Wie lässt sich das Umschaltspiel trainieren?

Eine Sache, die ich selten beleuchte, ist das offensive Umschaltspiel. Zwar spielen schnelle Konter in meiner Sichtweise von Fußball eine eher untergeordnete Rolle, allerdings ist auch das Befreien aus dem Gegenpressing des Gegners relevant. Deshalb möchte ich euch heute eine Spielform mit deren Hilfe wir das Umschaltspiel trainieren können. Dabei diskutiere ich neben den grundlegenden Prinzipien wichtige Coachingpunkte für diese Form.

Auf der Suche nach Inspiration fand ich diese Spielform von Osasuna. 

Die Erklärung und die Visualisierung der Spielform findet ihr hier auf Twitter. Grundsätzlich ist diese Spielform besonders für eine hohe Wiederholungszahl schneller Konter und vor allem für viele Abschlüsse geeignet. Auf Basis dessen möchte ich nun eine Spielform entwerfen, die spielnäher ist und mit deren Hilfe wir unsere Prinzipien trainieren können. 

Unsere Prinzipien

Nach einem Ballgewinn steht jede Mannschaft vor der Frage, leiten wir einen Konter ein oder setzen wir auf die Ballsicherung und einen ruhigen Neuaufbau. In diesen Situationen müssen unsere Spieler in der Lage sein die richtigen Entscheidungen zu treffen. Öffnen sich verschiedene Anspielstationen in der Tiefe und ist Raum für ein schnelles Vertikalspiel vorhanden, sollte beispielsweise der schnelle Konter gewählt werden. Anders sieht es aus wenn der Gegner gut gestaffelt ist und Anspielstationen in die Tiefe versperrt. Dann ist es sicherer sich auf die Ballsicherung zu konzentrieren und das Spiel neu aufzubauen.

Sollte der Konter durchgeführt werden, ist es wichtig, dass jeder Spieler seine eigene Spur besetzt. Allerdings darf der Abstand zwischen den Akteuren nicht zu groß sein, um schnelle vertikale Pässe zu ermöglichen. Am erfolgversprechendsten ist hierbei der Fokus auf den Halbraum. Aus dem Halbraum heraus haben wir alle Möglichkeiten das Spiel fortzusetzen, und kommen vor allem in optimale Abschlusspositionen. Je nach Philosophie kann auch eine der anderen Bahnen gewählt werden. Obwohl ein zu schnelles Spiel auf den Flügel im Konter Zeit kostet und zu oft zu schlechteren Abschlusspositionen führt. 

Sollte der ruhige Aufbau gewählt werden, ist es wichtig, dass nach einem Rückpass sofort wieder Anspielstationen im Zentrum geschaffen werden. Nur so gelingt es das gegnerische Gegenpressing auszuhebeln. Des Weiteren rate ich davon ab sofort das Spiel breit zu machen. Der Ballführende benötigt kurze Anspielstationen, um sich aus dem Gegenpressing zu befreien. Ziehen wir hier das Spiel sofort in die Breite, kann es passieren, dass die Verbindungen gekappt sind und im Falle eines direkten Ballverlustes die Absicherung fehlt. 

Unabhängig davon ob gekontert oder neu aufgebaut wird, sollte schnell Tiefe geschaffen werden, um Raum zu schaffen und den Gegner unter Druck zu setzen. Dabei gilt der gleiche Grundsatz, so viel Tiefe wie nötig, um Raum zu schaffen, aber gleichzeitig schnelle Anspielstationen bereitzustellen. 

Die Spielform

Umschaltspiel trainieren

Es wird 9vs7 gespielt, wobei die rote Mannschaft einen Spieler zwischen den Mini-Toren der gelben Mannschaft positioniert und der andere Akteur der Torhüter ist. Damit ihr die Größe der Spielform in etwa abschätzen könnt, habe ich euch ein normales Fußballfeld in den Hintergrund gelegt. Basierend auf dem Fokus der Einheit und dem zugrundeliegenden Game Model sollte das Feld angepasst werden. 

Verteidigt man beispielsweise tiefer, würde ich das Feld auch länger machen, um die weiteren Distanzen zum gegnerischen Tor zu simulieren. 

Neben dem normalen Spielfeld wird eine weitere Zone innerhalb des Feldes gezogen (blau hinterlegt). Diese Zone dient als Startpunkt unserer Spielform. Ähnlich wie in der Form von Osasuna. 

Zu Beginn der Spielform müssen die drei roten Akteure mindestens fünf Pässe innerhalb der blauen Zone spielen. Die zwei Gelben versuchen den Ball zu erobern. Ziel der roten Mannschaft ist es, nach mindestens fünf gespielten Pässen aus der Zone herauszuverlagern und die Minitore zu attackieren. Nach den fünf Pässen dürfen die Spieler beider Mannschaften die blaue Zone verlassen. Die gelbe Mannschaft hingegen soll nach einer Balleroberung direkt auf das große Tor kontern. Dribbeln sie dabei durch eines der beiden Hütchentore, erhalten sie einen zusätzlichen Punkt. 

Auf was sollte ich nun achten, um das Umschaltspiel zu trainieren?

Coachingpunkte Umschaltspiel trainieren

Für ein erfolgreiches Umschaltspiel ist es entscheidend, dass nach einem Ballgewinn zwar Tiefe geschaffen wird, ballnah aber eine Anspielstation zur Verfügung steht. Folglich sollte der ballferne Spieler, der nicht direkt angespielt werden kann, Tiefe schaffen. Der ballnahe Offensivspieler hingegen fungiert vor allem als Wandspieler, der, nachdem er den Ball klatschen ließ, die Tiefe attackiert. Ballnah sollte der Außenverteidiger der gelben Mannschaft nachschieben, um sofort zu unterstützen.

Neben dem ballnahen Außenverteidiger, ist es der zweite Mittelfeldspieler, der als Anspielstation für den Klatschpass dienen kann. Hier gilt die simple Idee des Spiels über den Dritten. Erst wird Druck erzeugt, um dann einen Spieler mit Blick zum gegnerischen Tor freizuspielen. Folglich kann dieser Spieler entweder den Ball treiben oder direkt den Tiefenpass spielen. Je nachdem wie sich die Defensive verhielt, kann der ballferne Spieler zentral hinter die Kette geschickt werden, oder der zentrale Mittelfeldspieler wählt einen Pass in den Halbraum, um die Hütchentore attackieren zu können.

Einen Punkt, den ich noch kurz ansprechen möchte, ist die Absicherung. Schiebt der ballnahe Außenverteidiger nach vorne, sollte sich sein Pendant an seinem Innenverteidiger orientieren, um im Falle eines direkten Ballverlustes die Defensive nicht komplett zu entblößen.

Darüber hinaus lässt sich auch das Offensivspiel der roten Mannschaft fokussiert trainiert werden. Wird der Ball nach außen gespielt auf den breiten Flügelspieler, ergeben sich verschiedene Fortsetzungsmöglichkeiten und die Frage:

Wie wird der Flügelspieler unterstützt? 

Die Rolle des ballnahen Achters (wir simulieren ein 4-3-3) kann, je nach Philosophie, komplett unterschiedlich interpretiert werden. Entweder der Achter dient als kurze Rückpassoption, schiebt folglich einfach etwas zur Seite, bleibt aber tiefer als der Flügelspieler. Oder er sorgt für Tiefe und startet einen Lauf in den Raum hinter dem gegnerischen Außenverteidiger. 

Wie verhält sich der Rest des Mittelfeldes?

Auf dieser Bewegung basieren die Bewegungen der anderen beiden Mittelfeldspieler. Der Sechser nimmt wohl meist die Rolle des Ankers ein, der das Offensivspiel absichert. Allerdings muss nicht immer dem Standard gefolgt werden. Vielleicht bietet sich das Fähigkeitenprofil des Sechsers an, um ihn vertikaler einzusetzen. Gerade gegen einen sehr mannorientierten Gegner könnte der vorschiebende Sechser zum Überraschungseffekt werden.

Die Frage wie sich der ballferne Achter verhält ist ebenfalls spannend. Schiebt er, ähnlich wie früher James Maddison bei Leicester City, in den Zehnerraum oder hält er seine Position, um schnelle Spielverlagerungen auf die andere Seite zu vereinfachen?

Wie verhalten sich die Flügelspieler?

Generell stellt sich auch die Frage, wie sich die Flügelspieler verhalten. Dabei könnte man unterscheiden zwischen der Situation, wenn der Ball noch innerhalb der blauen Zone ist und danach. Basiert der eigene Spielstil eher auf einem schnellen Vertikalspiel, nehmen die Flügelspieler wahrscheinlich keine breite Position an, sondern attackieren sofort die Tiefe. Folglich müssen die Spieler in der blauen Zone versuchen aus einer offenen Stellung direkt den Tiefenpass zu spielen. 

Alternativ können die Flügelspieler auch einrücken, um sich den Ball abzuholen. Dies geht dann aber auf Kosten der Breite welche bei einem schnellen Vertikalspiel jedoch keine zentrale Rolle spielt. 

Coachingpunkte für die gelbe Mannschaft

Das Schöne an dieser Spielform. Der Fokus kann beliebig verändert werden. Natürlich lässt sich das Umschaltspiel nach Ballgewinn coachen – der Ausganspunkt unserer Überlegungen. Aber auch das Defensivverhalten der gelben Mannschaft kann in den Fokus der Spielform gerückt werden. 

Ein besonders wichtiger Punkt ist die Kompaktheit. Ist der Abstand der gelben Verteidiger zur blauen Zone sehr gering, herrscht sofort Druck, wenn die rote Mannschaft sich aus jener herauskombinieren kann. Jedoch ist der Raum dahinter recht groß und Chippässe in Kombination mit Tiefenläufen der roten Mannschaft können tödlich werden. 

Des Weiteren lässt sich sehr schön die horizontale Kompaktheit thematisieren. Wie groß sollten die Abstände zwischen IV und AV sein? Wann wird herausgeschoben und wie wird abgesichert? Wie verhält man sich bei Tiefenläufen? Diese Punkte hängen natürlich stets von der Philosophie des Trainers ab, folglich gibt es hierfür nicht die eine richtige Antwort.

Sollte die rote Mannschaft häufiger mittels eines Rückpasses auf ihre Innenverteidiger das Spiel in der blauen Zone lösen, können auch verschiedene Pressingabläufe trainiert werden. In der Grafik oben, würde sich ein nach innen lenkendes Pressing anbieten, schließlich hat man im Zentrum die 4vs5 Situation recht einfach neutralisieren. 

Fazit

Mit Hilfe dieser Spielform lässt sich insbesondere das offensive Umschaltspiel durch den Halbraum trainieren. Dabei sollte der Fokus auf dem Durchbruch durch den Halbraum liegen, da dieser strategisch die meisten Fortsetzungsmöglichkeiten eröffnet. Allerdings kann diese Spielform nicht nur für das Trainieren des offensiven Umschaltspiels genutzt werden. Der Fokus lässt sich recht einfach auf andere Aspekte, wie das Offensivspiel oder das Pressing legen.

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