Das Schöne gegen das Beast I Sevillla gegen Salzburg

Es ist endlich wieder so weit. Die UEFA Champions League geht in die nächste Runde und der 1.Spieltag versprach bereits auf Papier einige unterhaltsame Partien. Die vermeintlich ausgeglichenste Gruppe, die Gruppe G, konnte früh am Abend des 14.09.2021 mit der Begegnung FC Sevilla gegen Red Bull Salzburg (FC Salzburg), diese Prognose einigermaßen bestätigen. 

Das Spiel zwischen dem 4-maligen Europa League Sieger und der Gäste aus der Mozartstadt, verlief wie erwartet taktisch unproportional. Durch zwei Elfmetertore von Salzburgs Luka Sucic und Sevillas Ivan Rakitic, konnten die beiden Kroaten für ein ziemlich gerechtes Ergebnis nach Schlusspfiff sorgen. Trotz zwei weiteren Strafstößen für die Gäste und einem Platzverweis der Gastgeber, konnte die junge Mannschaft von Chef-Trainer Matthias Jaissle das Spiel nicht für sich entscheiden. 

Matthias Jaissle betonte in der Pressekonferenz vor dem CL-Spiel, dass seine Mannschaft trotz der Erkenntnis aus der Gegneranalyse, dass die Spanier einen technisch qualitativen Ballbesitzfußball spielt, nicht von der Red Bull-DNA weichen wird. 

„Natürlich werden wir eine aggressive, mutige Art und Weise von Fußball entgegenbringen und werden die Herausforderung annehmen.“

Aufgrund dessen, dass zwei unterschiedliche Spielweisen in einem motivierenden Champions League Spiel gegeneinander antraten, war die Spannung vor Anpfiff im Stadion Ramon Sanchez Pizjuan in Andalusien groß. 

Schönheit gegen Aggressivität. 

Schon zu Beginn der Partie kristallisierte sich eine Tatsache besonders heraus. Beide Mannschaften blieben ihren Merkmalen treu. Die Österreicher versuchten durch ein hohes Angriffspressing frühzeitig kontrollierte Ballstafetten des FC Sevilla zu behindern und durch radikale Ballortierungen die gegnerischen Schienenspieler Jesus Navas und Marcos Acuna zu Ballverluste förmlich zu zwingen. 

Aus einem 4-Raute-2 gegen den Ball, konnte Salzburg das Zentrum und die Halbräume zahlreich besetzten und durch gut getimte Anlaufprozesse die Schwachstellen auf den Außenspuren aggressiv und intensiv kaschieren. Zumindest in den ersten Minuten der Partie. Die Raute im Mittelfeld ist durch ihr Naturell eine Schwachstelle für die Außenspuren, was Red Bull Salzburg aber als Pressing-Falle für den Gastgeber festgelegt hat. Dementsprechend konnten technische Individualisten der Gastgeber wie Ivan Rakitic oder Joan Jordan im Zentrum selten linienüberbrückende Aktionen liefern. Somit verlagerten die Spanier ihren Ballvortrag, gekonnt gesteuert von Salzburg, auf die Außen zu Navas und besonders Acuna. 

Doch Sevillas Chef-Trainer Julen Lopetegui und seine Assistenten haben sich auf diese Art von Pressingmuster bereits eingestellt. 

Sevillas Attraktivität

Die Salzburger lenkten den Ballvortrag nach außen zum Mexikaner Acuna, der blitzartig vom situativen 8er Brenden Aaronson diagonal angelaufen wurde. 6er Mohamed Camara verließ seine Grundzone und nahm Kontakt zum abkippenden Rakitic auf, um ihn bei einer möglichen Ballannahme unter Druck zu setzen. Der dänische Außenverteidiger Rasmus Kristensen verfolgte den Laufweg von Papu Gomez und demzufolge konnten die Salzbuger ballnah ihre Gegenspieler zustellen und verdichteten die Außenspur um die Pressingfalle zu aktivieren. 

Der ballnahe Stürmer Benjamin Sesko schnitt die Verbindung zum ballnahen gegnerischen Innenverteidiger Diego Carlos ab, was einen Abbruch der Angriffsaktion unterbinden konnte. Benjamin Sesko, Karim Adeyemi und Luka Sucic wurden als potenzielle Anspielstationen für den Umschaltmoment nach Ballgewinn festgesetzt und so befanden sie sich eng gestaffelt in oberen Regionen der Angriffszone. 

