Athletic Bilbao – wie presst man im 4-4-2

Athletic Bilbao ist in vielerlei Hinsicht ein besonderer Verein. Allen voran aufgrund ihrer Politik, dass nur baskische oder im Baskenland ausgebildete Spieler für den Verein auflaufen dürfen. Doch auch fußballerisch spielt Bilbao zumeist einen modernen Stil, mit dem sich die Fans identifizieren können. Vielen ist sicherlich noch das junge Überraschungsteam rund um Javi Martinez, Ander Herrera und Iker Muniain im Gedächtnis, dass sensationell Manchester United, damals noch von Sir Alex Ferguson trainiert, aus der Europa League schmiss. 

Vom damaligen Team ist nur noch Iker Muniain übriggeblieben. Auch waren die letzten Jahre nicht mehr vom ganz großen Erfolg gekrönt. Nichtsdestotrotz sind die Basken unter Trainer Marcelino ein Aushängeschild für solide Defensivarbeit. Der ehemalige Coach des FC Villareal und FC Valencias, übernahm im Winter 2021 und implementierte sein Defensivkonzept von Beginn an. Im engen 4-4-2 verteidigen die Basken meist sehr diszipliniert und sind für jeden Gegner schwierig zu knacken. 

Die gute Defensivarbeit lässt sich auch anhand von Daten festmachen. In dieser Saison liegen sie unter den Teams der fünf großen europäischen Ligen auf Rang sieben im Ranking der expected Goals allowed. Ein Index, der die Qualität der gegnerischen Chancen betitelt. 

In diesem Artikel möchte ich aus diesem Grund einen Blick auf die Defensivarbeit der Basken werfen. Athletic Bilbao stellt darüber hinaus ein perfektes Beispiel für die Nutzung des 4-4-2s gegen den Ball dar. 

Die Rolle der Stürmer im 4-4-2

Möchten wir aus einer 4-4-2 Grundordnung hoch anlaufen, spielen die Stürmer natürlich eine zentrale Rolle. Der ballnahe Akteur ist dafür zuständig den Ballführenden zu attackieren, während der ballferne Stürmer zwei Möglichkeiten hat. Entweder er kippt diagonal ab, um Pässe eines Innenverteidigers auf einen Sechser zuzustellen. Oder er behält ebenfalls eine hohe Position, um sofort den zweiten Innenverteidiger anzulaufen. 

Der Nachteil an der tieferen Grundposition des zweiten Stürmers ist der lange Weg, um eine Verlagerung unter Druck zu setzen. Hier presst Williams den Ballführenden und zwingt ihn zur Verlagerung. Raul García hatte sich zunächst am Sechser orientiert, um die diagonale Passoption zu schließen, muss nun jedoch mit hohem Tempo die Verlagerung attackieren. Je besser das Spacing der drei aufbauenden Spieler, desto schwieriger wird es für García beide Optionen zu unterbinden. 

Spekuliert der Stürmer auf die Verlagerung, kann es zum Problem kommen, dass der Innenverteidiger die beiden Stürmer mit Hilfe eines diagonalen Passes überspielen kann. Das Beispiel oben ist hierbei eine besondere Ausnahme, Raul García verfolgte den abkippenden Toni Kroos, wodurch der Sechserraum geöffnet wurde und Casemiro den Ball frei zwischen den Linien erhalten konnte. 

Grundsätzlich illustriert das Beispiel eine der möglichen Schwachstellen des 4-4-2 Pressing – die vertikale Kompaktheit. Natürlich hängt das stets sehr stark von der Ausführung ab, allerdings sorgt die geringe Anzahl an Linien dafür, dass sich bei einem hohen Pressing wohl oder übel freie Räume ergeben. Insbesondere wenn die letzte Kette nur bis zur Mittellinie vorschiebt. 

Diese Problematik kann durch verschiedene Mechanismen gelöst werden. Eine Möglichkeit sind kurze Mannorientierungen eines Sechsers oder eine tiefere Grundausrichtung, bei der sich die Stürmer näher an der Mittelfeldkette positionieren. 

