Standardanalyse – Montpellier HSC im Fokus

Nach dem 9. Spieltag rangiert Montpellier HSC auf dem 13. Tabellenplatz der Ligue 1. Zwei Spiele entschieden sie für sich, viermal trennte man sich ohne Sieger und dreimal verlor der Tabellendreizehnte. Warum ist eine durchschnittliche Mannschaft so interessant? Die Südfranzosen erzielten laut der Plattform „whoscored.com“ sieben ihrer 16 Treffer nach einer Standardsituation. Die folgende Standardanalyse befasst sich mit zwei dieser Standardtreffer im Detail.


Eckballanalyse – Die Wichtigkeit der Konterabsicherung bei Eckbällen

Der 2:0-Führungstreffer gegen Olympique Marseille resultierte aus einer Ecke von Florent Mollet. Allerdings fiel der Treffer nicht nach dem ersten Ball, sondern nach dem zweiten Ball. Gleichzeitig gab es abseits des Balles eine sehr interessante Täuschung, welche genauer unter die Lupe genommen wird.

2:0-Führungstreffer gegen Marseille (ab 00:57)
Positionierung bei der Ecke

Positionierung

Die Ecke wird von links (Sicht aus Spielrichtung der ballbesitzenden Mannschaft) von Rechtsfuß Florent Mollet (25) in Richtung des Tores gebracht. Montpellier positioniert fünf Spieler im Strafraum.

Zwei Spieler warten dabei knapp vor dem Fünfmeterraum, Elye Wahi (21) besetzt den Raum am ersten Pfosten, zwei Spieler besetzen die Zonen vor dem Strafraum und ein Spieler positioniert sich in Richtung von Mollen um bei Bedarf eine kurze Anspielstation zu bieten.

Marseille nimmt dabei alle Spieler in unmittelbarer Strafraumnähe in Manndeckung und überlädt zusätzlich den Bereich direkt vor dem Tor mit drei Spielern die den Raum verteidigen.

Delort manipuliert das Blickfeld seines Gegenspielers und löst sich

Die effektive Nutzung des Blickfeldes des Gegenspielers durch Andy Delort

Aufgefallen bei der Standardanalyse ist hierbei insbesondere das Verhalten von Andy Delort (9). Der Stürmer startet relativ zentral mit einer Entfernung von ca. sechs Metern zum Tor. Unmittelbar vor der Ausführung der Ecke deutet Delort mit einem Schritt in Richtung der Ecke einen Laufweg nach vorne zum ersten Pfosten an. Im Moment des Schrittes orientiert sich Gegenspieler Gerson und nimmt diese Bewegung mit an.

Der Montpellier-Angreifer unterbricht seinen Lauf allerdings sofort, läuft rückwärts in Richtung des zweiten Pfostens und entkommt so mit nur einem kleinen Schritt seinem Gegenspieler. Diese Bewegung zeigt welch große Auswirkungen bereits kleine Richtungsänderungen im Blickfeld des Verteidigers haben können.

Gleichzeitig kann man hierbei auch mitnehmen, dass Delorts Schritt nur funktioniert, weil Gerson sich genau in diesem Moment orientiert und daher die Täuschung auch überhaupt erst wahrnehmen kann.

Die Wichtigkeit Konterabsicherung

Bei vielen Mannschaften steht die Konterabsicherung an der Mittellinie im Vordergrund. Dabei geht es in der Diskussion meist darum, ob man ein 1vs1 an der Mittellinie in Kauf nimmt, ein 2vs1 oder sogar ein 3vs1 an der Mittellinie möchte. Dabei ist ein ganz anderer Bereich für die Konterabsicherung interessant und das ist der Bereich unmittelbar vor dem Strafraum.

Viele geklärte Bälle landen in den Zonen direkt vor dem Strafraum, von wo dann der oftmals der Ball ungestört in die Tiefe gespielt werden kann. Kann dieser Ball gespielt werden, so wird es relevant, wie man an der Mittellinie aufgestellt ist. Viel mehr geht es aber darum, diesen kontrollierten Ball zu verhindern. Dies geschieht durch eine gezielte Besetzung der Zonen vor dem Strafraum, in welche der geklärte Ball landen kann. Hierbei ist es abhängig von der gespielten Variante, wo der zweite Ball vermutlich landet. Somit benötigt jede Eckballvariante eine der Variante angepasste Konterabsicherung.

In dieser Szene zeigt Montpellier wie wertvoll es ist, diese Zonen zu kontrollieren. Montpellier verhindert den Konter, hat aber gleichzeitig auch einen Ballgewinn in einer aussichtsreichen Zone. Aus diesem Ballbesitz spielen sie eine Verlagerung, ehe Gaetan Laborde mit einem starken Schlenzer den 2:0-Treffer erzielte.

Germain startet in das Blickfeld vor den Verteidiger

Bei jeder Standardsituation, egal ob Eckball oder Freistoß, kann es einen großen Vorteil vor den Gegner zu kommen. Bestenfalls startet man außerhalb des Blickfeldes des Verteidigers und bewegt sich bewusst in das Blickfeld mit Tempo hinein. So schafft man einen Überraschungsmoment und hat einen großen Vorteil gegenüber dem Verteidiger.

2:2-Treffer nach Freistoßflanke durch Valere Germain (ab 02:17)
Positionierung beim Freistoß

Positionierung

Savanier (11) führt den Freistoß von der linken Seite aus. Bordeaux platziert eine Mauer mit einem Spieler. Im Zentrum befinden sich sieben Spieler auf Höhe der Mauer, wobei ein Spieler etwas näher am Schützen steht um den ersten Pfosten zu sichern. Ein Verteidiger sichert den Rückraum um ein kurzes Anspiel auf Ristic (7) oder Ferri (12) zu verhindern. Zwischen Elfmeterpunkt und Strafraumgrenze befindet sich noch ein Bordeaux-Spieler um kurz geklärte Bälle zu sichern und einen möglichen Konter einzuleiten.

Montpellier steht mit sechs Angreifern im Strafraum, wobei sich vier näher an der Verteidigerlinie befinden und Mollet (25) und der spätere Torschütze Germain (9) mit etwa Abstand zu dieser Linie starten. Ristic (7) und Ferri (12) bilden die eben angesprochene wichtige Konterabsicherung vor dem Strafraum.

Germain kommt vor den Gegenspieler und trifft

Germain (9) startet bei Ausführung des Freistoßes vor seinen Gegenspieler in Richtung Fünfmeterraumeck. Gleichzeitig starten auch Mavididi (10) im Zentrum und Cozza (31) am zweiten Pfosten in Richtung Tor. Mollet (25) und Esteve (34) starten nicht wirklich in Richtung Tor, wohingegen Leroy (18) eine wichtige Bewegung macht. Der 21-Jährige startet nicht in Richtung Tor, sondern löst sich in den Rücken der Verteidiger um einen möglichen zweiten Ball im Strafraum sofort zu verwerten.

Savanier führt den Freistoß aus und zieht in mit Druck in Richtung des Tores. Der Ball landet perfekt auf Höhe des Fünfmeterraums, wo Germain (9) vor seinen Gegenspieler kommt, den Ball minimal berührt und zum 2:2 trifft. Parallel laufen Mavididi (10) und Cozza (31) durch, sodass sie eine mögliche Verlängerung des Balls von Germain im Tor unterbringen können. Auch diese Szene zeigt wieder, wie gut Montpellier bei Standardsituationen auf viele Szenarien vorbereitet ist.

Fazit der Standardanalyse

Die vorangegangene Standardanalyse hat gezeigt, dass Montpellier HSC viele Sachen berücksichtigt um die Wahrscheinlichkeit eines Erfolgs einer Standardsituation zu erhöhen.

Angefangen mit einer passenden Positionierung, welche eine effektive Konterabsicherung enthält, über ein Einlaufverhalten welches das Blickverhalten des Verteidigers mit einbezieht, bis zu einem gut ausgeführten Standard und einem guten Abschluss. Das Thema Standardsituationen ist sehr facettenreich und wir werden uns zukünftig stärker mit dem Thema auseinandersetzen. Bleibt also gespannt!

Die Videos zu den Szenen finden sich auf Youtube in den Highlights zu dem betreffenden Spiel. Für Fragen, Anmerkungen oder einen Austausch über das Thema meldet euch bei uns über Instagram (@thefalsefullback) oder per Twitter bei mir direkt (@TaktikLiebe).

Kategorie Allgemein

Jonas Schaar (19) trainiert aktuell die U12 des Eimsbütteler TV. Seit knapp fünf Jahren ist er als Jugendtrainer tätig. Insbesondere interessiert er sich für den Spielaufbau, Standardsituationen und die individuelle Weiterentwicklung jeder seiner Spieler. Auf Twitter findet ihr Jonas unter @TaktikLiebe.

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