Auf welche Weise erzielen ballbesitzorientierte Mannschaften Tore? – Ajax Amsterdam

Meine Generation der Fußballspieler und -trainer ist massiv von Ballbesitzorientierten Mannschaften geprägt. Es gab wohl selten gleichzeitig so viele Trainer auf Weltklasseniveau, die so viel Wert auf ein gutes Ballbesitzspiel gelegt haben. Seien es in der Vergangenheit Louis van Gaal, Jogi Löw oder Vicente del Bosque sind es aktuell Thomas Tuchel, Julian Nagelsmann oder natürlich Pep Guardiola. Sie alle sahen sich mit ihren Teams mit der Herausforderung konfrontiert, gegen tiefstehende, kompakte Gegner erfolgsstabil Tore zu erzielen. Hierfür galt es Lösungen zu finden.

Diese Lösungen waren und sind vielfältig, reichen von reaktivierten Elementen wie der falschen 9 über den abkippenden Sechser bis hin zu den eingerückten Außenverteidigern, die eine der aktuell spannendsten Ideen sind. All diese Taktiken dienen letztendlich dazu, dem Team quantitative oder qualitative Überzahl zu generieren. Aus dieser Überzahl heraus sollen dann gegnerische Linien überspielt bzw. in letzter Konsequenz Tore erzielt werden. Auch hierfür gibt es wieder Abläufe, die ballbesitzorientierte Mannschaften nutzen, um verlässlich (qualitativ hochwertige) Chancen zu erspielen.

Nun haben wir alle einen relativ eindeutigen Bewegungsablauf im Kopf, sobald von eingerückten Außenverteidigern oder einem abkippenden Sechser die Rede ist. Diese Konzepte wurden in der Vergangenheit ausführlich beschrieben und analysiert. Für mich wirkt es aber manchmal so, als würde angenommen werden, dass die Mannschaft, die diese Abläufe regelmäßig umsetzt, am Ende wie selbstverständlich Tore erzielt. Das ist (leider) nicht der Fall. Deshalb möchte ich mir heute anschauen, auf welche Weise ballbesitzorientierte Mannschaften Tore erzielen. Wie werden oben beschriebene Elemente wie eingerückte Außenverteidiger denn genutzt, um zum Torerfolg beizutragen? Wie werden die unterschiedlichen Qualitäten der Spieler genutzt, um individuell bestmöglich zum Erspielen von Chancen beizutragen? Und natürlich: Wie bespielen diese Mannschaften tiefstehende, reaktive Gegner?

Diese Fragen möchte ich am Beispiel von Ajax Amsterdam zu beantworten versuchen. Ajax ist eine der Mannschaften, die mit einer festen Spielphilosophie immer wieder auf angesprochene Gegner trifft und trotzdem regelmäßig hohe Siege einfährt. Hierfür habe ich mir alle Ajax-Tore aus diesem Kalenderjahr angeschaut und anhand der Angriffsmuster kategorisiert.

Die Offensive von Ajax in Zahlen

Im Kalenderjahr 2021 hat Ajax Amsterdam wettbewerbsübergreifend in 56 Spielen 148 Treffer erzielt. Das entspricht einem Schnitt von 2,6 Toren pro Spiel. Natürlich muss hier bedacht werden, dass nationale Pokalspiele ebenso das Ergebnis wie einige Spiele in der Eredivisie, da die Qualität der Gegner sowohl individuell als auch mannschaftlich nicht mit der von Ajax vergleichbar ist. Nichtsdestotrotz gilt es insbesondere in solchen Spielen den tiefen Block des Gegners konsequent so zu bespielen, dass der Sieg auch standesgemäß ausfällt.

Auf welche Attacking Patterns greift die Mannschaft von Erik ten Haag also zurück, um gegen tiefstehende Mannschaften qualitativ hochwertige Chancen herauszuspielen? Welche Mittel sind essentiell für die Umsetzung der Pattern? Gibt es Unterschiede in der Nutzung der Patterns innerhalb der Mannschaft?

Die Attacking Patterns von Ajax

Abbildung 1 – Verteilung der Tore links/rechts

Wie schon gesagt habe ich alle Tore in wiederkehrende, relativ eindeutige Muster kategorisiert. Hier möchte ich schon zu Beginn relativieren: Fußball ist niemals eindeutig und ich maße mir nicht an, dass Spiel einer Profimannschaft auf diese Weise abbilden zu können. Alle Einordnungen, die ich treffe, basieren darauf, wie ich das Spielgeschehen wahrnehme und wie die einzelnen Abläufe auf mich wirken. In den letzten fünf bis sechs Jahren habe ich nahezu jedes Ajax-Spiel gesehen und denke deshalb, dass die Chance auf treffende Einordnungen für mich hier am größten ist. Solltet ihr bestimmte Muster wiedererkennen oder auch markante Ajax-Tore im Kopf haben, kann es dennoch zu unterschiedlichen Einordnungen kommen. Die Grundidee des Textes ist es, mögliche Wege herauszuarbeiten, mit denen ballbesitzorientierte Mannschaft Tore erzielen (können) und nicht, das Spiel von Ajax Amsterdam im Detail zu analysieren.

Ajax erzielt seine Tore auf acht verschiedene Weisen:

1) Tap In (bzw. freier Abschluss) nach Rückpass aus dem Halbraum (19%)

2) Halbfeldflanke zum Tor hin (11%)

3) Flanke von der Grundlinie (16%)

4) (Überzahl)Kombinationen auf engem Raum (8%)

5) Standardsituationen exklusive Elfmeter (12%)

6) Elfmeter (7%)

7) Steckpass auf den Stürmer nach Tiefenlauf (13%)

8) Sonstiges (14%)

Abbildung 2 – Attacking Patterns Ajax Amsterdam

Bevor wir uns die einzelnen Muster detailliert anschauen, möchte ich kurz einordnen, welche Abläufe die jeweiligen Patterns charakterisieren. Unter „Sonstiges“ habe ich alle Treffer zusammengefasst, die entweder zufällig entstanden sind oder keinem konkreten Pattern unterliegen. Das können demzufolge Distanzschüsse, Abpraller, zweite/dritte/vierte Bälle oder auch Einzelaktionen sein. Um die Einordnung konsequent durchzuziehen, wurden beispielsweise die Tore von Antony, die er (wie gegen Dortmund) durch starke Einzelaktionen und einem Torabschluss mit links in die linke Ecke erzielt, unter „Sonstige“ kategorisiert, weil dem Tor hier kein fester Ablauf, sondern schlicht individuelle Qualität zugrunde liegt. Natürlich sind die Wege, die die Spieler machen, um Antony Platz zu schaffen, fest auf diese Qualitäten abgestimmt, aber eben nicht als festes Pattern. Tore dieser Art würden ca. ein bis zwei Prozent aller Treffer ausmachen.

„Elfmeter“ und auch „Standardsituationen“ sind denke ich selbsterklärend. Hierbei war besonders spannend zu sehen, wie abhängig die Ausführung der Standardsituationen von bestimmten Spielern ist. So erzielt Ajax Tore nach Standards fast ausschließlich, wenn Innenverteidiger Perr Schuurs als Zielspieler auf dem Platz ist.

Alle anderen Attacking Patterns möchte ich etwas detaillierter vorstellen.

Steckpass auf den Stürmer nach Tiefenlauf

Abbildung 3 – Tiefenlauf des ST mit zwei möglichen Zuspielen

Dieses Pattern kam für mich in dieser Häufigkeit relativ überraschend, weil Ajax als Mannschaft für einen Fußball steht, der weniger direkt und vertikal ist. Insbesondere in den Ligaspielen gegen tiefstehende, kompakte Gegner sucht das Team den Weg eher über lange Ballbesitzzeiten und Angriffe über den Flügel. Nur selten bietet sich der Raum, um Bälle tief hinter die Kette bzw. als Steckpass zwischen die Verteidiger zu spielen, unabhängig ob flach oder hoch.

