Warum Leroy Sané plötzlich ein Leistungsträger beim FC Bayern ist

Spieler floppen nicht, sie werden nur falsch eingebunden. Was wie eine steile These klingt, trifft auf Bayerns Königstransfer des Sommers 2020 zu. Die Erwartungen an Leroy Sané nach seinem Wechsel nach München waren groß, die Enttäuschung nach einer schwachen Debutsaison wohl noch größer.

Folglich startete der ehemalige Schalker mit viel Druck in die Saison, nur um dann am dritten Spieltag gegen Köln Pfiffe von den eigenen Fans zu kassieren. Die mediale Präsenz um Sané war bereits vor der Partie groß, nach dem Spiel geriet das Thema zum Dauerbrenner im Umfeld der Münchner. Allerdings schien in der darauffolgenden Länderspielpause einiges passiert zu sein. Gespräche zwischen Sané und Flick, sowie Nagelsmann und Sané, der Austausch zwischen Nagelsmann und dem Nationalcoach, sowie intensive Überlegungen des Bayern-Coaches, wie er die Stärken Sanés besser nutzen konnten, scheinen gefruchtet zu haben. 

Mittlerweile wirkt Leroy Sané nicht nur angekommen in München, er entwickelte sich zur zentralen Stütze im Münchner Offensivspiel. Aktuell ist er gesetzt. Kingsley Coman, Serge Gnabry und Jamal Musiala streiten sich um den übriggebliebenen Platz in der Startelf. Doch was änderte sich? Und welche Rolle spielten die Anpassungen von Julian Nagelsmann?

Auf der Suche nach seiner Rolle

Es gibt keine schlechten Spieler, nur falsch eingebundene. Diese, zugegebenermaßen, überspitzen Aussage, enthält einen wahren Kern. Die Rolle, die ein Spieler innerhalb einer Mannschaft einnimmt, hat große Auswirkungen auf seine Leistungen. Im Profigeschäft ist der Trainer nicht mehr für die Entwicklung eines Spielers zuständig. Sicherlich lassen sich in verschiedenen Bereichen immer noch Fortschritte machen. Die Toptrainer beweisen dies jedes Jahr. Primär geht es aber darum, dass es einem Trainer wie Julian Nagelsmann gelingt ein System zu schaffen, dass die Schwächen eines jeden Spielers kaschiert und seine Stärken hervorhebt. 

Zu den Stärken des Leroy Sanés zählt sein dynamisches und schnelles Dribbling. Sané zeichnet sich dabei durch seine gute Ballführung, seine Wendigkeit und seine perfekte Kontrolle auch unter hohem Tempo aus. Seine schlangenartigen Bewegungen erinnern dabei etwas an Phil Foden von Manchester City. Anders als sein ehemaliger Teamkollege fühlt sich Sané allerdings unter Druck nicht wirklich wohl. Zu oft trifft er die falschen Entscheidungen oder braucht schlichtweg zu lange. Auch seine Ballverarbeitung unter Druck ist nicht immer perfekt. 

Die fehlenden Fähigkeiten zwischen den Linien waren ein Grund, wieso Joachim Löw Sané nicht für die WM 2018 nominierte. Da unter Löw die Flügelspieler eher wie Zehner zwischen den Linien agierten, war seinerzeit die Wahl von Julian Brandt nachvollziehbar. Hansi Flick, damals schon nicht mehr Co-Trainer unter Joachim Löw, sah das anders. Er sah die möglichen Vorteile eines Sanés zwischen den Linien. Bevor er nach München wechselte, agierte er bei Manchester City unter Pep Guardiola noch als breiter Flügelspieler auf der linken Seite. 

Leroy Sané

Flick hingegen setzte Sané zunächst links im Halbraum ein. Wie so viele Top-Trainer präferierte auch Flick eine einfache Außenbahnbesetzung. Durch Alphonso Davies gab es bereits einen Spieler, der links die Breite geben konnte. Nachdem Sané nur langsam in die Saison startete, probierte Flick ihn in klassischer Arjen Robben-Manier auf rechts als inverser Flügelspieler einzubinden. Auch ich habe gedacht, dass Sané in dieser Rolle aufblühen könnte. Allerdings tut sich der Flügelflitzer bis heute mit den diagonalen Dribblings schwer. 

Zurück auf dem linken Flügel lief es nicht besser und so langsam verlor Sané seinen Startplatz an Kingsley Coman. Für den 45-Millionen Neuzugang schien es keinen perfekten Platz im Münchner Ensemble zu geben. Rückblickend muss man sagen, dass Hansi Flick Recht hatte Leroy Sané im linken Halbraum zu platzieren. Allerdings gelang es dem ehemaligen Coach nicht den Flügelspieler so einzubinden, dass seine Stärken voll zum Tragen kommen konnten.

Nagelsmann knackt den Sané-Code

Wie so oft sind es Nuancen, die den Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg ausmachen. So auch im Falle von Leroy Sané. Ähnlich wie Flick, lässt auch Nagelsmann den Nationalspieler im linken Halbraum auflaufen. Der Unterschied, Sané fühlt sich wohl und ist neben Robert Lewandowski der gefährlichste Münchner Angreifer. Da stellt sich natürlich die Frage, welches Puzzleteil Julian Nagelsmann veränderte?

Seit seiner Amtsübernahme baute Nagelsmann primär auf der Arbeit von Hansi Flick auf. Eine der wichtigsten Weiterentwicklungen ist das Spiel in Ballbesitz. Wo Flick im Vergleich zum Vorgänger Kovac bereits Fortschritte machte, führt Nagelsmann die Bayern gerade wieder in die absolute Weltspitze in Ballbesitz, zu der sie zwischen 2012-2016 bereits gehörten. 

In Ermangelung eines richtigen Rechtsverteidigers laufen auch unter Nagelsmann Innenverteidiger wie Süle oder Pavard auf der rechten Seite auf. Allerdings agieren sie im Aufbauspiel wesentlich klarer als Halbverteidiger und die Bayern bilden eine Dreierkette. Alphonso Davies schiebt höher und gibt die Breite, Leroy Sané rückt in der Folge in den linken Halbraum. 

Zusätzlich schiebt Leon Goretzka im Laufe eines Angriffes in den Zehnerraum und die Bayern agieren in einem 3-1-5-1 bzw. 3-5-2. Mehr zu den genauen Abläufen erfahrt ihr in unserem Video.

Anders als unter Flick ermöglicht die zentrale Überzahl den Bayern einen Spieler dauerhaft freizuspielen. Überladen die Bayern beispielsweise den rechten Halbraum, zwingen sie den Gegner weit auf diese Seite zu schieben. Aufgrund der wesentlich besseren Struktur gelangen die Bayern durch schnelle Verlagerungen regelmäßig in den linken Halbraum. Hier erhält Sané den Ball dann in einer offenen Stellungen und, viel wichtiger, mit Blick auf das gegnerische Tor. In der Folge kann er seine Dribblings sofort ansetzen und auf die letzte Kette zudribbeln – für den Gegner unheimlich schwer zu verteidigen. 

Eisbrecher Robert Lewandowski

Neben dem Freispielen nach Verlagerungen, nutzten die Bayern regelmäßig Robert Lewandowski als Eisbrecher für Sané. Der Pole bewegt sich frühzeitig in den linken Halbraum. Die Präsenz des möglichen Weltfußballers sorgt dafür, dass die Verteidiger nur sehr ungern auf Sané herausrücken. Das Thema Freiblocken haben wir übrigens in unserem Magazin bereits näher diskutiert. Leon Goretzka und Alphonso Davies sorgen darüber hinaus dafür, dass sich auch die Mittelfeldlinie nicht auf Sané konzentrieren kann. Zu guter Letzt ergeben sich durch die Dreierkette im Aufbau hervorragende Passwinkel für Lucas Hernandez, der Sané immer wieder zwischen den Linien anspielen kann. Ohne Druck von hinten kann der Nationalspieler aufdrehen und mit Hilfe seiner Dribblings und seiner Dynamik das Münchner Offensivspiel auf eine neue Stufe heben.

Leroy Sané

Ein passendes Beispiel lieferte die Partie gegen RB Leipzig. Unter Jesse Marsch versuchen die roten Bullen mit Hilfe des Flügelspielers den Innenverteidiger in den Halbraum zu drängen. Gegen eine Dreierkette kann das aber zu Problemen führen. Den Münchnern gelang es immer wieder Situationen von positioneller Überlegenheit zu schaffen. Davies konnte im Rücken des Flügelspielers den offenen Raum attackieren. Lewandowskis Positionierung zwischen IV und AV zwang die Kette ebenfalls die Position zu halten. Und die Überzahl im Zentrum zwang Leipzigs Sechser zu langen Wegen im Verschieben. In der Folge konnte Sané zwischen den Linien freigespielt werden.

Darüber hinaus kommt der vertikale Stil Sanés Stärken entgegen. Auch unter Hansi Flick versuchte man durch ein hohes Pressing, wie beim legendären Spiel gegen den FC Barcelona, Konterchancen zu kreieren. Unter Nagelsmann kontern die Bayern teilweise bereits aus dem eigenen Ballbesitz. Konter aus dem eigenen Ballbesitz wurden vor allem durch den SSC Napoli unter Maurizio Sarri bekannt. Im Grunde lädt man den Gegner durch eine ruhige Ballzirkulation in der eigenen Hälfte dazu ein, hoch zu pressen. Folglich ergeben sich Räume, die man dann versucht durch schnelle Vertikalpässe zu nutzen. Das Spiel der Münchner gegen Bayer Leverkusen dient hierfür als Paradebeispiel. In diese Situationen kommt Sané starke Ballführung in hohem Tempo natürlich zusätzlich zur Geltung.

Durch die tiefe Ballzirkulation der Münchner versucht Leverkusen hoch zu pressen. Müllers Ausweichen lässt sich nur schwer verteidigen, da die hohe Präsenz weiter vorne die Viererkette zwingt tiefer zu stehen. Nachdem die Münchner das Pressing der Leverkusener überspielten, konnte Sané mit Blick zum Tor den offenen Raum attackieren.

Übernimmt er noch mehr Verantwortung?

Über die letzten Partien hinweg konnte man beobachten, dass Sané immer mehr Verantwortung übernahm. Seine Rolle scheint sich langsam etwas freier zu gestalten. Gegen den SC Freiburg sah man Sané beispielsweise in typischer Thomas Müller Manier auf den linken Flügel hinter Davies abkippen, um sich gegen das höhere Pressing der Breisgauer den Ball tiefer abzuholen. In der Folge war es Sané, der das Münchner Übergangsspiel organisierte. 

Leroy Sané

Wieder zeigt sich, dass das Münchner System den Gegner vor große Probleme stellt. Gegen das 5-2-3 der Freiburger schafften die Münchner eine klare Überzahl und stellten Kübler vor die Frage, ob er Sané oder Davies verfolgen sollte, da der ballnahe Halbverteidiger durch einen ausweichenden Lewandowski gebunden wurde.

Ob wir diese Rolle in Zukunft vermehrt sehen, ist eher fraglich. Persönlich stoßen die Bayern dann zu schnell in die gegnerische Hälfte vor, was zu Lasten ihrer Struktur im Gegenpressing geht. Darüber hinaus, in einer Mannschaft mit Joshua Kimmich als Sechser, sollte möglichst jeder Angriff über den Sechser eingeleitet werden. Nichtsdestotrotz ist es natürlich gut, wenn es neben Kimmich noch andere Wege in die gegnerische Hälfte geht. Auch hier machen Spieler wie Dayot Upamecano die nächsten Schritte. 

Was bringt die Zukunft für Leroy Sané?

Eines steht bereits fest, die Bayern sind unter taktischen Gesichtspunkten unter Julian Nagelsmann eine sehr interessante Mannschaft. Auch spielerisch macht der Münchner Fußball in den letzten Wochen Lust auf mehr. Nichtsdestotrotz wirken die Bayern noch nicht zu 100% stabil. Neben der wackeligen Defensive ist auch das Münchner Gegenpressing noch weit von dem entfernt, was sich Julian Nagelsmann wahrscheinlich vorstellt. 

Zu Leroy Sané. Seine Rolle wird sich aller Wahrscheinlichkeit nach innerhalb dieser Saison nicht weiter ändern. Warum auch? Aktuell läuft es gut für ihn und die Gegner der Münchner müssen erst einmal ein Rezept gegen das Freispielen zwischen den Linien finden. Abschließend möchte ich noch betonen, dass es sicherlich nicht nur die bessere Einbindung ist, die Sané so stark macht. Nach seiner schweren Verletzung brauchte er natürlich einige Monate, um zu seinen Stärken zurückzufinden. Auch war die Eingewöhnung in München während einer Pandemie sicherlich alles andere als einfach. 

Aktuell merkt man Sané vor allem ein gesteigertes Selbstvertrauen an, dass er sich durch seinen Einsatz gegen den Ball und dem darauffolgenden Applaus der Fans hart verdient hat. Allerdings bedingen sich mentale Aspekte wie Selbstvertrauen und die taktische Rolle im System gegenseitig. Zum einen führt er seine Aktionen aktuell selbstbewusster aus. Zum anderen bringt ihn die neue Rolle immer wieder in Situationen, in denen er seine Stärken ausspielen kann. In der Folge wächst sein Vertrauen in die eigenen Stärken.

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