Marvin Schwäbe und die Kölner Torwartviererkette

Am Freitagabend gastierte der 1. FC Köln bei RB Leipzig. Die Leipziger stabilisierten sich in den letzten Wochen unter Domenico Tedesco wieder und nehmen Kurs auf die Champions-League-Teilnahme im nächsten Jahr. Anders als Leipzig ist die Saison der Kölner bisher ein voller Erfolg. Die Mannschaft von Steffen Baumgart zeigt immer wieder starke Leistungen und hält sich nicht unverdient in oberen Tabellenregionen. 

Unter dem ehemaligen Paderborner Trainer entwickeln sich die Kölner prächtig. Zu Beginn noch durch ihr aggressives Pressing erfolgreich, verbesserte sich auch das Spiel in Ballbesitz kontinuierlich. Zwar reichte es gegen RB nicht zu einem Punktgewinn, Offensiv waren die Kölner an diesem Abend zu schwach und wurden eiskalt ausgekontert. Nichtsdestotrotz bot die Partie interessante Punkte aus einem taktischen Gesichtspunkt. Insbesondere die Einbindung von Marvin Schwäbe, der mittlerweile Timo Horn im Kölner Tor verdrängte. 

Gegen das hohe Pressing der Leipziger wurde Schwäbe regelmäßig als zusätzlicher Spieler genutzt und zeigte vereinzelt tolle Pässe ins Mittelfeld. Zwar konnten die Kölner nicht immer Kapital aus ihrer ordentlichen Aufbaustruktur schlagen, trotzdem gibt es für uns Punkte zu lernen.

Im Aufbau agierten das Team von Steffen Baumgart mit einer Dreierkette in der ersten Linie. Während Schmitz und Hector hochschoben, ließ sich Salih Özcan zwischen die beiden Innenverteidiger fallen. Skhiri besetzte in der Folge den Sechserraum alleine, wurde dabei aber vom ausweichenden Duda und einrückenden Florian Kainz unterstützt. Gegen Kölns 3-1-4-2, presste die Mannschaft von Domenico Tedesco im 3-4-3. Dani Olmo hatte dabei die Aufgabe Özcan mannorientiert zu verfolgen, während Silva und Nkunku die Innenverteidiger pressten. 

Die Idee Baumgarts Kainz weit einrücken zu lassen, um Überzahl im Zentrum zu schaffen, war dabei schon lobenswert. Sie verhalf den Kölner potenziell im Kombinationsspiel aber auch in der Rückeroberung zweiter Bälle nach einem langen Ball auf Zielspieler Andersson. Um diese Überzahl im Zentrum nutzen zu können, musste der Übergang ins Mitteldrittel zuerst gelingen. Da Leipzig mit drei Akteuren den Aufbau zustellte, war es alles andere als leicht die erste Pressinglinie zu überspielen. Hier kommt nun Marvin Schwäbe ins Spiel. 

Marvin Schwäbe

Mit Hilfe des Torhüters bildeten die Kölner eine sporadische Viererkette, wobei Schwäbe nach halbrechts auswich. Lief nun Olmo Özcan an, konnte dieser den Ball auf seinen Torhüter weiterspielen. Durch die versetzte Positionierung wurde das Zentrum geschickt geöffnet, da Olmo den Passweg auf Özcan verschloss. Schwäbe gelang es nun entweder Skhiri direkt oder einen der beiden Achter, Kainz oder Duda, anzuspielen. 

Die Vorgehensweise beinhaltet interessante Punkte. Zwar gelang es den Kölner nur selten den Vorteil wirklich zu nutzen, nichtsdestotrotz lohnt es sich einen genaueren Blick darauf zu werfen. 

Marvin Schwäbe

Eine Variante hätte wie folgt aussehen können. Wenn Olmo Schwäbe presst, entsteht Raum hinter dem Spanier, den die Kölner mit Hilfe des Spiels über den Dritten hätten nutzen können. Ähnlich wie Holstein Kiel unter Tim Walter, hätte man Özcan freispielen können. Der Sechser hätte den Ball mit Blick zum gegnerischen Tor erhalten und durch ein Andribbeln das Pressing der Leipziger überwinden können. 

Im echten Spiel scheiterte dieser Versuch, da Skhiri und Schwäbe meist weiter nach außen gedrängt wurden und Özcan seine Position nicht anpasste. Durch das aggressive Herausrücken von Haidara oder Laimer konnten die Leipziger diese Kombination bereits im Keim ersticken. Letztlich ist Fußball ein dynamisches Spiel und mit Hilfe von Zeitdruck lassen sich viele Offensivaktionen frühzeitig unterbinden. 

Neben dem Anspiel auf Skhiri, konnte man zweimal beobachten, wie Schwäbe stattdessen Kainz oder Duda anspielte. Durch ein direktes Anspiel auf den Achter, mussten die Leipziger Sechser tiefer bleiben. Exemplarisch für diese Variante hätte Laimer Duda gepresst, während Haidara seine Position hätte halten müssen. Schiebt Haidara zu früh raus, besteht immer noch die Möglichkeit Thielmann zwischen den Ketten zu finden. Hält Haidara seine Position, wäre ein schneller Wechsel über Skhiri und Kainz auf die ballferne Seite möglich gewesen. 

Marvin Schwäbe

In der zweiten Hälfte reagierten die Leipziger auf diese möglichen Kombinationen mit einem weiten Herausrücken von Gvardiol. Der Kroate bewies dabei sein starkes Timing und seine gute Zweikampfführung. Tedescos Team schaffte so Gleichzahl im Zentrum, und konnte solche Kombinationen besser verteidigen, spielte allerdings mit dem Risiko in letzter Linie eine Gleichzahl zu haben. 

Darüber hinaus sorgte auch eine zentralere Positionierung von Silva und Nkunku dafür, dass Köln eher auf die Innenverteidiger gelenkt wurde und nahe der Seitenlinie isoliert zum langen Ball greifen musste. 

Die Einbindung des Torhüters ist nichts Neues. Wir haben an dieser Stelle bereits ausführlicher über die Torwartkette gesprochen. Auch die Nutzung des Torhüters als de facto Innenverteidiger im Aufbau ist keine Erfindung von Steffen Baumgart. Ederson bei Manchester City und Oliver Baumann unter Julian Nagelsmann in Hoffenheim waren bereits in ähnlicher Form in die Spieleröffnung ihrer Mannschaft involviert. 

Ich möchte trotzdem nochmal betonen, dass eine klassische Torwartkette, ohne das Abkippen von Özcan, gegen das Leipziger Pressing weniger erfolgsversprechend gewesen wäre. 

Die Ausgangssituation wäre statischer gewesen. Olmo hätte sich auf Skhiri und Özcan konzentrieren können und den Kölnern wäre der Zugang zum Zentrum verwehrt geblieben. Erst durch die tiefere Position von Özcan lockten die Kölner die Leipziger an und öffneten das Zentrum. Wie bereits erwähnt, waren sie zwar leider nicht in der Lage diesen Vorteil konstant zu nutzen, nichtsdestotrotz ist es eine Möglichkeit, die man gegen ein hohes mannorientiertes Pressing im Kopf behalten sollte. 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.