Dieser Weg der Torerzielung weist jedoch auf eine ganz andere Stärker der Amsterdamer hin – ihre Stärke im Spiel gegen den Ball bzw. im Umschalten nach Ballverlust. Ajax ist unheimlich offensiv im Pressing, läuft den Gegner fast ausschließlich im Angriffspressing an. Ballverluste werden dann sofort bestraft – nach Ballgewinn geht es vertikal Richtung Tor. Ähnlich ist es im Gegenpressing. Gewinnt Ajax den Ball sofort wieder zurück, ist die Mannschaft aufgrund ihrer hohen Positionen im eigenen Ballbesitz oft schon so weit vor dem Tor, dass ein einfacher (Steck)Pass reicht, um die Abwehr des Gegners zu überspielen. Tatsächlich schießt Ajax diese Art von Toren häufig in Spielen gegen qualitativ gleichwertige Mannschaften (zum Beispiel in Europa oder Champions League).

Das Pattern selbst ist dann recht schnell erklärt: Nach Ballgewinn (oder gegen hochstehende Abwehrreihen) bieten viele Spieler den Tiefenlauf von der Stürmerposition startend an. Sowohl Tadic als auch Antony können diese Wege machen, auch Steven Berghuis streut sie immer wieder ein. In der zurückliegenden Saison waren es häufig Promes und allen voran der mittlerweile zurückgekehrte Brian Brobbey. Spannend ist zu sehen, dass Sebastien Haller kein Tor auf diese Weise erzielte. Haller ist ein klassischer Wandspieler, der eher nicht über seine Dynamik bei Tiefenläufen gefährlich wird. Brobbey hingegen, erzielte fast alle seine Tore in Spielen gegen hochstehende Gegner.

Dieses Pattern ist also eher ein Indikator für ein starkes (Gegen)Pressing. Da ballbesitzorientierte Mannschaften eben dort aber besonders stark sein müssen, ist die hohe Anzahl an Treffern nach Tiefenläufen nur logisch. Die Annahme, dass Mannschaften mit viel Ballbesitz diesen sehr direkten Weg der Chancenerarbeitung nicht nutzen, ist schlicht falsch.

Flanke von der Grundlinie (mit links von links und umgekehrt)

Abbildung 4 – ein mögliches Entstehungsszenario mit Flanke vom LV

Wie oben schon angedeutet, kommt Ajax Amsterdam häufig über Flügel- und Halbspur zum Abschluss. Nur selten kombinieren sie sich durch das Zentrum. Viel mehr ist die zentrale Spur der Ausgangspunkt für viele Angriffe. Von dort werden die Bälle in die Zonen gespielt, in denen der Torabschluss vorbereitet werden soll. Die Grundidee von Ajax ist hier klar erkennbar. Der prozentual wahrscheinlichere Torerfolg wird immer dem vermeintlich überhasteten, nicht gut vorbereiteten Abschluss vorgezogen. Das erklärt die hohen Ballbesitzwerte. Das Spiel wird so oft verlagert, bis die Mannschaft über eine Seite durchbrechen, und den Ball gefährlich vor das Tor bringen kann. Fast alle Tore bzw. Torvorbereitungen ließen sich klar einer Spielfeldseite zuordnen (links/rechts, siehe Abbildung 1). Diese Charakteristik ist absolut typisch für ballbesitzorientierte Mannschaften, Ajax hat diese Herangehensweise nicht exklusiv. Spannend ist jedoch, welche Pattern die Amsterdamer nutzen, denn diese unterscheiden sich teilweise extrem. Das beste Beispiel für diese Annahme ist dieses Muster – die Flanke von der Grundlinie (mit links von links).

Insbesondere Dusan Tadic wird hie regelmäßig. Seine Flanken von links finden fast immer einen Abnehmer, der Torerfolg ist dann relativ wahrscheinlich. Aber was braucht es, um mit diesem Pattern erfolgreich zu sein? Zum einen, wie immer bei ballbesitzorientierten Mannschaften, eine sinnvolle Struktur mit dem Ball. Wie gesagt spielt Ajax immer wieder Verlagerungen, um den Gegner zum Verschieben zu zwingen. Diese Verlagerungen bedürfen natürlich einer entsprechenden Ordnung. So muss schnell und über möglichst wenige Stationen verlagert werden. Außerdem muss der Spieler, der am Ende der Verlagerung den Ball erhält, Anschlussoptionen haben. Die Struktur von Ajax ist dabei immer darauf ausgerichtet, Angriffe mit gruppentaktischen Mitteln vorzubereiten. Insbesondere die Flügelspieler (bzw. der Spieler, der diese Position gerade besetzt) müssen nie in ein „isoliertes“ Eins gegen Eins, weil immer ein zweiter oder sogar dritter Spieler hinterläuft, vorderläuft oder sich für einen Doppelpass anbietet. Hierbei ist es wichtig, schnell und erfolgsstabil Entscheidungen zu treffen. Zum einen in der Ausführung des Zwei gegen Eins, aber ein paar Sekunden vorher noch viel mehr: Möchte ich den Druck des Gegners auf mich ziehen, indem ich ein, zwei Kontakte mehr nutze oder ins Dribbling gehen? Möchte ich mich dem Druck des Gegners sofort entziehen, indem ich den Ball sofort weiterspiele oder den Ball abschirme? In welchen Zonen möchte ich dem Gegner (scheinbar) die Chance auf einen Ballgewinn geben? Da Ajax mit so vielen Spielern in offensiven Räumen positioniert ist, haben sie fast immer eine ballnahe Überzahl. Das erleichtert das Ballbesitzspiel als solches, aber noch viel mehr erleichtert es die Entscheidung des Spielers, wann auf einer Seite gespielt werden soll, um den Gegner zu locken und wann verlagert werden sollte.

Der zweite wichtige Faktor für dieses Pattern ist die Strafraumbesetzung. Hier ist Ajax quantitativ, das heißt bei der Anzahl an Spielern, die einlaufen, gar nicht außergewöhnlich gut. In der Regel sind es drei bis vier, in Extremfällen fünf Spieler. Jedoch ist die Qualität der Läufe enorm hoch. Kein Spieler verliert seine Dynamik, fast immer laufen sie genau zur richtigen Zeit ein, um einerseits mit hohem Tempo in den Ball laufen zu können und andererseits die Verteidiger vor riesige Probleme zu stellen. Denn einlaufende, kreuzende Spieler sind deutlich schwieriger zu verteidigen als Spieler, die am Elfmeterpunkt auf einen Chipball warten. Diese Einlaufbewegungen sind perfekt aufeinander abgestimmt. Ajax ist dabei sehr variabel in der Art, wie der Ball in den Strafraum gespielt wird – ob erster oder zweiter Pfosten, Fünfmeter- oder Elfmeterraum, hoch oder flach spielt fast keine Rolle, weil alle Räume belaufen werden.

Waren es also im vorherigen Pattern die Pressingmomente, die es Ajax ermöglichten, Tore zu erzielen, sind es in diesem Fall gruppentaktische Mittel und Einlaufverhalten.

Tap In nach Rückpass aus dem Halbraum

Abbildung 5 – Tiefenlauf in Halbraum vom LF, Einlaufverhalten der anhängenden Spieler

Ein weiteres, ajax-typisches Attacking Pattern ist der Torabschluss nach Rückpass aus dem Halbraum. Dieses Muster wird noch deutlich häufiger von Manchester City gespielt und ist gewissermaßen charakteristisch für ballbesitzorientierte Mannschaften. Nachdem der Gegner durch verlagern immer wieder bewegt wurde, ergeben sich rein formativ Schnittstellen insbesondere in den Halbraum. Diese werden vertikal belaufen, der Abschluss erfolgt dann idealerweise als Tap In aus kurzer Distanz.