Insbesondere Mannorientierungen eignen sich, um vertikal größere Räume zu sichern. Durch den direkten Zugriff auf den Gegenspieler und den hohen Druck auf den Ball, fällt es dem Gegner wesentlich schwerer die offenen Räume, die sich ergeben, zu nutzen. 

4-4-2 Pressing

Marcelino wählt eine Zwischenlösung. Sporadisch schiebt einer der Sechser von Athletic Bilbao weiter nach vorne, ohne aber zwangsläufig einen Spieler mannorientiert zu verfolgen. Gegen Mallorca stellte Bilbao dann eine Raute gegen den Ball her, wobei die beiden Stürmer sich eher breiter positionierten, um die gegnerischen Innenverteidiger anzulaufen. 

Der hochgeschobene Sechser hatte die Aufgabe Mallorcas Sechser zu pressen, sobald sie den Ball erhielten. Dabei wurde stets der ballnahe Sechser gedeckt. Die eingerückten Flügelspieler von Bilbao hatten die Aufgabe die Halbräume zu sichern und den Gegner dadurch nach außen zu drängen. Für uns Trainer ist es wichtig ein Detail im Auge zu behalten. Die Flügelspieler dürfen nicht zu weit in den Halbraum einrücken und müssen bei einem Anspiel auf den Innenverteidiger ihre Position so anpassen, dass der IV des Gegners seinen AV mit einem diagonalen Pass anspielen kann, der es dem AV ermöglicht den Ball hinter unserer Mittelfeldkette anzunehmen. Stattdessen möchte Bilbao den Gegner zu einem horizontalen Pass zwingen, um den Gegner an der Seitenlinie zu isolieren. 

Der Ankersechser in der Mittelfeldkette – 4-4-2 Pressing

Nun gewinnt auch Bilbao nicht jeden Ball nahe des gegnerischen Sechzehners. Die Basken fallen regelmäßig in ein Mittelfeldpressing und warten auf den richtigen Moment, um Druck auszuüben. Wer das 4-4-2 richtig coachen möchte, muss verstehen, dass diagonale Staffelungen von großer Bedeutung sind. Meiner Meinung nach machen die meisten Teams, die in einem 4-4-2 pressen, genau hier ihre Fehler. 

4-4-2 Pressing

Das Beispiel aus Bilbaos Partie gegen Real Madrid zeigt die Probleme einer zu flachen Staffelung. Die vier Mittelfeldakteure der Basken positionierten sich auf einer Linie, während García es nicht schaffe den vorstoßenden Alaba unter Druck zu setzen. In der Folge sorgt die flache Staffelung der Mittelfeldkette dafür, dass die Basken die Schnittstellen nicht sichern können. Alaba gelingt es Benzema im gelb markierten Raum anzuspielen. Zwar konnten die Madrilenen aufgrund ihrer schlampigen Staffelung kein Kapital aus diesem linienbrechenden Pass schlagen. Als Defensive sollte man sich aber nicht auf solche Fehler des Gegners verlassen. 

Damit auch einer Viererkette diagonale Sicherungen herstellen kann, ist es wichtig, dass sich die einzelnen Akteure nicht auf der genau gleichen horizontalen Linie befinden. Atlético Madrid agiert deshalb schon seit Jahrem mit einem Ankersechser. Im Grunde hat der ballferne Sechser stets die Aufgabe tiefer zu stehen als sein Pendant und den Raum vor der Abwehr zu sichern. Schiebt gleichzeitig der ballnahe Flügelspieler weiter heraus, entsteht eine diagonale Linie, die es dem Gegner wesentlich schwerer macht den Zwischenlinienraum zu bespielen. 

In dieser Situation gelang es Marcelinos Mannschaft wesentlich besser den Zwischenlinienraum zu sichern. Ferland Mendy wurde von Zarraga unter Druck gesetzt, während García dahinter absicherte. Gleichzeitig kippte der ballferne Sechser Vencedor etwas ab und schiebt Richtung Ball. 

Aber der Reihe nach. Zarraga setzt den Ballführenden unter Druck und verschließt folglich den Passweg ins Zentrum (gelb markierter Raum). Der ballnahe Sechser García sichert dahinter ab. Seine Aufgabe ist es den Ballführenden unter Druck zu setzen, sollte er an Zarraga vorbeikommen. Außerdem setzt er den Sechser Madrids unter Druck, wenn dieser den Ball erhält. Des Weiteren ist García ebenfalls prädestiniert Pässe in die gelbe Zone abzufangen oder den möglichen Passempfänger unter Druck zu setzen. 

