Das Dribbling spielnah trainieren

Nach der WM 2018 entbrannte eine weitreichende Diskussion im deutschen Fußball. Nach Jahren der passdominierten Ausbildung hatten wir zwar spielstarke Mittelfeldspieler, allerdings fehlten uns die 1vs1 Spieler, die Spiele entscheiden können, so der Konsens der öffentlichen Diskussion. 

Im Zuge dessen, wollte man zurück zu den Wurzeln des Fußballs. Es sollte individueller und weniger passlastig trainiert werden – der Begriff Straßenfußballer durfte natürlich nicht fehlen. Straßenfußballer, so die öffentliche Meinung, sind richtige Zocker, die nie ein 1vs1 scheuen und stets für Spektakel stehen. Weg von den Passrobotern ala Xavi oder Xabi Alonso, hin zu den Zauberern, wie Neymar. 

Die stärkere Betonung des Dribblings in der Ausbildung junger Spieler ist definitiv die richtige Entscheidung. In Zukunft werden Spieler, die in engen Räumen mit Hilfe von Dribblings gegnerische Verteidigungsblöcke knacken können, immer wichtiger. Rein über ein schnelles Passspiel lassen sich die athletischen Defensiven heutiger Zeit kaum vor Probleme stellen. 

Zwei mögliche Probleme der Diskussion

Aus zweierlei Gründen blicke ich trotzdem mit einer gewissen Skepsis auf diese Debatte. Erstens werde ich das Gefühl nicht los, dass wir nur an 1vs1 Flügelspieler denken, wenn wir über Unterschiedsspieler sprechen. Vielleicht sind wir in dieser Hinsicht zu stark durch Bayerns langjährige Flügelzange Arjen Robben und Franck Ribéry geprägt. 

Die Dribbler der Zukunft werden meiner Meinung aber nicht nur Flügelspieler sein. Jede Position wird dribbelstarke Spieler benötigen. Die heutigen Sechser besitzen bereits diese Fähigkeiten. Egal ob Joshua Kimmich, Mateo Kovacic oder Marco Verratti, jeder dieser Spieler dominiert unter anderem wegen seinem Dribbling. Ein Akteur wie Frenkie de Jong ist seiner Zeit wahrscheinlich sogar schon voraus. Neben der Sechserposition werden wir auch auf der Position des Außenverteidigers immer mehr Dribbler sehen. Raphael Guerreiro und Alphonso Davies sind bereits die Vorboten dieses Trends. 

Der erste Punkt beschäftigt uns im Jugend- und Amateurfußball erst einmal weniger. Der zweite Grund, wieso ich mit Skepsis auf diesen Trend schaue, bezieht sich auf die Trainingsgestalung im Jugend- und Amateurfußball. Ich sehe immer noch viele Trainer, die mit Hilfe isolierter 1vs1 Übungen das Dribbling ihrer Spieler verbessern wollen. Nicht falsch verstehen, diese Übungen sind sinnvoll und ermöglichen individuelles Coaching und eine hohe Wiederholungszahl. Allerdings reichen diese nicht aus einen Spieler zu einem großartigen Dribbler zu machen. Schließlich ist das 1vs1 nicht wirklich spielnah, im Spiel gibt es schließlich so gut wie nie ein isoliertes 1vs1. Ich habe die Befürchtung, dass im Zuge des größeren Fokus auf das 1vs1 noch häufiger isoliert trainiert wird. 

Wie begründe ich meine These, dass wir nur mit Hilfe des isolierten 1vs1 keine guten Dribbler ausbilden?

Wie immer geht es um den Kontext des Spiels. Vor jeder Aktion im Fußball steht eine Entscheidung. Dabei beeinflusst die Situation, in der sich der Spieler befindet, stark diese Entscheidung. Die Position auf dem Platz, die Positionierung der Mit- und Gegenspieler, sowie die bespielbaren Räume spielen alle eine Rolle, ob ein Spieler ins Dribbling gehen und wenn ja, welchen Raum er ansteuern sollte. 

Ohne diesen Entscheidungsfindungsprozess verbessern wir nur die technischen Fähigkeiten eines Spielers im Dribbling. Allerdings benötigen wir gerade im Zentrum Akteure, die unter hohem Zeit- und Gegnerdruck die strategisch richtigen Entscheidungen treffen. Folglich müssen unsere Spielformen möglichst spielnah sein, um eine ganzheitliche Ausbildung der Dribblingfähigkeiten unserer Spieler zu gewährleisten. 

Das Spiel als Lehrmeister – der Prozess einer Spielformerstellung

Lasst uns kurz auf das richtige Erstellen einer Spielform blicken. Die Basis ist stets das Spiel. Dabei geht es darum, dass wir die Aspekte, die am Wochenende in regelmäßiger Form vorkommen spielnah trainieren. Meist handelt es sich dabei um Ausschnitte einzelner Szenen. 

