Spaniens Ballbesitz unter Luis Enrique

Woran denken Fußballenthusiasten wenn sie Spanien in Verbindung mit Fußball hören?Meist fallen Schagwörter wie Ballbesitz, Attraktivität, Technik oder auch Positionsspiel in die Denkblasen der Leute, die mit diesen Gedankengängen aber auch gar nicht so falsch liegen. 
Unter dem aktuellen Chef-Trainer Luis Enrique Martinez Garcia, wurden die traditionellen Tugenden im Angriffsspiel weiterhin beibehalten und wichtige Komponenten in der Spielidee verfeinert. 

Das letzte Länderspiel der spanischen Nationalmannschaft, wurde im Estadio de La Cartuja in Sevilla gegen die Gäste aus Schweden ausgetragen.Eine Partie gegen einen Gegner, der seit Jahren einen defensiven Ansatz in der Ausrichtung bevorzugt. Dementsprechend konnten sich die Spanier einen Ballbesitzprozentsatz von 72 % sichern, was aber nicht nur durch das größtenteils vorsichtige Pressing der Skandinavier entstand. Viel mehr resultierte der hohe Ballbesitzanteil aus den klassischen Faktoren des spanischen Fußalls. Technisch/taktisch hoch geschulte Spieler, geduldiges Vorbereiten von Angriffsaktionen, jubelnde Zuschauer bei vielen und erfolgreichen Ballstafetten und einen Trainer für den “aktives coachen” alles andere als eine Last ist. 

Grundsätzlich bestreitet Spanien seine Spiele in einer 4-3-3 Grundordnung. Die zu meist breit gestaffelten Flügelspieler und eingerückten Außenverteidiger, sind spätestens seit der letzten Europameisterschaft zum Markenzeichen der Südländer geworden.Nichts desto trotz werden situationsbedingte Veränderungen vorgenommen, sollten diese die Wahrscheinlichkeit zur Zweckerfüllung erhöhen. 

Janne Andresson ließ seine Schützlinge in einem 4-4-2 Mittelfeldpressing, situativen aufrückenden Angriffspressing das eigene Tor verteidigen und auf zielgerichtete Umschaltmomente nach Ballgewinne lauern. 
Drei eng gestaffelte Pressinglinien die mit Kompaktheit und Kampfgeist ausgeschmückt waren, sollten die Gastgeber daran hindern torgefährliche Chancen zu kreieren. 

Durch die eingerückten AV Jordi Alba und Cesar Azpilicueta, eröffneten die Spanier ihre Spielentwicklung mit einer engen 4-er Kette. Dies sorgte nicht nur für kurze Passwege in der horizontalen Ballzirkulation, sondern auch für Zustellungsprobleme der zwei schwedischen Stürmern Dejan Kulusevski und Alexander Isak. Denn die eher flache Eröffnung, maximierte die Pressingwege der Flügelspieler Emil Forsberg und Viktor Claesson, somit mussten die ersten Anläufen von den Stürmern aus beginnen. Mehr Zeit für Entscheidungsfindungen blieben der heimischen 4er-Kette dadurch und die Laufbereitschaft der skandinavischen Stürmern, hätte sich im weiteren Verlauf an einer frühen Erschöpfung bemerkbar gemacht.
Das schwedische Trainer-Team sondierte das Problem und ließ Kulusevski und Isak das Zentrum verdichten und erlaubte den IV Pau Torres und Aymeric Laporte Zeit am Ball. 
Diese Vorkehrung der Gäste sorgte dafür, dass sowohl Forsberg als auch Claesson die AV Alba und Azpilicueta stellen mussten. Das war der erste Schritt einer leichten Ausdehnung der Pressinglinien.Luis Enrique erkannte nun, dass die breit gestaffelten FS Dani Olmo und Pablo Sarabia eine Raummaximierung hinter den rausrückenden FS der Schweden erhalten haben. 

Schwedens 6er Albin Ekdal und Kristoffer Olsson spielten eine zonenorientierte Manndeckung, um die 8er Gavi und Carlos Soler von einem flüssigen Übergangsspiel abzuhalten. Durch intelligente Auftaktbewegungen des jungen Gavi in Richtung ballführenden Mitspieler, wurde Ekdal dazu animiert höher anzuschließen. Gavi ließ diesen mehrmals dynamisch im Raum stehen und verlinkte sich mit Olmo, um eine 2 gegen 1 Überzahlsituation gegen den gegnerischen AV Emil Krafth herzustellen. 
Die Außenpuren waren dadurch in den ersten 20 Minuten von erheblicher Bedeutung für die Spanier. Die Kompaktheit der Pressinglinien wurde dadurch weiter ausgedehnt und Gavi und Soler konnten sich dadurch oftmals aus der Manndeckung der gegnerischen 6er befreien und Angrifssaktionen einleiten. 

