Wie funktioniert das Pressing im 4-2-3-1?

Im letzten Teil dieser Serie haben wir uns bereits mit dem Aufbauspiel im 4-2-3-1 befasst. Nun möchten wir einen Blick auf das Spiel gegen den Ball werfen. Genauer gesagt, wie funktioniert das 4-2-3-1 Pressing?

Persönlich sehe ich das 4-2-3-1 als flexibelste Ausgangsformation für die aktive Balleroberung. Egal ob man den Gegner zum Spiel durch das Zentrum zwingen, oder nach außen lenken möchte. Das 4-2-3-1 lässt einem im Pressing alle Möglichkeiten offen. 

Für ein erfolgreiches Ballgewinnspiel ist natürlich nicht nur die Grundordnung entscheidend. Vielmehr geht es darum, dass eine Mannschaft als Kollektiv arbeitet und anhand einfacher Prinzipien die richtigen Räume schließt und den Gegner mit dem perfekten Timing unter Druck setzt. Neben den Abläufen aus der 4-2-3-1 Grundstaffelung, werde ich vereinzelt Prinzipien erklären. Wer sich intensiver mit den wichtigsten Ideen im Ballgewinnungsspiel befassen möchte, den verweise ich an dieser Stelle gerne auf meinen Onlinekurs.

Nun aber zum Pressing im 4-2-3-1. Angefangen mit der Betrachtung der Stärken und Schwächen gegen den Ball.

Schließen des Zentrums und der Halbräume

Aus meiner Sicht ist das 4-2-3-1 vor allem aufgrund der Kompaktheit im Zentrum und in den Halbräumen so schwierig zu bespielen. Während auch ein 4-Raute-2 das Zentrum schließt, ergibt sich im 4-2-3-1, neben dem kompakten Zentrum, ein guter Zugriff auf die Flügelzonen. 

Für viele Teams sind es vor allem die Halbräume nach Seitenwechseln, die gezielt bespielt werden sollen. Schließlich möchte man im Aufbauspiel gegnerische Defensivlinien überspielen und nicht nur um den Defensivblock herum kombinieren. Das 4-2-3-1 verschließt auch ballfern eben jene Räume und zwingt den Gegner in der Folge außerhalb des Defensivblocks zu kombinieren.

4-2-3-1 Pressing

Darüber hinaus gewährleistet die diagonale Staffelung im Zentrum ein ideales Schließen der Schnittstellen der Offensivlinie durch die Sechser. Die gebildeten Dreiecke haben den Vorteil, dass der Gegner, selbst wenn die Offensivspieler weiter auseinander positioniert sind, nicht einfach das Loch bespielen kann. Da dies durch den Sechser gesichert wird, befindet sich der Gegner schnell in einer Drucksituation.

Die Abläufe im 4-2-3-1 sind hierbei ein sehr passendes Beispiel warum Dreiecke auch gegen den Ball gebildet werden sollten. Anders als im Ballbesitzspiel, dienen die Dreiecke gegen den Ball zur Vergrößerung des abgedeckten Raumes. Allerdings haben sie eines mit den Dreiecken in Ballbesitz gemein. Die Mitspieler werden unterstützt und es entsteht ein kompaktes Netz. Folglich erlauben Defensivdreiecke die Vereinigung der Deckungsschatten und gleichzeitig ein einfacheres Verteidigen von diagonalen Pässen. 

Exkurs – Aufgaben im Defensivdreieck

Bevor wir uns weiter mit dem 4-2-3-1 befassen, lohnt es sich einen kurzen Blick auf die Aufgabenverteilung innerhalb dieser Defensivdreiecke zu werfen. Hierbei kann man zwischen drei Aufgabenverteilungen unterscheiden. Während ein Spieler Druck auf den Ball ausübt, ist ein anderer für das Attackieren der nächsten Anspielstation verantwortlich. Der Dritte sichert ab. 

4-2-3-1 Pressing

Des Weiteren ergeben sich aus der Grundstaffelung heraus sofort Möglichkeiten den Gegner zu isolieren. Ein wichtiger Aspekt, der ein gutes Pressing auszeichnet. Dabei sollen Spielverlagerungen von einer Seite auf die andere verhindert werden. Zum einen, um ballnah den Raum zu verknappen, zum anderen, um selbst nicht zu viele Meter verschieben zu müssen.