Nehmen wir das klassische Beispiel des Flügelspielers im 1vs1. Meist befindet sich der Flügelspieler nahe der Seitenlinie und sieht sich einem 1vs1 bzw. einem 1vs2 gegenüber (gegnerischer Außenverteidiger und Flügelspieler). Des Weiteren sichert dahinter ein Innenverteidiger oder Sechser ab. Der Flügelspieler erhält im klassischen Falle Unterstützung durch den Außenverteidiger, durch Hinter- oder Vorderlaufen. Darüber hinaus dient der ballnahe Sechser als Bindeglied und Unterstützer. 

Unser Flügelspieler sieht sich nun mehreren Möglichkeiten gegenüber. Er kann versuchen am Verteidiger vorbei Richtung Grundlinie durchzubrechen, versuchen diagonal ins Zentrum vorzudringen, den Außenverteidiger einsetzen oder über den Sechser ins Zentrum verlagern. Seine Entscheidung hängt dabei von seinen eigenen Stärken und Schwächen, dem Verhalten und der Positionierung seiner Gegen- und Mitspieler, sowie den offenen Räumen ab. 

Möchten wir nun spielnah das Dribbling unseres Flügelspielers verbessern, muss eine passende Spielform eben jene Entscheidungsmöglichkeiten beinhalten. Mit Hilfe verschiedener Provokationsregeln und Feldanpassungen, können wir bestimmte Aktionen inzentiveren oder den Spieler vor größere Herausforderungen stellen. 

Spielformen müssen dabei nicht immer so konkret sein, wie im oben beschriebenen Beispiel. Wir können sie durchaus allgemeiner halten, um die erlernten Fähigkeiten universal auf dem Platz anwenden zu können. Im Kern bleibt aber stets die Voraussetzung, dass wir den Spieler vor die Entscheidung stellen, ob er ins Dribbling gehen sollte und wenn ja, welchen Raum er am besten attackieren sollte. 

Das Dribbling verbessern – verschiedene Beispielübungen

Im Folgenden möchte ich nun anhand einer Beispielübungen zeigen, wie sich das Dribbling spielnah verbessern lässt. Dabei ruht der Fokus auf der Entscheidung zwischen Pass oder Dribbling, der Dribblingaktion selbst und der Anschlussaktion. Letztere ist essenziell für einen erfolgreichen Dribbler. Schlage ich den Verteidiger im 1vs1, verpasse aber dann den Moment des Abspiels oder Torschusses, sind meine Dribblingfähigkeiten nicht mehr viel wert. 

Dribbling trainieren

Die erste Übung ist eine kleine Variation des klassischen 1vs1. Zwar bietet eine isolierte 1vs1 Übung nur geringe Spielnähe, allerdings ist die Wiederholungszahl sehr hoch und der Trainer kann sich auf das Verhalten des dribbelnden und des verteidigenden Spielers konzentrieren. 

Mit Hilfe dieser Spielform möchte ich zusätzlich die Entscheidung zwischen Dribbling und Pass einbeziehen. Durch den freien Spieler in der großen Zone, kann die blaue Mannschaft auch durch eine Verlagerung zum Erfolg kommen. Darüber hinaus spielt auch das Freilaufverhalten in dieser Form eine große Rolle. Schließlich spielt die richtige Körperposition bei der Ballannahme bereits eine wichtige Rolle für den Erfolg eines Dribblings.

Die Spielform läuft wie folgt ab. Es werden drei Zonen, wie in der Abbildung, gebildet. Dabei besetzt jeder Spieler der blauen Mannschaft eine Zone. Die rote Mannschaft besetzt mit jeweils einem Spieler die kleinen Zonen. Nun wird innerhalb der Zonen 1vs1 gespielt, wobei die blaue Mannschaft einen Spieler in der großen Zone hat, der als Bindeglied fungiert (er führt den Seitenwechsel von einer in die andere Zone durch). Die beiden 1vs1 Spieler der blauen Mannschaft dürfen in der ersten Stufe nur über den Verbindungsspieler verlagern und sich keine Pässe direkt zuspielen. Erobert rot den Ball, kontern sie auf das Minitor. 

Nun haben wir in dieser Spielform viele 1vs1 Duelle, schließlich lässt sich nur so ein Tor erzielen, allerdings schulen wir auch das richtige Freilaufverhalten und die darauffolgende Entscheidung, ob gepasst oder gedribbelt werden sollte. 

Persönlich fokussiere ich mich im Coaching bei dieser Spielform sehr viel auf das richtige Freilaufverhalten. Dabei kann dem Spieler die Frage gestellt werden, wie er es schafft Raum zwischen sich und den Verteidiger zu bringen, um ein frontales 1vs1 zu erhalten. Lang-kurz oder kurz-lang Bewegungen sind hierfür essenziell. Schließlich zwingt der mögliche Tiefenlauf den Verteidiger dazu sich etwas fallen zu lassen, was dann wiederrum mehr Platz für die Ballannahme und das Dribbling bietet. 

