Wie funktioniert das Pressing im 4-3-3?

Neben dem Pressing im 4-2-3-1, erfreut sich auch das 4-3-3 immer größerer Beliebtheit. Allen voran Liverpool unter Jürgen Klopp haben das Pressing im 4-3-3 wieder in Mode gebracht. Die Grundstaffelung ermöglicht ein sehr aggressives Anlaufen oder eine abwartende Stellung, ein Isolieren auf außen oder ein Lenken nach innen. Vielfältigkeit und Flexibilität zählen sicherlich zu den Stärken dieser Grundformation. Zeit einen Blick auf die verschiedenen Varianten zu werfen. 

Wie bereits im Artikel zum Pressing im 4-2-3-1 möchte ich zwischen dem nach innen und dem nach außen Lenken unterscheiden und beide Fälle diskutieren. Natürlich ist diese Analyse nicht allumfänglich und es gibt sicherlich andere Möglichkeiten das Pressing im 4-3-3 durchzuführen. Vielmehr soll der Artikel eine erste Idee vermitteln. 

Der Keil im 4-3-3 – oder wie lenke ich im Pressing im 4-3-3 nach außen

Pressen wir im 4-3-3 und möchten den Gegner nach außen lenken, können wir über den Stürmer als Keil nachdenken. Seine Aufgabe ist es den gegnerischen Aufbau in eine Richtung zu lenken und das Spielfeld abzuschneiden. Die Idee – durch ein bogenförmiges Anlaufen des Stürmers wird der Seitenwechsel zum anderen Innenverteidiger versperrt. Die ballbesitzende Mannschaft ist auf einer Seite gefangen und das bespielbare Feld verringert. Durch ein kompaktes Zentrum und das Anlaufen des Stürmers soll der Innenverteidiger zum Pass Richtung Seitenlinie gedrängt werden. Jene fungiert gegen den Ball als zusätzlicher Verteidiger. Schaffen wir es den Gegner in diesem Raum zu isolieren, gelingt die Balleroberung und der Gegner ist bereits früh am Spielaufbau gehindert. 

Grundstaffelung

Neben dem Stürmer kommt es sehr stark auf das Verhalten der anderen Akteure an, ob dieses Ziel erreicht wird. Insbesondere die Rolle der beiden Flügelspieler und Achter sollten wir uns im Detail anschauen. 

Lenken wir den Gegner nach außen, positionieren sich unsere Flügelspieler in aller Regel etwas tiefer, aus dem 4-3-3 wird meist ein 4-1-4-1. Die Positionierung der Flügelspieler hängt dabei stark von den gegnerischen Außenverteidigern ab. Wir möchten vermeiden, dass ein einfacher diagonaler Pass des Innenverteidigers auf den Außenverteidiger unsere Mittelfeldlinie überspielt. Folglich sollte sich der Flügelspieler nicht höher als der gegnerische Außenverteidiger positionieren, es sei denn, er kann die Passlinie schließen. 

Gerade gegen Mannschaften, die die Außenbahn nur einfach besetzen, ist Letzteres eher schwierig. Primär dient der Flügelspieler nämlich dazu den Pass in den Halbraum zu unterbinden. Im obigen Beispiel möchten wir verhindern, dass der Innenverteidiger den Flügelspieler anspielt. Schließlich würde dieser Pass sehr viel Raumgewinn für die gelbe Mannschaft bedeuten bei gleichzeitigem Überspielen unseres kompletten Mittelfeldes. 

Wird nun der gegnerische Außenverteidiger angespielt, hat unser Flügelspieler die Aufgabe bogenförmig anzulaufen, um einen ersten Kontakt nach vorne zu verhindern. Hier gleichen sich das Pressing im 4-3-3 und 4-2-3-1 bzw. den Kontakt nach vorne zu unterbinden, ist ein allgemeingültiges Defensivprinzip. 

 lenken

Der ballnahe Außenverteidiger und zentrale Mittelfeldspieler können sich beide an ihren direkten Gegenspielern orientieren, sodass wir dauerhaft Druck auf dem Ball haben, selbst wenn sich die gelbe Mannschaft vom Flügel ins Zentrum lösen kann. 