Ajax nutzt dieses Pattern so häufig, weil sie erstens sehr viele Verlagerungen spielen und zweitens viele Spieler haben, die tiefe Laufwege anbieten. Da die Flügel einfach besetzt sind, hat Ajax außerdem viele Spieler im Zentrum oder den Halbräumen. Gepaart mit den sehr hochstehenden, offensivdenken Innenverteidigern bietet sich für die Offensivspieler regelmäßig die Möglichkeit hinter die Kette zu laufen ohne das eigene Ballbesitzspiel zu „zerstören“.

Natürlich kommt es auch in diesem Pattern wieder auf das Einlaufverhalten der Spieler an. Wird der Ball von der Grundlinie zurückgespielt, sind (s.o.) mindestens drei bis vier Spieler im Strafraum. Auch hier stellt sich Ajax sehr variabel auf – schließt mal am kurzen, mal am langen Pfosten, mal von Höhe Elfmeterpunkt, mal zwei, drei Meter vor dem Tor ab. Soll auch hier ein Punkt bestimmt werden, der für diese Form der Torerzielung wichtig ist, sind es aber die Tiefenläufe. Antony und insbesondere Tadic konnten im vorherigen Pattern auch ohne tiefe Wege zum Flanken kommen. Statt in den Rücken des Gegners zu laufen, wurde der Ball in den Fuß gespielt und um den Verteidiger herum geflankt. In diesem Pattern ist das nicht möglich, die Spieler müssen die Tiefe attackieren. Nur dann können (wieder per gruppentaktischem Mittel) die Schnittstellen in die Halbräume so bespielt werden, dass der potenzielle Vorlagengeber auch einen kontrollierten Rückpass spielen kann.

Hierfür geht es neben der generellen Bereitschaft für Tiefenläufe auch um deren Timing. Wann sollte ich meinen Raum verlassen, um einen neuen zu belaufen? Welche Wege muss ich gehen, um Räume für meine Mitspieler zu ziehen? Wann ist der beste Moment, um in die Tiefe zu starten?

Ajax ist sehr gut darin, Tiefenläufe zu timen. Fast immer, wenn ein Spieler die Tiefe beläuft bekommt er mit dem ersten, spätestens mit dem zweiten Pass auch den Ball. Das liegt zum einen an der Anzahl der Spieler in offensiven Räumen, zum anderen an der Struktur. Wenn der linke Halbraum permanent überladen wird, dort die Tiefe belaufen wird, dann ist es fast logisch, dass Ajax es schafft die Überzahlsituation auszuspielen.

Wenn auch hier ein essentieller Bestandteil des Patterns herausgestellt werden soll, wären es also definitiv die Tiefenläufe in den ballnahen Halbraum.

Halbfeldflanke (von rechts mit links)

Abbildung 6 – RV vorderläuft für kurzzeitiges 2v1, Achter bindet Kette & zieht Raum für Ballbesitzer

Das letzte auffällige Pattern, das Ajax nutzt, ist die Halbfeldflanke. Dieses Pattern wird besonders auf der rechten Seite angewandt, weil hier in der Regel mit Antony ein Linskfuß spielt. Der generelle Ablauf ist (wie in den anderen Mustern auch) recht einfach erklärt: Auf dem Flügel wird der Angriff nicht durch die Außenspur fortgesetzt, sondern nach innen gezogen. Sofort wird der Ball in den Strafraum gespielt, in der Regel auf den ballfernen Pfosten. Dieser Raum wird dann wiederrum von mehreren Spielern belaufen. Bei den Laufwegen der Spieler fällt auf, wie abgestimmt dieses Pattern ist. Während Teams sonst bestrebt sind möglichst viel Raum der Box abzudecken, um die Wahrscheinlichkeit eines Torabschlusses zu erhöhen, wird bei der Halbfeldflanke (fast) ausschließlich der ballferne Pfosten belaufen. Ein Spieler orientiert sich sogar noch leicht nach hinten versetzt, um die Bälle abzufangen, die nicht im Fünfmeterraum verwertet werden.