Des Weiteren spielt auch der erste Kontakt eine wichtige Rolle. Der Spieler sollte den Ball möglichst in den offenen Raum mitnehmen, um sich selbst Platz zu verschaffen. Gerade wenn er mit dem Rücken zum Verteidiger positioniert ist. 

Variationen Stufe 1

Möchte man sich in einer Einheit sehr stark auf diese individuellen Aspekte fokussieren, lässt sich die Spielform einfach erweitern, um neue Reize zu setzen. Zuallererst können Pässe zwischen den beiden Spielern in den kleinen Zonen erlaubt werden. Dann spielt die Richtung, in die ein Dribbling gestartet wird, eine zusätzliche Rolle, um sich möglichst viele Optionen offenzuhalten.

Zusätzlich darf der Spieler in der großen Zone in die anderen beiden Zonen vorstoßen. In der Folge ergeben sich 2vs1 Situationen und es lassen sich Konzepte wie Vorder- und Hinterlaufen einführen. Insbesondere, wenn man dem vorrückenden Spieler ein Zeitlimit innerhalb der Angriffszone setzt. Schließlich sind dann gut getimte Tiefenläufe die einzige Möglichkeit den Dribbler zu unterstützen. 

Variationen Stufe 2

In einer zweiten Stufe würde ich die kleinen Zonen vereinen und ein 3vs2 mit zwei Zonen auf zwei bzw. ein Minitor spielen. Um Dribblings weiterhin zu provozieren, darf der tiefe Spieler nur mit Hilfe von vertikalen Läufen mit einem Zeitlimit (z.B. 10 Sekunden) seine Mitspieler in der Angriffszone unterstützen. Folglich wird primär ein 2vs2 in der Angriffszone gespielt mit der Unterstützung eines tiefen Spielers als Verlagerungsspieler. 

Dribbling trainieren

Durch das Auflösen der kleinen Zone werden die Bewegungen der Spieler ohne Ball wichtiger, um einen Spieler effektiv freizuspielen und ihm Räume zu öffnen. Darüber hinaus ergeben sich für die Defensive mehr Möglichkeiten. Die Verteidiger können durch ballorientiertes Verschieben und kluges Anlaufen den Gegner isolieren. Die Unterzahlmannschaft hat nur eine Chance, wenn sie es schaffen aus dem 2vs3 ein 2vs2 durch cleveres Anlaufen herzustellen. 

Variation Stufe 3

Im nächsten Schritt möchten wir die Spielform spielnäher gestalten. Hierfür fügen wir der roten Mannschaft zwei weitere Spieler hinzu. Nun wird 3vs4 ohne die eingezeichneten Zonen gespielt. Die rote Mannschaft wird sich wahrscheinlich eher auf das Passspiel fokussieren, um ihre Überzahl auszuspielen. Die Unterzahlmannschaft wird logischerweise primär Dribblings nutzen, um ihre Unterzahl wettzumachen. 

Möchte man auch die Überzahlmannschaft zu mehr Dribblingaktionen bewegen, kann dies mit Hilfe einer Provokationsregel, wie mindestens drei Ballkontakte, erreicht werden. Allerdings sollte man vorsichtig sein, schließlich schränkt eine solche Provokationsregel den Entscheidungsspielraum der Akteure doch sehr ein. 

Variation Stufe 4

Die letzte Variante beinhaltet, neben dem Fokus auf das Dribbling, Elemente der Absicherung. Zwischen den beiden Minitoren des Gegners wird nun jeweils ein Spieler positioniert. Im Feld wird 3vs3 gespielt. Der Spieler zwischen den Minitoren dient als Anspielstation in der Tiefe. Folglich haben die Spieler einen Anreiz nach einem erfolgreichen Dribbling den Pass in die Tiefe zu suchen.

Dribbling trainieren

Außerdem ergeben sich mehr Gelegenheiten Aspekte, wie das Spiel über den Dritten neben dem Dribbling zu trainieren. Zusätzlich muss stets versucht werden tiefe Anspielstationen für den Gegner zu schließen, falls die eigene Mannschaft den Ball verliert. Folglich können wir wiederrum Aspekte wie Gegenpressing und Gegenpressingsicherung trainieren.

Fazit – Dribbling trainieren

Ich hoffe die Beispielspielform mit den verschiedenen Varianten hilft euch spielnähere Spielformen für das Dribbling zu erstellen. Persönlich versuche ich einfach im Hinterkopf zu haben, dass jede Spielform:

  1. Eine Entscheidung beinhalten muss
  2. Implizit Lerninhalte vermittelt
  3. Den Transfer auf das reale Spiel vereinfacht

Insbesondere Punkt 3 ist in dieser Spielform nicht komplett gegeben. Allerdings wird dies durch eine hohe Wiederholungszahl und durch recht individuelles Coaching kompensiert. Meiner Meinung nach kann man in einem Training, das sich sehr auf die individuellen Dribblingfähigkeiten fokussiert, diese Spielformvarianten alle nacheinander durchführen. So lassen sich die spezifischen Probleme der einzelnen Spieler coachen, ohne komplett isoliert zu trainieren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert