die aktive Balleroberung einleiten können. 

Der nächste Schritt beinhaltet die Spieler und deren Charakteristiken. Habe ich beispielsweise einen Pressingstürmer wie Mario Mandzukic, dann passe ich meine Abläufe entsprechend an und lasse ihn das Pressing auslösen. Habe ich hingegen Flügelspieler, die im Pressing clever anlaufen, sind sie Teil der ersten Welle. Sind meine Mittelfeldspieler nicht in der Lage große Räume zu kontrollieren, muss ich Anpassungen vornehmen, eventuell sogar doch mit drei statt nur zwei zentralen Mittelfeldspieler agieren. 

Haben wir uns diese Gedanken gemacht, können wir zuletzt noch auf potenzielle Stärken unserer Gegner und Schwächen unseres Systems eingehen und überlegen, wie wir damit umgehen. 

Nehmen wir das 5-2-3. 

Grundsätzlich birgt die Grundformation Lücken im unbesetzten Raum neben den Sechsern. In einem älteren Artikel habe ich mich mit den Schwächen bereits beschäftigt. Natürlich lassen sich diese Schwächen mittels der Positionierung der Flügelverteidiger oder der Flügelspieler kaschieren. 

Genau hier können wir mit unseren Überlegungen ansetzen. Entweder wir schließen diese Räume durch eine andere Positionierung gewisser Spieler, oder wir implementieren Pressingabläufe, die es dem Gegner schwierig machen diese Räume zu bespielen. 

Da der Gegner uns gerade nach Seitenwechseln mit diagonalen Pässen in den Halbraum weh tun kann, müssen wir versuchen diese Situationen zu verhindern. Folglich bietet sich ein nach innen lenkendes Pressing an. Im Mittelfeldzentrum haben wir zwar nur eine Gleichzahl, jedoch eine gute diagonale Struktur, um auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. 

Pressing 5-2-3 – nach innen lenken

5-2-3 Pressing

Das Ganze könnte im Grunde wie folgt aussehen. Der ballnahe offensive Mittelfeldspieler/Flügel läuft im Bogen an und zwingt den Innenverteidiger zu einem Querpass. Der ballferne offensive Mittelfeldspieler presst sofort, kann hierbei aufgrund seines Dynamikvorteils recht frontal anlaufen. Möchte man den Gegner noch mehr ins Zentrum lenken, muss natürlich auch der ballferne OM leicht im Bogen anlaufen. 

In der ersten Variante würden wir wahrscheinlich einen Rückpass zum Torhüter oder einem Pass auf den Flügel erwarten. Das hängt davon ab, wie der passempfangende Innenverteidiger positioniert ist und wie schnell der ballferne OM aus seiner Position schiebt. 

Mittels der zweiten Variante forcieren wir ein Spiel durch das Zentrum. Auf dieses Szenario sind wir gut vorbereitet, da unser Stürmer bereits den Sechser mannorientiert zustellt und damit den Innenverteidiger zu komplizierteren Pässen zwingt. Gerade im Amateurbereich, wo Spieler selten perfekt beidfüßig sind, erarbeiten wir uns einen Vorteil, indem wir den ballführenden Innenverteidiger auf seinen schwachen Fuß lenken.  

Fakt ist, dass wir für beide Varianten sehr gut vorbereitet sind. Entscheidend hierfür ist unter anderem die höhere Positionierung des Flügelverteidigers. In diesem System werden diese beiden immer lange Wege gehen müssen. Stehen solche Spieler nicht zur Verfügung, lohnt es sich eher eine andere Grundausrichtung zu wählen.

Was passiert wenn der Ball doch auf den Flügel gerät?

Letztlich werden wir uns immer wieder Situationen gegenübersehen, in denen es dem Gegner gelang auf den Flügel zu kombinieren. Hierfür müssen wir unseren Spielern Lösungen an Hand geben, um diese Herausforderungen erfolgreich zu meistern.

5-2-3 Pressing

Sobald wir in unserem Pressing den Gegner von seiner halblinken Seite nach rechts lenken, muss das Timing stimmen, um den gewünschten Effekt zu erzeugen. Der Flügelverteidiger muss schnell aus seiner Position schieben, um den Außenverteidiger bereits bei der Ballannahme zu pressen und das Aufdrehen zu verhindern. Schließlich ist es unser Ziel den Gegner in diesem Raum zu isolieren. Folglich muss die Fünferkette sauber durchschieben, der Rückpass, sowie der Zugang ins Zentrum verschlossen und der Gegner unter Druck gesetzt werden.

Alternativ gelangt der Gegner mittels des Spiels über den Dritten in die offenen Räume am Flügel, nachdem wir ihn zuvor ins Zentrum lenkten. Diese Situation ist wesentlich komplizierter zu lösen, da der Gegner hier einen Raum- und Zeitvorteil hat. Die offenen Räume neben den Sechsern können zum Problem werden. 

Um diese Situationen für sich zu entscheiden, spielt die Positionierung der Flügelverteidiger eine zentrale Rolle. Wer stur auf eine tiefe Fünferkette setzt, wird sich größeren Problemen gegenübersehen, da der Gegner, die sich ergebenden Räume bespielen wird. Überspielt uns der Gegner nun wie oben im Beispiel, gilt es dies frühzeitig zu antizipieren. Grundsätzlich würde ich meine Flügelverteidiger anweisen ballnah bereits aus der Kette zu schieben. Wir agieren in einer pendelnden Viererkette und nicht in einer klassischen Fünferkette. Folglich erhalten wir die Möglichkeit sofort aggressiv zu pressen und den Außenverteidiger am Flügel zu isolieren. 

Drei weitere Aspekte sind wichtig. Erstens muss die restliche Kette frühzeitig sehr sauber verschieben, um dem ballnahen Flügelverteidiger das Herausrücken zu ermöglichen. Zweitens ist der Anlaufwinkel des Sechsers wichtig. Er muss um jeden Preis ein Aufdrehen des zentralen Mittelfeldspielers unterbinden. Ein Klatschpass nach außen ist weniger gefährlich als ein Aufdrehen. Drittens wird es entscheidend sein, dass der ballnahe OM sofort rückwärtspresst. Entweder er schließt den Rückpass auf den IV oder er kappt Passwege in den Sechserraum, falls sich der ballnahe Sechser unserer Mannschaft aufgrund eines weiteren Offensivspielers der gelben Mannschaft fallen lassen muss.

Pressing im 5-2-3 – nach außen lenken

Zu guter Letzt kann es natürlich auch sein, dass das nach innen Lenken nicht unbedingt zum Spielermaterial oder zur grundsätzlichen Herangehensweise des Coaches passt. Das 5-2-3 ist hier flexibel einsetzbar. Wird nach außen gelenkt ändert sich die Rollenverteilung in der ersten Linie. Der Stürmer ist nun der höchste Spieler und fungiert als Keil, der das Aufbauspiel des Gegners in eine Richtung drängen soll.

5-2-3 Pressing

Die beiden offensiven Mittelfeldspieler fungieren eher als Blocker von Passwegen in den Halbraum. Ähnlich wie im Beispiel oben müssen auch hier die Flügelverteidiger wieder weite Wege im Pressing zurücklegen. Man erkennt hier sehr schön, wie die Fünferkette ihre pendelnde Bewegung durchführen muss. Grundsätzlich bietet es sich an die Flügelverteidiger bereits etwas höher zu positionieren, um den Außenverteidiger einfacher unter Druck zu setzen. 

Voraussetzung dafür ist aber, dass der Gegner die Außenbahn nur einfach besetzt. Sonst sehen wir uns möglicherweise einer qualitativen Unterlegenheit am Flügel gegenüber, wenn einer der Halbverteidiger in Laufduelle gegen einen schnellen Flügelspieler gehen muss.

Fazit

Ich hoffe diese kurze Einführung in das Pressing aus einem 3-4-2-1-System war hilfreich. Wie immer gilt, es kommt auf das Spielermaterial, die Stärken und Schwächen und die offenen Räume an. Dabei gibt es sehr verschiedene Ansätze, die vor allem abhängig vom Ort des möglichen Ballgewinns sind. 

Bei Fragen könnt ihr mir gerne eine Mail senden. 

Kleiner Tipp am Ende: Besetzt der Gegner die Außenbahnen doppelt, ist es von Vorteil auf ein 5-3-2 zu wechseln, da hier der ballnahe Achter den AV des Gegners einfacher pressen kann, während sich der Flügelverteidiger um den Flügelspieler des Gegners kümmert. 

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Kategorie Pressing, Prinzipien, Systeme, Taktik

Interessiert sich für Taktik und Training. Positionsspiel, hohes Pressing und dynamische Positionswechsel. Großer Pep Guardiola Fan. Wenn du meine Arbeit unterstützen möchtest, kann du dies für 1€/Monat auf Patreon machen und erhälst exklusive Beiträge dazu (https://www.patreon.com/user?u=33684939&fan_landing=true) Artikel abonnieren

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