Die Aufgabe von Iñaki Williams besteht darin zu unterstützen, Passwege nach vorne zu versperren und einen Querpass der Königlichen sofort zu pressen, sodass der Druck hochbleibt. Zusammen bilden die drei ein Defensivdreieck, dass für die Arbeit gegen den Ball unabdingbar ist. Defensivdreiecke haben wir bereits in diesem Artikel diskutiert und sie sind Teil unseres Onlinekurses. 

Vencedor als Ankersechser ermöglicht dem Dreieck erst das aggressive Pressing. Er sichert den Raum dahinter, kann spontan einen fallenden Offensivspieler aufnehmen oder die Viererkette unterstützen. Außerdem sorgt seine tiefere Stellung dafür, dass Real auch nach einer Verlagerung nicht sofort vor die Abwehrkette der Basken gelangt. 

4-4-2 Pressing

Die diagonale Staffelung hilft den Basken ebenfalls das Zentrum zu kontrollieren. Hier schob García höher, um Reals Sechser zu pressen. Dabei positionierten sich Vencedor und Zarraga tiefer, um wiederrum ein Dreieck zur Absicherung zu bilden. Real verlagerte in der Folge und attackierte über den Flügel. Durch die weiterhin hohe Positionierung von García war ein Anspiel ins Zentrum nicht möglich. Später, als die Gefahr eines diagonalen Passes in den Sechserraum gebannt war, kippte García wieder in die Kette, um Zarraga zu unterstützen. 

Horizontale Kompaktheit und die richtige Balance

Zwar sind die Abläufe des Teams von Marcelino sehr sauber, jedoch entstehen gelegentlich größere Räume auf der ballfernen Seite. Das hat damit zu tun, dass der Trainer großen Wert auf eine hohe horizontale Kompaktheit legt. Bilbao schließt ballnahe Zonen extrem, wodurch zwar der Druck auf den Ball hoch, die Absicherung ballferner Zonen jedoch oft schwach ausfällt. 

Generell lässt sich sagen, dass in egal welcher Formation verteidigt wird, das Thema Balance und Kompaktheit sehr wichtig ist. Zum einen ist es das Ziel Räume um den Ball eng zu halten, andererseits soll möglichst viel Raum kontrolliert werden. Sind meine Ketten beispielsweise sehr eng positioniert, entsteht entweder mehr Raum vor oder hinter dem Defensivblock. Schließlich wird wesentlich weniger Raum vertikal kontrolliert. Das Gleiche gilt auch für die Horizontale. Aufgrund des sehr weiten Verschiebens des Basken, setzen viele Teams auf lange Diagonalbälle und Verlagerungen, um die offenen Räume auf der ballfernen Seite zu nutzen. 

Durch die gute Physis ist Athletic Bilbao in der Lage viele Räume zuzulaufen, allerdings kostet dies Kraft. Nicht nur Real und der FC Barcelona waren in der Lage diese Räume häufiger zu nutzen. 

Fazit – Athletic Bilbao und das 4-4-2 Pressing

Unter Marcelino zählt Athletic Bilbao zu den besten Defensivmannschaften Europas. Die Basken überzeugen mit einer guten Struktur, variablem Pressing und hoher Intensität. Gerade aus ihrer 4-4-2 Formation heraus setzen sie die wichtigsten Defensivprinzipien sauber um. Dadurch ist das Zentrum meist kompakt und der Gegner wird nach außen gelenkt. Alternativ drängen die Basken den Gegner bereits früh zum langen Schlag oder gewinnen den Ball hoch, um sofort umzuschalten. 

Als Trainer können wir sehr viel von Athletic Bilbao lernen, gelten sie doch als perfektes Beispiel für eine saubere Umsetzung des 4-4-2s gegen den Ball. Insbesondere die diagonalen Absicherungen im Zentrum und am Flügel, sowie das gute Timing beim Herausrücken sind Garanten für den Erfolg der Basken.

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