Konnte der Ball sicher in die Übergangszone transportiert werden, löste sich Alba zu meist von der fachen 4er-Kette und begab sich in höhere Zonen der Außenspur. Dies wiederum ermöglichte Olmo ein einrücken in die Halbspur, wodurch Ekdal zu massiven Zuordnungsproblemen verleitet wurde. Denn Gavi kippte diametral ab um zum einen die verlassene Rolle von Alba neu zu besetzen und zum anderen nach Lösen der Manndeckung aus einer anderen Perspektive in der Übergangszone Angriffe einzuleiten. Durch viel Raum vor ihm, aufgrund Claessons Fokus auf Alba, konnte Gavi problemlos einigemale andribbeln. Ekdal verlor dadurch seinen zugeordneten Gegenspieler und Olmo wurde im Rücken meist spät erkannt.

Durch Albas neue Positionierung, konnte Claesson immer weiter aus der Kompaktheit gezogen werden und eine deutliche 3 gegen 2 Überzahlsituation entstand im schwedischen Zentrum der Grundordnung. 

Eine erneute Szene, in der die Gastgeber die äußerst radikale, aber auch inkonsequente Manndeckung der gegnerischen 6er hemmungslos ausnutzten.

Durch ein vorheriges, weiträumiges Rausrücken von Kulusevski auf Torres, wurde dieser bis zur Außenspur gelenkt und befand sich nun in unmittelbarer Nähe zu Mitspieler Alba. Um Kulusevski nicht in einer Unterzahlsituation pressen zu lassen, stoß der rechte FS Claesson dazu und orientierte sich an Alba.

Gavi versuchte eine Anspielstation auf Schnittstelle zwischen Kulusevski und Claesson anzubieten, was seinen permanenten Verfolger Ekdal dazu anregte, weiträumig aufzurücken um den Anschluss auf Gavi wiederherzustellen. Gavi nutzte seine dynamischen Auftaktbewegungen, um nach einem potenziellen Pass auf Olmo, erneut eine 2 gegen 1 Überzahlsituation gegen AV Krafth zu kreieren. 

“Wer das Zentrum kontrolliert, kontrolliert das Spiel”. Diesen Leitsatz nahm sich auch Chef-Trainer Luis Enrique zu herzen und erkannte, dass Olsson ballfern in der Zentrumspur stark von Soler gebunden wurde. Infolgedessen, war der Abstand zwischen Ekdal und Olsson immens groß, und Stürmer Raul de Tomas wurde dazu beordert, die erschaffene Schnittstelle zu besetzten und für eine wiederholte Überzahlsituation im Zentrum der schwedischen Grundordnung zu sorgen. 

Kulusevski hat sich in dieser Szene offensichtlich geweigert die Anweisungen des schwedischen Trainer-Teams zu befolgen. Denn durch das Aufgeben der Verdichtung im Zentrum, wurde Isak in der Zentrumspur alleine gelassen. Nach Zuspiel auf ST De Tomas, konnte der spanische 6er Sergio Busquets durch eine intelligente Dreiecksbildung gar für eine 3 gegen 1 Überzahlsituation sorgen. Denn Isak war als ballferner Stürmer zu weit entfernt vom linken Halbraum, um eine aktive Balleroberung zu forcieren. 

Im Grunde genommen ist ein bestimmtes Spielprinzip ganz besonders ersichtlich in der Spielweise der spanischen Nationalmannschaft.Das Spielprinzip den freien Mann zu finden. 
Durch die hohe Frequenz an zentralen mannorientierten Verteidigungsmechnismen im Spiel gegen den Ball der Schweden, erklügelten sich die Spanier Überzahlsituautionen in den Halbräumen und Zentrumspur. Dank flinken Bewegungsmustern und dynamischen Raumbesetzungen der zentralen Spielern, konnten anhand von vielen Bindungsabläufen die beiden ZDM Ekdal und Olsson aus der Grundstaffelung gezogen werden und die ergebenen Räume im Herz des überaus kompakten schwedischen 4-4-2 überbrückt werden. 

Gavi, Alba und Olmo veränderten wieder einvernehmlich ihre Positionierungen. Gavis diametrales Abkippen, animierte ZDM Olsson erneut zu einem weiträumigen Rausrücken, da Schwedens Stürmer Robin Quaison für Kulusevski eingewechselt wurde und die zentrale Verdichtung mit Sturmpartner Isak hielt, um Busquets als ersten Zielspieler im Aufbauspiel, oder als Klatschoption auszuschalten. 

Ekdal wurde ballfern von Valencias Mittelfeldspieler Soler gebunden, was den Abstand zwischen den beiden skandinavischen 6ern zum wiederholten Male exorbitant vergrößerte. Nach Zuspiel auf den freien Mann Olmo, musste Ekdal seine Manndeckung gegen Soler aufgeben um Olmo mitten in der Red Zone am dribbeln zu stören. 

Rodrigo Morenos breit aufgefächerte Positionierung und der damit resultierenden Bindung an AV Ludwig Augustinsson, sorgte für eine weitere Abstandsvergrößerung. Diesmal in der dritten Pressinglinie. Denn De Tomas konnte mit seiner Positionierung zwischen den beiden IV Lindelöf und Nilsson, beide Spieler binden. Nach Rausrücken von Ekdal auf den ballführenden Olmo, erkannte Soler den entstandenen Raum mitten in der Pressinglinie, im rechten Halbraum des Gegners und bot eine diagonale Weiterleitung des Balles an. 
Nach zügigem Zuspiel von Olmo auf Soler, erarbeiteten sich die Südländer binnen weniger Sekunden eine vielversprechende Torchance nach Manipulation der mannorientierten gegnerischen 6ern und geduldigem Suchverfahren nach dem freien Mann zwischen den Ketten. 

Die Suche nach dem freien Mann in der spanischen Raumaufteilung, wird auch gegen ein Angriffspressing des Gegners weiter praktiziert.Auch hier ist das Binden von Gegenspielern von essentieller Bedeutung. 

Ebenfalls das Integrieren des Torhüters Unai Simon, brachte Spanien eine kontinuierliche Überzahl in der ersten Aufbaulinie. 

Um Busquets nicht als freien Mann zwischen den beiden ST Quaison und Ibrahimovic stehen zu lassen, markierte Ekdal diesen im Angriffspressing und blockierte somit ein sicheres Zuspiel auf den spanischen 6er. 
Die Zuordnungen im Angriffspressing der Schweden waren klar verteilt. Doch Spanien suchte erneut den freien Mann und ist damit oftmals fündig geworden. 
Da sowohl Torres als auch Laporte unablässig von Quaison und Ibrahimovic angelaufen wurden, konnten die Gastgeber durch einbinden von Torwart Simon eine 3 gegen 2 Überzahl herstellten und das Stresspensum minimieren. 

In der Grafik zu erkennen wurde die Rolle des freien Mannes dem eingewechselten Mikel Merino zugetragen, der dank Provokationspässe von Simon auf Busquets und zurück, eine weitere Raummaximierung erhielt. Denn Ekdal stoß nach Provokationspässe auf Busquets immer weiter vor, um auf das abgemachte Pressingsignal zu reagieren. Olmo, Morata und Rodrigo konnten die schwedische 4er-Kette komplett binden und Merino hatte oftmals nach Ballmitnahme die Möglichkeit, einige Meter anzudribbeln bevor er aktiv attackiert wurde. 

Gegen Ende der Partie, setzte Schweden darauf, die ballnahen Räume so sehr zu verdichten, dass selbst die ballfernen FS sehr weit Richtung Ball verschoben, um die mannorientierten 6er im Falle eines Bindungsablaufs der spanischen Zentrumspieler abzusichern und die Passoptionen auf die freien Männer zu blocken. 

Aufgrund der systematischen Anpassung gegen den Ball der Gäste, formierte Spanien eine Art U-Form um den Defensivblock des Gegners. Vorteile der Anpassung waren in diesem Fall die vermehrten Passoptionen für zügige Verlagerungen um den Block. Das weite durchschieben Schwedens, sorgte für große, bespielbare Räume auf den ballfernen Spielfeldseiten. Ebenso hielten Quaison und Ibrahimovic weiterhin zentral dicht, um Busquets als Anspielstation auszumustern. Spaniens situative Halbverteidiger Torres und Azpilicueta, waren nun in der Lage befreit anzudribbeln und die Übergangszone zu penetrieren. 

Um die ballfernen Räume noch weiter zu maximieren, versuchten die Gastgeber zu erst ins Zentrum der Übergangszone zu gelangen, bevor die Spielverlagerungen eingesetzt wurden. 
Durch Solers Hochziehen in die rechte Außenspur, wurde der ballnahe gegnerische 6er Ekdal gebunden und der Raum für ST Morata wurde geöffnet. Dieser besetzte die kreierten Räume äußerst dynamisch und suchte ballferne Anspielstationen für temporeiche Spielverlagerungen. 

Nach Moratas Ballannahme, zogen sich Schwedens Pressinglinien noch weiter zusammen, was für eine weitere Raummaximierung für den ballfernen FS Olmo sorgte. 

Fazit

Luis Enrique dreht exakt an den Stellschrauben, an denen ein Nationaltrainer drehen muss.Er entwickelte eine Spielidee, die darauf basiert die heimischen Tugenden weiter zu demonstrieren, aber dennoch leichte Veränderungen vornehmen zu können, ohne die Spieler zu verwirren.Angesichts der Tatsache, dass Nationalmannschaften nur an wenigen Tagen im Jahr miteinander trainieren und immer wieder neue Spieler nominiert werden, ist es schwierig eine umfangreiche Spielidee zu implementieren, die durch unzählige Spielprinzipien angepasst werden kann. 

Doch das scheinbar wichtigste an der Arbeit eines Nationaltrainers ist das Vertrauen in die Fähigkeiten der eigenen Spieler. Die spanischen Spieler bewegen sich frei im Detail und begnügen sich mit vielen hervorragenden Einzelaktionen. 

Es ist keine Frage, dass die spanische Nationalmannschaft zu den Favoriten der Weltmeisterschaft 2022 zählen und ihr Chef-Trainer zu den besten Profi-Trainern der Welt gehört. 

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