Der deutlich spannendere Aspekt in diesem Pattern ist aber die Vorbereitung der Flanke. Zwar ist Antony ein sehr guter, fintenreicher Dribbler. Er muss aber nie (wie oben schon angesprochen) ins Eins-gegen-Eins. Ajax wendet stets gruppentaktische Mittel an. So bekommt Antony Raum und Zeit, um zu entscheiden, welche Spielfortsetzung er wählen möchte. Durch Hinterlaufen wird der gegnerische Außenverteidiger gebunden, für den ballführenden Spieler entsteht Raum. Das sind Basics. Ajax wendet zusätzlich dazu weitere „decoy runs“ an, um den Halbraum zu öffnen, der eigentlich ja der entscheidende Raum für das Positionsspiel der Amsterdamer ist. Hierfür sind mir zwei Wege aufgefallen: Erstens die Rolle des Außenverteidigers und zweitens die Laufwege des Achters. Der Außenverteidiger schaltet sich wie gesagt in jeden Angriff mit ein. Hinterläuft der Außenverteidiger und bekommt nicht den Ball, ist der Spieler für einen kurzen Moment aus dem Spiel. In diesem Moment entscheidet sich der ballbesitzende Spieler dafür, den freigezogenen Raum zu bespielen und zieht mit hoher Wahrscheinlichkeit nach innen. Der Außenverteidiger bleibt dann aber nicht auf dem Flügel, sondern ist sofort wieder Teil des Angriffs. Entweder, indem er horizontal nach innen zieht und quasi sofort wieder einen Tiefenlauf anbietet, oder durch das Sichern des Angriffs, indem er zurück in den Halbraum rückt. Hier wird er sofort wieder zur Ballsicherungs- und Verlagerungsoption.

Auch der Achter im Positionsspiel zieht per decoy run Raum für den Flügelspieler auf. Sobald erkennbar ist, dass auf dem Flügel nach innen gezogen wird, startet aus de Zentrum ein Spieler tief in den Halbraum um entweder den Ball sofort zu erhalten (siehe Pattern davor) oder zumindest einen Spieler aus der Kette zu binden. Auf diese Weise kann der Flügelspieler mit sehr viel Zeit die nächste Entscheidung treffen: Halbfeldflanke oder Torabschluss? Antony entscheidet sich hier oft für den Torabschluss, die meisten seiner Tore fallen auf diese Weise (Stimmts, BVB?).

Der für die Umsetzung des Patterns essenzielle Teil ist also der decoy run, um dem ballbesitzenden Spieler Raum und Zeit zu verschaffen. Dieses Mittel nutzen ballbesitzorientierte Mannschaften derart häufig, dass es fast als selbstverständlich betrachtet wird. Wie wichtig diese Läufe aber sind, zeigt sich spätestens mit den Toren, die Ajax auf diese Weise erzielt.

Fazit/Einordnung

Es wird meiner Meinung nach klar ersichtlich, wie variabel und vielfältig Mannschaften denken müssen, die sich regelmäßig mit tiefstehenden Gegnern auseinandersetzen müssen. Diese eine, allgemeingültige Lösung gibt es nicht und auch die Eindimensionalität anderer (eher umschaltorientierter) Mannschaften kann sich kein ManCity, kein Bayern und kein Ajax leisten. Es zeigt sich aber auch, dass die allgemeine Herangehensweise sich lohnt – durch Tore, Punkte und Titel.

Beim Schauen der Spiele von Ajax und insbesondere beim Einordnen der Pattern ist es für mich aus Trainersicht noch einmal interessanter geworden, welche Lösungen Ajax findet. Sicher darf es hier nicht darum gehen, diese Muster eins-zu-eins zu kopieren. Vielmehr geht es darum, die Dinge, die wichtig für die Umsetzung der Pattern sind, in das eigene Spiel zu integrieren. Ein gutes Gegenpressing ist für jede Mannschaft ebenso wichtig, wie eine qualitativ und quantitativ hohe Boxbesetzung und die Nutzung von decoy runs. Dass diese Dinge mit Toren belohnt werden (können), zeigt Ajax an jedem Wochenende.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert