Die Grundlagen der defensiven Individualtaktik

Im Fußball wird oft über Tugenden oder Spielstile gesprochen. Spanien hat das „Tiki-Taka“ (überspitzt gesagt, ich weiß, dass der Begriff Tiki-Taka der Falsche ist), England Kick-and-Rush und die Italiener ihren Catenaccio. Und Deutschland?

Deutschland hat die deutschen Tugenden. Mentale Stärke, aggressives Pressing und den unbedingten Siegeswillen. 

In wohl keinem anderen Land steht das Thema Pressing so sehr im Vordergrund wie in Deutschland. So ziemlich jede Bundesliga-Mannschaft arbeitet diszipliniert und intensiv gegen den Ball. Zu Beginn des Jahrtausends noch alle im 4-4-2, mittlerweile in ganz verschiedenen Formationen von 4-2-3-1 über 4-1-4-1 hin zu 5-3-2 oder 5-2-3. Dabei wird fleißig über die verschiedenen Grundformationen diskutiert oder es ergeben sich endlose Diskussionen ob man einen echten Abräumer vor der Abwehr benötigt oder nicht. 

Zwar lassen sich hier auch interessante Analysen verfassen, jedoch dreht sich dieser Beitrag um die kleineren Details. Letztlich entscheiden meist keine Grundformationen über Erfolg oder Misserfolg gegen den Ball, sondern viele kleine Details. Deshalb spricht man lieber über Staffelungen als Grundformationen.

Im Vergleich zur Grundformation sind Staffelungen nämlich dynamisch und verändern sich auf Basis der individuellen Entscheidungen der Spieler, der Position des Balles, der Entscheidungen der Gegner sowie der Räume, die geöffnet bzw. nicht geöffnet sind.

Aus diesem Grund lohnt es sich einen Blick auf individualtaktische und gruppentaktische Bewegungen und Aktionen zu werfen.

Disclaimer: dieser Artikel erschien im letzten Jahr in unserem Magazin zum Thema Pressing. Noch nicht gelesen? Dann hier entlang.

Fußball, die unteilbare Einheit

Mit dem Begriff Pressing wird im Fußballfachjargon die aktive Balleroberung aus einer organisierten Struktur heraus bezeichnet. Das Pressing unterscheidet sich hier vom Gegenpressing. Beim Gegenpressing handelt es sich um die aktive Balleroberung nach einem Ballverlust. Im Unterschied zum Pressing passiert dies aus einer wesentlich dynamischeren Grundstruktur, da ein Ballbesitzwechsel der Situation voranging. 

Das Gegenpressing und Pressing unterscheiden sich des Weiteren in der Spielphase. Auf Basis des 4-Phasen-Models von Louis van Gaal lässt sich das Spiel in vier verschiedene Phasen einteilen. Dabei spricht man von der Ballbesitzphase, der Phase in der das gegnerische Team den Ball besitzt und die beiden Umschaltphasen. Die Übergänge sind selbstverständlich fließend und das Modell ist nicht perfekt. Insbesondere dann, wenn die einzelnen Phasen isoliert voneinander gesehen werden.

Letztlich haben die Handlungen der Mannschaft und der einzelnen Spieler in einer Phase Einfluss auf die andere. Ein gutes Beispiel wäre die Struktur gegen den Ball. Agiert ein Team in einem tiefen 5-4-1 am eigenen Sechzehner, sind zum einen nach Ballgewinn die Wege zum gegnerischen Tor sehr weit, und zum anderen gibt es nur eine Anspielstation in der Tiefe (der Stürmer) nach einem Ballgewinn, um sich aus dem Gegenpressing des Gegners zu befreien und den Konter einzuleiten.

Das gleiche Argument der unteilbaren Einheit gilt auch in einer einzelnen Spielphase. Nehmen wir das Beispiel des Spiels gegen den Ball. Solange eine Mannschaft keinen Zugriff auf das gegnerische Ballbesitzspiel hat, verschiebt sie in einem kompakten Block und versucht wichtige Räume zu schließen, angriffseinleitende Aktionen zu unterbinden und auf Fehler zu lauern. 

Auf Basis eines Auslösers, bei vielen Teams ist es eine unsaubere Ballannahme eines Gegenspielers, der Pass auf einen gewissen Akteur oder das Spielen in einen gewissen Raum, startet die aktive Balleroberung. 

Man könnte so weit gehen und das Reagieren auf den Pressingauslöser und das anschließende Anlaufen als eigene Phase zu betrachten. Da dies aber dynamisch ist, birgt eine weitere Unterteilung mehr Nach- als Vorteile weswegen man das Anlaufen bereits zur aktiven Balleroberung zählen kann, die durch den Pressingauslöser eingeleitet wird. 

Allerdings gilt auch hier wieder die Devise von oben, dass das Spiel eine unteilbare Einheit ist. Die Bewegungen, Staffelungen und Aktionen in der abwartenden Phase bedingen die Effektivität der aktiven Balleroberung. 

Das ASTLB Modell

Diese Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Spielphasen lassen sich auch auf der individuellen Ebene anwenden. Jede Aktion eines Spielers ist von seiner Umwelt und der Aktionen der anderen 21 Akteure auf dem Feld beeinflusst. Da jede Entscheidung auf Basis der vier Referenzpunkte Mitspieler, Gegenspieler, Raum und Ball getroffen wird, können einzelne Aktionen im Fußball nie isoliert betrachtet werden.

Aus diesem Grund sehe ich das vom DFB vorgeschlagene ASTLB Modell für eine richtige Zweikampfführung kritisch. ASTLB steht hierbei für „Anlaufen, Stellen, Tempo aufnehmen, Lenken und die Balleroberung“. Das Modell ist eine sinnvolle, theoretische Zusammenfassung eines Zweikampfes und kann sicherlich als Leitlinie genutzt werden. Jedoch lässt es selbstverständlich den Kontext einer Situation sowie die Dynamik des Spiels außer Acht. 

Das Abweichen vom ASTLB Modell

Insbesondere für die aktive Balleroberung im Pressing ist das ASTLB Modell eine zu starke Vereinfachung. Beispielsweise kann bereits mit dem Anlaufen das Lenken übernommen werden. Der Gegner wird dabei niemals wirklich gestellt, da diese Aktion nur dazu dient dem Gegner Zeit und Raum zu nehmen und seine Entscheidung zu beeinflussen. 

Des Weiteren kann man in der aktiven Balleroberung sehr oft Spieler beobachten, die den ersten Akteur anlaufen, dieser einen Pass spielt und der verteidigende Spieler seinen Pressinglauf weiter fortführt. Man bezeichnet dies insbesondere bei den Red Bull Mannschaften als Durchpressen.

Bei diesen Aktionen wird das Tempo des Gegners selten aufgenommen, vielmehr diktiert man mit seiner eigenen Dynamik das Tempo des Gegners in der Ballzirkulation. 

Nichtsdestotrotz ist das Modell sinnvoll im Hinterkopf zu behalten. Vielmehr sollte es aber dynamisch und situativ gedacht werden und nicht als immer wiederkehrende Abfolge der gleichen Aktionen. Würde ein Team nur auf Basis des ASTLB Modells ihre aktive Balleroberung durchführen, würde der Gegner zu viel Zeit am Ball erhalten und kann sich entsprechend einfacher aus dem Pressing befreien. 

Im Pressing sollte man deshalb zwischen Aktionen unterscheiden die tatsächlich der aktiven Balleroberung dienen oder eben nur indirekt, indem der Gegner in die richtigen Räume gelenkt wird. Insbesondere im Pressing von RB Salzburg kann man diese unterschiedlichen Intentionen des Anlaufens sehr gut erkennen, allerdings gilt auch hier wieder, dass die Grenzen fließend sind. 

Letztlich bleibt festzuhalten, dass das ASTLB Modell zwar als Leitlinie genutzt werden kann, jedoch im Trainingsalltag nicht isoliert trainiert werden sollte. 

Das Anlaufen

Werfen wir nun einen näheren Blick auf das Pressing und die kleinen Details, die den Unterschied ausmachen. Dabei ist es möglich sich am ASTLB Modell zu orientieren. Der erste Schritt in diesem Modell ist das Anlaufen, was gleich im Detail genauer betrachtet werden muss. Allerdings sollte man das Modell erweitern und vor das Anlaufen noch einen Schritt stellen – das Verstehen der Situation und der daraus folgenden Entscheidung.

Entscheidungen zu treffen, bildet das Fundament des Fußballs auf allen Ebenen. Folglich ist es nicht nur wichtig, dass die Spieler wissen wie man einen Ball erobert, sondern auch wann. Beginnt ein Spieler einen Pressingversuch zu früh oder in der falschen Situation, geht er ein großes Risiko ein. Erhält er nämlich keinen Zugriff, kann er sehr leicht überspielt werden, die Kompaktheit des eignen Teams leidet darunter und dem Gegner fällt es leichter die Linien des Abwehrverbundes zu überwinden.

Juanma Lillo nutzte einst den Satz „Wenn du ein toller Dribbler bist aber nicht weißt wann du dribbeln sollst, dann bist du kein toller Dribbler!“, um zu erklären, dass die Technik noch keinen klasse Fußballer macht, sondern nur Technik zusammen mit Spielverständnis einen Spieler zu einem Topstar werden lassen.

Dieses Zitat kann man sehr gut auf das Anlaufen anwenden. Wenn ein Spieler zwar gut im Anlaufen und in der Zweikampfführung ist, jedoch stets zum falschen Zeitpunkt anläuft, dann ist er schlicht kein guter Spieler gegen den Ball. 

Überraschenderweise scheint dies noch nicht einmal überall im Weltfußball angekommen zu sein. Für einen Spieler wie David Luiz wurden regelmäßig hohe Millionenbeiträge ausgegeben. Zwar bringt der Brasilianer tolle Anlagen mit und ist sicherlich ein sehr guter Spieler, allerdings rechtfertigen seine oft falschen Entscheidungen gegen den Ball nicht die hohen Ablösesummen, die für ihn bezahlt wurden.

Pressingtrigger – wann ist der richtige Zeitpunkt den Gegner anzulaufen?

Diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten, sondern hängt von der Philosophie der Mannschaft/des Trainers, dem Gegner und der Spielsituation ab. Allerdings lassen sich wiederkehrende Pressingauslöser bei den Top-Teams beobachten.

Ein Beispiel könnte die unsaubere Ballannahme eines Gegenspielers sein. Durch die Unsauberkeit muss sich dieser für eine gewisse Zeit auf die Ballkontrolle konzentrieren und verliert so den Blick für die Spielsituation. In diesem Fall keine die verteidigende Mannschaft schnell versuchen die Orientierungslosigkeit durch ein aggressives Vorstoßen auszunutzen. 

Des Weiteren können bestimmte Pässe als Pressingauslöser genutzt werden, wir beispielsweise eine Rückverlagerung vom rechten Außenverteidiger auf den linken Innenverteidiger, wie man es bei Salzburg häufiger beobachten kann. 

Auch das Anspiel eines spielschwachen Akteurs, Borussia Dortmund nutzte dies 2011/2012 gegen die Bayern, sobald Luiz Gustavo den Ball erhielt, wurde aggressiv gepresst. Darüber hinaus kann es auch ein Pass in einem bestimmten Raum sein. Diese Auslöser sind meist mannschaftsabhängig und vor allem für das Kollektiv. Nichtsdestotrotz müssen beispielsweise die Spieler in der ersten Pressinglinie diese Auslöser richtig antizipieren und der Rest der Mannschaft sofort darauf reagieren.

Das frühe Antizipieren solcher Situationen kann einer Mannschaft im Pressing fundamental weiterhelfen, da es die Spielsituation ändert. Normalerweise ist es so, dass die Mannschaft in Ballbesitz agiert, während die Mannschaft gegen den Ball nur reagieren kann. Durch ein frühes Antizipieren gewisser Pässe, ist die verteidigende Mannschaft aber in der Lage die Kontrolle über das Aufbauspiel des Gegners zu übernehmen. Die Mannschaft in Ballbesitz kann dann nur noch darauf reagieren, was ihr angeboten wird und welche Passoptionen noch offen sind, da sie unter Zeitdruck stehen. 

Dies lässt sich sehr schön bei den besten Pressingteams wie dem FC Liverpool oder auch Atlético Madrid beobachten. Aufgrund der hervorragenden Organisation übernehmen sie die Kontrolle und lassen dem Gegner keine Möglichkeit das Spiel selbst zu gestalten.

Das richtige Anlaufen

Analysiert man Teams wie den FC Liverpool oder RB Salzburg genauer, fällt auf, dass das Anlaufen stets sehr sauber ist und sich an den Aktionen des Gegners orientiert. Bei allen guten Pressingteams lässt sich aber eine Sache verallgemeinern. Der Gegner wird stets diagonal angelaufen.

Dies ist kein Zufall, denn das diagonale Anlaufen ist aus logischer Sicht ideal. Warum? 

Wie bereits im Passspiel vereint es die Stärken von horizontalem und vertikalem Anlaufen. 

Selten kann man beobachten, wie ein gegnerischer Akteur horizontal angelaufen wird. Das hat den recht einfachen Grund, dass der Ballführende stets die Option hat, mit einem kurzen Dribbling nach vorne den offenen Raum zu nutzen. Dem Verteidiger bleibt dann nichts anderes übrig als hinter dem Angreifer herzulaufen, ein Tackling von hinten ist nicht nur aufgrund der Verletzungsgefahr für den Ballführenden problematisch, sondern auch die Erfolgschancen sind eher gering. Darüber hinaus kann der Ballführende den Ball stets ideal abschirmen, da er seinen Körper zwischen Ball und Gegner positionieren kann.

Beim vertikalen Anlaufen herrscht mehr Druck auf dem Ballführenden, da ein Abschirmen eher schwierig ist. Auch ein Entfliehen in einen offenen Raum weiter vorne ist nicht möglich. Allerdings ergeben sich andere Probleme für den pressenden Akteur. Durch das vertikale Anlaufen wird der Ballführende in keine Richtung gelenkt. Letztlich erschwert dies ein gemeinsames, erfolgreiches Pressing. Ebenso ist es dem Ballführenden möglich durch eine kurze Finte den pressenden Akteur ins Leere laufen zu lassen und so die erste Pressinglinie auszuhebeln.

Anlaufen

Wird allerdings der Ballführende diagonal angelaufen, wird er implizit in eine Richtung gelenkt, während der pressende Akteur immer noch effektiv Druck ausüben kann, da ein Zweikampf einfacher zu führen ist. Zwar kann auch in diesem Fall der Ballführende seinen Körper zwischen Ball und Gegner bringen, allerdings ist der Winkel unvorteilhaft. Durch die Diagonalität muss sich der Ballführende stets leicht nach hinten orientieren was lösende Pässe nach vorne erschwert.

Anlaufen

Die Lenkungsmöglichkeiten durch das diagonale Anlaufen lassen sich noch verstärken, indem der Pressinglauf leicht bogenförmig durchgeführt wird. So kann mit Hilfe des Deckungsschattens eine horizontale wie auch diagonale Passoption abgedeckt werden. Außerdem vergrößert sich so der Deckungsschatten. 

Mit Hilfe des Bogens werden horizontale Optionen abgedeckt, während die Diagonale immer noch perfekt abgedeckt ist, da der pressende Spieler durch die Richtung seines Laufweges den Passweg schließt.

Anlaufen

Allerdings steht das diagonale Anlaufen des pressenden Spielers stets im Kontext zu der Positionierung des Ballführenden. Befindet sich der Spieler mit Ball am Fuß in einer offenen Stellung, ist es wesentlich schwerer ihn aggressiv anzulaufen. Aufgrund der offenen Stellung kann er das Spiel einfacher in jede Spielrichtung fortsetzen. Ein schnelles und aggressives Anlaufen hätte das Risiko, dass der Ballführende die Aggressivität ausnutzt, um durch ein kurzes Dribbling in eine bessere Position zu gelangen, um den Raum, den der pressende Spieler öffnete zu bespielen. 

Hier spielt die Dynamik eine große Rolle. Wird zu schnell angelaufen reicht wieder eine einfache Finte aus, um den pressenden Spieler in eine strategisch ungünstige Position zu bringen. In diesem Fall ist es besser eher langsamer anzulaufen, den Gegner durch den Winkel zu einer Entscheidung zu bewegen und erst bei der Veränderung der Stellung aggressiver anzulaufen.

Anlaufen

Befindet sich der Ballführende in einer geschlossenen Stellung, beispielsweise, wenn sich der Ball noch zwischen den beiden IVs bewegt, dann lohnt sich ein schnelles aggressives Anlaufen. In diesem Szenario hat der pressende Spieler die Kontrolle, da er bei der Ballannahme den Ballführenden bereits unter Druck setzt und ihn so in den gewünschten Raum lenkt. Aufgrund der geschlossenen Körperstellung gibt es nicht mehr so viele Möglichkeiten dem Pressing zu entfliehen und den pressenden Spieler zu überspielen. 

Die Rolle des Deckungsschattens

Bereits beim Anlaufen spielt der Deckungsschatten eine wichtige Rolle, um dem Ballführenden eine Anspielstation zu nehmen. Aus diesem Grund ist es entscheidend, dass sich der Akteur vor dem Anlaufen kurz umschaut, um seinen Winkel anzupassen und einen Passweg für den Ballführenden zu schließen. 

Arbeitet der pressende Spieler hier schlampig, gibt er dem Ballführenden die Möglichkeit das Verlassen der Position des anlaufenden Spielers auszunutzen. Ist nämlich der Raum, den der pressende Spieler verlässt sich abgedeckt, ergibt sich für die Mannschaft in Ballbesitz eine Möglichkeit das Pressing zu überspielen.

Anlaufen

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Der Schulterblick ist dementsprechend entscheidend, jedoch auch der Winkel im Anlaufen. Wird der ballführende Akteur wie oben besprochen bogenförmig und diagonal angelaufen, vergrößert sich auch der Deckungsschatten des anlaufenden Spielers. Darüber hinaus spielen Timing und Tempo eine weitere wichtige Rolle. Je näher der pressende Spieler dem ballführenden Akteur ist, desto mehr Raum kann er abdecken, da der Abstand kürzer ist. Aus diesem Grund ist ein aggressives Anlaufen wichtig, solange gefährliche Passoptionen geschlossen sind.

Zwar ist das Thema Deckungsschatten eine grundsätzlich individuelle Angelegenheit, jedoch lassen sich in Zusammenarbeit mit dem Teamkollegen der Raum, der abgedeckt werden soll, vergrößern. Insbesondere bei Atlético Madrid erkennt man wie dauerhaft in Dreiecken gedacht wird. Normalerweise sprechen wir über Dreiecke in Ballbesitz, um genug Anspielstationen zu bieten, allerdings spielen Dreiecke auch gegen den Ball eine entscheidende Rolle. 

Zum einen lassen sich durch die diagonalen Verbindungen die Deckungsschatten der einzelnen Spieler verbinden und dadurch mehr Raum abdecken. Zum anderen herrscht eine ständige Absicherung für den pressenden Spieler und der Ballführende kann, je nachdem in welchen Raum er sich bewegt, von einem zweiten Akteur aus dem Dreieck gepresst werden.

Aus diesem Grund sollte ein Trainer darauf achten, dass sein Team auch gegen den Ball diagonal zu einander positioniert ist, um so die Kompaktheit zu erhöhen.

Das Stellen

Wir bereits angesprochen sind die Übergänge fließend aufgrund der Dynamik des Spiels. Bei einer geschlossenen Stellung des Passempfänger oder Ballführenden, wird das Stellen eher kurz ausfallen oder dieser Schritt einfach übersprungen, da der gepresste Spieler sich entweder frühzeitig mit einem Dribbling in einen anderen Raum bewegt oder einen Pass zu einem Mitspieler spielt. 

Situationen des Stellens entstehen häufiger am Flügel und insbesondere im Mittelfeld- oder Abwehrpressing. Das beste Beispiel ist eine Situation zwischen AV und Flügelspieler in der Nähe des Sechzehners. Beim Stellen dreht sich alles darum das Tempo aus der Aktion des Angreifers zu nehmen und ihn zu einer Aktion zu zwingen, die der verteidigende Akteur antizipierte und dementsprechend einen Vorteil hat. 

Das Stellen geht dabei Hand in Hand mit dem Lenken des Ballführenden. In diesen Situationen ist die Körperstellung wie auch die Balance des Verteidigers von fundamentaler Bedeutung. Liegt das Gewicht beispielsweise zu stark auf einem Fuß, fehlt die Beweglichkeit auf einen unerwarteten Move des Angreifers zu reagieren. 

Insbesondere am Flügel, jedoch generell in jeder Situation auf dem Spielfeld ist wieder die diagonale Stellung ideal. Wie bereits beim Anlaufen untermauert, unterstützt eine diagonale Stellung, zwischen eigenem Tor und Gegenspieler, die Anzahl an Optionen für den Angreifer zu reduzieren. 

Dieser Situation aus dem Spiel des FC Liverpool gegen RB Salzburg zeigt sehr schön, wie Minamino diagonal zum Tor positioniert einige, wenige Meter Abstand hält, verringert diesen aber langsam. Aufgrund der offenen Körperstellung und der Anspielmöglichkeiten für Robertson versucht Minamino den Schotten zu einer Aktion zu zwingen, bevor er einen Zweikampf forciert. Der Japaner ist in diesem Moment in der Lage schnelle Richtungswechsel durchzuführen, da sein Gewicht gleichmäßig verteilt ist. Erst als Robertson sich leicht nach hinten bewegt, versucht der Salzburger aggressiver zu pressen und in den Zweikampf zu gelangen.  

Die Zweikampfführung – welchen Fuß benutzte ich eigentlich?

Auch bei der Zweikampfführung sprechen wir wieder über kleine Details, die entscheidend für die erfolgreiche Balleroberung sind. Insbesondere welcher Fuß genutzt werden soll, ist scheinbar nicht überall gleich. Vielerorts führen Spieler nur mit ihrem starken Fuß einen Zweikampf und nutzen entsprechend kurze Drehungen, sobald der Gegenspieler auf der anderen Seite vorbeigeht. Allerdings birgt dies natürlich Risiken. Ein Ausfallschritt mit dem ballfernen Fuß dauert länger, die Reichweite ist geringer und ein Spieler verliert die Balance. Folglich sollte der Zweikampf stets mit dem ballnahen Fuß geführt werden. 

Wie bereits weiter oben angesprochen, ist auch das Gleichgewicht von entscheidender Bedeutung. Verlagert der Verteidiger sein Gewicht nicht gleichmäßig auf beide Füße, erschwert dies meistens einen Zweikampf, da schnelle Richtungswechsel kaum möglich sind. Folglich kann der Angreifer dies nutzen, um ein Foul zu ziehen oder durch eine Finte den Verteidiger aus dem Spiel zu nehmen. 

Insbesondere Lionel Messi legt sein Dribbling sehr stark auf diesem Umstand aus. Beim kleinen Argentinier erkennt man, wie es bei seinen Dribblings primär darum geht, den Verteidiger auf dem falschen Fuß zu reagieren. Allgemein gesprochen steht der Verteidiger bei dieser Art des Dribblings im Mittelpunkt. 

Darüber hinaus sollte der Verteidiger leicht diagonal zum Gegner positioniert sein, um ihn in einen Raum zu lenken. Der vordere Fuß dient dann für eine Zweikampfführung, wenn der Gegenspieler sich eben nicht in die Richtung bewegt, die der Verteidiger mit seiner Körperstellung provozieren will. Bewegt er sich doch in diesen Raum, kann die leicht diagonale Stellung helfen den Weg des Angreifers sofort zu schließen und mit einem schnellen Tackling mit dem hinteren Fuß den Ball zu erobern. 

Zweikampf oder Ballabfangen? Warum Zweikämpfe nicht immer ideal sind

Ich möchte in diesem Beitrag allerdings nicht so viel über Zweikämpfe sprechen, da meiner Meinung nach das Thema zu präsent im Fußball ist. Immer noch werden Sechser gefeiert, die die klassischen Tugenden eines Abräumers haben – ein Spieler, der grätscht, harte Zweikämpfe führt und sich hin und wieder eine Gelbe Karte abholt.

Für mich wird die Wichtigkeit dieser Spieler etwas überschätzt. Sicherlich haben sie ihre Daseinsberechtigung, allerdings braucht es meiner Meinung nach im Profifußball nicht unbedingt den klassischen Abräumer, um erfolgreich zu sein. Dies hat einen einfachen Grund. Wenn ich als Trainer die Wahl habe, erobert mein Team den Ball mit Hilfe eines Zweikampfes oder durch ein cleveres Abfangen, würde ich stets das Abfangen wählen. 

Zweikämpfe im Gegensatz zu Interception (abgefangene Bälle) bringen die Variable Zufall und Glück zu sehr ins Spiel. Auch wenn ich einen Ball im Zweikampf erobere, bedeutet es noch nicht, dass ich diesen auch kontrolliert habe. Bei jedem Zweikampf kann es sein, dass der Ball irgendwo hinspringt, der Eroberer nicht sofort die Kontrolle über den Ball hat und sich dementsprechend seine Umgebung nicht dauerhaft scannen kann. Folglich fehlt ihm die Orientierung und er ist ein leichteres Opfer für das Gegenpressing der gegnerischen Mannschaft. 

Nicht falsch verstehen, es sollten immer noch Zweikämpfe geführt und Körperkontakt hergestellt werden. Allerdings ist es wohl von Vorteil im Pressing noch mehr im Kollektiv zu arbeiten. Insbesondere benötigt es stets Akteure, die in der Nähe des Zweikampfführenden unterstützen. Diese können dann lose Bälle aufsammeln. Beim eigentlichen Zweikampf handelt es sich dann nur noch um eine Aktion, die darauf abzielt, den Gegner zum Fehlpass zu zwingen.

Gleiches gilt für das klassische Anlaufen. Der pressende Spieler hat dann die Aufgabe den Ballführenden zu Fehlern zu zwingen, beispielsweise einen Fehlpass, den dann einer der Verteidiger abfangen kann. Versucht eine Mannschaft also den Ball des Öfteren abzufangen, statt mittels eines direkten Zweikampfs zu gewinnen, könnten ihre Chancen steigen, sich schnell aus dem gegnerischen Gegenpressing zu befreien. 

Um das Abfangen von Pässen zu schulen, müssen wir Trainer aber weg davon gehen, uns beim Defensivtraining auf das 1vs1 zu fokussieren. Zwar wird beim DFB immer noch das 1vs1 propagiert, jedoch sollte man sich Gedanken machen, ob es wirklich so etwas wie ein isoliertes 1vs1 im Fußball gibt? (Achtung, die Antwort lautet nein).

Fazit

Im Allgemeinen möchte ich dazu aufrufen, im Defensivtraining den Kontext des Spiels in den Vordergrund stellen. Modelle wie das ASTLB-Modell können sinnvoll sein, jedoch wird in diesen Modellen das Spiel zu isoliert betrachtet. Ein einschleifendes Training des ASTLB-Modells ergibt aus diesem Grund keinen Sinn. 

Wie können wir also diese ganzen Details des Pressings trainieren? Wie immer bei thefalsefullback plädieren wir für Spielformen. Aus einem ganz einfachen Grund, die Analyse zeigte, dass die vielen Defensivaktionen eines Spielers immer im Kontext zu Gegner, Ball, Raum und Mitspielern steht. Diese Referenzpunkte finden sich nicht in isolierten Übungen, sondern nur in Spielformen. 

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