Viel interessanter sind hingegen die Positionierungen der ballfernen Spieler. Der ballferne ZM kann sich wahlweise am gegnerischen Sechser oder Achter orientieren, wenn der rechte Innenverteidiger der gelben Mannschaft in Ballbesitz ist. Im Idealfall positioniert es sich so, dass er auf beide Spieler der gelben Mannschaft Zugriff hat. Nur dann gelingt es ihm, dass er entweder das Zentrum stabilisiert, wenn die gelbe Mannschaft weiter über rechts attackiert, oder den Sechser als Anspielstation nach einer Verlagerung über den Torwart schließt.

Auch unser defensiver Mittelfeldspieler wird in den meisten Fällen keinen direkten Gegenspieler haben, es sei denn man spielt gegen ein 4-2-3-1. Egal ob wir es 4-1-4-1 oder 4-3-3 nennen, der Sechser hat meist die Aufgabe Löcher hinter unseren Achtern zu stopfen, clever zu verschieben und sich fallen lassende Spieler zu übernehmen. Dabei kann er entweder recht weit ballnah verschieben, um mögliche Pässe in den Halbraum zu verteidigen. Das würde unserem Flügelspieler erlauben breiter zu stehen, jedoch ist es für den Sechser sehr laufintensiv. Alternativ hält er das Zentrum und übernimmt beispielsweise vorstoßende Achter, sodass sich unsere Achter um das Schließen des ballnahen Raumes kümmern können. Außerdem kann der Sechser sporadisch zurückfallen und eine Fünferkette bilden, um es unserem Innenverteidiger zu ermöglichen aggressiver herauszurücken. 

Zu guter Letzt – die Rolle des ballfernen Flügelspielers gleicht der im 4-2-3-1. Solange der rechte Innenverteidiger den Ball hat, bleibt er hoch, um im Zweifel eine Verlagerung auf den linken Innenverteidiger sofort zu pressen. Entscheidet sich gelb endgültig für die rechte Seite, schiebt er rein, um das Zentrum zu stärken. 

Pressing 4-3-3 außen lenken

Wie reagieren wir auf ein Abkippen?

Wird die gegnerische Mannschaft so stark unter Druck gesetzt, wird nach einiger Zeit sicherlich ein Mittelfeldspieler abkippen, um eine Dreierkette zu bilden. Diese erleichtert den Spielaufbau durch eine schnelle Ballzirkulation, wie wir in diesem Video kurz und in unserem Onlinekurs ausführlich erläutern. 

Stellt sich die Frage, wie wir darauf reagieren wollen. Meiner Meinung nach hängt das sehr stark mit der generellen Philosophie und den Stärken bzw. Schwächen unserer Spieler zusammen. Haben wir beispielsweise Spieler, die von Natur aus nur mannorientiert verteidigen, ist eine raum- bzw. positionsorientierte Raumdeckung eher von Nachteil.

Pressing 4-3-3 gegen Dreierkette

Folglich könnten wir von unserem Pressing im 4-3-3 abweichen und durch das Herstellen einer Fünferkette eine klare Zuordnung für unsere Spieler schaffen. Der Stürmer ist weiterhin der Akteur, der das Pressing auslöst und den Gegner auf eine Seite lenkt. Die beiden Flügelspieler haben weiterhin die Aufgabe den Halbraum zu schließen, müssen ihre Position allerdings nicht an die des Flügelverteidigers anpassen. Schließlich ermöglicht es unsere Fünferkette, dass der ballnahe IV auf den eingerückten Flügel und der ballnahe AV auf den Flügelverteidiger schieben kann. 

Des Weiteren bietet es sich gegen deine Dreierkette an, den Gegner ins Zentrum bzw. den Halbraum zu lenken. 

Ein bisschen von beiden – das Lenken in den Halbraum

Bisher haben wir das Pressing im 4-3-3 primär mit Hilfe eines 4-1-4-1 durchgeführt. Möchten wir mit unseren Flügelspielern höher stehen, um mehr Präsenz zu haben, ergibt sich allerdings wieder das Dilemma mit den offenen Außenverteidigern des Gegners. Damit hier keine Probleme entstehen, versuchen wir den Gegner nun nicht mehr Richtung Flügel zu lenken. Vielmehr geht es darum einen Pass ins Zentrum oder den Halbraum zu provozieren, um dort dem Gegner den Ball abzunehmen. 

Pressing 4-3-3 Halbraum lenken

Ähnlich wie im Beispiel oben, besteht wieder die Möglichkeit, dass sich unser Sechser zwischen die Innenverteidiger fallen lässt, um kurzfristig eine Fünferkette herzustellen. In der Folge können die Außenverteidiger einfacher weiter herausrücken, ohne dass uns in der letzten Linie die horizontale Kompaktheit abhanden kommt. 

Der Unterschied liegt nun im Anlaufverhalten der Spieler in der ersten Linie. Unser zentraler Stürmer leitet die aktive Balleroberung ein und versucht den Gegner durch einen bogenförmigen Lauf auf eine Seite zu lenken. Dabei bricht er seinen Pressinglauf nicht ab, sondern setzt ihn fort, indem er den Halbverteidiger unter Druck setzt. Gleichzeitig stellt er so die Rückpassoption auf den zentralen Innenverteidiger zu. 

Gleichzeitig antizipiert der linke Flügelspieler den Pass auf den rechten Halbverteidiger und läuft diesen im Bogen an. Durch den bogenförmigen Laufweg, ist ein Anspiel des Außenverteidigers für den rechten Halbverteidiger nur schwer möglich. Folglich wird er ins Zentrum gedrängt. Dabei ergeben sich für den Halbverteidiger zwei Anspielstationen. Zum einen kann ein tiefer Pass auf den Spieler im Halbraum gespielt werden – unter Druck eher unwahrscheinlich – oder der ballnahe Sechser wird angespielt. Unser Achter kann entweder den gegnerischen Sechser mannorientiert verfolgen oder sich, wie in der Abbildung oben, zwischen den Gegenspielern positionieren. Dementsprechend ist er in der Lage den tiefen Pass sowie das kurze Anspiel zu verteidigen. Verteidigt er den tiefen Pass nicht, kann immer noch unser Innenverteidiger aggressiv herausrücken, schließlich ist er durch den abkippenden Sechser gut abgesichert. Generell ist ein aggressives Herausrücken in einer Fünferkette wesentlich einfacher, da die letzte Linie immer noch von vier Spielern gesichert wird. 

Halbraum lenken

Das Anlaufen innerhalb dieser Variante hatte bereits Ähnlichkeiten mit dem Anlaufen, wenn wir den Gegner wirklich ins Zentrum lenken wollen. Der fundamentale Unterschied zwischen den Varianten liegt aber am auslösenden Spieler.

Pressing im 4-3-3 – den Gegner ins Zentrum lenken

Im Gegensatz zu den bisherigen Varianten, starten unsere Flügelspieler die aktive Balleroberung. Unser Ziel ist es den Gegner im Zentrum zu isolieren und dort den Ball zu gewinnen. Die Vorteile dieser Variante liegen auf der Hand. Zum einen können wir aus dem Zentrum heraus einfacher einen Konter starten. Schließlich ist es ein Leichtes alle Zonen auf dem Feld direkt anzusteuern. Zum anderen erschweren die vielen Fortsetzungsmöglichkeiten im Zentrum dem Gegner das Gegenpressing. 

Nun leitet der Flügelspieler die aktive Balleroberung mit einem bogenförmigen Lauf von außen nach innen ein. Dabei ist das Ziel den Innenverteidiger zu einem Querpass zu seinem Partner zu zwingen. Zeitgleich läuft der ballferne Flügelspieler ebenfalls im Bogen an und möchte den passempfangenden Innenverteidiger bereits bei der Ballannahme unter Druck setzen und ein Aufdrehen verhindern. Richtig ausgeführt, wird der Gegner nun ins Zentrum gezwungen. 

Pressing 4-3-3 nach innen lenken

Aufgrund der hohen Position der Flügelspieler, positioniert sich der Stürmer etwas tiefer. Das Pressing im 4-3-3 ähnelt den Abläufen, die wir beim Pressing in einer Raute beobachten würden. Folglich beinhaltet die Rolle des Stürmers das Sichern des Sechserraums durch das Zustellen von Passwegen oder mit Hilfe von kurzen Mannorientierungen. 

Die beiden Achter können sich in der Folge etwas breiter positionieren und schließen primär die Halbräume. Allerdings ist ihre Rolle wesentlich vielschichtiger. Zum einen sollten sie in der Lage sein die Sechser (hier spielt der Gegner im 4-2-3-1) anzulaufen. Zum anderen können Sprints auf den Flügel, um den Außenverteidiger zu pressen, durchaus vorkommen. Das alles zusätzlich zur Kontrolle des Halbraums. Deshalb ist es wichtig, dass die Abläufe der vier Spieler im Zentrum gut aufeinander abgestimmt sind. 