Trotz Salzburgs Isolierung in der Außenspur und einer Gleichzahl aller ballnahen Spieler, konnten Sevillas Akteure durch Dreicksbildungen und flinken Bewegungsmuster der Drucksituation entfliehen und vielversprechende Angriffe starten.
Nach einem Pass von Carlos auf Acuna, kippte Rakitic dynamisch Richtung Acuna ab, der wie bereits erwähnt, im Rücken von Camara zugestellt wurde. Salzburgs Ballorientierung in diesem Fall, wurde nur vom ballfernen 8er Nicolas Seiwald abgesichert. 

Nach Pass von Acuna auf Rakitic, löste sich Acuna rasch von Aaronson und bot in Form einer Doppelpassoption, die Befreiung aus dem Druck der Gäste im geöffneten Raum hinter Aaronson. 

Fernando und Jordan begaben sich zeitnah ins Zentrum der Übergangszone und konnten Acuna nach dem Doppelpass mit Rakitic, zwei weitere Möglichkeiten im Herzen der Salzburger Grundordnung anbieten. Aufgrund der radikalen Ballorientierung der Mozartstädter, war Seiwald die alleinige Absicherung und befand sich in einer situativen 2 gegen 1 Unterzahlsituation im Zentrum. Acuna agierte als Schienenspieler und konnte in identischen Situationen oftmals mit seinen nachrückenden Läufen gar für eine situative 3 gegen 1 Überzahlsituation mit Jordan + Fernando gegen Seiwald sorgen. 

Eine identische Situation mit identischem Muster.Acuna am Ball, wurde nun von Luka Sucic in Form des gegnerischen ballnahen 8ers diagonal angelaufen. Camara und Kristensen orientierten sich wieder an ihre zugeteilten Gegenspieler Rakitic und Gomez. 

Nach erneutem Pass von Carlos auf Acuna, wurde die Verbindung für einen Abbruch oder Verlagerung, von Stürmer Sesko abgeschnitten.Rakitic und Gomez bildeten abermalig eine Dreieck mit dem ballführenden Mitspieler Acuna. 

Sucic rückte weiträumig raus und öffnete wie sein Vorgänger Aaronson einen Raum hinter sich. Doch diesmal konnte der Doppelpass nicht mit Rakitic gespielt werden, da dieser sich im Deckungsschatten des rausrückenden Gegenspielers Sucic befand. 

Acuna spielte den Ball zu Gomez, der sofortigen Druck im Rücken von Kristensen verspürte und daher direkt in den geöffneten Raum auf den startenden Acuna den Ball weiterleitete. 
Seiwald entschied sich diesmal für eine eher höhere Absicherung, um mögliche Pässe auf Fernando oder Jordan früher attackieren zu können. Dies sorgte für eine erneute Raummaximierung zwischen der Salzburger 4er-Kette und Seiwald + Camara. Dieser Raum wurde dynamisch von Raktics Tiefenlauf besetzt, während Youssef En-Nesyri weiterhin die gegnerischen Innenverteidiger Maximilian Wöber und Oumar Solet tief binden konnte. 

Durch permanente Dreiecksbildungen und technisch gut ausgeübten Pässen, konnte sich der FC Sevilla in der Anfangsphase durch attraktive Kombinationen, dem aggressiven Pressing von Red Bull Salzburg enteignen und die Angriffszone temporeich penetrieren. 

Diese Art und Weise dem Pressing zu entfiehen, blieb dem deutschen Trainer Matthias Jaissle nicht verdeckt und so beorderte er die jüngste Mannschaft der diesjährigen Champions League in ein kompaktes Mittelfeldpressing, um sich eine Reaktion auf Sevillas Schemata einfallen zu lassen und wieder mit hoher Aggressivität und Intensität den Gegner unter Druck zu setzen. 

Matthias Jaissle konnte schon nach wenigen Minuten eine Formel für die Kombinationen der Gäste finden und setzte die Pressinghöhe seiner Mannschaft wieder in das 3/3 des Spielfeldes an. 

Um den Fokus nicht zwingend auf die intelligenten Läufe der Außenverteidiger Acuna und Navas zu legen, analysierte der Salzburger Trainerstab die Schwachstelle dieser Pressingform an der Raummaximierung im Zentrum. Der ballferne 8er musste bis zur Anpassung der Gäste, stets einen großen Raum in Unterzahl verteidigen (siehe erste Abbildung), was die buchstäbliche Ursache der gefährlichen Penetrationen Sevillas in die Angriffszone war. 

Von nun an, wurde der ballnah abkippende 8er Sevillas nicht mehr vom Salzburger 6er Camara zugestellt, sondern vom situativen 10ner der Rauten-Formation. Im Falle der abgebildeten Grafik, wurde Aaronson dazu animiert den ballnahen 8er Jordan zu markieren. Dadurch musste Camara seine Grundzone nicht verlassen und konnte mit dem ballfernen 8er Sucic die Absicherung bilden. 

Darüber hinaus markierte Adeyemi den 6er Fernando, der nach erfolgreichen Doppelpassaktionen nicht mehr von den Außenverteidigern im Zentrum bedient werden konnte. 

Red Bull fand dadurch eine klare Lösung, wie sie die Schönheit Sevillas in diesem Fall, im Keim ersticken lassen konnten. Doch wir würden nicht von Champions League Fußball sprechen, wenn der FC Sevilla selbst gegen diese Anpassung nicht reagieren würde.
Julen Lopetegui erkannte durch Adeyemis Fokussierung auf Fernando, dass die ballferne Spielfeldhälfte relativ unbesetzt war und Acuna viel Raum für eine zügige Raumpenetration in die Übergangszone hätte.Von nun an lockte Sevilla Salzburgs Pressing vollständig auf eine Seite, um durch schnelle und technisch genaue Spielverlagerungen dem angepassten Angriffspressing zu entkommen. 

Dies brachte Matthias Jaissle wieder einmal zum nachdenken. Doch die frühe rote Karte an Sevillas Stürmer En-Nesyiri, konnte seine Denkprozesse erleichtern. 

Salzburgs Vertikalität 

Julen Lopetegui wusste von der vertikalen Ausrichtung im Angriffsspiel der Gäste bescheid und bereitete seine Mannschaft in der Arbeit gegen den Ball dementsprechend vor. Aus einem 4-2-3-1 Mittelfeldpressing/passives Angriffspressing, versuchten die Andalusier den Ballvortrag auf eine Seite zu lenken und die ballnahen gegnerischen 6er, 8er und AV rechtzeitig mannorientiert zuzustellen. 

Salzburg agiert auch in der Champions League mit langen Bällen in die Angriffszone, wo die dicht-gestaffelten Offensivspieler sich um die zweiten Bälle balgen. Permanente Raumkreierungen durch dynamische Raumöffnungen, können die gegnerische 4er-Kette aus ihrer Kompaktheit ziehen und lange Bälle als Mittel des Durchbruchs angewendet werden. 

In dieser Situation hatte der ballführende IV Wöber keinerlei ballnahe Anspielstationen. Da En-Nesyris bogenförmiges Anlaufverhalten die Verbingung zu Solet abschnitt und Rakitic, Suso und Jordan alle ballnahen Mitspieler markierten. Eine Spielverlagerung über Solet oder Torwart Philipp Köhn zum ballfernen AV Kristensen war situationsbedingt unmöglich. 
Sucic, Sesko, Adeyemi und Aaronson staffelten sich tief in der Übergangszone, um dass erwähnte Schemata nach einem langen Ball umzusetzen. Während Aaronson als näherer Raumkreierer fungierte, konnten Sesko und Sucic mit ihrer körperlichen Präsenz die zweiten Bälle anvisieren und Adeyemi mit seiner Schnelligkeit die gegnerische 4-er Kette in Bewegung halten. 

Um unmittelbar vor der 4er-Kette keine 3 gegen 1 Unterzahlsituation zu haben, ließ sich Gomez als ballferner Flügelspieler tiefer fallen um gemeinsam mit Fernando den Versuch der Eroberung der zweiten Bälle zu vollbringen. Nach einer erfolgreichen Spielverlagerung auf Kristensen, konnte Gomez aus seinem Standpunkt dennoch zeitnah lateral auf Kristensen rausrücken. 

Durch viele Kreuzbewegungen und dynamischen Positionswechsel der vordersten vier Salzburger Spieler, konnten die letzten zwei Pressinglinien der Gäste nur schwer Zugriff erhalten und nach Ballannahmen der Offensivspieler, nur schwer Druck auf den Ball ausüben. 

Trotz Unterzahl Sevilla, Salzburg mit viel Mühe 

In der 50. Spielminute musste der marokkanische Stürmer En-Nesyri, nach einer klaren Schwalbe im Strafraum der Gäste das Spielfeld früh in der zweiten Spielhälfte verlassen. Von nun, musste der Gastgeber viele seiner Spielprinzipien auf Eis legen und versuchte das Unentschieden möglichst über die Zeit zu bringen. 

Trotz Unterzahl, taten sich die Österreicher unheimlich schwer, kreative Lösungen im Angriffsspiel zu finden, um einen Sieg doch noch in die Heimat mitzunehmen. Der FC Sevilla überließ den Gästen größtenteils die Bestimmung des Spielgeschehens.

 Die Spanier staffelten sich in einem äußerst kompakten 4-4-1 Abwehrpressing und versuchten durch blitzartige Rausrückverfahren, die Pässe der Salzburger zu attackieren und somit in Kontersituation zu geraten. 

Red Bull organisierte in dieser Situation genügend horizontale Anspielstationen für zügige Ballstafetten, um die beiden 4er-Ketten Sevillas in Bewegung zu bringen und zum rausrücken zu animieren. Dies jedoch sorgte für langlaufende Ballstafetten um den gegnerischen Defensivblock, was bei der jungen Mannschaft von Matthias Jaissle zu ungeduldigen Aktionen führte, in dem undurchdachte Chipbälle unvorbereitet hinter die Ketten gespielt wurden. 

Gegen Ende der Partie, konnten die Salzburger zu vielversprechende Torabschlüssen gelangen, dank einer taktischen Anpassung. 

In der Grafik abgebildet ist ein sichtbares Überladen der ballfernen Spieler der Mozartstädter. Seiwald und Adeyemi boten kurze Anspielstationen und dadurch resultierende Bindungsabläufe an Gegenspieler, um ballfern einen größeren Raum für den aufstoßenden IV Solet zu kreieren. 

Denn durch Seiwalds überladen in den rechten Halbraum, konnte er den ballfernen gegnerischen Flügelspieler Erik Lamela weit Richtung Ball gebunden werden, was Salzburg aussichtsreiche Raumöffnungen für Torabschlüsse im linken Halbraum bescherte. 
Da Solets starker Fuß der Rechte ist, konnte er viele Ballannahmen nicht vertikal verarbeiten um einen schnellen Torabschluss zu praktizieren. Dank Andreas Ulmers breiter Staffelung, war jedoch ein Pass auf den österreichischen Kapitän nicht verkehrt. 

Nach Pässe auf Ulmer versuchten die Pressinglinien Sevillas schnellstmöglich weit durchzuschieben. Hereingaben in die entgegengesetzte Laufrichtung der Kettenspieler nach weitem durchschieben, konnten durch gute Kopfballaktionen Red Bull Salzburg nochmal die Energie für eine Führung verleihen. 

Fazit

Das Spiel versprach zwei Unterschiedliche Spielweisen und die Erwartungen wurden erfüllt. 
Jedoch hat die rote Karte Entwicklungsfortschritte während des Spiels gebremst und so mussten die Salzburger ihre Schwachpunkte ganz klar registrieren.Red Bulls Ballbesitzspiel ist noch unreif und unstimmig, was eine Unterzahlsituation des Gegners durchaus zum Nachteil werden lassen kann.

Der FC Sevilla spielte das erste mal in dieser Saison gegen einen Gegner, der sich von ihrer attraktiven Spielweise nicht blenden ließ und den Ball möglichst früh erobern will. Denn die spanischen LaLiga-Mannschaften unterscheiden sich klar und deutlich von den globalen Red Bull Teams.

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