Vom Training ins Spiel #1 – BVB vs Bilbao

Diese neue Serie „Vom Training ins Spiel“ beschäftigt sich mit Spielszenen aus denen wir dann Prinzipien ableiten und die passenden Trainingsübungen erstellen. Zunächst wird die Spielszene in mehrere Ausschnitte eingeteilt, sodass verschiedene Aspekte klar erkennbar sind. Für jeden dieser Bereiche wird eine Trainingsübung vorgestellt. So kann jeder Trainer die für sich relevanten Szenen herausgreifen und mit seiner Mannschaft trainieren.

Zunächst werfen wir einen Blick auf das Testspiel zwischen Borussia Dortmund und Athletic Bilbao. Im dritten Testspiel unter Marco Rose verlor der BVB zwar 0:2, konnten dennoch einige gute Ansätze zeigen. Wie zum Beispiel in der Ballbesitzphase in der 30. Minute.

Szenenbeschreibung

Die Szene beginnt mit einem Klärungversuch des rechten Außenverteidiger von Athletic Bilbao, nachdem aus der ersten Aufbaulinie versucht wurde, Erling Haaland in die Tiefe zu schicken. Lennard Maloney bekam den Ball und spielte auf Mo Dahoud, der sich diagonal im ballnahen Halbraum anbot. Nico Schulz wurde daraufhin am Flügel angespielt.

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Abbildung 1: BVB-Positionierung nach Balleroberung

Der Außenverteidiger verpasste die Chance auf einen diagonalen Pass auf Reus und musste somit abdrehen und wieder zurück auf Maloney spielen. Nun befinden sich bereits sieben Spieler am Flügel und im linken Halbraum. Nach einem Doppelpass zwischen dem Innenverteidiger und Dahoud bekam Schulz wieder den Ball.

Abbildung 2: Ballzirkulation am linken Flügel

Er drehte auf und sofort liefen Julian Brandt und Marco Reus in die Tiefe. Brandt bekam einen diagonalen Pass zugespielt, den er direkt auf seinen Kapitän in die Tiefe weiterspielte. Dadurch konnte Reus in der Anschlussaktion im Strafraum Richtung Tor dribbeln und einen Querpass spielen. Der Ball konnte auf der Linie von einem Bilbao Verteidiger geklärt werden.

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Abbildung 3: Mit „Spiel über den Dritten“ in den Strafraum

Diese Szene wird nun in drei Abschnitte beziehungsweise Aspekte eingeteilt. Zu Beginn sah man die Überzahl am Flügel. Der BVB kreierte diese Überzahl, um nach dem hohen Ball sofort ins Gegenpressing übergehen zu können. In dieser Szene erhielten sie tatsächlich direkt den Ball und versuchten mit dieser Überzahl auf der linken Seite einen Angriff einzuleiten. Danach kam es mit Schulz, Brandt und Reus zum „Spiel über den Dritten“. (Abbildung 3) (Hier auch eine detailreichere Erklärung: „El tercer Hombre„) Dadurch konnte Reus in den Sechzehner hineindribbeln und einen Querpass hineinspielen. Letztendlich sorgte die hervorragende Strafraumbesetzung dafür, dass die Dortmunder zum Abschluss kamen. Nun stellt sich die Frage, wie lassen sich diese Aspekte trainieren?

Folgende Punkte möchten wir nun in Spielformen trainieren:

  1. Überzahl am Flügel
  2. Das Spiel über den Dritten
  3. Die richtige Strafraumbesetzung

1. Überzahl am Flügel – 8 vs 8

In den ersten Sekunden der Szene überlädt der BVB die linke Seite. Dahoud sowie Maloney hatten die Möglichkeit über den zweiten Innenverteidiger die Seite zu wechseln. Allerdings versuchten sie das Überladen am linken Flügel auszunutzen und eine Chance zu kreieren. Um eine Überzahl am Flügel zu trainieren kann folgende Übung verwendet werden:

Abbildung 4: 8vs8 mit überladen Flügelzone

Ablauf: Zwei Teams mit jeweils acht Spielern und einem Tormann spielen gegeneinander. Allerdings gibt es drei vertikale Zonen. Die zwei Äußeren sind die Flügelzonen. Ist eine Mannschaft im Ballbesitz und spielt in einer der äußeren Bereiche, so müssen mindestens vier, jedoch maximal sechs Spieler in diese Zone. Zum einen möchte man so das Schaffen von Überzahl fördern, zum anderen die Balance in Ballbesitz gewährleisten.

Variationen: Die Feldgröße sowie die Spieleranzahl kann bei dieser Übung abgewandelt werden. Dies ist natürlich immer abhängig von der Trainingsbeteiligung. Allerdings sollte mindestens ein 6 vs 6 gestaltet werden können, damit auf den Flügeln eine klare Überzahl geschaffen werden kann. Des Weiteren können die vertikalen Zonen erweitert, oder die Spieleranzahl in den einzelnen Zonen variiert werden. Beispielsweise kann auch gefordert werden, dass ein Angriff über die Zone vollendet werden muss, über die dieser eingeleitet wurde.

Coachingpunkte: Je nach Prinzipien des Trainers können verschieden Coachinghinweise verwendet werden. Beispielsweise kann die Überzahl in einer Zone dafür verwendet werden, um den Gegner in diesen Bereich zu locken, um daraufhin mit einem Seitenwechsel den freien Raum auf der anderen Seite zu bespielen. Dafür ist es allerdings wichtig, dass zumindest einer der Flügespieler der ballbesitzenden Mannschaft die Breite besetzt.

Auch ist es möglich, dass die ballbesitzende Mannschaft die Überzahl in dieser Zone nutzt, um den Durchbruch ins letzte Drittel einzuleiten. In diesem Szenario rückt der ballferne Flügelspieler bereits weiter ins Zentrum, um bei einem möglichen Ballverlust sofort ins Gegenpressing überzugehen. Essenziell für den Erfolg der Kombinationen in engen Räumen, ist das dauerhafte Lösen aus dem Deckungsschatten. Außerdem sind Tiefenläufe von großer Bedeutung, stellen sie doch eine Gefahr für den Gegner dar und schaffen folglich Raum.

Für die defensive Mannschaft ist es wichtig ballnah zu verschieben und vor allem den direkten Weg durch die Mitte zu schließen. Dabei dürfen die Abstände zwischen den Spielern nicht zu groß sein. Kompaktheit, vertikal wie horizontal, ist hier das Stichwort. Gerade aufgrund der Überzahl, die die ballbesitzende Mannschaft auf dieser Seite schaffen will, muss die Defensivmannschaft schnell verschieben, um den Durchbruch zu verhindern.
Zudem kann das Anlaufverhalten so gewählt werden, dass die ballführenden Spieler kaum zu Möglichkeiten kommen, um das Überzahlspiel am Flügel zu kreieren oder auch auszuspielen. Durch ein hohes Angriffspressing kann die ballbesitzende Mannschaft bereits in ihrem Rhythmus gestört und Angriffe über den Flügel verhindert werden.

2. Spiel über den Dritten – 6vs6+2

Mit nur zwei Pässen im mittleren Drittel, gelangte der BVB bereits in den Sechzehner. Dafür wurde das Prinzip „Spiel über den Dritten“ verwendet. Schulz spielte einen flachen diagonalen Ball auf Brandt, der mit den ersten Kontakt direkt auf Reus in die Tiefe weiterleitete. Reus lief schon beim Pass von Schulz aus seiner Position in die Tiefe und konnte mit der Ballmitnahme direkt in den Strafraum hineindribbeln. Um dieses Prinzip im Training üben zu können, nutzen wir 6vs6 +2.

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Abbildung 5: 6vs6+2

Ablauf: Es spielen zwei Mannschaften mit jeweils sechs Spielern auf zwei große Tore. Zudem gibt es zwei Joker, die Teil der Mannschaft in Ballbesitz sind. Diese Joker stehen außerhalb der Seitenauslinie und dürfen als Ballführende auch nicht attackiert werden. Um ein Tor zu erzielen, muss einer der Außenspieler einmal angespielt werden. Dabei ist die Aufgabe des Jokers mit höchstens zwei Kontakten einen dritten Spieler im Feld anzuspielen. Der Ball darf nicht auf den gleichen Spieler zurückgeprallt werden. Zudem dürfen sich in jeder horizontalen Zone nur drei Spieler einer Mannschaft befinden.

Variationen: Auch bei dieser Übung im Training können mehrere Varianten durchgeführt werden. Zum Beispiel kann es statt dem Joker fixe Außenbahnspieler für die jeweilige Mannschaft geben. Des Weiteren können die Ballkontaktanzahl der Joker variierte werden. Beispielsweise hat der äußere Anspieler nur noch einen Kontakt und muss den Ball immer direkt weiterspielen. Auch kann die Regelung der Besetzung der Zonen abgändert oder abgeschafft werden.

Coachingpunkte: Bei dieser Übung ist es wichtig, dass die Spieler mit dem Joker immer wieder versuchen Dreieke zu bilden. Somit hat der Joker stets Passoptionen und muss nicht mit dem Ball warten, beziehungsweise kann den Ball direkt wieder in das Feld zu einem Dritten spielen. Dabei ist wichtig, dass die Spieler im Feld sich immer wieder aus dem Deckungsschatten lösen. Durch einen Pass auf den Joker wird der Gegner auf eine Seite gelockt. So hat die ballbesitzende Mannschaft nicht nur einen engen Spielraum, sondern bringt so auch den Gegner in Bewegung. Daher ist es für den Joker wichtig, den am weitesten entfernten Spieler anzuspielen, um die geöffneten Räume auszunutzen. Allerdings ist da auch die Position des dritten Spielers bedeutend. Laufwege zur Unterstützung des Jokes sollten immer gegeben sein.

3. Strafraumbesetzung – Spielsituation: Angriff über den Flügel

Bereits beim FC Red Bull Salzburg oder bei Borussia Mönchengladbach hat man gesehen, wie gut die Mannschaften von Marco Rose bei einer möglichen Flanke den Strafraum besetzen. Und auch bei Dortmund ist gleich in den Testspielen zu sehen, dass dieser Aspekt einen hohen Stellenwert im letzten Drittel hat. Dabei ist die Besetzung der ersten und der zweiten Stange sowie ein Spieler im Rückraum wichtig. Dazu diese Übung für das Training:

Training
Abbildung 6: Spielsituation 2vs1 in ein 5vs4

Ablauf: Am Flügel spielt die schwarze Mannschaft ein 2 gegen 1 aus und versucht daraufhin in den Strafraum zu Flanken. Die drei Spieler im Strafraum versuchten mit kreuzen oder weiteren Bewegungen sich freizulaufen. Kann der Ball von weiß abgefangen werden oder der Tormann kann den Schuss halten, so schaltet weiß auf die zwei kleinen Tore um und es wird ein Match bis zu einem Torabschluss oder Seitenaus gespielt.

Variationen: Sowohl die Spieleranzahl am Flügel als auch in der Mitte kann variiert werden. Zudem können die Zonen vergrößert oder verkleinert werden. Des Weiteren ist es möglich, dass anstatt auf zwei kleinen Toren auf drei oder auf ein zweites großes Tor gespielt wird.

Coachingpunkte: Für die zwei Spieler am Flügel ist es wichtig diese Überzahl gegen den Gegenspieler auszuspielen. Hier können Varianten wie der Doppelpass oder durch das Dribbeln den Gegenspieler binden benützt werden. Wichtig ist auch, dass die Flügelspieler den Querpass oder die Flanke nicht zu hektisch ausführen und auf die Bewegungen der Mitspieler im Zentrum warten. Dies hängt aber auch von der Leistungsstufe ab. Die Bewegungen für die drei Spieler müssen abhängig vom Tempo vom Flügelspieler passieren. Somit kann ein zu früher oder spätes Einlaufen der Zentrumspieler vermieden werden.

Auch muss es für jeden Spieler klar sein, welche Positonen besetzt werden sollten. Die erste Stange und zweite Stange, sowie der Rückraum sollten besetzt werden, damit, wenn der Ball nicht optimal zu einem Spieler kommt, ein anderer Spieler womöglich zum Abschluss kommt. Hier wäre es vorteilhaft, dass sich die Spieler die Laufwege nicht schon vor dem Übungsstart ausmachen, sondern auf die Situation am Flügel reagieren.

Für die defensive Mannschaft ist es wichtig, dass sich die Spieler im Zentrum immer auf den Ball und auf den Gegenspieler fokusieren. Daher muss möglicherweise die Körperposition der einzelnen Spieler korrigiert werden, damit sie sowohl auf den Ball als auch auf die Laufwege der Spieler konzentrieren können. Des Weiteren sollen sie nach einer Balleroberung so schnell wie möglich auf die Minitore zum Abschluss kommen. Hier sind vor allem Läufe in die Tiefe wichtig.

Fazit

Ich hoffe dieser kurze Artikel konnte aufzeigen, wie man aus einfachen Spielszenen passende Spielformen bauen kann. Schließlich sollte das Spiel stets der Ausgangspunkt einer jeden Trainingseinheit sein. Solltet ihr Fragen haben, Szenen, die wir als nächstes analysieren oder Themen, die wir diskutieren sollen, schreibt uns gerne eine Nachricht.

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