Insbesondere um eine der Achillesfersen dieser Pressingvariante zu verteidigen. 

Zwar schafft man es als pressende Mannschaft in erster Instanz das nutzbare Spielfeld für das Team in Ballbesitz zu verkleinern, allerdings suchen viele Mannschaften, mit Hilfe des Spiels über den Dritten, den Außenverteidiger. Aufgrund der hohen Position unseres Flügelspielers, hat der gegnerische Außenverteidiger keinen direkten Gegenspieler. 

Ähnlich wie beim Pressing in der Raute, stehen wir nun vor der Wahl, ob unser Achter oder Außenverteidiger herausrückt, um zu pressen. 

Die Mannschaften, die typischerweise den Gegner nach innen lenken, Liverpool oder RB Salzburg, schieben den Außenverteidiger weit aus seiner Position, um den gegnerischen Außenverteidiger zu pressen. Da dieser sich frühzeitig absetzen muss, ist es die Aufgabe der drei verbliebenen Spieler in der Kette die Offensivspieler zu verteidigen. Dabei kann es durchaus passieren, dass effektiv 1vs1 verteidigt wird. Allerdings baut man darauf, dass aufgrund des hohen Drucks keine zielgenauen Pässe gespielt werden können.

Pressing 4-3-3 Außenverteidiger schiebt raus

Für das erfolgreiche Durchführen dieser Pressingvariante, muss der ballnahe Achter den Passweg in den Halbraum schließen. Wir sehen, der gegnerische Flügelspieler ist eingerückt. Mit Hilfe des Innenverteidigers gelingt es dem Achter, mit Hilfe seines Deckungsschattens, Pässe auf diesen Spieler zu unterbinden. Auch deshalb nutzt der FC Liverpool in seinem Pressing im 4-3-3 eine flache Mittelfeldlinie. Der Sechser schiebt auf die gleiche Höhe wie die beiden Achter. Zwar läuft man nun Gefahr, dass die Abstände zwischen den Ketten größer werden – die vertikale Kompaktheit – allerdings ist dafür die zentrale Mittelfeldlinie schwieriger zu überwinden – die horizontale Kompaktheit ist gestärkt. 

Pressing 4-3-3 Außenverteidiger schiebt raus

Alternativ kann immer noch der ballnahe Achter herausrücken. Für ihn ist der Weg kürzer als für den Außenverteidiger, jedoch die Aufgabe etwas schwieriger. Rein aus athletischen Gründern, wird man im Amateur- und Jugendbereich wohl eher die zweite Variante nutzen. Diese erfordert nur ein regelmäßiges Training, da sie für die Achter nicht unbedingt trivial ist. 

Der Achter muss im richtigen Moment entscheiden sich nach außen abzusetzen und durchzupressen. Zu spät, kommt er gar nicht in den Zweikampf, zu früh und der Gegner kann das Spiel durch die Mitte fortsetzen. Idealerweise wird der Pass auf den Außenverteidiger durch das richtige Anlaufen sowieso unterbunden, sonst, kann der Achter eigentlich seinen Pressinglauf auf den gegnerischen Außenverteidiger erst starten, wenn der Pass zu eben jenem bereits unterwegs ist. 

Pressing 4-3-3 Achter schiebt raus

Wird diese Aktion des Gegners erfolgreich unterbunden, steht der Gegner vor der großen Herausforderung sich durch das Zentrum durchzukombinieren. Hierbei bietet das Pressing im 4-3-3 große Vorteile, wenn wir nach innen lenken. Die hohe Präsenz zentral und die gute Positionierung der Flügelspieler, ermöglichen nicht nur einen schnellen Ballgewinn, sondern auch hilfreiche Anspielstationen im offensiven Umschaltmoment.

Fazit

Abschließend lässt sich sagen, dass das Pressing im 4-3-3 viele verschiedene Varianten der Balleroberung ermöglicht. Die Grundformation ist dabei sehr flexibel, deckt strategisch wichtige Räume ab und es ist ein leichtes auf Änderungen des Gegners zu reagieren. 

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