Wie laufe ich am besten aus dem 4-2-3-1 an?

Nach außen lenken

Möchten wir im Pressing den Gegner nach außen lenken, ist es unser Ziel den Außenverteidiger des Gegners zu isolieren. Warum den Außenverteidiger? Weil ein Anspiel auf einen hohen Flügelspieler dem Gegner zu viel Raumgewinn ermöglicht. 

Lenken wir den Gegner nach außen, ist es der zentrale Stürmer, der das Pressing auslöst. Seine Aufgabe ist es, den Gegner im richtigen Moment anzulaufen und das Feld abzuschneiden. Idealerweise wird hierfür ein Pass zwischen den beiden Innenverteidigern als primärer Pressingauslöser genutzt. Hierbei wird die Dynamik der Verlagerung zwischen den beiden IVs genutzt, um den passempfangenden Innenverteidiger sofort unter hohen Zeitdruck zu setzen. 

4-2-3-1 Pressing

Gelingt es dem Stürmer Kontakt zum ballführenden Innenverteidiger herzustellen, zwingt er jenen direkt Richtung Seitenlinie abzudrehen. Um den Ball zu schützen, wird sich der Innenverteidiger leicht diagonal zur Seitenlinie bewegen. Setzt der Stürmer ihn hier weiter unter Druck, schließen sich die verschiedenen Passfenster ins Zentrum schnell und es bleibt nur der Pass auf den Außenverteidiger. 

Für den Pass auf den Außenverteidiger ist die Positionierung des Flügelspielers und des Zehners, sowie dem Rest des Teams, entscheidend. 

Die Aufgabe des ballnahen Flügelspielers ist es, den Passweg in den Halbraum zu verschließen. Wird dieser Pass gespielt, und der pressenden Mannschaft gelingt es nicht den Ball abzufangen, waren alle Pressingbemühungen umsonst und der Gegner erhält eine gute Chance in die gegnerische Hälfte vorzudringen. Schließt der Flügelspieler den Halbraum hingegen, bleibt nur noch ein Anspiel auf den Außenverteidiger. Folgt dieser, sollte der Flügelspieler leicht bogenförmig anlaufen, um den Außenverteidiger sofort zur Ballannahme in Richtung des eigenen Tores zu zwingen. 

Ein zentrales Prinzip im Anlaufen ist hierbei das Attackieren des Fußes, der offen zum Feld zeigt. Atlético Madrid unter Diego Simeone führt dieses Prinzip perfekt aus, wie wir in diesem Beitrag analysieren

Neben dem Flügelspieler, ist auch die Positionierung des offensiven Mittelfeldspielers von großer Bedeutung. Seine Aufgabe ist es, die Rückverlagerung durch das Zentrum zu unterbinden. Gerät der Innenverteidiger durch unseren Stürmer unter Druck, wird er versuchen frühzeitig den Sechser anzuspielen, damit dieser möglichst auf den anderen IV verlagern kann. Der Zehner hat die Aufgabe die Verlagerung zu verhindern und so das Aufbauspiel zu isolieren.

Ist der Ball dann auf dem Flügel, bleibt es dabei, dass der OM den Sechser mannorientiert verfolgt, um bei einem Anspiel Richtung Zentrum sofort Druck zu machen.

Last but not least, ist auch die Positionierung des ballnahen Sechsers wichtig. Wie bereits angesprochen schiebt er mit und füllt damit den Raum, der zwischen ballnahem Flügelspieler und Zehner entsteht. So kann er immer noch Druck ausüben und den Gegner am Aufdrehen hindern, sollte jener die Dreierlinie des 4-2-3-1 Pressings überspielen.

Einen Akteur haben wir noch nicht diskutiert. Dies ist der ballferne Flügelspieler. Seine Aufgabe ist es, mitzuschieben und das Zentrum zu schließen. Im Falle einer Rückverlagerung über den Sechser oder Torhüter kann er darüber hinaus sofort Druck auf den zweiten Innenverteidiger ausüben.

4-2-3-1 Pressing

Nach innen lenken

Nun bietet das 4-2-3-1 Pressing ebenfalls die Möglichkeit den Gegner ins Zentrum des Feldes zu drängen. Im Zentrum den Ball zu erobern hat einige Vorteile im Vergleich zur Seitenlinie. Zum einen kann nach einem Ballgewinn im Zentrum einfacher auf das gegnerische Tor gekontert werden, schließlich ist der Winkel und Abstand besser. Des Weiteren erschwert es dem Gegner den Ball sofort wieder im Gegenpressing zurückzugewinnen. Anders als an der Seitenlinie, dient eben jene nicht als zusätzlicher Verteidiger. Das gilt für die pressende, sowie für die gegenpressende Mannschaft. Folglich ist es auf der einen Seite schwieriger den Gegner zu isolieren und den Ball im Zentrum zu gewinnen, auf der anderen Seite lässt es sich einfacher nach einem Ballgewinn umschalten. 

Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten den Gegner nach innen zu lenken, die mit der Aufgabe des Stürmers und des ballfernen Flügelspielers zusammenhängen. Einerseits können beide Flügelspieler als höchste Akteure agieren, andererseits kann auch der zentrale Stürmer die Aufgabe von einem der beiden Flügelspieler übernehmen. Auch der pressingauslösende Spieler kann variieren. 

Gehen wir auf die erste Alternative mit den beiden Flügelspielern in höchster Position etwas genauer ein. Hier ähnelt das Pressing dann recht stark den Abläufen, die wir beispielsweise in Liverpools 4-3-3 unter Jürgen Klopp beobachten können. 

Der linke Flügelspieler löst in dieser Situation das Pressing aus, nimmt dabei den gegnerischen Außenverteidiger in seinen Deckungsschatten und zwingt den IV zum Querpass. Wird dieser gespielt, läuft der ballferne Flügelspieler ebenfalls im Bogen an. Sein Ziel ist es, den passempfangenden Innenverteidiger frühzeitig unter Druck zu setzen, um ihn am Aufdrehen zu hindern. In der Folge bleibt jenem nur noch das Spiel ins Zentrum, wobei er durch den rechten Flügelspieler unter Zeitdruck gebracht wird. 

Der Stürmer verhält sich in dieser Variante ähnlich wie der offensive Mittelfeldspieler und ist erst einmal um die Sicherung des Zentrums bemüht. Einfache Mannorientierungen können hier von großer Hilfe sein und den Ballführenden Innenverteidigern zu schwierigen und riskanten Aktionen zwingen. Einen wichtigen Punkt, den es gilt im Kopf zu haben ist, dass der ballnahe Sechser wieder Richtung Halbraum schieben sollte. Insbesondere wenn der linke Flügelspieler das Pressing auslöst. Geschieht dies nicht, könnte ein spielstarker Innenverteidiger seinen Mitspieler im Halbraum anspielen und das Pressing wäre ausgehebelt.

4-2-3-1 Pressing

In der zweiten Variante ist es der Stürmer, der den höchsten Part einnimmt. Hierbei werden die Räume sauber zugestellt und auf einen Querpass zwischen den Innenverteidigern gelauert. Der Stürmer kann die Dynamik der Verlagerung nutzen und den passempfangenden Innenverteidiger anlaufen. Gleichzeitig presst der rechte Flügelspieler (der ballferne Spieler) aus einer breiteren Position heraus und versucht ebenfalls den IV am Aufdrehen zu hindern. Folglich steht dieser enorm unter Druck, wird er doch praktisch gedoppelt. In dieser Variante können größere Lücken neben dem Flügelspieler entstehen. Speziell, wenn er so extrem von außen attackiert, wie es im obigen Beispiel der Fall ist. Gerade wenn der Gegner als Reaktion auf das nach innen lenkende Pressing mit flacheren Außenverteidigern agiert. Der Mittelfeldspieler kann diese hingegen durch einfache Mannorientierungen schließen.

Fazit – 4-2-3-1 Pressing

In diesem Beitrag wollte ich kurz die verschiedenen Pressingmöglichkeiten im 4-2-3-1 sowie die grundsätzlichen Vorteile diskutieren. Meiner Meinung nach zeichnet sich das 4-2-3-1 vor allem durch das kompakte Zentrum und die diagonalen Verbindungen aus, die es einem Gegner sehr schwer machen Räume zu finden. Darüber hinaus zeichnet sich diese Grundformation durch seine flexiblen Anwendungsmöglichkeiten aus. Ob nach innen oder nach außen lenkend, eine Mannschaft kann mit Hilfe des 4-2-3-1 sein Pressing je nach Gegner und Spielsituation problemlos anpassen.

Kategorie Pressing, Systeme, Taktik

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